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Tapentadol: Ein Molekül, zwei Mechanismen

PHARMAZIE

 
Tapentadol

Ein Molekül, zwei Mechanismen

Von Bettina Sauer, Berlin

 

Das zentral wirksame Analgetikum Tapentadol vermittelt seine schmerzstillenden Effekte über opioide und nicht-opioide Mechanismen. Klinische Studien belegen, dass es ähnlich gut wirkt wie das Opioid Oxycodon, aber weniger Nebenwirkungen verursacht. 2010 könnte es in Deutschland die Zulassung erhalten.

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Der neuartige Wirkstoff Tapentadol vermittelt seine schmerzstillenden Effekte über zwei molekulare Mechanismen. Zum einen aktiviert er wie die Opioide µ-Rezeptoren und dämpft damit prä- und postsynaptisch die Weiterleitung von Schmerzreizen im Rückenmark und Gehirn. Zum anderen wirkt das Molekül als Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer und steigert damit die Konzentration dieses Nervenbotenstoffes im synaptischen Spalt. »Letzteres bewirkt eine Aktivierung von absteigenden, schmerzhemmenden Nervenbahnen, die vom Gehirn in die Peripherie führen und die Entstehung und Weiterleitung neuer Schmerzreize unterdrücken«, sagte Dr. Ulrich Jahnel, Leiter der präklinischen Forschung bei Grünenthal, vergangene Woche auf einem Satellitensymposium des Pharmaunternehmens beim Deutschen Schmerzkongress in Berlin. Der opioide und der nicht-opioide Mechanismus ergänzten sich. »Daher ist die Wirkstärke von Tapentadol in vorklinischen Tests etwa halb so groß wie die des starken Opioids Morphin, obwohl es bloß eine etwa 50-fach geringere Affinität zu den µ-Rezeptoren aufweist.« Der wesentliche Vorteil des neuen pharmakologischen Prinzips liege in der Verringerung µ-bedingter Nebenwirkungen.

 

Grünenthal hat zwei Darreichungsformen von Tapentadol entwickelt, eine schnell freisetzende Tablette (immediate release, IR, Stärken: 50, 75 oder 100 mg) und eine retardierte Tablette (prolonged release, PR, Stärken: 50, 100, 150, 200, 250 mg). Erstere soll bei akuten, Letztere bei chronischen Schmerzen zum Einsatz kommen. Die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA hat das IR-Präparat bereits zur Therapie von mittleren bis schweren akuten Schmerzzuständen bei über 18-jährigen Patienten zugelassen. Die Markteinführung in den Vereinigten Staaten erfolgte am 22. Juni 2009. Zudem hat Grünenthal inzwischen in mehreren europäischen Ländern, unter anderem beim deutschen Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), die Zulassung für beide Darreichungsformen beantragt. Dabei stützt sich das Unternehmen nach eigenen Angaben auf Ergebnisse klinischer Studien mit insgesamt rund 7200 Teilnehmern.

 

Einige dieser Untersuchungen stellten die Referenten beim Satellitensymposium beispielhaft vor. Eine wurde vergangenen Juni im Fachjournal »Current medical research and opinion« (Band 25(6), Seite 1551-61) veröffentlicht und umfasste 901 Teilnehmer. Sie wurden randomisiert und erhielten nach einer Operation am großen Zeh (Bunionektomie) entweder alle vier bis sechs Stunden Placebo, Tapentadol IR (50 mg und 75 mg) oder als Vergleichsubstanz das starke Opioid Oxycodon (10 mg). Während des Untersuchungszeitraums von 72 Stunden zeigte Tapentadol eine vergleichbar gute schmerzstillende Wirkung wie das starke Opioid Oxycodon, verursachte aber deutlich weniger Übelkeit und Erbrechen. »Auch neue gepoolte Daten aus sieben Phase-II- und -III-Studien belegen die bessere Verträglichkeit der schnell freisetzenden Darreichungsform gegenüber Opioid-Präparaten«, sagte Referent Professor Dr. Michael Schäfer, leitender Oberarzt an der Klinik für Anästhesiologie der Charité Universitätsmedizin Berlin. So bewirke es seltener Übelkeit, Erbrechen, Verstopfung, Juckreiz und Benommenheit und so gut wie nie Veränderungen von Blutdruck und Herzrhythmus.

 

Auch das PR-Präparat scheint Vorteile bezüglich der Verträglichkeit zu bieten. Darauf deutet unter anderem eine klinische Phase-III-Studie hin, die Professor Dr. Ralf Baron, stellvertretender Direktor der Klinik für Neurologie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Campus Kiel, vorstellte. Daran nahmen 981 Patienten mit chronischen Rückenschmerzen in der Lendenwirbelregion teil. Sie erhielten über eine Testphase von zwölf Wochen entweder zweimal täglich Placebo, Tapentadol PR (100 bis 250 mg) oder retardiertes Oxycodon (20 bis 50 mg). Barons Vortrag zufolge ließ sich auch in dieser Studie der chronische Schmerz durch Tapentadol ähnlich effektiv senken wie durch Oxycodon, und abermals kam es zu deutlich weniger Nebenwirkungen, namentlich Übelkeit, Erbrechen und Juckreiz. »Allerdings lässt sich grundsätzlich nicht ausschließen, dass Tapentadol ein Abhängigkeitspotenzial besitzt«, sagte Baron. Deshalb würden das IR- sowie auch das PR-Präparat im Falle einer deutschen Marktzulassung, die Grünen-thal im Laufe des nächsten Jahres erwartet, dem Betäubungsmittelgesetz unterliegen.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 43/2009

 

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