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Arzneimittelinformation: Was Patienten wirklich wollen

POLITIK

 
Arzneimittelinformation

Was Patienten wirklich wollen

Von Martina Janning, Berlin

 

Auf der Wunschliste von Verbrauchern stehen verständliche, gut lesbare Beipackzettel weit oben. Klare Vorstellungen haben sie auch über den Umgang in der Apotheke: Partnerschaftlich und diskret soll er sein. Sie erwarten gute Beratung und wollen sich zudem möglicherweise auch selbst über verschreibungspflichtige Mittel informieren können.

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Der Patient steht im Mittelpunkt – und damit meistens im Weg, witzeln Heilberufler manchmal. Vorige Woche gingen sie jedoch einen Schritt weiter und überlegten, wie sich der Weg freiräumen und die Kommunikation mit Patienten verbessern ließe. Den Rahmen dafür bot die 9. Jahrestagung »Consumer Health Care« in Berlin.

 

Dusan Simek von der Universität Witten/Herdecke berichtete, welche Beipackzettel ankommen und welche nicht. »Mindestens 15 Prozent der Patienten haben schon einmal ein Medikament in die Mülltonne geworfen, nachdem sie die Packungsbeilage gelesen hatten«, erklärte der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Allgemeinmedizin und Familienmedizin. Im Auftrag des Forschungsministeriums soll die Hochschule daher he-rausfinden, wie Beipackzettel gestaltet sein müssen, damit Patienten sie lesen und befolgen. Da die Vorschriften für Packungsbeilagen von Arzneimitteln sehr eng gefasst sind, wollen die Wissenschaftler das Problem mit Zusatzbroschüren lösen. Die Studie läuft insgesamt bis zum Jahr 2011, erste Ergebnisse gibt es aber jetzt schon.

 

Tapeten unerwünscht

 

Die Forscher befragten zunächst 34 Probanden, die mindestens ein Medikament regelmäßig einnehmen, welche Wirkung Beipackzettel auf sie haben. Sie ließen die 25 Männer und neun Frauen frei erzählen – und staunten nicht schlecht. Denn die Packungsbeilagen lösten starke Emotionen aus. »Die Patienten sprachen von Unsicherheit, Angst und sogar Schockzuständen«, sagte Simek. Andere waren unzufrieden oder machten ihrem Ärger Luft.

 

Statt der gängigen »Tapeten, die man nie wieder in die Packung bekommt«, wünschten die Befragten Beipackzettel im Format DIN-A4 oder DIN-A5. Die Informationen sollten mindestens in der Schriftgröße 10 Punkt und in Schwarz geschrieben sein. Mit Aussagen wie »sehr selten« oder »häufig« konnten die Studienteilnehmer nichts anfangen. Sie sprachen sich stattdessen für Prozentangaben aus. Wichtig ist Patienten ein verständliches Deutsch ohne Fremdwörter. Keine leichte Aufgabe, wie die Wissenschaftler feststellten. Für das Texten hätten sie ursprünglich vier Wochen eingeplant, erzählte Simek. Tatsächlich brauchten sie schließlich sieben Monate.

 

Die Befragten bevorzugten zudem einen anderen Aufbau. Sie wollten zuerst die Wirkungen und Verwendungszwecke lesen und erst später die Nebenwirkungen – am besten gekennzeichnet nach dem Ampelprinzip. Viele fanden gesonderte Zettel für Kinder, Schwangere und Senioren gut.

 

Was Patienten sonst noch auf ihrer Wunschliste für Arzneimittelinformation haben, erläuterte Manfred Pfeiffer von »Das Patientenforum – Bundesverband für Patienten- und Versicherteninteressen«. Er sagte, dass das Arztgespräch beim Thema Arzneimittel oft scheitere, weil der Arzt nicht wisse, was Apotheker abgeben müssen. Pfeiffer forderte die Ärzte auf, mehr Initiative zu zeigen und sich zu informieren.

 

In Apotheken bemängelte der Patientenvertreter mangelnden Datenschutz und fehlende Privatsphäre. Zudem kritisierte er, dass Apotheker bei OTC-Mitteln oft zu wenig berieten. Positiv hob er jedoch hervor, dass die inhabergeführte Apotheke vor Ort für chronisch Kranke bessere Partner als Versandapotheken seien, weil das direkte Gespräch mit dem Apotheker Missverständnisse verhindern könne.

 

Pfeifer stellte ferner die Vorteile der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) heraus. Wenn Patienten ihre Medikamente dort eintragen ließen, seien Wechselwirkungen schneller zu erkennen. Aus Verbrauchersicht sei die eGK sehr sinnvoll, sagte er.

 

Information statt Reklame

 

Auch in puncto Patienteninformationen über verschreibungspflichtige Medikamente widersprach Pfeiffer der Ansicht vieler Heilberufler und Fachverbände, die eine von der EU-Kommission geforderte Lockerung des Verbots für Publikumswerbung ablehnen. »Wir halten viel davon, dass Informationen für verschreibungspflichtige Arzneimittel zugänglich gemacht werden. Sie müssen aber verständlich sein«, sagte Pfeiffer, der dabei jedoch keine Reklame und Werbespots im Sinn hat.

 

Schützenhilfe bekam Pfeiffer von Lena Harmann, einer der diesjährigen Absolventinnen des Masterstudiengangs Consumer Health Care in Berlin. Sie argumentierte, dass Verbraucher ein Recht hätten, sich besser über verschreibungspflichtige Arzneimittel informieren zu können. Schließlich müssten sie immer mehr selbst bezahlen. Im Übrigen wollten Patienten gemeinsam mit ihrem Arzt und ihrem Apotheker Therapieentscheidungen treffen. Dieses partnerschaftliche Modell, Shared Decision Making genannt, widerspreche der geltenden Regelung. »Das Zurückhalten von Informationen ist nicht zeitgemäß«, befand Harmann. Es sei auch gesundheitspolitisch nicht wünschenswert. »Mehr Wissen verbessert die Compliance«, sagte sie.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 43/2009

 

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