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Apotheken und Apotheker in der DDR


Christoph Friedrich / Der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 leitete das Ende der DDR ein und war für viele Menschen mit großen Hoffnungen verbunden. Im Unterschied zu anderen Berufsgruppen hatten Apotheken und Apotheker der ehemaligen DDR im vereinigten Deutschland gute Zukunftsaussichten. Zudem gehörte das Apothekenwesen zu den wenigen Bereichen, die dank des Einsatzes seiner Mitarbeiter bis zum Ende der DDR besser funktionierten als viele andere Wirtschaftszweige.

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Sofort nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bemühten sich die sowjetischen Militärbehörden und die 1946 aus der Vereinigung von KPD und SPD hervorgegangene Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED), die bis 1989 die staatstragende Partei in diesem Teil Deutschlands war, die Betriebe in Volkseigentum zu überführen. Dies betraf auch die Apotheken; in einigen Ländern wie Sachsen begann man noch 1945 mit der Verstaatlichung von Apotheken. Die »Verordnung über die Neuregelung der Besitz- und Betriebsrechte aller Apotheken« verfügte, dass mit Wirkung vom 1. Januar 1946 alle Privilegien, Real- und Personalkonzessionen der Apotheken Sachsens erloschen und die Betriebsrechte entschädigungslos auf die Landesverwaltung übergingen.

 

Die von der Deutschen Wirtschaftskommission am 22. Juni 1949 erlassene »Verordnung über die Neuregelung des Apothekenwesens in der sowjetischen Besatzungszone« nennt neben Apotheken in Privatbesitz noch Landes-, Poliklinik-, Betriebspoliklinik- und Krankenanstaltsapotheken, die von den jeweiligen Trägern betrieben wurden. Neue Offizinen sollten – mit Ausnahme von Poliklinik-, Betriebspoliklinik- und Krankenanstaltsapotheken – nur als Landesapotheken errichtet werden. Mit dieser Verordnung erloschen alle vererblichen und veräußerlichen sowie persönlichen Apothekenbetriebsrechte einschließlich der Witwen- und Waisenrechte (1). Gleichwohl blieben Apotheken in Privatbesitz aber weiter zugelassen (2). Landesapotheken wurden von den jeweiligen Ländern – Mecklenburg, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen und Ost-Berlin – betrieben und an Apotheker verpachtet.

 

Bereits 1947 hatte die sowjetische Militäradministration neben dem Auf- und Ausbau eines Betriebsgesundheitswesens die Errichtung von Polikliniken verfügt, in denen angestellte Ärzte (Allgemeinpraktiker, Zahnärzte und Fachärzte) in einem gemeinsamen Gebäude ambulant tätig waren. Viele Polikliniken und Betriebspolikliniken erhielten eigene Apotheken (Abbildung 1), die vom Träger der Einrichtung betrieben wurden und die ein angestellter Apotheker leitete. 1950 befanden sich von den insgesamt 1696 Apotheken in der DDR bereits 428 in staatlichem Besitz (3).




Abbildung 1: Offizin einer Poliklinikapotheke in Berlin

Foto: Pharmazie-Archiv Braunschweig




Zunehmende Verstaatlichung

 

Nach Gründung der DDR 1949 lag die Leitung des Apothekenwesens in den Händen des Ministeriums für Arbeit und Gesundheitswesen, aus dem 1950 das Ministerium für Gesundheitswesen hervorging. 1952 erfolgte eine Verwaltungsreform, in der die Länder aufgelöst und stattdessen 15 Bezirke (einschließlich Ostberlin) gebildet wurden. An die Stelle der Landesgesundheitsministerien traten nun »Abteilungen Gesundheitswesen« im Rat des Bezirkes, die der Bezirksarzt leitete. Ihm stand ein Bezirksapotheker zur Seite. In den 229 Kreisen und Stadtkreisen lösten Kreisärzte die Amtsärzte ab, für das Apothekenwesen zeichnete ein Kreisapotheker verantwortlich.

 

Zugleich war man bemüht, weitere Apotheken zu verstaatlichen. Gemäß der Verordnung über die Neuregelung des Apothekenwesens von 1949 mussten die Privatapotheken von ihren Inhabern selbst geleitet und durften weder verpachtet noch Dritten zur Verwaltung überlassen werden. Das bedeutete, dass die Apotheke spätestens nach dem Tod des Besitzers verstaatlicht wurde, sofern die Kinder nicht approbierte Apotheker waren. Die Verstaatlichung zu Lebzeiten der Besitzer erfolgte offiziell freiwillig, jedoch suchte man diese mit »sanftem Druck« dazu zu bewegen. Die 1951 erlassene »Verordnung über die Altersversorgung der Intelligenz an wissenschaftlichen, künstlerischen, pädagogischen und medizinischen Einrichtungen« sicherte angestellten Apothekern im staatlichen Apothekenwesen eine überdurchschnittlich gute Altersversorgung zu, während eine Rentenversicherung für Apothekenbesitzer vor 1971 gar nicht möglich war (2). Staatliche Apothekenleiter, die in das Gehaltsabkommen für Ärzte und Zahnärzte von 1959 aufgenommen wurden (4), erhielten ein relativ gutes Einkommen, das sich nur wenig von dem aufgrund eines sehr hohen Steuersatzes stark beschnittenen Gewinn eines Privatapothekers unterschied. 1955 erhielten ehemalige Apothekenbesitzer sogar eine Entschädigung für erloschene vererbliche und veräußerliche Apothekenbetriebsrechte (2).

 

Um das Weiterbetreiben von Apotheken im Privatbesitz zu verhindern, wurde den Kindern der Besitzer häufig der Besuch der Erweiterten Oberschule oder die Möglichkeit, Pharmazie zu studieren, verwehrt. Manche privaten Apotheken wurden zudem bei der Belieferung mit Arzneimitteln und bei der Ausbildung des Berufsnachwuchses benachteiligt, ohne dass dies jedoch größere Auswirkungen auf die Patientenversorgung gehabt hätte.

 

So verwundert es nicht, dass 1960 nur noch 12 Prozent der Apotheken privat betrieben wurden. Insgesamt überlebten 26 das Ende der DDR. Mit Standhaftigkeit und häufig mit besonderen pharmazeutischen Leistungen hatten sie als »Inseln im Staatssystem« ihren festen Platz in der Arzneimittelversorgung behauptet (2).

 

Organisation des Apothekenwesens

 

Die 1958 erlassene »Verordnung über die Organisation des Apothekenwesens« und die als Durchführungsbestimmung fol­gende »Apothekenbetriebsordnung« bestimmten die weitere Entwicklung des Apothekenwesens. Auf der Grundlage der Revisionsordnung von 1962 wurden die Apotheken nach einheitlichen Gesichtspunkten kontrolliert (5).

 

Die Apothekendichte stieg indessen nur langsam; zwischen 1958 und 1963 entstanden 62 neue Apotheken, und 100 konnten rekonstruiert werden. Jedoch gab es beträchtliche territoriale Unterschiede: Während in den nördlichen Bezirken Rostock, Schwerin und Neubrandenburg mehr als 13 000 Einwohner auf eine Apotheke kamen, waren es in Berlin 7700. Um die Versorgung im ländlichen Bereich und in Neubaugebieten zu verbessern, entstanden bis 1963 160 Zweigapotheken und 351 Arzneimittelausgabestellen, die jeweils einer Vollapotheke angegliedert waren (4). Sie verfügten über weniger Räume und stellten eigentlich ein Provisorium dar, wenn die Mittel zum Bau einer Vollapotheke fehlten. Rechnerisch kamen 1960 7673 Einwohner, 1970 5913 und 1980 4717 Einwohner auf eine Offizin (6). Daher waren die Apotheken der DDR größer und verfügten auch über mehr Personal als in der Bundesrepublik Deutschland (Abbildung 2). Dennoch war »Schlangestehen« in DDR-Apotheken durchaus üblich.




Abbildung 2: Offizin der Rostocker St. Georgs-Apotheke 1971

Foto: Dr. H. Feldmeier




Neue Strukturen entstehen

 

Auf dem IV. Deutschen Apothekertag in Leipzig 1966 standen Rationalisierungs- und Zentralisierungsfragen im Apothekenwesen im Mittelpunkt. Es wurde empfohlen, in jedem Kreis eine zentrale Buchhaltung einzurichten, die die Abrechnung für alle Apotheken übernehmen sollte. In den folgenden Jahren wurde auch die Herstellung von Augenarzneien und weiteren galenischen Zubereitungen im Defektur- und Großmaßstab zentralisiert (7), was sich angesichts der begrenzten räumlichen und personellen Ressourcen als sinnvoll erwies.

 

1970 entstand in Mühlhausen der erste, einen Kreis umfassende »Versorgungsbetrieb für Pharmazie und Medizintechnik«. Der noch im gleichen Jahr in Lübben/Luckau im Bezirk Cottbus gegründete Versorgungsbetrieb stellte erstmals im Apothekenwesen einen Zusammenschluss von zwei und nach Anschluss des Kreises Calau 1975 sogar von drei Kreisen dar (3). 1971 erfolgte die Gründung von Versorgungsbetrieben für Pharmazie und Medizintechnik in Magdeburg, Frankfurt/Oder und Hagenow (Bezirk Schwerin). Solche Zusammenschlüsse, die in das Register volkseigener Betriebe eingetragen wurden (8), sollten eine einheitliche Planung des Arzneimittelbedarfs in den Kreisen und Bezirken erleichtern. Daneben verfolgte man aber auch das Ziel, die Apotheken, die von fachlich versierten, aber überwiegend parteilosen Apothekern geleitet wurden, in das Regime eines sozialistischen Großbetriebs zu zwängen, in dem sich die »führende Rolle« der SED leichter durchsetzen ließ.

 

Die 1974 geschaffene »Bezirksdirektion der Versorgungsbetriebe des Gesundheitswesens Erfurt« sollte die einheitliche Entwicklung des Apothekenwesens eines Bezirks ermöglichen. An der Spitze stand der Bezirksapotheker als staatlicher Leiter, dem ein Bezirksuntersuchungslaboratorium unterstellt war. Zwei Jahre später entstand auch in Magdeburg eine Bezirksdirektion.

 

Diese zunächst als Experiment gedachten Zentralisierungsmaßnahmen wurden als gelungen eingeschätzt (9) und fanden 1984 in der »Verordnung über die Aufgaben der Apotheken und die Organisation des Apothekenwesens« ihre gesetzliche Fixierung. Dabei waren sowohl die Struktur der Bezirksapothekeninspektion (als neuer Name für die Bezirksdirektion) als auch die der Pharmazeutischen Zentren verbindlich vorgeschrieben (Abbildung 3).




Abbildung 3: Strukturschema eines Pharmazeutischen Zentrums; veröffentlicht in (28).
*) Die Leitung der Abteilung wird in Pharmazeutischen Zentren mit einem Versorgungsbereich unter 60 000 Einwohner vom Direktor des Pharmazeutischen Zentrums wahrgenommen. FG: Fachgebiet



Das Pharmazeutische Zentrum wurde von einem Direktor geleitet, der häufig zugleich als Kreisapotheker wirkte. Die einzelnen öffentlichen Apotheken mit angegliederten Arzneimittelausgabestellen fungierten als sogenannte Versorgungskomplexe. Die zentralen Bereiche (Abteilungen Pharmazie, Medizintechnik, Arzneimittelherstellung, Qualitätssicherung und Ökonomie) sowie die Fachgebiete Spezielle materielle Reserven, Kader (= Personal) und Haushaltswirtschaft waren dem Direktor des Pharmazeutischen Zentrums direkt unterstellt. Sie wurden meist von Apothekern geleitet, sodass die Bildung der Pharmazeutischen Zentren und Bezirksapothekeninspektionen, die eine ähnliche Struktur aufwiesen, einen größeren Bedarf an Apothekern erforderte, obwohl in den Apotheken selbst zahlreiche pharmazeutische Tätigkeiten von Pharmazieingenieuren übernommen wurden. Die zum Teil aufgeblähten Leitungsstrukturen ließen die Bürokratie steigen; insbesondere die Planung, die die Abteilung Pharmazie koordinierte, erforderte einen immer größeren Aufwand. Die Ermittlung des zukünftigen Arzneimittelbedarfs erfolgte in den Pharmazeutischen Zentren und Bezirksapothekeninspektionen in Zusammenarbeit mit dem Großhandel.

 

Die Spezialisierung (Fachapotheker leiteten die Abteilungen und Fachgebiete) ermöglichte eine inhaltliche Profilierung. So gab es hervorragende Herstellungsabteilungen, die nicht nur Defekturarzneimittel produzierten, sondern auch nicht lieferbare Fertigarzneimittel. Ihnen zur Seite standen qualifizierte Kontrollleiter. Schließlich widmeten sich Apotheker in den Pharmazeutischen Zentren, aber auch auf Bezirksebene, der Arzneimittelinformation (10).

 

Alltag in den 1980er-Jahren

 

Im Unterschied zur Bundesrepublik erfolgte die Warenanlieferung in der DDR durch den Großhandel nur zwei- bis viermal im Monat. Fertigarzneimittel wurden in 14-tägigem Rhythmus und einer wöchentlichen Zwischenlieferung, die aber möglichst wenige Positionen enthalten sollte, an die Apotheken geliefert. Das bedeutete, dass ein nicht lieferbares Arzneimittel mindestens zwei Wochen lang nicht verfügbar war. Um dennoch ihre Patienten versorgen zu können, griffen die Apotheker auch zu unkonventionellen Methoden wie dem Arzneimitteltausch mit anderen Apotheken. Mit fortschreitender Zentralisierung erwies sich dieses Vorgehen aber nur mit anderen Kreisen oder Bezirken als sinnvoll, da in den benachbarten Apotheken meist analoge Schwierigkeiten bestanden.

 

Umfangreiche Methoden der Bedarfsermittlung sollten eine optimale Versorgung ermöglichen. 1978 wurden Organisationsrichtlinien zur Bestellung mit Bestellkarten für das Projekt »Warenbewegung, Vorrats- und Reservehaltung (WAVOR)« unter Einbeziehung der elektronischen Datenverarbeitung eingeführt (3). Die Bedarfsermittlung für jedes einzelne Arzneimittel erfolgte in mehreren Einzelschritten (Abbildung 4). Zunächst bestimmte man ausgehend vom Verbrauch der letzten Jahre die tendenzielle Bedarfszu- oder -abnahme und berechnete den Normbestand. Beim Normbestand unterschied man zwischen Grund- und Umschlagsbestand. Der Grundbestand war der Teil des Bestands, der auch kurz vor der Warenlieferung noch vorhanden sein und somit Versorgungssicherheit bieten sollte. Der Umschlagsbestand bildete das Mittel der Schwankung zwischen Höchst- und Mindestbestand zwischen zwei Warenlieferungen. Umschlagszahlen für die einzelnen Warengruppen sagten aus, wie oft der Warenbestand pro Jahr umgeschlagen wurde; sie betrugen für Fertigarzneimittel – in der DDR als Arzneifertigwaren bezeichnet – 6, für Verbandstoffe 4 und für Drogen und Chemikalien 2 (11).




Abbildung 4: Schema zur Bestandsentwicklung eines Arzneimittels am Beispiel der Bestellmethode 75/75; mod. nach (27) BB: Bestellbestand, FB: Funktionsbestand, HB: Höchstbestand, MB: Mindestbestand, NB: Normbestand



Dieses System konnte nur unter idealen Bedingungen funktionieren, die aber im real existierenden Sozialismus nicht gegeben waren. Kurzfristige Exportaufträge der pharmazeutischen Industrie, die aufgrund permanenter Devisenknappheit Vorrang hatten, aber auch Schwierigkeiten der Zulieferbetriebe für Verpackungsmaterial und Ähnliches führten zu Defekten, sodass zeitweise bis zu 10 Prozent der Präparate längere Zeit fehlten. Die von verantwortungsbewussten Apothekern empfohlenen Substitutionen führten zu Verschiebungen des Verbrauchs dieser Präparate, was wiederum deren Bedarfsermittlung beeinflusste. Die Zentralisierung der Bedarfsermittlung verhinderte zudem ein schnelles Reagieren auf Veränderungen wie etwa wechselnde ärztliche Verordnungen nach Kongressen, sodass das ganze System immer unbeweglicher und ineffektiver wurde.

 

Eine Besonderheit stellte die Versorgung mit Arzneimitteln der sogenannten Nomenklatur B und C dar. Dies waren Fertigarzneimittel (oft Importe), die nicht in ausreichender Menge zur Verfügung standen. Sie durften häufig nur von bestimmten Fachärzten mit medizinischer Begründung verschrieben werden. Die Beschaffung erfolgte über die Bezirksapotheke. Diese Arzneimittel ergänzten das ansonsten streng begrenzte Sortiment, das innerhalb der Nomenklatur A nur etwa 1350 Fertigarzneimittel umfasste, auf 1750 (12).

 

Im Unterschied zur Bundesrepublik war das Verhältnis von Arzt und Apotheker sehr eng und eher gleichberechtigt. Da Apotheker keine kommerziellen Interessen verfolgten, berieten sie Arzt und Patienten ausschließlich nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten. Der Arzt war auf die Unterstützung des Apothekers – insbesondere bei schlecht lieferbaren Arzneimitteln – angewiesen; die anfällige Versorgungslage zwang die beiden Heilberufe zur Zusammenarbeit. Apotheker erarbeiteten in den Bezirken und Kreisen Informationsmaterial, in dem sie auch auf nicht lieferbare Arzneimittel hinwiesen und Vorschläge zur Substitution gaben (13-15). Eine enge Zusammenarbeit entwickelte sich in den Therapiekommissionen der Bezirke und Kreise, in denen der Kreis- beziehungsweise Bezirksapotheker meist als Sekretär wirkte. Hier bemühte man sich auch um die Standardisierung ärztlicher Verordnungen, um arbeitsintensive Individualrezepturen auf das unbedingt notwendige Minimum zu reduzieren. Die Empfehlungen galten als verbindlich, und die Ärzte wurden aufgefordert, sich daran zu halten, um so die Planungen zu erleichtern.

 

Einige Pharmazeutische Zentren übernahmen zusätzlich die Planung unspezifischer Waren. Da Apotheker als zuverlässig galten, zeichneten sie für die Beschaffung von Medizintechnik und sogar Einrichtungsgegenständen für Praxen bis hin zu Fahrzeugen für das Gesundheitswesen verantwortlich.

 

Nicht unerwähnt soll bleiben, dass es auch in den Apotheken wöchentliche politische Schulungen gab. Diese wurden aber – insbesondere wenn der verantwortliche Leiter kein SED-Mitglied war – rein formal absolviert.

 

Aufwertung des Berufs

 

In der DDR erlebte der Apothekerberuf eine akademische Aufwertung. Bereits 1951 wurde das Studium von sechs auf acht Semester verlängert, was in der Bundesrepublik erst 1989 erreicht werden konnte (16-18). Pharmazeutische Technologie und Pharmakologie wurden Staatsexamensfächer. Weitere Lehrgebiete wie Anatomie, Physiologie und Pathologie sowie Physiologische Chemie kamen hinzu, sodass bereits die nach 1951 ausgebildeten Apotheker über umfangreichere medizinische Kenntnisse verfügten.

 

Allerdings wurden von den sechs Ausbildungsstätten (Berlin, Greifswald, Halle, Jena, Leipzig und Rostock) Ende der 1960er-Jahre drei geschlossen. Die Einstellung der pharmazeutischen Ausbildung in Rostock, Jena und Leipzig erfolgte aufgrund veränderter Aufgaben des Apothekenpersonals. Pharmazeuten sollten vornehmlich Leitungsaufgaben wahrnehmen, während für die ureigenen pharmazeutischen Gebiete Arzneimittelabgabe und -herstellung der Apothekenassistent, aus dem 1975 der Pharmazieingenieur hervorging, als mittlerer pharmazeutischer Beruf geschaffen wurde (19). In kleineren Apotheken gab es häufig nur einen Apotheker als Leiter. Zweigapotheken und Arzneimittelausgabestellen konnten sogar gänzlich von Apothekenassistenten oder Pharmazieingenieuren geführt werden, sodass rein formal der Bedarf an Hochschulpharmazeuten sank.

 

Die Schließung pharmazeutischer Ausbildungsstätten sollte sich schon bald als Fehler erweisen, da die Entstehung Pharmazeutischer Zentren seit den 1970er-Jahren den Bedarf an Apothekern erheblich erhöhte. Die verbleibenden Einrichtungen Halle, Greifswald und Berlin konnten diesen kaum decken. Die steigenden Studentenzahlen ermöglichten jedoch die Einrichtung weiterer Lehrstühle; daher kam es in der DDR zu einer wesentlich stärkeren Wissenschaftsdifferenzierung als in der Bundesrepublik Deutschland. An den im Zuge der III. Hochschulreform 1968 entstandenen Sektionen, die die Institute zu größeren Organisationseinheiten zusammenfassten, wurden neue Professuren für Arzneimittelprüfung, Biopharmazie und Sozialpharmazie etabliert.

 

Obwohl die III. Hochschulreform die Freiheit und Selbstbestimmung der ostdeutschen Universitäten endgültig aufhob und die Weichen für zahlreiche Fehlentwicklungen stellte, brachte der darauf basierende Studienplan von 1968/69 für das Pharmaziestudium weitere Fortschritte. Das Studium gliederte sich nun in ein je viersemestriges Grund- und Fachstudium sowie ein zunächst einsemestriges, dann aber zweisemestriges Spezialstudium. Letzteres diente der Anfertigung der Diplomarbeit. Damit war das Pharmaziestudium dem anderer Naturwissenschaftler gleichgestellt, was in der Bundesrepublik bis heute nicht erreicht werden konnte. Die Tatsache, dass jeder zukünftige Apotheker in der DDR ein Diplom hatte, trug zur Aufwertung des Berufs bei (17, 18).

 

1975 wurde wiederum ein neuer, nunmehr zehn Semester umfassender Studienplan eingeführt, der zusätzliche Lehrgebiete wie die Biopharmazie, die zum Staatsexamensfach avancierte, Medizintechnik und Militärpharmazie berücksichtigte. 1984 erfolgte eine weitere Präzisierung, bei der auch die Geschichte der Pharmazie mit zwei Semesterwochenstunden Aufnahme fand. Mit einer Gesamtstundenzahl von 3777, davon 1293 Stunden Laborpraktikum, und durchschnittlich 32 Wochenstunden hatten die Studenten ein umfangreiches Lehrangebot. 1986 wurde außerdem das 1968 eingestellte Vorpraktikum wieder eingeführt. Der Studienplan enthielt auch politisch-ideologische Lehrveranstaltungen wie Marxistisch-leninistische Philosophie, Politische Ökonomie und Wissenschaftlichen Sozialismus (17, 18).

 

Ähnlich wie in der Bundesrepublik Deutschland stieg auch in der DDR der Anteil an Apothekerinnen stetig an, wobei die besseren Möglichkeiten für eine Kinderbetreuung den Müttern das Studium und sogar eine Vollbeschäftigung im Beruf erleichterten. Dagegen waren auch in der DDR nur wenige Frauen in leitender Stellung, zum Beispiel als Apothekenleiter oder Direktor eines Pharmazeutischen Zentrums, als Kreis- und Bezirksapotheker oder Hochschullehrer, tätig.

 

Gesellschaftlich hoch gestellt

 

Die gesellschaftliche Stellung des Apothekers in der DDR war hoch. Eine Befragung von Bürgern ergab 1987, dass die Apotheker in einer Liste von sieben Hochschulberufen – darunter Arzt, Lehrer, Naturwissenschaftler und Diplomingenieur – den zweiten Platz nach den Medizinern einnahmen. Hierzu trug nicht zuletzt die Gleichwertigkeit der Ausbildung mit der anderer Naturwissenschaftler bei.

 

Wenn auch von der Öffentlichkeit nicht so sehr wahrgenommen, fand die 1974 eingeführte Fachweiterbildung unter DDR-Apothekern hohe Akzeptanz, obgleich nur drei Gebiete möglich waren (Arzneimittelversorgung, ab 1988 Allgemeinpharmazie, Arzneimittelkontrolle und Arzneimitteltechnologie) (20). Die Spezialisierung auf bestimmte Gebiete und die daraus resultierende hohe Kompetenz, beispielsweise in der Arzneimittelinformation, machte Apotheker für Ärzte zu gesuchten Gesprächspartnern. Die Patienten erlebten die Apotheker als freundliche, gewissenhafte, hilfsbereite und kompetente Arzneimittelfachleute.




Abbildung 5: Beratungsraum in der privat betriebenen Hirsch-Apotheke Wismar; rechts im Bild Apotheker Dr. Joachim Framm

Foto: Framm




Intensiv setzten sich viele Kollegen für neue Möglichkeiten der Patientenberatung ein. Bereits seit Sommer 1979 gab es in der privat betriebenen Hirsch-Apotheke Wismar einen Beratungsraum (Abbildung 5). Die auf Anregung des tschechischen Dozenten Dr. Vaclav Smecka in Rostock entwickelten Piktogrammkarten (Abbildung 6) zu einzelnen Arzneimitteln ermöglichten dem Apothekenpersonal, ähnlich wie heute der Computer, einen schnellen Überblick über wesentliche Beratungsinhalte (24). In den 1980er-Jahren entstanden spezielle Arbeitsgruppen, die sich mit unterschiedlichen Facetten der Patienteninformation beschäftigten, unter dem Dach der Pharmazeutischen Gesellschaft, die die einzige Apothekerorganisation der DDR darstellte.




Abbildung 6: Piktogrammkarte des Apothekenwesens Rostock; die Piktogramme informieren den beratenden Apotheker auf einen Blick über die wichtigsten Eigenschaften eines bestimmten Arzneimittels. ­ Aus: (24), S. 70.



Die fachlichen Kenntnisse und das aufgrund der teilweise desolaten Versorgungslage erforderliche Organisations- und Improvisationsgeschick erleichterten den Apothekern der DDR schließlich nach der »Wende« den Übergang in die Privatisierung (25).

 

Was bleibt?

 

Abschließend sei die Frage gestattet, was von der DDR-Pharmazie geblieben ist. Selbstverständlich können hier nur wenige Punkte genannt werden. Geblieben sind relativ große Apotheken in zum Teil sehr schönen Gebäuden (26), die inzwischen größtenteils liebevoll renoviert wurden. Einige der ehemaligen Poliklinikapotheken mutierten zu wirtschaftlich stabilen öffentlichen Offizinen in groß dimensionierten Ärztehäusern. Der in einigen DDR-Apotheken eingerichtete Beratungsraum wurde in der bundesdeutschen Apothekenbetriebsordnung berücksichtigt. Pharmazieingenieure bereichern als Berufsgruppe inzwischen die gesamtdeutsche Pharmazie, und der Diplomabschluss der Apotheker erfreut sich an einigen Universitäten nach wie vor großer Beliebtheit. Damit können Studierende der Pharmazie prüfen, ob sie für eine weitere wissenschaftliche Arbeit geeignet sind. Es ist bedauerlich, dass ein solcher Abschluss nicht an allen Universitäten eingerichtet werden konnte, und dass Versuche, das Studium auf zehn Semester zu verlängern, bisher scheiterten.

 

Geblieben sind aber vor allem gut ausgebildete Apotheker, die als Diplompharmazeuten dem Arzt kollegial und selbstbewusst begegnen. Um im real existierenden Sozialismus zu bestehen, mussten sie gut organisieren und improvisieren können, was auch heute wieder zunehmend gefragt ist. Die DDR-Apotheker haben zudem gelernt, auf manchen staatlichen Irrsinn gelassen zu reagieren und sind damit für weitere zu erwartende Gesundheitsreformen gut gerüstet.


Literatur

  1. Autorenkollektiv, 45 Jahre Pharmazie in Deutschland Ost. Berlin 2007.
  2. Friedrich, Ch., Privatapotheken in der ehemaligen DDR: Inseln im Staatssystem. Pharm. Ztg. 137 (1992) 1035-1039.
  3. Eichhorn, A., Schröder, J., Zeittafel zur Geschichte der Pharmazie in der Deutschen Demokratischen Republik (1945 – 1989). Berlin 1989 (Informationsdienst für Apotheker, Beilage 1989).
  4. Autorenkollektiv, 30 Jahre Entwicklung zu einem sozialistischen Arzneimittel- und Apothekenwesen in der Deutschen Demokratischen Republik. Pharm. Praxis 34 (1979) 193-245.
  5. Kästner, A., Inhalte, Methoden, Formen, Kräfte und Mittel der Revision im Apothekenwesen. Diss. rer. nat. Greifswald 1980.
  6. Müller, K.-D., Die Ärzteschaft im staatlichen Gesundheitswesen der SBZ und DDR 1945 – 1989. In: Jütte, R. (Hrsg.), Geschichte der deutschen Ärzteschaft. Organisierte Berufs- und Gesundheitspolitik im 19. und 20. Jahrhundert. Köln 1997, S. 243-273.
  7. Lürmann, H. G., 470 Jahre Apothekenwesen Neubrandenburg. [Teterow 2001] Manuskript.
  8. Albrecht, K., Geschichte der Apotheken der Stadt Magdeburg. Freiberg 2007.
  9. Schneidewind, U., Entwicklung und Aufgaben der materiell-medizinischen Versorgung bis 1985. Pharm. Praxis 37 (1982) 95-103.
  10. Feldmeier, H., Neues zum Apotheker-Patient-Verhältnis. Gedanken, Erfahrungen, Analysen. Pharm. Praxis 38 (1983) 160-164.
  11. Becker, Ch., Hampich, B., Warenbewegung und Bestandshaltung zur Sicherung hoher Stabilität im Versorgungsprozeß. Pharm. Praxis 36 (1981) 27-29.
  12. Schneidewind, U., Möller, H., Grundsätze und Praktiken der Arzneimittelversorgung und -verwendung in der Deutschen Demokratischen Republik. Pharm. Praxis 35 (1980) 193-197.
  13. Fürtig, W., Kooperation zwischen Arzt und Apotheker, eine neue Qualität in der Arbeit. Ein Beitrag zur Erhöhung der Qualität und Effektivität der Arbeit im Gesundheitswesen. Pharm. Praxis 41 (1986) 213-215.
  14. Feldmeier, H., Junge, N., Möglichkeiten und Einflußnahme auf territoriale Pharmakotherapie durch Verbrauchsstatistik und überregionale Vergleiche. Pharm. Praxis 36 (1981) 186-188.
  15. Bergmann, Ch., Zur Qualität der Arzneimittelinformation in der DDR. Pharm. Praxis 41 (1986) 193-195.
  16. Rankenburg, H., Die Apothekerausbildung im Spiegel der deutschen Prüfungs- und Approbationsordnungen von 1875 bis 1989. Frankfurt am Main 1996 (Pharmaziehistorische Forschungen, 1).
  17. Friedrich, Ch., Zur Entwicklung der Hochschulpharmazie in der DDR. In: Friedrich, Ch., Müller-Jahncke, W.-D., Apotheke und Universität. Stuttgart 2002 (Veröffentlichungen zur Pharmaziegeschichte, 2), S. 67-84.
  18. Pfeifer, S., Die pharmazeutische Hochschulausbildung. In (1) S. 366-392.
  19. Schierhorn, D., Von der Apothekenhelferin zur Pharmazeutisch-kaufmännischen Angestellten (PKA) – Zur historischen Entwicklung eines typischen Frauenberufes unter besonderer Berücksichtigung der ehemaligen DDR. Diss. Marburg 2004.
  20. Baumann, D., et al., Der Apothekerberuf aus der Sicht des Patienten/Bürgers. Die Pharmazie 45, H. 10 (1990) 805.
  21. Staiger, Ch., Spezialisierung in der Pharmazie. Geschichte der apothekerlichen Weiterbildung. Diss. Marburg 2002.
  22. Böhm, M., Die Arzneimittelinformation, in: (1) S. 506–532.
  23. Richter, J., Die Pharmazeutische Gesellschaft. In (1) S. 589-608.
  24. Feldmeier, H., Haupt, E., Bock, S., Die Piktogrammkarte – ein Bild-Wort-Kurzmanuskript für das Patientengespräch. Pharm. Praxis 34 (1979) 69-71.
  25. Pieck, J., Das »pharmazeutische Paket« des Einigungsvertrages. Pharm. Ztg. 135 (1990) 2320-2324.
  26. O. A., Apotheken in den neuen Bundesländern Deutschlands. Hrsg. vom Institut für Medizinische Statistik, Berlin 1994.
  27. Ader, U., Hahn, H.-J., Der Warenbewegungsprozeß in der pharmazeutischen Einrichtung. Halle 1979, S. 28.
  28. Anweisung über die Rahmenstatuten für das Pharmazeutische Zentrum und für die Bezirksapothekeninspektion vom 25. Juli 1984. Gesetzblatt der DDR vom 10. Februar 1984, S. 100.

Der Autor

Christoph Friedrich hat nach dem Pharmaziestudium und der Diplomarbeit Geschichtswissenschaften studiert und wurde 1983 mit einer pharmaziehistorischen Arbeit promoviert. 1987 habilitierte er sich für das Fach Geschichte der Pharmazie. 1990 erhielt er zusätzlich einen Lehrauftrag mit Promotionsrecht für Geschichte der Medizin an der Universität Greifswald und leitete dort die Abteilung Geschichte der Pharmazie/Sozialpharmazie. Seit Oktober 2000 ist er Direktor des Instituts für Geschichte der Pharmazie, Marburg. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Entwicklung der Pharmazie im 18., 19. und 20. Jahrhundert, Apothekerbriefwechsel, Arzneimittelgeschichte und pharmazeutische Kulturgeschichte.

 

 

Professor Dr. Christoph Friedrich

Institut für Geschichte der Pharmazie

Roter Graben 10

35032 Marburg

ch.friedrich(at)staff.uni-marburg.de


Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 45/2009

 

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