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Pruritus: Hilfe bei ständigem Juckreiz

MEDIZIN

 
Pruritus

Hilfe bei ständigem Juckreiz

Von Gudrun Heyn, Berlin

 

Auch heute noch wird Juckreiz von Ärzten und Patienten nicht als ernst zu nehmendes Symptom wahrgenommen. Obwohl Hilfe möglich ist, bleiben und 94 Prozent der Betroffenen ohne Therapie.

 

In Deutschland ist Juckreiz weitverbreitet. Rund 17 Prozent der Erwachsenen leiden unter dem lästigen Symptom. Geradezu zwanghaft löst es das Verlangen aus, sich zu kratzen. So raubt der Pruritus vielen den Schlaf und hinterlässt hässliche Läsionen in der Haut. »Durch den Juckreiz fühlen sich mehr als 30 Prozent der Betroffenen gestört, bei 4,5 Prozent ist die Dauer und Intensität sogar so groß, dass ein unmittelbarer Handlungsbedarf besteht«, sagte Professor Dr. Matthias Augustin vom Competenzzentrum Versorgungsforschung in der Dermatologie (CVderm) vor Journalisten in Berlin.

 

Dennoch bleiben rund 94 Prozent der Betroffenen ohne Therapie, und dies obwohl etwa die Hälfte von ihnen sogar wegen des Symptoms einen Arzt aufsuchte. Auch das fanden die Hamburger Wissenschaftler gemeinsam mit Kollegen des Münsteraner Kompetenzzentrums Pruritus heraus. In ihrer epidemiologischen Studie hatten sie dazu im Jahr 2008 mehr als 11.700 Personen aller Altersgruppen in 144 deutschen Betrieben untersucht.

 

Doch Juckreiz sollte nicht unterschätzt werden. »Es ist ein Warnsymptom der Haut, hinter dem sich auch sehr ernsthafte Erkrankungen verbergen können«, sagte Professor Dr. Sonja Ständer vom Münsteraner Kompetenzzentrum Pruritus. Ursache können sowohl Hauterkrankungen als auch systemische Erkrankungen sein, wie etwa Diabetes mellitus, Leberleiden, Niereninsuffizienz oder Blutkrebs. Um die zugrunde liegende Erkrankung therapieren zu können, ist bei jedem quälenden Juckreiz eine gute Diagnose wichtig. Aber auch das Symptom selbst sollte behandelt werden, damit der Juckreiz sich nicht chronifiziert. So ist erst seit wenigen Jahren bekannt, dass Juckreiz über eigene Nervenbahnen an das Gehirn gemeldet wird. Daran beteiligt sind Cannabinoid-Rezeptoren in der Haut, die über Zytokine, wie Interleukin 31, aktiviert werden. Vermutet wird zudem, dass es wie beim Schmerz eine Art Juckreizgedächtnis gibt.

 

Gezielte Hautpflege als Therapie

 

Das Symptom selbst lässt sich schon mit einfachen Mitteln wie einer gezielten Hautpflege verbessern. Hierzu steht eine Reihe von juckreizmindernden Cremes und Lotionen zur Verfügung. Um den Therapieerfolg messen zu können, wurde am CVderm ein weltweit neues Testverfahren entwickelt. Die Wissenschaftler haben dazu eine Methodik erarbeitet, die es erlaubt, das Urteil der Patienten über Kriterien wie Abheilung, Therapiefolgen und Lebensqualität in einem Patienten-Benefit-Index-Pruritus (PBI-P) zusammenzufassen. Die Evaluation des PBI-P erfolgte am Kompetenzzentrum in Münster. 100 Patienten mit trockener, chronisch juckender Haut unterschiedlicher Genese waren in der Studie eingeschlossen. Über zwei Wochen wurden sie im Rahmen einer Basistherapie mit apothekenexklusiven Kosmetika behandelt. Dabei erhielten sie entweder Physiogel® Body-Lotion oder Physiogel® A.I.-Lotion. Die Therapie führte bei mehr als 60 Prozent der Patienten zu einer Juckreizreduktion. Der umfassendere BPI-P zeigte, dass etwa die Hälfte der Teilnehmer bereits von den Kosmetika profitiert.

 

Ein Vergleich der beiden eingesetzten Kosmetika zeigte zudem, dass die Patienten unter der A.I.-Lotion deutlich bessere Ergebnisse erzielen. So erreichten mehr als 12 Prozent von ihnen eine Ansprechrate von nahezu 100 Prozent, unter der Body-Lotion dagegen nur knapp 8 Prozent. »Bei dieser hohen Ansprechrate benötigen die Patienten wahrscheinlich keine weitere Therapie«, sagte Ständer. Der Grund für das bessere Ansprechen unter der A.I.-Lotion liege an einem neuen Wirkstoff, der als Cannabinoid-Rezeptor-Agonist wirkt. Da Cannabinoid-Rezeptoren auch auf Histamin freisetzenden Mastzellen exprimiert werden und die Substanz Palmitoylethanolamin (PEA) auf Mastzellen stabilisierend wirkt, könne so die für den Juckreiz verantwortliche Histamin-Ausschüttung gebremst werden.

 

»Dass nicht alle Patienten von den Kosmetika profitieren, liegt zum Teil auch daran, dass etliche von ihnen unter einer systemischen Erkrankung leiden«, sagte Ständer. Solange die Grunderkrankung bestehe, würde auch der Juckreiz immer wieder zurückkehren.

 

Aber auch Patienten, deren Pruritus durch eine Versorgung der Haut nicht zurückgeht, kann geholfen werden. So werden in der Leitlinie orale Antihistaminika oder Lokalsteroide für die initiale Therapie empfohlen. In einem weiteren Schritt können dann Substanzen wie Naltrexon oder Cholestyramin eingesetzt werden. Nicht zuletzt kann Betroffenen zusätzlich mit einer psychosomatischen Begleitung geholfen werden. Denn auch chronische Stressbelastung können zu Juckreiz führen oder das Symptom verstärken. Informationen für Patienten bietet das Kompetenzzentrum Pruritus online unter www.juckreiz-informationen.de.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 43/2009

 

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