Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

Hypertonie: Kindern den Druck nehmen

TITEL

 
Hypertonie


Kindern den Druck nehmen

Von Claudia Borchard-Tuch

 

Immer häufiger leiden Kinder und Jugendliche an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die bislang nur Erwachsene betrafen. Ein typisches Beispiel ist Bluthochdruck. Frühe Diagnose, angepasste Lebensweise und adäquate Therapie tragen dazu bei, Langzeitkomplikationen zu vermeiden.

ANZEIGE


Das Problem ist ernst: Europaweit steigt die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit Bluthochdruck – häufig infolge von Übergewicht und Adipositas. Nach aktuellen Schätzungen sollen bis zu 3 Prozent der Kinder und Jugendlichen an Hypertonie leiden. Die Europäische Gesellschaft für Hypertonie (European Society of Hypertension, ESH) nimmt dies zum Anlass, in ihren Leitlinien, die im September veröffentlicht wurden, erstmals Richtlinien zur Behandlung der Hypertonie im Kindes- und Jugendalter vorzustellen (7).

 

Diesen Leitlinien kommt hohe Bedeutung zu. Wird ein Kind mit Bluthochdruck nämlich nicht rechtzeitig und richtig behandelt, erhöht sich das Risiko, als Erwachsener Folgeerkrankungen zu entwickeln. Besonders häufig sind lebensbedrohliche Krankheiten wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Nieren- und Gefäßschäden (7). Studien zeigen, dass sich bei vielen an Bluthochdruck erkrankten Kindern und Jugendlichen schon früh eine Arteriosklerose entwickelt. Rechtzeitige Diagnose und Therapie tragen dazu bei, diese Folgeschäden zu verhindern (13).

 

Einteilung nach Perzentilen

 

Bei Kindern steigt der Blutdruck mit dem Alter und der Körpergröße an. Dies macht es schwierig, eine klare Grenze zwischen normalen und erhöhten Werten zu ziehen, wie dies bei Erwachsenen geschieht. Definitionsgemäß fängt die kindliche Hypertonie ab der 95. Perzentile an, wobei Körpergröße, Alter und Geschlecht einbezogen werden (7). Ein Bluthochdruck auf der 99. Perzentile bedeutet, dass nur 1 Prozent der Kinder von gleichem Alter, Geschlecht und Größe einen höheren Blutdruck als der Patient haben.

 

Blutdruckwerte zwischen der 90. und 95. Perzentile werden als Prähypertonie bezeichnet. Liegen die Werte um mehr als 30 mmHg oberhalb der 95. Perzentile, leidet der Patient unter einer schweren Hypertonie. »Die Perzentilengrenzen, an denen wir uns orientieren, sind relativ eng«, erklärt der Kinderarzt Privatdozent Dr. Robert Dalla Pozza von der Ludwig-Maximilians-Universität München im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung. »Manchmal bedeutet eine Blutdruckerhöhung um lediglich 5 mmHg, dass ein Kind als Hypertoniker eingestuft wird.«

 

Andere Experten, andere Meinungen: Die Deutsche Hochdruckliga hat bereits für Jugendliche ab dem 12. Lebensjahr feste Grenzwerte beschlossen, bestätigt Professor Dr. Wolfgang Rascher vom Universitätsklinikum Erlangen auf Anfrage der PZ. Die Grenze zum Hochdruck liegt bei 125/80 mmHg für 12-Jährige, bei 135/85 mmHg für 16-Jährige und bei 140/90 mmHg für über 18-Jährige.

 

Viele Ursachen möglich

 

Eine Hypertonie bei Kindern unter zehn Jahren ist meist organisch bedingt. Häufigste Ursache ist eine Nierenerkrankung. Auch endokrine Störungen wie Phäochromozytom, Hyperthyreose und Cushing-Syndrom sowie Erkrankungen des Nervensystems wie Hirntumor oder Enzephalitis können zu einem sekundären Hochdruck führen.

 

Während die sekundäre Hypertonie – wenigstens teilweise – durch die Behandlung des Grundleidens und damit kausal behandelt werden kann, ist dies bei der essenziellen Hypertonie nicht der Fall. Bei Jugendlichen ist der Bluthochdruck in 85 bis 95 Prozent aller Fälle essenziell. Wichtige Risikofaktoren sind eine familiäre Hypertonie und ein erhöhter Body-Mass-Index (BMI: Körpergewicht in kg/Körperlänge in m2). Auch Schlafstörungen wie Schnarchen und Schlafapnoe erhöhen möglicherweise das Risiko, einen essenziellen Hochdruck zu entwickeln (13). Daher wird der Arzt bei der Anamnese auch nach Schlafproblemen wie Einschlafschwierigkeiten, Aufwachen während der Nacht, Schnarchen oder ausgeprägter Müdigkeit während des Tages fragen (9).

 

Frühe Diagnose beugt Schäden vor

 

»Um eine Hypertonie möglichst früh zu erkennen, sollte der Arzt bei allen Kindern ab drei Jahren routinemäßig den Blutdruck untersuchen«, fordert Dalla Pozza. Mindestens drei unabhängige Messungen oder eine 24-Stunden-Messung sind nötig, um die Diagnose »arterielle Hypertonie« eindeutig stellen zu können (9). Diese Diagnose ist von hoher Bedeutung für das Kind oder den Jugendlichen. Er oder sie wird als krank eingestuft, was zunächst nicht-medikamentöse, dann eventuell auch medikamentöse Therapiemaßnahmen nach sich zieht.

 

Das für Kinder geeignete Verfahren der Blutdruckmessung ist die Methode nach Riva-Rocci und Korotkow. Der Blutdruck wird am Oberarm gemessen. Der Arzt oder Apotheker legt eine Blutdruckmanschette am Oberarm an und bläst sie über den erwarteten Blutdruck auf. Wird der Druck langsam gesenkt, so tritt zunächst ein sogenanntes Korotkow-Geräusch über der Arteria brachialis beziehungsweise radialis auf, das man mithilfe eines Stethoskops hören kann. Das Korotkow-Geräusch wird leiser und verschwindet schließlich ganz. Der Druck, den man zu Beginn des Auftretens des gehörten Geräuschs misst, entspricht dem systolischen Blutdruckwert. Der untere, diastolische Druck ist erreicht, wenn das Geräusch leiser wird.

 

Bei der Untersuchung sollte das Kind möglichst entspannt sein. Beim liegenden Kind muss sich die Oberarmmanschette in Herzhöhe befinden; das sitzende Kind sollte seinen Arm auf einen Tisch legen. Die Manschette muss den Arm lückenlos umfassen, die Breite der Manschette soll etwa die Hälfte des Armumfangs betragen. Für Kinder sind verschiedene Manschettenbreiten von 2,5 bis 12 cm erhältlich. Wichtig ist, dass Apotheken, die den Blutdruck auch bei Kindern erheben, entsprechende Manschettengrößen bereit halten. Jedes Kind, dessen Blutdruck bei mehreren Bestimmungen oberhalb der 95. Perzentile liegt, erhält ein Blutdruckmessgerät, sodass es seinen Blutdruck regelmäßig kontrollieren kann. Die Kosten übernimmt die Gesetzliche Krankenversicherung.

 

Bei Neugeborenen, Säuglingen und Kleinkindern ist die Blutdruckmessung nach Riva-Rocci und Korotkow zumeist nicht oder nur unzulänglich möglich. Für diese Kinder gibt es Geräte, die mittels Mikrofon am unteren Manschettenrand die in diesem Alter praktisch nicht hörbaren Korotkow-Töne direkt registrieren oder aber mittels Ultraschall und elektronischer Registrierung das Auftreten ruckartiger arterieller Blutströme unterhalb der Manschette als Kriterium der Systole aufzeichnen.

 

»Die Diagnostik einer arteriellen Hypertonie ist im Kindesalter nicht immer einfach«, betont Dalla Pozza. »Um eine Weißkittelhypertonie auszuschließen, ist eine ambulante 24-Stunden-Blutdruckmessung empfehlenswert.« Dabei zeichnet ein tragbares ABPM-Gerät (Ambulatory Blood Pressure Monitoring) den Blutdruck auf (9). Dieses besteht aus einer Oberarmmanschette (manchmal auch noch einigen EKG-Elektroden) und einer Box, die dem kleinen Patienten umgehängt wird und mit der er sich ungehindert bewegen kann. In der Regel wird alle 20 Minuten gemessen. Dies ergibt über 24 Stunden 72 Blutdruckmessungen. Die Fülle der erhobenen Daten wird bisher allerdings kaum genutzt. So bestimmt man in der Regel lediglich einen Durchschnittswert für alle Messungen sowie Mittelwerte für eine Nacht- und eine Tagesperiode (14).

 

Unbedingt behandeln

 

»Kinder, die einen Bluthochdruck haben, verspüren nur selten ein Krankheitsgefühl«, weiß der Pädiater aus Erfahrung. »Die Erkrankung ist jedoch unbedingt zu behandeln, da eine länger bestehende Hypertonie zu Gefäßschäden führt.« Oft trete ein essenzieller Bluthochdruck zusammen mit Risikofaktoren für ein metabolisches Syndrom auf. Hierzu gehören niedriges Plasma-HDL-Cholesterol, erhöhte Plasmatriglyceride, Übergewicht sowie Insulinresistenz oder Hyperinsulinämie. Daher sollten bei Patienten mit essenziellem Bluthochdruck auch Laboruntersuchungen wie Lipidprofil und Nüchternglucose durchgeführt werden (13).

 

Eine nicht-medikamentöse Therapie ist immer hilfreich. Mitunter kann sie den Blutdruck schon normalisieren. Dies ist vor allem bei grenzwertigem Hochdruck (90. bis 95. Perzentile) der Fall. Wichtig ist, dass die Kinder und Jugendlichen Übergewicht reduzieren. Kann ein übergewichtiges Kind seinen BMI um 10 Prozent reduzieren, sinkt sein Blutdruck in der Regel um 8 bis 12 mmHg. »Und das reicht häufig schon aus«, so Dalla Pozza.

 

Aber auch dann, wenn man die arterielle Hypertonie damit nicht ausreichend korrigieren kann, ist die Gewichtsreduktion gut für den Körper. Vorteilhaft ist auch regelmäßiger Sport. »Ein Ausdauertraining von einer halben Stunde pro Tag verringert den Blutdruck um etwa 4 bis 9 mmHg«, erklärt Dalla Pozza. Oft habe er beobachten müssen, dass sich die Eltern eines erkrankten Kindes überfürsorglich verhalten. Teilweise verbieten sie ihrem Kind sogar Sport, weil sie befürchten, dass dabei der Blutdruck ansteigt. Daher ist Aufklärung wichtig: Die Eltern müssen wissen, dass Sport sich günstig auf die Blutdruckerkrankung auswirkt. Insbesondere Ausdauersportarten wie Schwimmen, Wandern oder Radfahren sind empfehlenswert.

 

Die Ernährung sollte salz- und fettarm sein (13). So empfiehlt das amerikanische NHBPEP (National High Blood Pressure Education Program Working Group on High Blood Pressure in Children and Adolescents) eine Reduktion der Natriumaufnahme: Die tägliche Natriumzufuhr sollte 1200 mg nicht überschreiten (9).

 

Und dann ist Geduld gefragt. »Man sollte mindestens sechs Monate warten und schauen, ob diese Maßnahmen ausreichend wirksam sind«, sagt Dalla Pozza. Bei einer Prähypertonie ohne zusätzliche Risikofaktoren könne man sich meist auf die nicht-medikamentösen Maßnahmen beschränken und auf Medikamente verzichten.

 

Für und Wider der Medikamente

 

Ab der 95. Perzentile ist laut Dalla Pozza eine medikamentöse Behandlung indiziert. »Es gibt keine Altersgrenze nach unten.« Zumeist ergänzt die Arzneitherapie die nicht-medikamentösen Maßnahmen. Oftmals sei es sinnvoll, gleich mit der Pharmakotherapie zu beginnen. Dies gilt bei Hypertonie mit Zeichen von Organschäden, beispielsweise einer linksventrikulären Hypertrophie, sekundärer arterieller Hypertonie und Diabetes mellitus. Ebenso sollten Patienten mit schwerer Hypertonie (mehr als 30 mmHg über der 95. Perzentile) unverzüglich medikamentös behandelt werden (9, 12).


Tabelle 1: Anthypertensiva, die auch bei Kindern (meist Off-Label) eingesetzt werden; nach (13)

Wirkstoffe   Bemerkungen 
ACE-Hemmer: Captopril, Enalapril, Fosinopril, Lisinopril, Ramipril   Serumkalium und Kreatinin regelmäßig kontrollieren (cave Hyperkaliämie und Azotämie, das heißt Vermehrung stickstoffhaltiger Proteinstoffwechselprodukte im Blut infolge einer Niereninsuffizienz)
Kreatinin-Clearance mindestens 30 ml/min pro 1,73 m2 
Angiotensin-1-Rezeptorblocker: Irbesartan, Losartan   Serumkalium und Kreatinin regelmäßig kontrollieren (cave Hyperkaliämie und Azotämie)
Kreatinin-Clearance mindestens 30 ml/min pro 1,73 m2 
Calciumantagonisten: Amlodipin, Nifedipin   Tachykardien möglich 
Diuretika: Hydrochlorothiazid, Furosemid, Spironolacton   Monitoring der Elektrolyte kurz nach Beginn der Behandlung, anschließend periodisch als Ergänzung zu Substanzen anderer Klassen 
Betablocker: Propanolol   kontraindiziert bei Asthma und Herzinsuffizienz
können sportliche Leistungen einschränken
nicht bei insulinabhängigem Diabetes mellitus 

Hat der Hochdruck bereits Organe geschädigt oder leidet das Kind zusätzlich unter anderen Erkrankungen wie Diabetes mellitus, wird eine Senkung unter die 90. Perzentile empfohlen. Ansonsten genügt es, den Blutdruck unterhalb der 95. Perzentile zu halten (9, 13).

 

Die Daten zu den Langzeitwirkungen von unbehandeltem Bluthochdruck bei Kindern sowie von Antihypertensiva auf deren Wachstum und Entwicklung sind bislang noch unvollständig. Nach den Empfehlungen der NHBPEP sollte die medikamentöse Behandlung einem Stufenplan folgen und mit nur einem Medikament in der niedrigsten Dosierung beginnen (siehe dazu Tabellen 1 und 2). Sinkt der Blutdruck innerhalb vier bis acht Wochen nicht ausreichend ab, folgt der zweite Schritt: Die Dosis wird gesteigert, bis therapeutische Wirkungen oder Nebenwirkungen eintreten oder die maximale Dosis erreicht ist. Ist der therapeutische Erfolg auch dann noch unzureichend, wird auf ein anderes Präparat umgestellt. Erst im dritten Schritt verordnen die Ärzte einen zweiten Wirkstoff, vorzugsweise mit komplementärem Wirkmechanismus (7).


Tabelle 2: Einnahmefrequenz und Dosierung für Kinder; nach (7)

Medikament   Einnahmefrequenz/Tag   Tagesgesamtdosis (wenn nicht anders angegeben) 
ACE-Hemmer
Captopril
Enalapril
Fosinopril
Lisinopril
Ramipril  

zwei- bis dreimal
ein- bis zweimal
einmal
einmal
einmal  

0,3 bis 0,5 mg/kg/Dosis
0,08 bis 0,6 mg/kg
0,1 bis 0,6 mg/kg
0,08 bis 0,6 mg/kg
2,5 bis 6 mg 
Angiotensin-1-Rezeptorblocker
Irbesartan
Losartan  

einmal
einmal  

75 bis 150 mg
0,75 bis 1,44 mg/kg 
Calciumantagonisten
Amlodipin
Nifedipin  

einmal
ein- bis zweimal  

0,06 bis 0,3 mg/kg
0,25 bis 0,5 mg/kg 
Diuretika
Hydrochlorothiazid
Spironolacton
Furosemid  

einmal
ein- bis zweimal
ein- bis zweimal  

0,5 bis 1 mg/kg
1 mg/kg
0,5 bis 2,0 mg/kg/Dosis 
Betablocker
Propranolol  

zwei- bis dreimal  

1 mg/kg 

»ACE-Hemmer sind Mittel der ersten Wahl bei Kindern«, sagt Dalla Pozza. Allerdings sind die meisten Antihypertensiva für Kinder nicht zugelassen. Dies gilt auch für ACE-Hemmer: Nur Captopril ist für Kleinkinder zugelassen, Enalapril für Kinder ab sechs Jahren (oder 20 kg Gewicht). Häufig kommen aber auch andere Wirkstoffe wie Ramipril zum Einsatz. Captopril hat nur eine kurze Wirkdauer und muss dreimal täglich eingenommen werden, Enalapril hingegen ein- bis zweimal pro Tag und Ramipril nur einmal täglich. »Die Einmalgabe erhöht die Patientencompliance deutlich«, erklärt Dalla Pozza.

 

Jüngere Kinder bis zum 10. Lebensjahr sollten stationär eingestellt werden, da die Einstellung mit Gefahren verbunden ist. Manchmal kommt es zu überschießenden Reaktionen und starkem Blutdruckabfall. Daher sollte mit einer möglichst niedrigen Dosis begonnen und diese langsam gesteigert werden.

 

Unter ACE-Hemmern kann es zu Reizhusten, allergischen Hautreaktionen, Kopfschmerzen, Übelkeit und Durchfall kommen. Selten sind akutes Nierenversagen, angioneurotisches Ödem oder Leukopenien. Um eine Störung der Nierenfunktion auszuschließen, werden nach einer Woche Therapie die Elektrolyte und Kreatinin im Serum bestimmt. »Bei schweren Nebenwirkungen sollten Angiotensin-1-Rezeptorenblocker wie Losartan oder Irbesartan gegeben werden«, empfiehlt Dalla Pozza. Reizhusten und Angioödem treten bei diesen Medikamenten seltener auf. Es gibt jedoch keinen AT1-Rezeptorblocker, der für Kinder zugelassen ist; alle werden Off-Label eingesetzt.

 

Sind ACE- und AT1-Hemmer kontraindiziert, können Calciumantagonisten wie Nifedipin oder Amlodipin gegeben werden. Sie können zu Kopfschmerzen und Gesichtsrötung führen. Zudem besteht die Gefahr, dass sie den Blutdruck zu stark absenken. Daher ist es nicht einfach, die richtige Dosis zu bestimmen. Zu Amlodipin gibt es verschiedene klinische Studien in der Pädiatrie, aber keine Zulassung für die kleinen Patienten (5, 6). Eine Studie zeigte, dass das pharmakokinetische Profil der Substanz bei Kindern unter sechs Jahren mit einem niedrigen Körpergewicht anders ist als bei älteren Kindern. Nach diesen Daten benötigen jüngere Kinder höhere Dosen von Amlodipin für eine ausreichende Blutdrucksenkung (5).

 

Diuretika wie Hydrochlorothiazid, Furosemid oder Spironolacton werden meist zusammen mit ACE-Hemmern oder Calciumantagonisten gegeben. Das Nebenwirkungsspektrum hängt von der jeweiligen Klasse ab, bei Schleifendiuretika beispielsweise Hypokaliämie, Hypercalciurie und Nephrocalcinose, bei hoch dosierter und lang andauernder Gabe von Thiaziden Hyperglykämie und Hyperlipidämie.

 

»Betablocker stehen in der medikamentösen Therapie heute an letzter Stelle«, konstatiert Dalla Pozza. Denn sie führen zu zahlreichen Nebenwirkungen. Oft leiden die Kinder unter Antriebsarmut, Konzentrationsschwierigkeiten und Müdigkeit. Auch gastrointestinale Symptome wie Oberbauchbeschwerden, Übelkeit, Erbrechen oder Obstipation wurden beschrieben. Die Kontraktionskraft des Herzens nimmt ab, und es kann zur Bradykardie kommen. Kinder mit Diabetes sollten keine Betablocker bekommen, da diese die Stoffwechsellage verschlechtern können: Eine Blockade von –2-Rezeptoren verringert die Insulinsekretion. Zudem verengen Betablocker die Bronchien; daher dürfen nicht-kardioselektive Betablocker wie Propranolol bei Asthma-Patienten nicht gegeben werden.

 

Bei belastungsinduzierter Hypertonie, das heißt erhöhtem Blutdruck unter körperlicher Belastung, sind kardioselektive Betablocker wie Atenolol oder Metoprolol jedoch Mittel der ersten Wahl. Dalla Pozza empfiehlt Betablocker auch bei Kindern mit Marfan-Syndrom oder hypertropher Kardiomyopathie. Das Marfan-Syndrom ist eine angeborene Erkrankung des Bindegewebes mit charakteristischen Veränderungen der Statur (Hochwuchs und Thoraxdeformitäten), des kardiovaskulären Systems und der Augen. Wie das Marfan-Syndrom ist auch die hypertrophe Kardiomyopathie genetisch bedingt. Hier ist die Herzmuskulatur verdickt, wobei zumeist die linke Herzkammer betroffen ist.

 

Ist die medikamentöse Therapie mit einem einzelnen Präparat erfolgreich und der Blutdruck normalisiert sich, kann der Arzt versuchen, die Dosis schrittweise zu reduzieren und eventuell ganz auf Medikamente zu verzichten. Dies gelingt meist am besten bei Kindern mit unkomplizierter Hypertonie, die adipös waren und ihr Gewicht erfolgreich reduzieren konnten.


Tabelle 3: Allgemeines Stufenschema zur Hochdrucktherapie (nach 8)

Therapieform   Wirkstoffe 
Monotherapie   ACE-Hemmer, Angiotensin-1-Rezeptorblocker, Calciumantagonist, Diuretikum, Betablocker 
Zweierkombination   ACE-Hemmer plus Angiotensin-1-Rezeptorblocker
Calciumantagonist plus ACE-Hemmer oder Angiotensin-1-Rezeptorblocker oder Betablocker
Diuretikum plus ACE-Hemmer oder Angiotensin-1-Rezeptorblocker oder Calciumantagonist oder Betablocker 

Gelingt es jedoch nicht, mit einem einzelnen Medikament den Blutdruck ausreichend abzusenken, wird eine Zweierkombination eingesetzt (siehe dazu Tabelle 3). Hierzu eignen sich ACE-Hemmer und AT1-Blocker, so Dalla Pozza. Diese Kombination ist sehr effizient, denn sie führt zu einer vollständigen Blockade des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems. Dies bedeutet jedoch, dass alle Beteiligten vorsichtig sein müssen, da die Gefahr einer Dehydratation besteht. So sollten die Eltern immer darauf achten, dass ihr Kind ausreichend trinkt. Insbesondere bei Durchfall ist es gefährdet. Bei starkem und raschem Flüssigkeitsverlust besteht die Gefahr einer Niereninsuffizienz. Doch auch andere Zweierkombinationen sind möglich. »Da Betablocker viele Nebenwirkungen haben, stehen sie auch in der Kombinationstherapie an letzter Stelle«, erklärt Dalla Pozza.

 

Gefährliche Hochdruckkrise

 

»Die Behandlung einer Hochdruckkrise muss immer im Krankenhaus erfolgen«, sagt Dalla Pozza. Bei einer hypertensiven Krise kommt es zu einem plötzlichen starken Anstieg des systolischen und meist auch des diastolischen Blutdrucks. Zumeist kündigt sich die Hochdruckkrise an; erste Anzeichen können Nasenbluten, Kopfschmerzen oder Nervosität sein. Das Kind ist sehr blass oder hat einen hochroten Kopf. Es bekommt Gleichgewichtsstörungen, klagt über Schwindel, stolpert oder fällt hin. Später können Verwirrtheit, Sehstörungen und Krampfanfälle hinzukommen.

 

Bei einer Hochdruckkrise ist die intravenöse Gabe von blutdrucksenkenden Medikamenten meist unumgänglich. Eine Dauerinfusion ist günstiger als eine Bolusinjektion, da diese zu einer Mangeldurchblutung mit Organschäden führen kann. Nitroprussid-Natrium und Labetalol sind die am häufigsten verabreichten Medikamente (7). Hypertensive Notfälle können aber auch durch orale Gabe von Antihypertonika behandelt werden. »Der Blutdruck darf nicht zu rasch abgesenkt werden«, erklärt Dalla Pozza. »Eine Senkung um mehr als 20 Prozent in den ersten sechs Stunden ist gefährlich, weil es zu einer Minderdurchblutung lebenswichtiger Organe kommen kann.« Es folgt eine allmähliche Reduktion innerhalb der nächsten 24 bis 48 Stunden (1, 10). Immer sollte bedacht werden, dass eine zu schnelle Normalisierung mehr Schaden anrichten kann als die deutlich erhöhten Blutdruckwerte während einer hypertensiven Krise.


Literatur

  1. Adelman, R. D., Coppo, R., Dillon, M. J., The emergency management of severe hypertension. Pediatr. Nephrol. 14 (2000) 422-427.
  2. Aktories, K., et al., Allgemeine und Spezielle Pharmakologie und Toxikologie. Begr. von W. Forth, D. Henschler, W. Rummel. Urban & Fischer München Jena, 10. Aufl. 2009.
  3. Falkner, B., et al., Blood Pressure Variability and Classification of Prehypertension and Hypertension in Adolescence. Pediatrics 122, Nr. 2 (2008) 238-242.
  4. Falkner, B., Daniels, R. S., Special Report. Summary of the Fourth Report on the Diagnosis, Evaluation, and Treatment of High Blood Pressure in Children and Adolescents. Hypertension 44 (2004) 387-388.
  5. Flynn, J. T., et al., Population pharmacokinetics of amlodipine in hypertensive children and adolescents. J. Clin. Pharmacol. 46 (2006) 905-916.
  6. Flynn, J. T., Smoyer, W. E., Bunchman, T. E., Treatment of hypertensive children with amlodipine. Am. J. Hypertens. 13 (2000) 1061-1066;
  7. Lurbe, E., et al., Management of high blood pressure in children and adolescents: recommendations of the European Society of Hypertension. J. Hypertens. 27, Nr. 9 (2009) 1719-1742.
  8. Mutschler, E., et al., Arzneimittelwirkungen. Lehrbuch der Pharmakologie und Toxikologie. 9. Aufl., 2009.
  9. National High Blood Pressure Education Program Working Group on High Blood Pressure in Children and Adolescents, The Fourth Report on the Diagnosis, Evaluation, and Treatment of High Blood Pressure in Children and Adolescents. Pediatrics 114, Nr. 2 (2004) 555-576.
  10. Patel, H. R., Mitsnefes, M. M., Advances in the pathogenesis and management of hypertensive crisis. Curr. Opin. Pediatr. 17 (2005) 210-214.
  11. Rascher, W., Therapie der arteriellen Hypertonie bei Kindern und Jugendlichen. J. f. Hypertonie 13, Nr. 1 (2009) 17-21.
  12. Siekmeyer, W., Arterielle Hypertonie im Kindes- und Jugendalter. http://kik.uniklinikum-leipzig.de/download/hypertonie.pdf, 2009.
  13. Stölting, P., Hypertonie: bei Kindern und Jugendlichen häufiger diagnostiziert. Was sind die Ursachen, was ist zu tun? Ars medici 12 (2007) 596-600.
  14. Zuther, P., Ein Computerprogramm (ABPM-Fit) zur wissenschaftlichen und praxisbezogenen Auswertung von humanen und tierexperimentellen Blutdruckprofilen. http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/volltexte/2004/5044/pdf/diss04-40.pdf, 2009.

Die Autorin

Claudia Borchard-Tuch studierte Medizin an der Universität Düsseldorf, erhielt 1982 die Approbation und schloss ein Jahr später ihre Promotion ab. Nach einer Tätigkeit als Assistenzärztin studierte sie Informatik an der Fernuniversität Hagen und schloss mit dem Diplom ab. Seit 1983 ist Dr. Borchard-Tuch freiberuflich tätig als Fachjournalistin und bearbeitet naturwissenschaftliche und medizinische Themen für Fachzeitschriften und große Zeitungen. Zudem verfasst sie wissenschaftliche Publikationen für die Pharma­industrie und ist Autorin mehrerer Bücher.

 

Dr. med. Claudia Borchard-Tuch

Forsthofweg 9

86441 Zusmarshausen

E-Mail: claudia.borchard-tuch(at)a-city.de

 

Danksagungen: Herrn Privatdozent Dr. Robert Dalla Pozza, Ludwig-Maximilians-Universität München, und Privatdozentin Dr. Elke Wühl, Universitätsklinikum Heidelberg, danke ich vielmals für ihre wertvolle Unterstützung.


Links zum Titelbeitrag

Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 43/2009

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 

PHARMAZEUTISCHE ZEITUNG ONLINE IST EINE MARKE DER

 











DIREKT ZU