Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

Aufputschmittel: Fertigarzneimittel zur illegalen Rauschmittelproduktion

POLITIK

 
Aufputschmittel

Fertigarzneimittel zur illegalen Rauschmittelproduktion

Von Harald G. Schweim, Bonn

 

Mit ein wenig Fachkenntnis lassen sich aus rezeptfrei erhältlichen Arzneimitteln gefährliche Aufputschmittel herstellen. Kochanleitungen dazu finden sich im Internet. Die Politik nimmt das immer größere werdende Problem bislang kaum wahr.

 

Im April 2009 gab es eine Meldung der AMK, die viel zu wenig beachtet wurde (Auszug): »Die missbräuchliche Verwendung ephedrin- und pseudoephedrinhaltiger Arzneimittel zur illegalen Herstellung von Metamfetamin ist in Deutschland zunehmend ein Problem. Seit mehreren Monaten wird versucht, speziell pseudo­ephedrinhaltige Arzneimittel sowohl in örtlichen Apotheken als auch über Versandapotheken in jeweils ungewöhnlich hoher Stückzahl (teilweise mehrere hundert Packungen pro Bestellung/Kauf) zu beschaffen. Es handelt sich gegenwärtig in erster Linie um Reactine Duo® (120 mg Pseudoephedrinhydrochlorid / Tablette) und Rhinopront® Kombi (60 mg Pseudoephedrinhydrochlorid/Tablette). Aus den Fertigarzneimitteln wird der Wirkstoff zurückgewonnen, um daraus illegal Metamfetamin (»Crystal«) herzustellen. In der Tschechischen Republik ist dies durch umfangreiche Laborsicherstellungen belegt.«

 

In Tschechien wurde jüngst der Drogenbericht für das Jahr 2007 veröffentlicht. Die Fakten, die da zutage traten, sind alles andere als erfreulich: In Tschechien wird immer mehr Crystal illegal hergestellt. 2007 wurden in Tschechien rund vier Millionen Packungen mit Medikamenten verkauft, in denen die Substanz Pseudo­ephedrin enthalten war.

 

Nach Schätzungen der tschechischen Ärztekammer werden etwa 80 Prozent der genannten Menge, also rund 3,2 Millionen Packungen, zur Herstellung von Crystal missbraucht. Mit dieser Menge wiederum lässt sich gut und gern eine Tonne der berüchtigten Droge erzeugen. Nach einem Beitrag von www.radio.cz (http://www.radio.cz/de/artikel/102096) haben die tschechischen Behörden klare Beweise dafür, dass eine Reihe von tschechischen Apotheken bis zu einem Viertel ihres Umsatzes mit dem Verkauf von Medikamenten machen, die als Ausgangsstoffe zur Produktion von Crystal genutzt werden. Das Produkt wird auch ins Ausland verkauft. In Deutschland, Österreich oder auch in England wächst die Nachfrage nach Crystal beständig.

 

Methamphetamin wurde 1893 erstmals durch den japanischen Chemiker Nagayoshi Nagai in flüssiger Form synthetisiert. Methamphetaminhydrochlorid wurde 1938 unter dem Markennamen Pervitin® von den Temmler-Werken auf den Markt gebracht und bis 1988 hergestellt. Insbesondere während der Kriege gegen Polen und Frankreich 1939/40 fand es millionenfache Verwendung. Unter den Spitznamen Panzerschokolade, Stuka-Tabletten, Hermann-Göring-Pillen oder Hitler-Speed diente das Mittel zur Dämpfung des Angstgefühls und zur Steigerung der Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit der Soldaten.

 

Wenn man in der bekanntesten Suchmaschine Google mit dem Stichwort »Ephedrin« sucht, so findet man Angebote von Versandapotheken – auch mit »DIMDI-Siegel. Selbstverständlich kann jeder Apothekenleiter in eigener Verantwortung apothekenpflichtige Mittel bewerben. Ob er aber, in dem Licht der vorstehenden AMK-Meldung und nach Kenntnisnahme des nachstehenden Text in seiner Suchmaschine das Stichwort »Ephedrin« weiterhin suchbar machen und dann alle erhältlichen Kombinationspräparate anbieten sollte?

 

Crystal gehört zu den am schnellsten zerstörenden Drogen überhaupt. Vielfach wird auch das alte Warenzeichen Pervitin als Bezeichnung genutzt. Da dies ein Fertigarzneimittel in seiner Zeit anerkannter Qualität war, nutzen wir zur Kennzeichnung des illegalen Produktes nur den Szenenamen Crystal.

 

Preiswerte Drogen

 

Methamphetamin gilt heute unter Modenamen wie Yaba, Meth, Crystal oder Crystal Meth als preiswerte »Partydroge« mit aufputschender Wirkung. Crystal ist kristallisiertes Methamphetaminhydrochlorid (korrekte Bezeichnung: Metamfetaminhydrochlorid), das wie Eis oder Glassplitter aussieht. Durch seine Verdampfbarkeit ist es (andere Methamphetaminsalze, wie das Sulfat, sind es nicht) in einer »Icepipe« »rauchbar«, genauer gesagt, wird der Dampf inhaliert. Damit man den Stoff »rauchen« kann, muss er eine gewisse Reinheit aufweisen, sonst verbrennen die Streckmittel und verhindern ein sauberes Verdampfen. Manchmal wird es auch geschnupft, oral aufgenommen oder in Wasser gelöst injiziert. In einigen Fällen wird es sogar rektal oder über die Urethra aufgenommen. Crystal, das geschnupft wird, ist teilweise mit feinen Glassplittern versetzt um die Aufnahme durch kleine Verletzungen der Nasenschleimhaut zu verbessern. Es gehört zur Gruppe der »Weckamine« und untersteht dem BtMG.

 

Metamphetamin führt im Gehirn zu einer vermehrten Ausschüttung von biogenen Neurotransmittern. Zusätzlich hemmt es deren Wiederaufnahme. Es wird relativ langsam verstoffwechselt und über die Niere ausgeschieden. Schon ab 50 mg der reinen Droge können bei nicht gewöhnten Personen toxische Wirkungen auftreten. Durch Erschöpfung der Dopaminreserven und einem Untergang der Rezeptoren kommt es bei mehrmaligem Gebrauch schnell zu einem Gewöhnungseffekt, wodurch die Dosen nach und nach extrem gesteigert werden müssen um einen gleichen Effekt zu erzielen. Die Wirkungen von Crystal sind ähnlich denen von Kokain, jedoch um einiges stärker. Vor allem wird Müdigkeit unterdrückt, die Konsumenten können bis zu einige Tage am Stück wach bleiben und fühlen sich euphorisch. Appetit und Durstgefühl werden reduziert. Es kommt zu Nervosität und zwanghafter, planloser motorischer Aktivität und einem gesteigerten Sexualtrieb. Kontakte werden leichter geknüpft (gesteigerter Redefluss) und die Kritikfähigkeit nimmt ab. Es kann zu einem massiven Blutdruckanstieg, Herzrhythmusstörungen, verstärktem Schwitzen und Hyperthermie oder einem Krampfanfall kommen. Eine Inhalation führt häufig zu einer pulmonalen Hypertonie und Embolie. Es kommt gelegentlich zu einer Rhabdomyolyse und im weiteren Verlauf dadurch zu einem Nierenversagen. Es kann in einigen Fällen zu sehr aggressivem Verhalten, auch in Verbindung mit paranoiden Wahnvorstellungen führen. Ein Kribbeln unter der Haut wird in extremen Fällen als unter der Haut krabbelnde Insekten wahrgenommen, wodurch die Patienten sich manchmal selbst schwere, nachfolgend sich entzündende, Wunden zufügen. Eine latente Schizophrenie kann akut werden. In einer späteren Phase kann Crystal durch den erhöhten Hämatokrit durch Flüssigkeitsverlust infolge der Hyperthermie und des reduzierten Durstgefühls oder im Rahmen einer hypertonen Krise zu einem Apoplex führen. Gelegentlich kommt es zu Koma oder durch Hirnblutung oder Herzversagen zum Tod. Für die extreme zerstörerische Wirkung werden wesentlich die Verunreinigungen aus der »Untergrund-Labor-Herstellung« verantwortlich gemacht (nach http://www.bvrd.org/News-file-print-sid-40.html).

 

In Deutschland und anderen europäischen Ländern vertriebenes Crystal stammt derzeit vor allem aus sogenannten Küchenlabors in Osteuropa. Die Hersteller versuchen, auch über Versandapotheken und Apotheken in Deutschland geeignete Fertigarzneimittel oder Ausgangsstoffe wie Ephedrin oder -derivate, die mittels Iod und Phosphor reduziert werden, zu beziehen. Oft verlangen Beschaffer nach auffällig großen Mengen an Schnupfenmitteln. Crystal kann auch relativ einfach aus bestimmten, auch aus nicht-verschreibungspflichtigen, in den USA erhältlichen Erkältungsmitteln und einigen weiteren Chemikalien hergestellt werden. Dort gibt es zum Beispiel zur Behandlung der erkältungsbedingten Nasenschleimhautschwellung Inhalierstifte mit Levomethamphetamin und weitere, freiverkäufliche »Erkältungspräparate«, die Ephedrin oder -derivate enthalten.

 

Die Reduktion mit rotem Phosphor, Iod und Iodwasserstoffsäure ist zwar chemisch veraltet, aber effizient und billig. Erschreckend ist, dass detaillierte Anleitungen zur Herstellung einfach und problemlos im Web recherchierbar sind. Ein Rückgriff auf chemische Bibliotheken (heute übrigens auch durch Suche in Spezialangeboten von Google bis zur faksimilierten Originalvorschrift machbar) oder vertiefte organisch-chemische Kenntnisse sind nicht erforderlich.

 

Kochvorschriften für die Küche

 

Beim Durcharbeiten der Links findet man bereits nach kurzem Suchen einschlägige Arbeitsanweisungen zur Herstellung mit »Küchenlabormitteln«. Der chemisch Kundige erkennt leicht, dass eine größere Anzahl dieser »Kochvorschriften« auch tatsächlich funktionieren müsste, wenn er sie mit der Originalliteratur vergleicht. Eine Reihe der Vorschriften sind allerdings auch chemischer Unfug. Der »nachkochwillige« Laie wird also gegebenenfalls mehrere Verfahren ausprobieren müssen.

 

Man braucht offensichtlich nur das geeignete rezeptfreie ephedrinhaltige Mittel und wird von den Schreibern der Texte detailliert durch die Prozedur geführt. Dazu gehören auch eine Beschaffungsliste für Gerätschaften und Chemikalien sowie Hinweise, wie man die Beschaffung der benötigten Fertigarzneimittel verschleiert. So bietet die US-Website »Synthesis Book« eine Anleitung, wie aus einem in den USA rezeptfrei erhältlichen Arzneimittel Metamphetaminkristalle gewonnen werden können. Es gibt auch deutschsprachige Quellen mit Herstellungsanleitungen für »Crystal«, die hier aber bewusst nicht näher vorgestellt werden.

 

Generell lohnt der Blick auf die Situation in Deutschland. Wenn man die Meldungen der letzten Tage und Wochen über die Aktivitäten der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Sabine Bätzing, SPD, liest, liegen ihre Hauptarbeitsgebiete dabei auf Themen wie Rauchverbot, Alkoholmissbrauch, Online-Sucht und Jugendschutz. Auch der Bericht über die Vorstellung des Drogenberichtes 2009 macht mit der Schlagzeile »Koma-Trinken ungebremst« auf. Alle diese Themen sind sicher hoch wichtig und die Beschäftigung mit ihnen ein wichtiger Beitrag auch zum Jugendschutz, wenn man denn in der Sache erfolgreich ist.

 

Möglicherweise würde der Unkundige aus diesen Schwerpunktsetzungen aber auch schließen, dass die »harten« Drogen ein untergeordnetes Problem sind. Das Gegenteil ist richtig: So heißt es in einem Jahresbericht des Bundeskriminalamtes (BKA): »In 8425 Fällen wurden 1283 kg Amphetamin und Methamphetamin sichergestellt. Dies bedeutet einen Anstieg sowohl der Fallzahl (+10 Prozent) als auch der beschlagnahmten Menge (+56 Prozent) gegenüber dem Jahr 2007. Der weitaus überwiegende Teil der sichergestellten Amphetaminmenge mit ermittelter Herkunft stammte aus den Niederlanden. In mehreren Fällen erfolgte der Schmuggel zudem aus Belgien oder Polen und bei kleineren Mengen auch aus der Tschechischen Republik. Mit 284 kg wurde im Jahr 2008 in Nordrhein-Westfalen die bislang größte Einzelmenge von Amphetamin in Deutschland sichergestellt. In den Sicherstellungszahlen zu Amphetamin und Methamphetamin sind 356 Fälle (minus 22 Prozent im Vergleich zu 2007) enthalten, in denen insgesamt etwas mehr als 4 kg kristallines Methamphetamin (Crystal) (minus 58 Prozent gegenüber 2007) beschlagnahmt wurden. Rund 83Prozent dieser Menge wurden in Sachsen und Bayern sichergestellt. Wie schon im Vorjahr wurden in Thüringen zahlreiche Sicherstellungen registriert, bei denen allerdings durchschnittlich weitaus geringere Einzelmengen beschlagnahmt wurden. Beim Handel und Schmuggel mit Amphetamin und Methamphetamin traten meist deutsche Tatverdächtige in Erscheinung. Unter den Nichtdeutschen spielten vor allem türkische und polnische Staatsangehörige eine Rolle.

 

Ephedrin, Pseudoephedrin und 1-Phenyl-2-propanon sind aufgeführt in Tabelle I des Übereinkommens der Vereinten Nationen von 1988 zur Bekämpfung des illegalen Handels mit Suchtstoffen und psychotropen Substanzen. Die entsprechende EU-Gesetzgebung beruht auf der Verordnung (EWG) Nr. 3677/90 des Rates (mit späteren Änderungen), die den Handel zwischen der EU und Drittländern reguliert. Nachdem lange Zeit Medikamente mit dem Inhaltsstoff Ephedrin rezeptfrei in den Apotheken erhältlich waren, sind seit einer Änderung des Arzneimittelgesetzes in Deutschland am 1. April 2006 alle ephedrinhaltigen Substanzen (inklusive Pflanzenteile) rezeptpflichtig.

 

Kombipräparate auf dem Markt

 

Wirklich »alle«? – Leider nein, denn etliche Kombinationspräparate, die Ephedrin oder -derivate enthalten, sind weiterhin rezeptfrei verfügbar. Das Diastereomer des Ephedrins, Pseudoephedrin, ist ebenfalls in Kombipräparaten erhältlich. Allerdings deuteten bisher die IMS-Verkaufszahlen in Deutschland nicht darauf hin, dass diese Produkte in größerem Ausmaß als »Ausgangsquelle« für die Crystal-Produktion verwendet wurden. Das mag daran liegen, dass das von der Ephedrin-Menge her interessanteste Produkt recht hochpreisig ist.

 

In den USA ist Crystal das Drogenproblem Nummer eins. Somit stellt sich die Frage, ob es nicht nur eine Frage der Zeit ist, bis auch aus den noch bei uns erhältlichen Produkten Crystal in »epidemieartigem« Ausmaß, wie zum Beispiel in Osteuropa oder den USA, hergestellt wird. Die »Vorarbeiten« dazu sind offensichtlich im Gange, wenn man in einschlägige Web-Foren schaut. Wem dann die in Deutschland rezeptfrei erhältlichen Fertigarzneimittel als Ephedrin-Quelle zu wenig Wirkstoff enthalten, der bedient sich einschlägiger illegaler Versender oder legaler US-amerikanischer Quellen.

 

Auch in Deutschland ein Problem

 

Die »Welle« der illegalen Produktion von Amphetamin und -derivaten in »Küchenlabors« aus rezeptfrei erhältlichen Arzneimitteln hat Deutschland noch nicht in dem Ausmaß, wie die USA und Osteuropa, erreicht. Wir haben also noch die Chance, uns der Anfänge zu erwehren. Allerdings ist das Crystal-Problem auch in Deutschland relevant. Der/dem neuen Drogenbeauftragten einer neuen Bundesregierung sei an Herz gelegt sich nicht nur mit Themen wie der Online-Sucht zu beschäftigen, sondern sich auch, in Zusammenarbeit mit einer(m) neuen Gesundheitsminister(in),  um die Rezeptfreiheit von Ephedrin-Kombinations-Arzneimitteln zu kümmern. Für die Notwendigkeit ihrer Existenz gibt es, vorsichtig ausgedrückt, keine medizinisch haltbaren Argumente.

 

Bei der Handlungsweise der Werbung für solche Produkte durch Versandapotheken sollten diese ihr pharmazeutisches Gewissen befragen. Dass die Freigabe des Versandhandels durch die rot-grüne Bundesregierung und die Tatenlosigkeit des schwarz-roten Nachfolgers das Problem weiter gefördert hat, ist evident. Möglicherweise, bei geringer Hoffnung, begreifen das ja auch noch FDP und Grüne, wobei Letztere, wie die SPD, echte »Versandhandelsfans« sind. Die CDU/CSU will ihn laut Regierungsprogramm 2009 bis 2013 zumindest zurückfahren. Nur die Linke fordert schon länger, konsequent den Versandhandel auf nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel zu begrenzen. Für viele Apotheker sicher eine ungewöhnliche politische Konstellation.

 

Harald G. Schweim ist Professor für Drug Regulatory Affairs an der Universität Bonn

Weitere Themen im Ressort Politik...



PHARMAZEUTISCHE ZEITUNG ONLINE IST EINE MARKE DER

 











DIREKT ZU