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Rabattverträge: Weg in die Versorgungslotterie

POLITIK

 
Rabattverträge

Weg in die Versorgungslotterie

Von Werner Kurzlechner, Berlin

 

Rabattverträge sogen weiterhin für Aufregung bei Apothekern, Krankenkassen und Patienten. Kein Wunder, denn nicht selten führen sie zu Verwirrung auf Patientenseite und zur Abgabe von Packungsmengen, die die Ärzte so gar nicht wollten.

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Immerhin, der Regierungswechsel in Berlin macht Mut in Sachen Rabattverträge. »Die Politik wird die Folgeprobleme hinterfragen«, blickte Karl-Heinz Resch, ABDA-Geschäftsführer für Wirtschaft und Soziales, am Ende optimistisch in die Zukunft. Zuvor hatte er sich bei einer Diskussionsveranstaltung des Branchenverbandes Progenerika vergangene Woche in Berlin einen heftigen Schlagabtausch mit Dr. Christopher Hermann, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg, geliefert. Aus Sicht der Apotheker ebneten die Rabattverträge den Weg in eine »Versorgungslotterie«, so Resch. Hinter diesem Instrument stecke eine »Wettbewerbsphilosophie aus dem Neandertal. Der mit dem größten Knüppel gewinnt«. Den großen Knüppel führen in dieser Hinsicht die Krankenkassen, die in Hermann auch noch mit einem ausgewiesenen Befürworter von Rabattverträgen vertreten waren. Da konnte Zunder schwerlich ausbleiben.

 

Die Diskussion kreiste insbesondere um zwei in jüngster Zeit offensichtlich gewordene Probleme: Packungsgrößen und fehlende Indikationen auf Beipackzetteln. Verschreibt ein Arzt zum Beispiel 100 Tabletten des Protonenpumpenhemmers Omeprazol und gibt als Packungsgröße N3 an, erhält der Patient in der Apotheke möglicherweise eine Packung mit 56 Tabletten (siehe dazu Omeprazol: Normgröße entscheidend, PZ 42/09). Nach der Logik von AOK-Verträgen hat das seine Richtigkeit. Zur Gleichung 56 = 100 bemerkte Resch: »Das ist das Niveau einer Baumschule.«

 

Fatale Auswirkung auf Compliance

 

Ein passendes Beispiel lieferte der ABDA-Geschäftsführer für den anderen Problemkreis. Via Aut-idem-Regelung erhalten Patienten gelegentlich Arzneimittel, die zwar den auf dem Rezept verordneten Wirkstoff enthalten, ohne aber die jeweilige Indikation auf dem Beipackzettel aufzuführen. Das kann fatale Auswirkungen auf die Therapietreue (Compliance) haben. Resch nannte als Beispiel eine Bluthochdruckpatientin, die ein Medikament gegen Prostatavergrößerung in Händen halte. Gut möglich, dass die Patientin deshalb auf die Einnahme verzichte, so Resch: »Und dann haben Sie mit Zitronen gehan-delt!« , wandte er sich an Hermann. Aus Kassensicht nämlich 11 Euro an Arzneimittelkosten gespart, dadurch aber 3000 Euro an Kosten für Schlaganfallversorgung heraufbeschworen.

 

Auf Reschs Warnung vor einer Verniedlichung dieser Missstände reagierte Hermann mit der Einordnung als »abseitige Probleme« und Einzelfälle, die im Kern nicht wirklich neu seien. Die Rabattverträge dürften jedenfalls nicht als Ursache herhalten. Die fehlenden Indikationen auf den Beipackzetteln seien etwa auf das Verfahren der gegenseitigen Anerkennung im EU-Zulassungsrecht zurückzuführen. Derartige Detailfragen müssten zupackend gelöst werden, statt immer nur rückwärtsgewandt die neuen Vertragsmodelle zu kritisieren. Im Übrigen müssten die verunsicherten Patienten im Zweifel eben bei ihren Ärzten oder Apothekern anrufen und um Aufklärung bitten.

 

Diese Sicht der Dinge erntete nicht nur von Apothekerseite Widerspruch. Dr. Jan Geldmacher, Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, stellte klar, dass auch Ärzte den Arzneimittelmarkt mit seinen unzähligen Verästelungen keineswegs immer überblicken und ratlosen Patienten mit ihren speziellen Fragen kaum noch weiterhelfen können. »Der normale Arzt weiß so etwas nicht«, so Geldmacher.

 

Bermudadreieck der Information

 

Patientenvertreter Dr. Martin Danner, Bundesgeschäftsführer des Vereins BAG Selbsthilfe, platzte angesichts der lapidaren Kommentare Hermanns gänzlich der Kragen. Zwar sehe er auch nicht die Rabattverträge allein als Kern allen Übels, so Danner. Aber die Nachvollziehbarkeit und Verständlichkeit von Packungsbeilagen sei ein hohes Gut, das nicht zuletzt als Lerneffekt aus der Contergan-Tragödie entstanden ist. »Man rüttelt jetzt am etablierten Sicherheitsregime und steuert in ein Bermudadreieck der Information«, so Danner.

 

Während Resch abschließend für ein Zielpreismodell als Garantie für pharmazeutische Vielfalt und für Wirkstoffverordnung plädierte, konzedierte Hermann immerhin: »Rabattverträge sind nicht der Weisheit letzter Schluss.« Der AOK-Manager sprach sich für kassenindividuelle Positivlisten aus. Sein Motto: »Die Welt dreht sich weiter. Da sollten wir uns mitdrehen.«


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Beitrag erschienen in Ausgabe 43/2009

 

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