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Pandemie-Impfung: Wirbel um Wirkverstärker

MEDIZIN

 
Pandemie-Impfung

Wirbel um Wirkverstärker

Von Christina Hohmann

 

Kurz vor Beginn der Impfungen gegen Schweinegrippe kommt es zu neuer Aufregung. Wie sicher ist der Pandemie-Impfstoff? Warum erhalten Bundeswehr und Regierung einen anderen als die Bevölkerung? Die Aufregung ist wissenschaftlich gesehen unbegründet. Beide Impfungen sind gleichwertig, können Apotheker ihre Kunden beruhigen.

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Der Pandemieimpfstoff ist fertig und wird ausgeliefert. Die Impfaktion kann rechtzeitig beginnen, am 26. Oktober soll es losgehen. Zur Beruhigung tragen diese Nachrichten aber nicht bei. Im Gegenteil: Die deutsche Bevölkerung ist zunehmend verunsichert, ob der verwendete Impfstoff Pandemrix® von GlaxoSmithKline (siehe hierzu Kasten) ausreichend getestet und sicher ist. Vor allem an dem zugesetzten Wirkverstärker AS03 stoßen sich Kritiker. Für Aufregung sorgte daher auch die Meldung, dass Politiker und Bundeswehrsoldaten einen anderen Impfstoff ohne Adjuvans erhalten sollen, der vermeintlich besser ist. Als »Skandal« und »Zwei-Klassen-Medizin« wurde dies in den Medien bezeichnet. Was ist dran an der derzeitigen Diskussion? Und wie sind die kritisierten Adjuvanzien einzuschätzen?

 

Die Immunantwort verstärken

 

Adjuvanzien sind Hilfsstoffe in Vakzinen, die die Immunantwort auf ein bestimmtes Antigen verstärken. Sie binden das Antigen, setzen es verlangsamt frei und führen zu einer lokalen Gewebereizung. Dadurch erhöhen sie die Antikörperbildung und verstärken die Immunreaktion. Dieses Prinzip ist schon seit 1926 bekannt, als der französische Tierarzt Gaston Ramon bei Pferden feststellte, dass Tiere, die Abszesse (entzündliche Gewebereaktionen) an der Injektionsstelle ausbildeten, höhere Antikörpertiter aufwiesen als Tiere ohne Abszesse. Im selben Jahr wurde auch die adjuvante Eigenschaft von Aluminiumverbindungen entdeckt. Heute ist Aluminiumhydroxidgel das am häufigsten verwendete Adjuvans in für Menschen gedachten Impfstoffen. Aluminiumsalze, die schon seit Jahrzehnten eingesetzt werden, sind in mehr als 80 Prozent aller Vakzinen für Menschen enthalten, schreibt das US-amerikanische National Vaccine Advisory Committee (NVAC) in einem Bericht vom Juli 2008.


Die Pandemie-Impfstoffe

In der Europäischen Union sind bislang drei Impfstoffe gegen Schweinegrippe zugelassen. Dies sind Pandemrix der Firma GlaxoSmithKline, Focetria von Novartis-Behring und Celvapan von Baxter. Für die deutsche Bevölkerung wurden 50 Millionen Dosen Pandemrix bestellt. Dies ist eine inaktivierte Influenza-Spaltvirus-Vakzine, die nach der Hühnerei-Methode produziert wurde und das Adjuvans AS03 enthält. Bei Focetria handelt es sich ebenfalls um eine inaktivierte Influenza-Spaltvirus-Vakzine, nach der Hühnerei-Methode produziert, die aber das Adjuvans MF59 enthält. Der dritte bereits zugelassene Impfstoff Celvapan, den Bundeswehr und Regierung bestellt haben, ist ein Ganzvirusimpfstoff ohne Zusatz von Adjuvans oder Konservierungsmittel. Ohne Vorzulassung und bis jetzt in der klinischen Erprobung ist der Zellkultur-Impfstoff Celtura von Novartis-Behring. Er enthält ebenfalls MF59 als Adjuvans. Er könnte in Deutschland als zweiter Impfstoff eingesetzt werden.

 

Für Schwangere, die laut Ständiger Impfkommission einen nicht-adjuvantierten Spaltimpfstoff erhalten sollen, ist nach solch einem Präparat bei den Herstellern angefragt worden. Das Paul-Ehrlich-Institut rechnet damit, dass eine solche Vakzine Ende November zur Verfügung stehen könnte.


Dies bestätigt auch Professor Dr. Wolfgang Jilg, Leiter des Bereichs Klinische Virologie und Infektionsimmunologie am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Universität Regensburg, gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung: »Fast alle Totimpfstoffe haben ein Adjuvans, Influenza-Impfstoffe gehören zu den ganz wenigen, die keines haben.« Die Wirkverstärker sind bei den meisten Totimpfstoffen nötig, weil das aufgereinigte Antigen an sich nicht immunogen genug ist, also das Immunsystem nicht genügend reizt, um eine ausreichende Reaktion zu erzielen.

 

Doch kritisiert wird der Pandemieimpfstoff derzeit, weil er nicht ein bewährtes, sondern ein neuartiges Adjuvans enthält. Warum wurde nicht auf den Wirkverstärker zurückgegriffen, der in den meisten Impfstoffen, in Kinderimpfstoffen wie auch in Erwachsenenimpfstoffen, enthalten ist: Aluminiumhydroxid? Dieser Zusatz hatte sich in Studien als nicht ausreichend wirksam erwiesen, schreibt das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in einer Pressemitteilung vom 18. Oktober. Deshalb wurde ein modernes Adjuvans verwendet: AS03. Es besteht aus Squalen, Polysorbat 80 und Vitamin E. Bei allen diesen Stoffen handele es sich um Substanzen oder Substanzklassen, die zum Teil schon seit Jahrzehnten in der Arzneimittelherstellung verwendet werden, schreibt das PEI.

 

In der Kritik steht das Adjuvans AS03 vor allem, weil es neu ist; es ist in keinem anderen bisher zugelassenen Impfstoff enthalten. Es lägen nicht genügend Daten zur Sicherheit und Verträglichkeit vor, heißt es. Dem hält das PEI entgegen, dass AS03 in klinischen Studien mit insgesamt 20 000 Personen erprobt wurde, ohne dass auffällige Nebenwirkungen beobachtet wurden. So neu ist das Adjuvans außerdem nicht. Es ist fast identisch aufgebaut wie der Wirkverstärker MF59, der seit 1997 in einem saisonalen Impfstoff für Ältere (Fluad®) enthalten ist und seitdem etwa 40 Millionen Mal weltweit verimpft wurde, ohne dass ein auffälliges Nebenwirkungsprofil auftrat. MF59 enthält wie AS03 Squalen und Polysorbat 80 und anstelle von Vitamin E Sorbitan-Trioleat. Das Adjuvans ist in dem saisonalen Grippeimpfstoff Fluad und der Pandemievakzine Focetria® von Novartis-Behring, der ebenfalls in der EU zugelassen ist, enthalten.

 

Die beiden modernen Öl-in-Wasser-Gemische haben im Vergleich zu dem herkömmlichen Adjuvans Aluminiumhydroxid den Vorteil, dass sie biologisch abbaubar sind. Nach ein paar Tagen wären die drei Bestandteile, auch das Polysorbat, vollständig abgebaut, während sich Aluminiumhydroxid im Körper anreichert, sagte Jilg.

 

Einen Nachteil haben die adjuvantierten Impfstoff aber: Sie sind reaktogener als nicht-adjuvantierte. »Das hat man in Studien gesehen«, so Jilg. Der Facharzt für Infektionsepidemiologie ist Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft und dort unter anderem für den Schwerpunkt klinische Erprobung von Impfstoffen zuständig. Allerdings sei die Nebenwirkungsrate schlecht zu beziffern.

 

In der Packungsbeilage zu Pandemrix, der in Deutschland zum Einsatz kommt, werden folgende Nebenwirkungen als »sehr häufig« (betrifft mehr als 1 von 10 Geimpften) aufgeführt: Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schmerzen, Rötung, Schwellung oder Verhärtung an der Injektionsstelle, Fieber sowie Muskel- und Gelenkschmerzen. »Häufig« (bei mehr als 1 von 100 Geimpften) sei es zu Wärme, Juckreiz oder Blutergüssen an der Injektionsstelle, zu verstärktem Schwitzen, Schüttelfrost, grippeähnlichen Symptomen oder Lymphknotenschwellung an Nacken, Achsel oder Leiste gekommen. »Die adjuvantierten Pandemie-Impfstoffe sind schlechter verträglich als die saisonalen Grippe-Impfstoffe ohne Adjuvans, das kann man deutlich sagen«, berichtet Jilg.

 

Doch die Entscheidung für Adjuvanzien sei zu einem Zeitpunkt getroffen worden, als die Vogelgrippe mit einer sehr hohen Mortalität für Schlagzeilen sorgte. Als Vorbereitung auf eine mögliche Grippepandemie war die Vorgabe an Pharmaunternehmen damals gewesen, einen Impfstoff zu entwickeln, der in großen Mengen hergestellt werden kann und der auch vor möglichen Drift-Varianten schützt. »Beides lässt sich durch Zugabe von Adjuvanzien erreichen«, so Jilg. In Studien sei belegt, dass adjuvantierte Vakzine eine deutlich größere Wirkbreite hätten als nicht-adjuvantierte, also auch dann noch schützen, wenn sich das Grippevirus durch Mutationen noch verändert. »Als Vorbereitung auf eine Pandemie war die Entscheidung für adjuvantierte Impfstoffe die richtige Strategie«, sagt der Virologe.

 

Ein weiterer Vorteil von Wirkverstärken ist, dass eine geringere Menge Antigen in der Vakzine enthalten sein muss – bei Pandemrix (3,75 µg Hämagglutinin-Antigen) ist es ein Viertel der in saisonalen Spaltimpfstoffen und die Hälfte der in dem nicht-adjuvantierten H1N1-Impfstoff Celvapan® (7,5 µg) enthaltenen Eiweißmenge. Trotz der Entscheidung für eine antigensparende Strategie ist die zeitgerechte Versorgung mit Pandemie-Impfstoff ein Problem, schreibt das PEI. Die wöchentlich zur Verfügung stehenden Mengen sind begrenzt, nach derzeitigem Stand wird sich die Auslieferung der in Deutschland bestellten Impfdosen bis Februar 2010 hinziehen. Hätte man auf einen nicht-adjuvantierten Impfstoff gesetzt, wäre mindestens die doppelte Antigenmenge pro Impfstoffdosis nötig. Dadurch würde sich die Auslieferung der bestellten Dosen erheblich verzögern. Viele Länder weltweit, auch in der EU, haben derzeit keinen Zugang zu Impfstoffen gegen die Schweinegrippe. Sie könnten ihn frühestens im nächsten Sommer bekommen. Hätte die EU nicht auf antigensparende Vakzinen gesetzt, wäre die Situation für diese Länder noch schlechter.

 

Bessere und schlechtere Vakzine?

 

Über den Zugang zu Pandemie-Impfstoffen macht man sich in Deutschland keine Sorgen. Vielmehr erhitzen sich die Gemüter über mögliche Nebenwirkungen der Vakzine und ob ein Impfstoff besser ist als der andere. Die Bundeswehr und die Regierung haben den Pandemieimpfstoff Celvapan der Firma Baxer bestellt. Grund hierfür ist laut Regierung ein Beschaffungsvertrag mit Baxter. Celvapan kommt ohne Wirkverstärker und Konservierungsmittel aus. Es enthält im Gegensatz zu den anderen beiden zugelassenen H1N1-Vakzinen Pandemrix und Focetria ganze Viren in höherer Dosierung. »Das Paradoxe an der derzeitigen Diskussion ist, dass man vor etwa 20 Jahren Ganzvirus-Grippeimpfstoffe abgeschafft hat und zur Herstellung von Spaltimpfstoffen übergegangen ist, weil diese besser verträglich sind«, sagte Jilg. Es stehe also gar nicht fest, welcher Pandemieimpfstoff der »bessere« ist. Vergleichende Studien existierten bislang nicht.

 

Der geplanten Impfkampagne könnte man trotz des Wirbels um die Wirkverstärker gelassen entgegensehen, meint Jilg. »Wer nicht will, muss sich nicht impfen lassen.« Dies sei kein Grund zur Beunruhigung. Der Impfstoff sei da und man könne jederzeit nachimpfen. Nur die Ablehnung der Schweinegrippeimpfung beim medizinischen Personal sieht er kritisch. Dieses sollte im Pandemiefall nämlich nicht ausfallen und vor allem keine Patienten anstecken.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 43/2009

 

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