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Schlafstörungen: Ursache für psychische Krankheiten

MEDIZIN

 
Schlafstörungen

Ursache für psychische Krankheiten

Von Stephanie Schersch

 

Wer an einer psychischen Erkrankung leidet, klagt oft auch über Schlafstörungen. Diese galten lange als einfaches Symptom der seelischen Krankheit. Doch nun deuten Studien auch auf einen umgekehrten Zusammenhang hin. Die Schlafstörung wird demnach zur eigentlichen Ursache.

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Nach einem Bericht des britischen Fachmagazins »New Scientist« verursacht schlechter Schlaf möglicherweise erst eine psychische Erkrankung oder aber führt zu einem Verhalten, das Ärzte als eine solche fehldeuten. Verschiedene Studien stützen diese Vermutung. So beschäftigt sich eine Untersuchung, die ein Team um Paul Peppard von der US-amerikanischen University of Wisconsin-Madison 2006 veröffentlichte, mit der Beziehung zwischen Schlafapnoe, einer nächtlichen Atmungsstörung, und dem Auftreten von Depressionen (1).

 

Circa 800 Männer und 600 Frauen nahmen an der Studie teil, das Ergebnis fiel eindeutig aus: Je stärker die Schlafstörung des Patienten, desto größer das Risiko, eine Depression zu entwickeln. Letztere kann dabei nicht Auslöser der Atmungsstörung sein, da Schlafapnoe in der Regel auf physische Faktoren zurückzuführen ist, wie etwa stark ausgeprägte Mandeln bei einer gleichzeitig relativ schmalen Luftröhrenöffnung. »Solche Studien stellen die ursprüngliche und lange vorherrschende Sichtweise völlig auf den Kopf«, sagt Professor Dr. Dieter Riemann, Psychologe und Schlafwissenschaftler an der Universität Freiburg, gegenüber der PZ. »Die Insomnie wird inzwischen als eigenständiges Symptom wahrgenommen, das es zu erforschen gilt.«

 

Seit den 1980er-Jahren werden entsprechende Untersuchungen verstärkt vorgenommen. Heute geht man davon aus, dass bei Patienten mit einer chronischen Schlafstörung das Risiko, depressiv zu werden, zwei- bis viermal so hoch ist wie bei einem Menschen mit gesundem Schlaf. Als chronisch gilt eine Schlafstörung ab einer Dauer von sechs Monaten. Riemann hält zwei Theorien für möglich, warum gestörter Schlaf die Gefahr einer Depression deutlich erhöht. Aus verhaltenstherapeutischer Sicht entwickele sich letztendlich eine Form von Hilflosigkeit. »Man schläft schlecht, versucht dagegen anzugehen, schafft es aber nicht. Dieser Zustand führt schließlich zu einer depressiven Verstimmung«, beschreibt Riemann.

 

Biologisch betrachtet lässt sich bei Depression und Schlafstörung der gleiche zentrale Prozess erkennen: die erhöhte Ausschüttung von Cortisol. »Das versetzt den Körper in den Zustand einer Stresssituation«, sagt Riemann. Physische sowie psychische Belastungen seien die Folge. Hinzu komme die genetische Veranlagung einiger Menschen. »Sie sorgt dafür, dass sich die Stresssituation nicht zurückbilden kann, wie dies normalerweise der Fall ist.«

 

Matt Walker von der US-amerikanischen University of California, Berkeley, und seine Kollegen haben sich in 2007 veröffentlichten Untersuchungen eingehend mit den Prozessen auseinandergesetzt, die infolge von Schlafmangel im Gehirn ablaufen (2). Sie fanden heraus, dass gestörter Schlaf die Kommunikation zwischen Mandelkern (Amygdala) und Frontallappen massiv beeinflusst und sogar unterbricht. Während der Mandelkern die Bewertung emotionaler Reize steuert, werden in einem Teil des Frontallappens, dem präfrontalen Kortex, die kognitiven Prozesse reguliert und dabei situationsgerechtes Handeln instruiert. Fehlender Schlaf kann folglich die Fähigkeiten des Gehirns einschränken, Emotionen zu verarbeiten und angemessen auf emotionale Reize zu reagieren. Walker glaubt, dass der gestörte Kommunikationsverlauf zwischen Amygdala und Frontallappen so schließlich zum Auftreten psychiatrischer Symptome führt. Auch bei Erkrankungen wie Depressionen sei die Aktivität des Frontallappens behindert.

 

Zusammenhang mit ADHS vermutet

 

Für die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) wird ebenfalls ein Zusammenhang mit Schlafabnormalitäten vermutet. Zwischen einem Viertel und der Hälfte der an ADHS erkrankten Kinder schläft schlecht, während dies für nur etwa 7 Prozent der gesunden Kinder gilt. Einer Untersuchung der McGill-Universität im kanadischen Montréal zufolge haben Kinder mit ADHS in der Regel einen kürzeren und weniger erholsamen Schlaf (3). Bei den 15 getesteten kleinen ADHS-Patienten im Alter von 7 bis 11 Jahren war die Nacht im Durchschnitt 33 Minuten kürzer als in einer Kontrollgruppe von gleichaltrigen gesunden Kindern. Auch die REM-Phasen, denen Experten eine wichtige Bedeutung für den Erholungscharakter im Schlaf beimessen, waren um 16 Minuten verkürzt. Schlafmangel sei zwar nicht die Ursache von ADHS, könne aber die Symptome deutlich verschlimmern, stellten Reut Gruber und sein Team abschließend fest. Auch bei gesunden Menschen könne schließlich ein gestörter Schlaf die Konzentration und Lernfähigkeit beeinträchtigen, die Teil der ADHS-Symptomatik sind.

 

Noch weiter geht eine Studie von David Gozal von der US-amerikanischen University of Louisville, Kentucky, und Kollegen (4). Es bestehe die Gefahr, so das Fazit, dass durch eine Schlafstörung hervorgerufene Erscheinungen fälschlicherweise als ADHS interpretiert würden. 34 gesunde Kinder und 83 Kinder mit ADHS wurden auf ihr Schlafverhalten hin untersucht. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass ein Viertel der Kinder mit leichter ADHS unter Schlafapnoe leidet. Dies gilt dagegen nur für 5 Prozent der Kinder mit starker ADHS und ebenfalls nur für 5 Prozent der gesunden Kinder. Offenbar verursacht die nächtliche Atmungsstörung und der daraus resultierende Schlafmangel Symptome, die denen einer leichten ADHS-Erkrankung ähneln, schreiben die Forscher. Es bestehe die Gefahr einer falschen Diagnose und Behandlung.

 

Dieses Risiko gilt nach Angaben des »New Scientist« auch für weitere psychische Erkrankungen. Viele Patienten würden fälschlicherweise mit Psychopharmaka behandelt. Die eigentliche Ursache der Symptome, der gestörte Schlaf, bleibe dabei unerkannt. Dessen Behandlung könne jedoch zur deutlichen Besserung der Symptome und in einigen Fällen sogar zur Heilung des Patienten führen. Wie viele Menschen mit der Diagnose einer psychischen Erkrankung unter Umständen nur an einer Schlafsstörung leiden, lässt sich nicht feststellen. »Auf diesem Feld ist noch sehr viel Forschung notwendig«, sagt Riemann. Die Erkenntnis jedoch, dass schlechter Schlaf in einem Zusammenhang mit dem Auftreten psychiatrischer Symptome stehe, müsse sich endlich auch in der Praxis etablieren. »Es ist sehr wichtig, bei Diagnose und Behandlung einer psychischen Erkrankung auch die Möglichkeit einer Schlafstörungen in Betracht zu ziehen«, so Riemann.


Literatur

  1. Peppard E et al., 2006, Archives of Internal Medicine, 16: 1709-1715
  2. Yoo S et al., 2007, Current Biology, 17:  R877-R878
  3. Gruber R et al., Sleep, 2009, 32: 343-350
  4. O`Brian L et al., Pediatrics, 2003, 111: 554-563

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Beitrag erschienen in Ausgabe 35/2009

 

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