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Allergien: Prävention beginnt im Mutterleib

MEDIZIN

 
Allergien

Prävention beginnt im Mutterleib

Von Bettina Sauer, Berlin

 

Neuerdings können Eltern mithilfe einer Broschüre testen, ob ihr Kind ein erhöhtes Allergierisiko aufweist. Zudem bekommen sie laienverständliche Ratschläge zum Vorbeugen, die sich an der kürzlich überarbeiteten medizinischen S3-Leitlinie zur Allergieprävention orientieren.

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Allergien befinden sich seit einigen Jahrzehnten weltweit auf dem Vormarsch, und oft beginnen sie schon in der Kindheit. »Inzwischen leidet in Europa jedes zehnte Baby an Neurodermitis, jeder vierte Teenager hat Heuschnupfen und in jeder Schulklasse sitzen zwei Kinder mit Asthma«, sagte Professor Dr. Ulrich Wahn, Direktor einer der pädiatrischen Kliniken an der Charité Universitätsmedizin Berlin. Er gehörte zu den Rednern auf einer Pressekonferenz beim 4. Gemeinsamen Deutschen Allergiekongress in Berlin. Bei Allergikern reagiere das Immunsystem überempfindlich auf harmlose Umweltantigene, wie etwa Nahrungsmittel, Pollen oder Hausstaubmilben. Dieser Fehlprogrammierung lasse sich in vielen Fällen vorbeugen, sodass Allergien gar nicht erst entstehen. Doch müssten entsprechende Präventionsmaßnahmen sehr früh ansetzen, nämlich in den ersten Lebensmonaten des Säuglings, beziehungsweise sogar schon während der Schwangerschaft.

 

Deshalb hat das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) anlässlich des Kongresses eine Broschüre mit einem »Allergie-Risiko-Check« erarbeiten lassen (www.aktionsplan-allergien.de). Werdende oder frisch gewordene Eltern können anhand weniger Fragen ermitteln, ob ihr Nachwuchs ein erhöhtes oder stark erhöhtes Allergierisiko aufweist. Unter anderem berücksichtigt der Test allergische Erkrankungen in der Familie sowie Umweltfaktoren, die Allergien fördern. Passend zum Ergebnis, nennt die Broschüre geeignete Präventionsmaßnahmen. Diese stützen sich auf die medizinische S3-Leitlinie zur Allergieprävention in ihrer überarbeiteten Fassung vom März 2009 (www.uni-duesseldorf.de/AWMF/ll/061-016.htm). Die meisten Empfehlungen scheinen selbst dann gesundheitlich sinnvoll zu sein, wenn der Test kein erhöhtes Allergierisiko ergeben hat.

 

So kommt dem Heft zufolge allen Kindern die Schaffung einer rauchfreien Umgebung zugute, im Mutterleib ebenso wie nach der Geburt. Zudem bräuchten gefährdete und stark gefährdete Säuglinge im häuslichen Umfeld Schutz vor weiteren Umweltfaktoren, die Allergien fördern. Daher sollten werdende Eltern feuchte Stellen oder Schimmelflecken in der Wohnung beseitigen, bei Renovierungsarbeiten nur lösungsmittelarme Farben und Lacke verwenden und möglicherweise sogar auf die Haltung von »Haustieren, die ein Fell tragen«, verzichten.

 

Umgekehrt helfe das Stillen Säuglingen dabei, einen eigenen Schutz vor Allergien aufzubauen. Diese Empfehlung stützt sich auf Studien, wonach Säuglinge seltener Allergien entwickeln, wenn sie in den ersten vier Monaten ausschließlich von Muttermilch leben. Kinder mit einem erhöhten Allergierisiko, deren Mütter nicht stillen können oder wollen, sollten in den ersten Monaten nur hypoallergene (HA) Säuglingsnahrung bekommen. Die darin enthaltenen Eiweiße verlieren aufgrund lebensmitteltechnischer Veränderungen, nämlich einer partiellen oder extensiven Hydrolyse, ihre allergene Signalwirkung auf das Immunsystem.

 

Allergenmeidung überflüssig

 

Ab dem fünften Lebensmonat können Säuglinge langsam und schrittweise den ersten Brei zugefüttert bekommen. Bei dieser sogenannten Beikost gelten selbst für Risiko- und Hochrisikokinder laut Broschüre dieselben Empfehlungen wie für solche, die nicht zu Allergien neigen. »Al­lergenarme Diäten für Babys stellen also eine unnötige Einschränkung dar«, kommentierte die Kinderärztin Professor Dr. Susanne Lau, die an derselben Charité-Klinik arbeitet wie Wahn. Selbst Möhren dürfe die Beikost enthalten, da sie ihr allergenes Potenzial beim Kochen verlieren. Auch Frauen müssten in Schwangerschaft und Stillzeit nicht aus Gründen der Allergieprävention auf Nahrungsmittel verzichten. Ganz im Gegenteil bergen Diäten die Gefahr eines Nährstoffmangels für Mutter und Kind, heißt es in der Broschüre.

 

Lau begrüßte diese Ernährungsempfehlungen, denn sie räumten auf mit »weit  verbreiteten, nicht wissenschaftlich, sondern ideologisch begründeten Maßnahmen zur Allergieprävention«. »Viel zu oft sehe ich in der Klinik bei Müttern und Kindern Mangelerscheinungen, die in Deutschland eigentlich seit Jahrzehnten nicht mehr vorkommen.« Als Beispiele nannte Lau einen Mangel an Vitamin B12, Vitamin K oder Eiweiß. »Die Vielfalt der existierenden Empfehlungen ist verwirrend, widersprüchlich und of nicht mehr aktuell«, bestätigte Marliese Köster, die Bundesvorsitzende des Deutschen Allergie- und Asthmabundes (DAAB). Zudem hätten viele junge Eltern individuelle und spezielle Fragen. Der DAAB möchte Köster zufolge umfassend und unabhängig Auskunft geben. Deshalb hat er zusammen mit dem Präventions- und Informationsnetznetzwerk Allergie und Asthma (PINA) eine nationale »Telefon-Helpline« zur Allergieprävention eingerichtet, die das BMELV finanziell unterstützt. Die telefonische Beratung ist seit Anfang September unter der Nummer 0180 5 052251 immer montags bis freitags von 9.30 bis 12.00 Uhr erreichbar (Kosten 12 Cent pro Minute).


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Beitrag erschienen in Ausgabe 41/2009

 

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