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Narkolepsie: Schlafattacken zur falschen Zeit

TITEL

 
Narkolepsie


Schlafattacken zur falschen Zeit

Von Jan Rémi

 

Die Narkolepsie ist eine Schlaferkrankung mit eindrücklichen Symptomen. Die Patienten schlafen in unangemessenen Situationen ein, fallen beim Lachen oder Weinen in sich zusammen, und können sich nach dem Aufwachen für einige Zeit nicht bewegen. Was hilft gegen die Schlafattacken zur Unzeit?

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Das Patientenbeispiel aus der Schlafsprechstunde am Klinikum München Großhadern (siehe Kasten) beschreibt eine typische Konstellation, mit der sich Narkolepsie-Patienten beim Arzt vorstellen. Sie klagen über starke Tagesmüdigkeit und Einschlafen in unangemessenen Situationen. Neben der Tagesmüdigkeit ist die Kataplexie, also der plötzliche Verlust des Muskeltonus, ein klassisches Symptom. Diese Kombination wurde 1877 erstmals beschrieben und 1880 als eigenständiges Syndrom erkannt (1, 2). Heute wird zwischen der Narkolepsie mit und ohne Kataplexie unterschieden.


Narkolepsie im Alltag

Eine 36-jährige Mutter zweier kleiner Kinder wird von ihrem Hausarzt in der Schlafambulanz am Klinikum München-Großhadern vorgestellt. Sie fühle sich in den letzten Monaten tagsüber sehr müde und sei auch oft eingeschlafen. Sie beschreibt das Gefühl, gegen das Einschlafen nichts tun zu können. Zusätzlich könne sie beim Aufwachen oft nicht zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden. Manchmal wache sie auf, könne sich aber nicht bewegen. Auf Nachfragen gibt sie an, dass ihr schon mehrmals Gläser aus der Hand gefallen seien, wenn sie über einen Witz gelacht habe.

 

Die Beschwerden der Patientin sind bereits wegweisend für die Diagnose. Der multiple Schlaflatenztest (MSLT) dokumentiert bei zwei von vier Ruhephasen REM-Schlaf nach weniger als 15 Minuten, was die Kriterien der Narkolepsie erfüllt. Die Patientin kommt zunächst mit Schlafpausen während des Tages sehr gut zurecht. REM-Suppressiva sind nicht nötig, da die Tagesmüdigkeit sehr deutlich im Vordergrund steht. Zwei Jahre nach Erstvorstellung will sie wieder halbtags arbeiten. Daher werden nach kurzer Zeit 200 mg Modafinil täglich zur Unterdrückung der Tagesmüdigkeit verordnet, was der Patientin weitgehende Beschwerdefreiheit ermöglicht.


In den letzten Jahrzehnten wurden große Fortschritte in der Erforschung von Krankheitsursachen und Therapie erreicht. Diese werden in diesem Artikel ebenso vorgestellt wie die typische Diagnostik.

 

Übermächtiger Schlafzwang

 

In der Internationalen Klassifikation für Schlafstörungen (ICSD) wird die Narkolepsie als »Dyssomnie mit erhöhter Tagesmüdigkeit, Kataplexie und weiteren REM-Schlaf assoziierten Symptomen (Zusatzsymptomen) wie Schlafparalyse und hypnagoge Halluzinationen« beschrieben (3). Was bedeutet dies im Alltag der Patienten?

 

Müdigkeitsphasen während des Tages sind auch für Gesunde normal. Sie kommen bevorzugt zu bestimmten Zeiten, zum Beispiel am frühen Nachmittag, und nach bestimmten Tätigkeiten, zum Beispiel dem Mittagessen, vor. Die Tagesmüdigkeit bei Narkolepsie-Patienten tritt in mehreren Episoden pro Tag auf und ist nicht nur an Mahlzeiten und feste Tageszeiten gebunden, sondern kann beispielsweise auch bei konzentriertem Arbeiten auftreten. Die Patienten können sich gegen diese Attacken nicht wehren. Die Episoden können unterschiedlich lange dauern – von wenigen Minuten bis über eine Stunde. Falls die Patienten tagsüber einschlafen, erwachen sie meist erholt. Die Erholung hält für eine gewisse Zeit (eine bis wenige Stunden) an. Obwohl manche Patienten tagsüber sehr müde sind, haben sie Probleme ein- und durchzuschlafen. Die Gesamtschlafzeit ist nicht verlängert.

 

Die kurze Schlafdauer und das erfrischte Erwachen sind wichtige Kriterien zur Abgrenzung von anderen Störungen wie dem Schlafapnoe-Syndrom oder der Hypersomnie. Die Tabelle 1 zeigt mögliche Differenzialdiagnosen zu anderen Ursachen der Tagesmüdigkeit.


Tabelle 1: Differenzialdiagnosen für erhöhte Tagesmüdigkeit

Diagnose Beispiele und mögliche Ursachen 
Schlafstörungen Schlafapnoe, Idiopathische Hypersomnie, Restless-Legs-Syndrom, Störungen der inneren Uhr 
psychiatrische und neurologische Erkrankungen Depression, Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit, Demenzen, neurodegenerative Erkrankungen 
andere Störungen Schichtarbeit, Schlafkrankheit, posttraumatische Hypersomnie, Fatigue-Syndrom 

Die Kataplexie beschreibt den plötzlichen Verlust des Muskeltonus, meist nach emotionalen Änderungen, zum Beispiel beim Lachen nach einem Witz. Typisch sind Herunterfallen der Kinnlade und der Arme oder Nachgeben der Knie, was zu Stürzen führen kann. Das Fallenlassen der Arme ist besonders auffällig, wenn die Patienten etwas in den Händen hielten. Welche Differenzialdiagnosen bei Stürzen zu beachten sind, zeigt die Tabelle 2.


Tabelle 2: Differenzialdiagnosen bei kataplektischen Stürzen

Diagnose Beispiele und mögliche Ursachen 
neurologische Erkrankungen Epilepsie, Muskelerkrankungen, Drop attacks (vaskulär), Gleichgewichtsstörungen, Tremor 
internistische Erkrankungen Synkopen, Sturz bei Polyneuropathie 
andere Störungen psychogene Anfälle, orthopädische Erkrankungen 

Viele Patienten beschreiben die ersten Begegnungen mit der Schlafparalyse als den Teil der Krankheit, der sie am meisten verängstigt. Schlafparalyse bedeutet: Während des Einschlafens oder des Aufwachens können die Menschen bei vollem Bewusstsein weder Extremitäten noch Rumpf bewegen oder die Augen öffnen. Die Atmung ist meist erhalten, aber die Patienten können nicht willkürlich tief einatmen. Oft haben sie Todesangst, da in dieser Phase auch angsterfüllte Halluzinationen auftreten können. Die Schlafparalyse ist möglicherweise das physische Korrelat des sprichwörtlichen »vor Angst erstarrt Seins«. Sie endet nach kurzer Zeit, maximal wenigen Minuten, von selbst. Daher lernen die Patienten meist, damit umzugehen.

 

Ähnlich wie bei der Schlafparalyse können während der gesamten Zeit des Einschlafens und Aufwachens lebhafte Halluzinationen auftreten. Diese meist visuellen und/oder auditorischen Halluzinationen sind so real, dass die Patienten währenddessen oft nicht zwischen Realität und Trugbildern unterscheiden können, sodass sie mitunter auch Polizei-Notrufe absetzen. Mit gewissem zeitlichen Abstand können sie sich aber gut von den Falschwahrnehmungen distanzieren.

 

So häufig wie MS

 

Die Prävalenz der Narkolepsie mit Kataplexie beträgt zwischen 0,02 und 0,16 Prozent in der allgemeinen Bevölkerung. Damit ist die Erkrankung mindestens so häufig wie die Multiple Sklerose (4). In kleineren, ethnisch geschlossenen Gruppen kann die Prävalenz deutlich erhöht sein.

 

Die Zahlen für Narkolepsie ohne Kataplexie sind weniger gut untersucht, sie liegen möglicherweise höher (5). Die Inzidenz liegt bei etwa 0,74 pro 100.000, mit der höchsten Rate an Neuerkrankungen in der zweiten Lebensdekade (6). Jeder achte Patient erkrankt vor dem 12. Lebensjahr (7). Eine Ersterkrankung in der vierten Lebensdekade, wie im Fallbeispiel, ist seltener, illustriert jedoch, wie variabel der Krankheitsverlauf ist. Die Geschlechter sind ungefähr gleich häufig betroffen.

 

Genetischer Hintergrund

 

In Assoziationsstudien konnte ein Einfluss von Übergewicht gezeigt werden (8), was allerdings angesichts von medikamentösen Therapien mit Amphetaminen oder Sedativa und deren Einfluss auf das Körpergewicht sowie möglicher Differenzialdiagnosen kritisch diskutiert werden muss. So zeichnet sich zum Beispiel die idiopathische Hypersomnie neben der Tagesmüdigkeit auch durch stark erhöhten Kohlenhydrathunger aus.

 

Ein Geburtstag in der ersten Jahreshälfte scheint das Risiko für eine Narkolepsie zu erhöhen, was sich durch eine mögliche Exposition mit Umwelteinflüssen ähnlich wie bei der Multiplen Sklerose zu einer vulnerablen Zeit erklären ließe (9). Über die genauen Entitäten dieser Umwelteinflüsse konnte bisher nur spekuliert werden, bakterielle oder virale Infektionen wurden angeschuldigt.

 

Am besten erforscht ist der genetische Hintergrund der Narkolepsie mit einer Assoziation mit den HLA-Loci DR2, DR5 und DQ1 (DR15, DR11 und DQ6 nach neuerer Nomenklatur). Humane Leukozyten-Antigene (HLA) sind Membranmoleküle auf Abwehrzellen, deren Aufbau im klinischen Alltag besonders für Autoimmunkrankheiten und Transplantationskompatibilität wichtig ist. Der spezifischste Untermarker ist HLA DQB1*0602 (Untermarker der DQ6-Klasse). Allerdings treten diese HLA-Typen auch bei 10 bis 35 Prozent der Normalbevölkerung auf. Daher ist das Auftreten weder hinreichend noch notwendig für die Diagnose der Narkolepsie (4, 10).

 

Die Assoziation mit HLA-Allelen impliziert auch bei der Narkolepsie eine immunologische Komponente ähnlich wie bei Multipler Sklerose. Umwelteinflüsse führen möglicherweise zu einem autoimmunologischen Prozess, bei dem schlafregulierende Zentren geschädigt werden. Ab einem bestimmten Niveau des Funktionsverlusts wird die Narkolepsie klinisch manifest (6).

 

Schaltstelle Hypocretin

 

Bei der Narkolepsie ist die Regulierung von Schlaf- und Weckreaktionen gestört. Die Erkrankung kommt auch bei Tieren vor, insbesondere bei Hunden (Dobermänner und Labradore), was die Erforschung der Mechanismen deutlich erleichtert hat (11).

 

Forscher konnten zeigen, dass bei den Hunden insbesondere der Neurotransmitter Hypocretin im Liquor erniedrigt war. Dies war auch bei Patienten nachweisbar. Hypocretin (Orexin) wird im Hypothalamus gebildet. Das Protein ist ein zentrales Element im Wecksystem und greift damit in die Schlaf-Wach-Regulation ein. In molekularbiologischen Studien wurde demonstriert, dass entweder der Hypocretin-Rezeptor oder Vorformen des Proteins mutiert waren. Die Bestimmung von Hypocretin im Liquor von Patienten ist allerdings nicht Teil der Diagnosekriterien, da das Neurohormon auch bei anderen neurologischen Erkrankungen unspezifisch erniedrigt sein kann (12).

 

Neben dem Hypocretin-System sind auch cholinerge und monoaminerge, insbesondere adrenerge Transmittersysteme an der Regulation des Schlaf-Wach-Rhythmus beteiligt. Hier liegen mögliche Angriffspunkte für die medikamentöse Therapie (13).

 

Weder die HLA-Typisierung noch die Bestimmung der Hypocretin-Spiegel sind für die Diagnosestellung erforderlich, werden aber als fakultative Nebenuntersuchungen erwähnt. Die Internationale Klassifikation der Schlaferkrankungen (3) fordert für die Diagnose der Narkolepsie entweder

 

Einschlafattacken während des Tages und Kataplexie
oder die Erfüllung von vier Bedingungen: exzessive Tagesmüdigkeit, REM-dissoziative Symptome (Schlafparalyse, hypnagoge Halluzinationen, Automatismen und fragmentierter Nachtschlaf), eine Schlaflatenz (Zeitspanne von Lichtlöschen bis Einschlafen) unter 5 Minuten und Auftreten von REM-(Traum)-Schlaf innerhalb von 20 Minuten nach dem Lichtlöschen sowie keine anderen medizinischen Gründe für die Symptome (zum Beispiel kann schwerer Schlafentzug einen Großteil der Symptome verursachen).

 

Diagnostik im Schlaflabor

 

Die wichtigste instrumentelle Untersuchung bei Verdacht auf Narkolepsie ist eine Schlaflaboruntersuchung. Schlaf sieht ohne Instrumente und vom Laien betrachtet wie eine monotone Bewusstlosigkeit aus. Mit geeigneten Methoden lässt sich aber schnell erkennen, dass Schlaf ein dynamischer Prozess ist. Mit dieser Dynamik dient er der Erholung von Körper und Geist.

 

Im Verlauf der Nacht wechselt der Schläfer mehrmals zwischen Rapid-eye-movement-(REM)- und Nicht-REM-Schlaf. Der Nicht-REM-Schlaf wird in vier Stadien eingeteilt von leicht (Stadium 1) bis tief (Stadium 4), wobei in neuerer Klassifikation Stadium 3 und 4 zusammengefasst werden. Grafisch wird dies in einem Diagramm (Hypnogramm) dargestellt. Der Verlauf der Schlafstadien von Wach zu leichtem Schlaf, zu Tiefschlaf und zu REM-Schlaf ist der Schlafzyklus. Der durchschnittliche gesunde Schläfer hat vier bis sechs Schlafzyklen pro Nacht.

 

In einem Schlaflabor wird der Schlaf mit der Polysomnographie nach festen Kriterien aufgezeichnet und bewertet (14). Zur Einteilung der Schlaftiefe werden Hirnströme (EEG), Augenbewegungen (EOG) und Muskelspannung (EMG) abgeleitet. Zusätzlich werden weitere Parameter wie Atmung, Schnarchen und Bewegungen der Beine aufgezeichnet, die kennzeichnend für andere Schlafstörungen sind.

 

Eine typische Nacht im Schlaflabor beginnt für den Patienten um 21 Uhr mit dem Anbringen der Messinstrumente. Gegen 22 Uhr liegt der Patient im Bett und gegen 8 Uhr wird er geweckt, falls er noch schläft. Diese Zeiten können für Langschläfer oder Frühaufsteher angepasst werden. Oft werden zwei Nächte nacheinander aufgezeichnet, um es dem Patienten zu ermöglichen, sich an die fremde Umgebung zu gewöhnen. Der Ablauf der Schlafstadien während der Nacht wird im Hypnogramm aufgezeichnet, das wichtige Hinweise liefern kann. Der Narkolepsie-Patient hat ein fragmentiertes Schlafprofil mit häufigem Aufwachen und sehr frühem Auftreten von REM-Schlaf, das heißt innerhalb von weniger als 15 Minuten nach Schlafbeginn. Dieser Nachtschlaf ist nicht so erholsam wie bei Gesunden.

 

Eine entscheidende Ergänzung der nächtlichen Polysomnographie zur Diagnose der Narkolepsie ist der sogenannte multiple Schlaflatenztest (MSLT), der ebenfalls im Schlaflabor erfolgt. Ein MSLT bestimmt die Tagesschläfrigkeit und nutzt die technischen Vorraussetzungen der Polysomnographie. Allerdings werden nur Informationen aufgezeichnet, die zur Bewertung des eigentlichen Schlafs nötig sind. Es entfallen also Informationen zu Herz-Kreislauf-System, Atmung und Extremitätenbewegung.

 

Der Patient soll dabei vier- bis fünfmal im Verlauf eines Tages in einem abgedunkelten Raum, meist dem Raum der nächtlichen Polysomnographie, in einem Bett entspannt liegen und sich nicht gegen den Schlaf wehren. Falls er einschläft, wird der Schlaf nach den gleichen Kriterien wie nachts bewertet. Eine durchschnittliche Einschlaflatenz (Zeitraum von »Licht aus« bis Einschlafen) unter fünf Minuten wird als pathologisch angesehen; als normal gilt eine durchschnittliche Schlaflatenz von mehr als zehn Minuten (15). Während eines MSLT sollte beim Gesunden kein REM auftreten, während des Nachtschlafs tritt REM-Schlaf erst 90 Minuten nach Schlafbeginn auf. Für die Diagnose einer Narkolepsie ist gefordert, dass REM zweimal mit einer Latenz von unter 15 bis 20 Minuten auftritt. Nach starkem Schlafentzug oder Medikamentenentzug kann REM-Schlaf auch bei Nicht-Narkoleptikern auftreten (16). Daher wird in der Nacht vor dem MSLT eine Polysomnographie durchgeführt, um ausreichenden Schlaf und damit die Aussagekraft des MSLT zu dokumentieren.

 

Symptomorientierte Therapie

 

Eine Narkolepsie ist bislang nicht heilbar. Künftige Therapien könnten jedoch den Ersatz der zerstörten Hypocretin-produzierenden Zellen ermöglichen. Dafür müssten Stammzellen beziehungsweise pluripotente Zellen zu Hypocretin-produzierenden Zellen differenziert und an die richtigen Stellen im Hypothalamus gebracht werden. Der entscheidende Schritt ist jedoch die axonale Verbindung mit Neuronen der Schlaf-Wach-Regulation, sodass der Organismus auf Signale von Tag/Nacht und Wach/Schlaf zu adäquaten Zeiten mit der Freisetzung von Hypocretin reagieren kann. Die Realisation dieses theoretischen Vorgehens ist aber aufgrund mannigfaltiger technischer Hürden derzeit noch nicht absehbar.

 

Ziel der Therapie ist heute die größtmögliche Reduktion der Symptome. Manche Patienten werden sogar symptomfrei. Bei Tagesmüdigkeit bedeutet dies zum Beispiel, dass sie ihre Berufstätigkeit wieder voll aufnehmen können. Für die Zusatzsymptome (REM-dissoziative Symptome) kann dies bedeuten, dass Kataplexien verhindert werden.

 

Die Therapie setzt auf Medikamente und Verhaltensanpassung (17). So sollten Patienten bei ihrer Berufswahl beraten werden, denn Schichtarbeit oder Arbeit mit schweren Maschinen kann die Krankheit erschweren und ist wegen eines höheren Risikos von Arbeitsunfällen gefährlich. Außerdem kann der Arzt strategisch gelegte Nickerchen empfehlen, denn nach kurzen Tagesschläfen sind Narkolepsie-Patienten oft gut erholt und können dann teilweise mehrere Stunden ohne Tagesmüdigkeit verbringen. Einigen reichen diese Nickerchen, zum Beispiel kurz bevor sie Auto fahren, zur Therapie aus. Falls Patienten ihre Schlafattacken nicht zeitlich eingrenzen können, besteht unter Umständen ein Fahrverbot. Neben den konkreten Verhaltensänderungen ist es mitunter indiziert, depressive Symptome verhaltenstherapeutisch zu behandeln, da die Menschen auf die sozial teils stark belastenden Symptome und die Diagnose einer lebenslangen Krankheit mit depressiven Verstimmungen reagieren können (18).

 

Wenn Verhaltensänderungen nicht ausreichen, wird eine medikamentöse Therapie eingeleitet, die an die im Vordergrund stehenden Beschwerden angepasst wird (Tabelle 3). Wenn dies die Tagesmüdigkeit ist, verordnet der Arzt meist ein Stimulans. Wenn REM-dissoziative Symptome wie Kataplexie oder Schlafparalyse im Vordergrund stehen, ist ein REM-supprimierendes Medikament indiziert (19).


Tabelle 3: Medikamentöse Therapie der Narkolepsie

vorherrschendes Symptom Arzneistoff Dosierung (mg/d) 
Tagesmüdigkeit, Einschlafattacken  Gammahydroxybutyrat (Natriumoxybat, GHB)
Modafinil
Methylphenidat 
6000 bis 9000 in zwei Einzeldosen
100 bis 400
10 bis 60 
REM-dissoziative Symptome (Kataplexie, Schlafparalyse) Gammahydroxybutyrat (Natriumoxybat, GHB)
Fluoxetin
Venlafaxin
Clomipramin 
6000 bis 9000 in zwei Einzeldosen
20 bis 60
75 bis 300
25 bis 200 

Schon seit den 1930er-Jahren nutzen Ärzte Amphetamine in der Behandlung der Narkolepsie. Heute ist der Einsatz der ursprünglichen Substanzen wegen ihres Suchtpotenzials eingeschränkt. Von den Amphetamin-Derivaten wird meist Methylphenidat verwendet (20). Ältere Derivate und weitere Stimulanzien wie Mazindol und Pemolin werden in Deutschland nicht mehr verwendet, Pemolin wegen der Gefahr von Leberschäden seit 2006 nicht mehr. Ein neues Medikament ist Modafinil, das mit seiner hauptsächlich histaminergen Wirkung im ZNS nicht zu den reinen Stimulanzien gezählt werden kann. Modafinil verbessert die Tagesmüdigkeit deutlich, was sich aber im Gegensatz zu den Amphetamin-Derivaten nicht immer durch Verbesserungen im MSLT objektivieren lässt (21).

 

Die Patienten sprechen individuell sehr unterschiedlich auf die verschiedenen Stimulanzien an. Methylphenidat und Modafinil gelten in der Behandlung der Tagesmüdigkeit generell als am besten wirksam. Dennoch kann es nötig sein, die Stimulanzien zu wechseln oder mit anderen Arzneistoffen wie Venlafaxin oder Gammahydroxybutyrat (GHB) zu kombinieren. Bei der Umstellung von relativ hohen Dosen an Amphetamin-Derivaten auf Modafinil können Tagesmüdigkeit oder kataplektische Symptome wieder auftreten (19). Die Stimulanzien werden meist gut vertragen. Die Gefahr der Suchtentwicklung ist bei den neuen Vertretern gering und wird durch eine adäquate Beratung über Höchstdosen und Dosis-Wirkungs-Beziehungen weiter minimiert.

 

Leiden Patienten unter REM-dissoziativen Symptomen wie Schlafparalyse oder Kataplexie, kommen andere Medikamente zum Einsatz. Geeignet sind Wirkstoffe mit noradrenergem oder D2-dopaminergem Wirkmechanismus. Die ersten Vertreter dieser Gruppe waren trizyklische Antidepressiva. Die häufig nicht tolerierten anticholinergen Nebenwirkungen haben ihren Einsatz aber eingeschränkt. Heute werden überwiegend Fluoxetin, Venlafaxin oder Clomipramin (Tabelle 3) (22, 23) eingesetzt. Man beginnt mit niedrigen Dosen, die bei Bedarf gesteigert werden.

 

Gammahydroxybutyrat (GHB), auch Natriumoxybat genannt, nimmt eine Sonderstellung ein: Es wirkt sowohl auf Tagesmüdigkeit als auch auf REM-dissoziative Symptome wie Schlafparalyse und Kataplexie (24). Die Wirkung auf den fragmentierten Nachtschlaf und die Tagesmüdigkeit wird wahrscheinlich über eine Konsolidierung des Nachtschlafs erreicht. GHB wird in zwei Dosen, das heißt vor dem Zubettgehen und nach der Hälfte der Nacht, eingenommen; die gesamte Tagesdosis liegt bei 6 bis 9 g. Die Aufteilung bedeutet, dass sich die Patienten einen Wecker für die Mitte der Nacht stellen müssen. Die Compliance leidet darunter kaum, wenn die Symptome gut genug gebessert werden. Die Wirkung auf den Nachtschlaf setzt früh ein; Tagesmüdigkeit und REM-dissoziative Symptome verbessern sich aber meist erst nach acht Wochen und mit höheren Dosen (25). Wie GHB die REM-dissoziativen Symptome verbessert, ist noch nicht geklärt. Möglicherweise liegt die Normalisierung des nächtlichen REM-Schlafs zugrunde.

 

GHB ist wie Methylphenidat ein Betäubungsmittel und erfordert ein BtM-Rezept. Bei Modafinil wurde diese Bindung aufgehoben.

 

Zusammenfassung

 

Narkolepsie ist eine Krankheit mit beeindruckenden Symptomen. Tagesmüdigkeit, Kataplexie und Schlafparalyse stechen dabei hervor. Pathophysiologisch liegt ein Verlust von Hypocretin-produzierenden Zellen vor. Neben Verhaltensänderungen sind Medikamente die wichtigste Therapieoption. Man unterscheidet hier zwischen Stimulanzien und Medikamenten zur Behandlung der Zusatzsymptome. In der Beratung kann der Apotheker auch auf Selbsthilfegruppen und Informationen von Fachgesellschaften hinweisen (siehe dazu Links zum Titelbeitrag). Die Zukunft bringt möglicherweise Hypocretin-Ersatztherapien.


Literatur

  1. Westphal, C., Eigenthümliche mit Einschlafen verbundene Anfälle. Arch. Psychiatr. 7 (1877) 631-635.
  2. Gélineau, J., De la narcolepsie. Gaz Hop. Paris 53 (1880) 626-628.
  3. AASM, International classification of sleep disorders, revised: Diagnostic and coding manual. American Academy of Sleep Medicine, Chicago 2001.
  4. Mignot, E., Genetic and familial aspects of narcolepsy. Neurology 50, Nr. 2, Suppl. 1 (1998) S16-22.
  5. Ohayon, M. M., et al., Prevalence of narcolepsy symptomatology and diagnosis in the European general population. Neurology 58, Nr. 12 (2002) 1826-1833.
  6. Longstreth, W. T. Jr., et al., The epidemiology of narcolepsy. Sleep 30, Nr. 1 (2007) 13-26.
  7. Ohayon, M. M., et al., How age influences the expression of narcolepsy. J. Psychosom. Res. 59, Nr. 6 (2005) 399-405.
  8. Kotagal, S., Krahn, L. E., Slocumb, N., A putative link between childhood narcolepsy and obesity. Sleep Med. 5, Nr. 2 (2004) 147-150.
  9. Dahmen, N., Tonn, P., Season of birth effect in narcolepsy. Neurology 61, Nr. 7 (2003) 1016-1017.
  10. Matsuki, K., et al., DQ (rather than DR) gene marks susceptibility to narcolepsy. Lancet 339, Nr. 8800 (1992) 1052.
  11. Lin, L., et al., The sleep disorder canine narcolepsy is caused by a mutation in the hypocretin (orexin) receptor 2 gene. Cell 98, Nr. 3 (1999) 365-376.
  12. Dauvilliers, Y., et al., CSF hypocretin-1 levels in narcolepsy, Kleine-Levin syndrome, and other hypersomnias and neurological conditions. J. Neurol. Neurosurg. Psychiatry 74, Nr. 12 (2003) 1667-1673.
  13. Nishino, S., Mignot, E., Pharmacological aspects of human and canine narcolepsy. Prog. Neurobiol. 52, Nr. 1 (1997) 27-78.
  14. Rechtschaffen, A., Kales, A., A manual of standardized terminology, techniques and scoring system for sleep stages of human subjects. Brain Information Service/Brain Research Institute, Los Angeles 1968.
  15. Roehrs, T., Roth, T., Multiple Sleep Latency Test: technical aspects and normal values. J. Clin. Neurophysiol. 9, Nr. 1 (1992) 63-67.
  16. Aldrich, M. S., Chervin, R. D., Malow, B. A., Value of the multiple sleep latency test (MSLT) for the diagnosis of narcolepsy. Sleep 20, Nr. 8 (1997) 620-629.
  17. Littner, M., et al., Practice parameters for the treatment of narcolepsy: an update for 2000. Sleep 24, Nr. 4 (2001) 451-466.
  18. Dauvilliers, Y., Arnulf, I., Mignot, E., Narcolepsy with cataplexy. Lancet 369, Nr. 9560 (2007) 499-511.
  19. Fry, J. M., Treatment modalities for narcolepsy. Neurology 50, Nr. 2, Suppl 1 (1998) S43-48.
  20. Mitler, M. M., Hajdukovic, R., Relative efficacy of drugs for the treatment of sleepiness in narcolepsy. Sleep 14, Nr. 3 (1991) 218-220.
  21. US Modafinil in Narcolepsy Multicenter Study Group: Randomized trial of modafinil for the treatment of pathological somnolence in narcolepsy. Ann. Neurol. 43, Nr. 1 (1998) 88-97.
  22. Vignatelli, L., D’Alessandro, R., Candelise, L., Antidepressant drugs for narcolepsy. Cochrane Database Syst. Rev. Nr. 1 (2008) CD003724.
  23. Langdon, N., et al., Fluoxetine in the treatment of cataplexy. Sleep 9, Nr. 2 (1986) 371-373.
  24. A randomized, double blind, placebo-controlled multicenter trial comparing the effects of three doses of orally administered sodium oxybate with placebo for the treatment of narcolepsy. Sleep 25, Nr. 1 (2002) 42-49.
  25. Sodium oxybate demonstrates long-term efficacy for the treatment of cataplexy in patients with narcolepsy. Sleep Med. 5, Nr. 2 (2004) 119-123.

Der Autor

Jan Rémi studierte Humanmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 2004 war er Stipendiat der Munich-Harvard-Medical-Alliance an der Harvard Medical School. 2005 erhielt er die Approbation in München. Seit 2005 arbeitet er in der Arbeitsgruppe Schlaf und Epilepsie der Neurologischen Klinik des Klinikums Großhadern, München. 2007 wurde er mit einer Arbeit zu den Grundlagen von Mechanismen der inneren Uhr promoviert. Seine Forschungsgebiete sind Schlaf und Epilepsie. 2007 erweiterte er seine methodischen Ansätze mit einem Forschungsaufenthalt an der Universität Parma.

 

Dr. med. Jan Rémi

Neurologische Klinik am Klinikum Großhadern

Marchioninistraße 15

81371 München

jan.remi(at)med.lmu.de


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Beitrag erschienen in Ausgabe 29/2009

 

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