Wann kommt der Impfstoff?

Von Christina Hohmann
Die Bundesländer haben vergangene Woche 50 Millionen Impfdosen gegen den Erreger der Schweinegrippe bestellt. Diese müssen aber erst produziert werden. Laut Herstellerangaben läuft die Produktion gut. Die ersten Dosen werden voraussichtlich im September auf den Markt kommen.
Die Schweinegrippe (»Neue Influenza«) breitet sich rasant aus. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat wegen Überlastung der Labore das weltweite Zählen der bestätigten Erkrankungen eingestellt. In Deutschland sind laut Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) 3400 Fälle bestätigt, die tatsächliche Zahl dürfte aber deutlich größer sein. Mit Hochdruck wird bereits seit Wochen an einem Impfstoff gegen den Erreger der Schweinegrippe, das neue Influenza-A-Virus des Subtyps H1N1, gearbeitet. Weltweit haben laut WHO 20 Unternehmen die Produktion aufgenommen. In Deutschland sind es die beiden Impfstoffhersteller Novartis-Behring in Marburg und GlaxoSmithKline in Dresden.
Die Produktion des Grippeimpfstoffs ist ein langwieriger Prozess, der sich über etwa zwölf Wochen erstreckt. Ein gängiges Verfahren ist die Vermehrung des Virus in bebrüteten Hühnereiern. Hierfür werden die Eier mit einem Saatvirus beimpft. Das Virus vermehrt sich auf dem Embryo. Später werden die Eier geöffnet, die Viren isoliert, gereinigt und inaktiviert. Alternativ können die Viren auch in Zellkultur vermehrt werden. Das Saatvirus haben die Hersteller bereits im Mai von den WHO-Kollaborationszentren erhalten. Ende Juni startete die Massenproduktion der Vakzine. Erste klinische Studien würden derzeit schon parallel zur Massenproduktion durchgeführt, meldet GlaxoSmithKline. Vermutlich im September werden erste Impfstoffdosen auf den Markt kommen. Novartis geht von einer Auslieferung im vierten Quartal aus. Alle Hersteller haben geringere Ausbeuten als erwartet.
Gute Startbedingungen
Europa ist bei der Entwicklung der Impfstoffe gut aufgestellt. Denn hier existieren bereits seit Jahren Zulassungen für Mustervakzine, sogenannte »mock-up vaccines«. Diese Pandemie-Impfstoffe wurden mit dem Wissen entwickelt, dass der enthaltene Virusstamm im Falle einer Pandemie durch den Pandemie-Virusstamm ausgetauscht werden muss. Der neue Impfstoff benötigt dann keine neue Zulassung mehr, sondern nur eine Genehmigung zur Stammanpassung. Insgesamt vier Musterimpfstoffe sind durch die Europäische Kommission zugelassen, informiert die Europäische Arzneimittelagentur EMEA. Dies sind die Vakzine Celvapan® der Firma Baxter, Focetria® der Firma Novartis-Behring sowie Daronrix® und Pandemrix® von GlaxoSmithKline. Sie alle wurden mit einem Stamm des Influenza-A-Virus vom Subtyp H5N1, dem Erreger der Vogelgrippe, entwickelt. Alle Daten zur Sicherheit, Immunogenität und Verträglichkeit wurden mit diesem Stamm erhoben.
Die Impfstoffe werden nun an den H1N1-Stamm, der die Pandemie verursacht, angepasst. Hierfür müssen die Firmen noch weitere klinische Daten an die EMEA liefern. Dies sind unter anderem Daten zur Anwendung bei Kindern und älteren Menschen über 59 Jahren, sagte die Pressesprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), Dr. Susanne Stöcker, gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung. Zudem werde die Konsistenz der Herstellung und die Qualität des Impfstoffs geprüft. Sind die Ergebnisse zufriedenstellend, erteilt die Europäische Kommission die Genehmigung zur Stammanpassung.
Erste Daten zu den H1N1-Pandemie-Impfstoffen habe die EMEA bereits erhalten, meldet die Agentur. Zurzeit prüfe sie Daten zur Herstellung der Impfstoffe. Klinische Daten würden jetzt nach und nach von den Herstellerfirmen erhoben und eingereicht und von der EMEA sofort geprüft, sobald sie eintreffen. Dieses Verfahren, auch als »Rolling Review« bezeichnet, verkürzt den Prüfungsprozess. Ein normales Zulassungsverfahren für eine neue Vakzine dauere etwa 210 Tage, sagte PEI-Sprecherin Stöcker. Durch die beschleunigte Prüfung und die Musterzulassung könnte bereits nach fünf Tagen nach Einreichen der geforderten Unterlagen die Genehmigung zur Stammanpassung erteilt werden. Die EMEA koordiniert dieses Verfahren und gibt Empfehlungen ab, die Entscheidung trifft die EU-Kommission.
»Dies ist kein Selbstläufer«, sagte Stöcker. Wenn die Daten nicht zufriedenstellend wären, könnte die Genehmigung verweigert werden. Da es sich aber um ein etabliertes Routineverfahren handelt, sei dies »absolut nicht zu erwarten«. »Wir sind sehr zuversichtlich, dass im September Impfstoff zur Verfügung stehen wird«, sagte die PEI-Sprecherin. Baxter geht sogar davon aus, geringe Mengen des Impfstoffs Anfang August ausliefern zu können.
Die Stammanpassung entspricht in etwa dem Verfahren bei den saisonalen Grippeimpfstoffen. Auch diese müssen jedes Jahr auf drei neue Virusstämme angepasst werden, ohne dass jedes Mal eine neue Zulassung nötig ist. Von den saisona-len Grippeimpfstoffen unterscheiden sich die Pandemie-Impfstoffe erheblich. Zum einen enthalten Letztere nur einen Stamm statt drei Virusstämmen, zum anderen besitzen sie einen reduzierten Antigengehalt von 3,75 bis 7,5 µg Hämagglutinin pro Dose und enthalten ein Adjuvans, einen Wirkverstärker. Die saisonalen Impfstoffe dagegen enthalten pro Virusstamm 15 µg Antigen und, mit einer Ausnahme, kein Adjuvans.
Vorteile der Adjuvanzien
Celvapan der Firma Baxter bildet bei den Musterimpfstoffen eine Ausnahme. Es wird als einzige Vakzine mithilfe der Zellkultur-Technologie hergestellt. Das Antigen wird in Verozellen, einer etablierten Nierenzelllinie, poduziert. Celvapan kommt zudem auch ohne Adjuvans aus, weil es ein inaktivierter Ganzvirus-Grippeimpfstoff ist, dessen Virusproteine für eine potente Immunantwort sorgen. Die anderen drei Mustervakzinen sind mit Wirkverstärkern versetzt: Focetria enthält MF59 als Adjuvans, Pandemrix AS03 und Daronrix Aluminiumphosphat und hydratisiertes Aluminiumhydroxid. Daronrix wird aber laut GlaxoSmithKline nicht hergestellt, das Unternehmen konzentriert sich auf die Nachfolgervakzine Pandemrix.
Die immunverstärkenden Adjuvanzien bieten gleich zwei Vorteile: Sie sorgen für eine breit gefächerte Immunantwort, sodass die Pandemievakzinen nicht nur gegen den enthaltenen Stamm, sondern auch gegen Driftvarianten wirksam sind. Sie würden also auch dann noch schützen, wenn sich das H1N1-Virus in Zukunft noch punktuell verändern würde. Der zweite Vorteil ist, dass die Zusatzstoffe helfen, Antigen einzusparen. Pro Dose ist bei den adjuvantierten Vakzinen nur die Hälfte bis ein Viertel der Antigenmenge nötig, die bei Impfstoffen ohne Zusatz enthalten ist. Aus diesen Gründen empfiehlt die WHO die Verwendung von adjuvantierten Impfstoffen. Die globale Produktionskapazität liegt laut WHO-Angaben bei etwa 876 Millionen Dosen, wenn 15 µg Antigen enthalten sind. Da vermutlich zwei Dosen pro Person benötigt werden, um einen ausreichenden Impfschutz zu erreichen, können etwa 440 Millionen Menschen weltweit geimpft werden. Durch die Verwendung von adjuvantierten Impfstoffen lässt sich die Zahl der Geimpften entsprechend erhöhen.
Europa im Vorteil
Im Vergleich zu den USA steht Europa bezüglich der Impfstoff-Produktion gut da. Die USA verfügen nicht über Musterzulassungen und somit auch nicht über ein verkürztes Zulassungsverfahren. Klinische Studien zu zwei potenziellen H1N1-Impfstoffen von Sanofi-Pasteur und CSL Biotherapies sollen jetzt im August starten, meldete die nationale Gesundheitsbehörde NIH kürzlich. Allerdings besteht die Möglichkeit, dass die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA eine »emergency authorization« für neue Impfstoffe erteilen kann. Ein zweiter Unterschied zu Europa ist, dass in den USA bislang keine adjuvantierten Grippeimpfstoffe zugelassen wurden. Auch die beiden potenziellen Pandemie-Impfstoffe sollen in einer Dosis von 15 µg Antigen verabreicht werden.
Impfstoff bestellt
Die Bundesländer haben bereits 50 Millionen Impfdosen zur Abwehr der Schweinegrippe bestellt. Sie reichen für den Schutz von 30 Prozent der Bevölkerung, teilte das Thüringer Sozialministerium mit, das zurzeit die Gesundheitsministerkonferenz leitet. Die Kosten belaufen sich auf rund 700 Millionen Euro. Wenn der Impfstoff wie erwartet Ende September zur Verfügung steht, könnten die Impfungen im Oktober beginnen. Die WHO hat Empfehlungen zur Priorität der Impfungen gegeben. Alle Länder sollten die Beschäftigten im Gesundheitswesen als erstes immunisieren. Dann sollten Schwangere, chronisch Kranke mit Asthma, kardiovaskulären Erkrankungen, Diabetes oder Autoimmunerkrankungen sowie adipöse Personen folgen.
Diese Gruppen haben nach vorläufigen Auswertungen von klinischen Daten ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf der Schweinegrippe und für Komplikationen. Etwa 8 Prozent der bisherigen Todesfälle betrafen Schwangere. Das Unternehmen Baxter meldet, dass Daten über Impfungen von Schwangeren mit interpandemischen, trivalenten Impfstoffen nicht darauf hinweisen, dass unerwünschte Ereignisse bei Feten und Müttern auftreten. Aufgrund des hohen Risikos ist eine Influenza-Impfung daher zu empfehlen (siehe dazu Impfen in der Schwangerschaft). Nach den gefährdeten Gruppen würden dann vermutlich erst die 15- bis 49-Jährigen, dann Kinder und zuletzt die über 49-Jährigen geimpft. Diese ungewöhnliche WHO-Empfehlung geht darauf zurück, dass die meisten schweren Erkrankungen und Todesfälle in der Altersgruppe zwischen 30 und 50 Jahren auftraten. Davon hatte die Mehrheit eine Grunderkrankung - immerhin ein Drittel bis die Hälfte der schweren oder tödlichen Infektionen trat allerdings bei bisher gesunden Erwachsenen auf.