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Altmedikamente: Viel Lärm um Müll

WIRTSCHAFT UND HANDEL

 
Altmedikamente

Viel Lärm um Müll

Von Daniela Biermann

 

Seitdem Ende Mai der Entsorger VfW seinen kostenlosen Abholservice für Altmedikamente eingestellt hat, fürchten bundesweit Patienten und Apotheken, auf ihrem Medikamentenmüll sitzen zu bleiben. Doch gibt es eine Übergangslösung. Die Apothekerkammer Berlin geht derweil ihren eigenen Weg.

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Die Deutschen trennen gerne Müll. Und sie schätzen den Service der Apotheken. Da passt es nur zu gut zusammen, dass die Apotheken freiwillig flächendeckend alte und übrig gebliebene Arzneimittel zurücknehmen. Das Apothekenpersonal trennte wenn nötig noch Packung und Beipackzettel vom eigentlichen Medikament. Das wanderte daraufhin in rund 17.000 Apotheken in einen der roten Wertstoffsäcke von VfW Remedica, dem Entsorgungssystem der VfW für Altmedikamente.

 

Im Schnitt fallen in jeder Apotheke vier Säcke in fünf Wochen an, sagt VfW-Geschäftsführer Dr. Michael Heising der PZ. Seit 15 Jahren holt VfW die Säcke ab, lagert sie in Depots, bis ein Container voll ist, und führt sie dann Müllverbrennungsanlagen zu, die sie sachgerecht entsorgen.

 

Bis Juni 2009 geschah dies kostenlos. Kostenlos? Für die Apotheker ja, erklärt Heising. »Wir hatten Einzelverträge mit den pharmazeutischen Unternehmen, die uns für die Entsorgung der Verpackungsmaterialien und der Altmedikamente bezahlten.« Denn laut Verpackungsverordnung sind die Hersteller dazu verpflichtet, für die Entsorgung der von ihnen produzierten Schachteln, Blister und Pillen aufzukommen. Dabei konnte VfW die Kosten für die Verbrennung der Altmedikamente durch Erlöse für recyclefähige Verpackungsmaterialien teilweise querfinanzieren. »Alles lief gut und unproblematisch in nur einem Arbeitsgang«, sagt Heising.

 

Doch am 1. Januar dieses Jahres trat die fünfte Novelle der Verpackungsverordnung in Kraft. Wiederverwertbare Materialen müssen nun dem dualen System zugeführt werden und entgehen somit den sogenannten Selbstentsorgern wie VfW. Nur die Medikamente zu entsorgen, lohnt sich nicht mehr. »Wir sahen uns gezwungen, das bisherige System Ende Mai einzustellen«, bedauert Heising. Zwar sei man schon seit einem Jahr im Gespräch mit Apotheker- und Pharmaverbänden, doch mit einer Lösung, die für die Apotheken möglichst kostenfrei aussehen soll, rechnet Heising erst Ende des Jahres.

 

Zahlreiche Apotheker hätten bei VfW angerufen und darum gebeten, sich eine Lösung für den Übergang einfallen zu lassen. »Wir wollen die Apotheken nicht im Regen stehen lassen«, versichert Heising. Zwar dürfen Medikamente auch über den normalen Hausmüll entsorgt werden. Doch das wird manchem Patienten und Apotheker Bauchschmerzen bereiten. Zu groß ist die Gefahr, dass Kinder und Unbefugte an alte Benzodiazepine oder ähnlich gefährliche Stoffe kommen. Das Vertrauen in die Entsorgung über die Apotheken ist dagegen groß.

 

Hinzu kommt der Umweltaspekt. Riccardo Amato vom Umweltbundesamt bestätigt gegenüber der PZ, dass nicht überall der komplette Hausmüll verbrannt wird. So gelangen Arzneimittel durchaus auch auf Deponien, wo sie versickern. Daher dürfen einige hoch potente Arzneimittel wie die Zytostatika nicht in den Hausmüll. »Zwar ist die Entsorgung im Hausmüll legal«, sagt Amato. »Wir befürworten aber weiterhin den Entsorgungsweg über die Apotheker. So ist sichergestellt, dass Unbefugte keinen Zugriff haben und der Müll direkt verbrannt wird.«

 

Damit die Medikamente nicht bis Neujahr liegen bleiben, bietet VfW seit Anfang August eine Übergangslösung an. Unter der Pharmazentralnummer 5465100 können die Apotheken ein Altmedikamenten-Abholset bei der Firma Wepa bestellen. Das Set enthält fünfmal vier rote Müllsäcke. Das ist entspricht der Menge an Müll, die bis Jahresende in einer durchschnittlichen Apotheke noch anfallen wird. Das Set kostet 100 Euro, die die Apotheke an Wepa zahlt.

 

Wepa benachrichtigt daraufhin VfW Remedica. Der Entsorger setzt sich mit der Apotheke in Verbindung und vereinbart einen Abholtermin. Im Preis sind die Kosten für fünf Abholungen inklusive aller Logistik und Müllverbrennung enthalten. Einzelverträge mit den Apotheken wären dagegen zu aufwendig gewesen. »Wir suchen nach einer Gesamtlösung«, erklärt Heising. »Die große Resonanz der Apotheken bestätigt uns.«

 

Berlin geht einen eigenen Weg

 

Derweil hat sich die Apothekerkammer Berlin um eine eigene Lösung gekümmert. Ab September kann zunächst etwa ein Drittel der 892 Apotheken die »Medi-Tonne« bei der Berliner Stadtreinigung bestellen. Die abschließbare Tonne ist mit einem Volumen von 120, 240 oder 660 Litern erhältlich. Lediglich die Apotheke erhält einen Schlüssel für das Schwerkraftschloss der Tonne, das sich sonst nur beim Entladevorgang am Müllfahrzeug öffnet. Das System sei sicher, versichert Rainer Auerbach von der Apothekerkammer Berlin der PZ.

 

Der Müll wird 14-tägig gesondert abgeholt und verbrannt. Auch Rezepturreste und Müll aus Arztpraxen dürfen in die Tonne, Chemikalien jedoch nicht. Die Tonne kann zusätzlich oder als Ersatz für die Gewerbe- oder Hausmülltonne genutzt werden. Die Kosten für die Entsorgung der großen Medi-Tonnen sind dabei günstiger als jene für Hausmülltonnen. Die kleinste Tonne kostet im Quartal 39,65 Euro, die größte 100,55 Euro. Zum Einsatz kommen sie zunächst in den Bezirken Charlottenburg-Wilmersdorf, Spandau und Tempelhof-Schöneberg. Bei entsprechender Nachfrage will die Berliner Stadtreinigung das Angebot im Oktober ausweiten.

 

Solche »Extra-Touren« der Stadtreinigung mögen sich in großen Städten lohnen, auf weiter Fläche gestalten sie sich eher schwierig. Wie Thomas Metz vom Apothekerverband Bayern und Dr. Peter Szynka vom Apothekerverband Nordrhein bestätigen, läuft die Entsorgung in Bayern und Nordrhein-Westfalen unterschiedlich von Landkreis zu Landkreis, von Kommune zu Kommune. Mancherorts gibt es kostenlose zentrale Sammelstellen, anderswo kommen Schadstoffmobile vorbei. In Bremen als kleinstem Bundesland können Apotheken kleine Mengen sammeln und kurz vor Abholung in den Hausmüll geben. Wie sich der Bremer Apothekerverein bestätigen ließ, wird der Müll in einer der beiden modernen Verbrennungsanlagen vernichtet. Konkret informieren können sich Apotheken beim Umweltamt ihrer Kommune.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 36/2009

 

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