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Reisemedizin: Trinkwasserdesinfektion für unterwegs

MEDIZIN

 
Reisemedizin

Trinkwasserdesinfektion für unterwegs

Von Gudrun Heyn, Berlin

 

Wenn Reisende erkranken, ist häufig verunreinigtes Trinkwasser die Ursache. Doch selbst unter einfachen Bedingungen im Ausland lässt sich mit physikalischen Maßnahmen und chemischen Mitteln hygienisch einwandfreies Trinkwasser herstellen.

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Mehr als eine Milliarde Menschen weltweit hat derzeit keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Um zu überleben, bleibt den Betroffenen in der Regel nur die Deckung ihres Flüssigkeitsbedarfs mit Wasser, das mit Keimen oder schädigenden Substanzen belastet ist. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben an den Folgen jährlich rund 5 Millionen Menschen. »Oft werden auch Reisende mit einer schlechten Trinkwasserversorgung konfrontiert«, sagte Bettina Flörchinger vom Centrum für Reisemedizin auf dem 10. Forum Reisen und Gesundheit in Berlin. Besonders gefährdet sind Rucksacktouristen und Urlauber, die mit einer Jacht oder einem Wohnmobil unterwegs sind. Vor allem in ländlichen Gebieten Afrikas, Asiens und Südamerikas und in den Armenvierteln der Großstädte muss mit hygienisch mangelhaftem Trinkwasser gerechnet werden. Doch wer gut vorbereitet ist und sich etwas Zeit nimmt, kann problemlos selbst für keimfreies Trinkwasser sorgen. Dazu stehen verschiedene Desinfektionsmöglichkeiten zur Verfügung.

 

Keime im Trinkwasser

 

Zu den mit Abstand häufigsten Gesundheitsproblemen im Urlaub gehören wasserbürtige Durchfallerkrankungen. In manchen Risikogebieten sind bis zu 80 Prozent der Touristen davon betroffen. Bezeichnungen wie »Pharaos Rache« in Ägypten, »Montezumas Rache« in Mexiko oder »Delhi Belly« in Indien zeigen die Verbreitung des Problems. Aber auch Erkrankungen wie Hepatitis oder Typhus können durch unsauberes Trinkwasser übertragen werden. In erster Linie sind es Bakterien wie Enterotoxin bildende Escherichia coli, Shigellen, Salmonellen und Campylo-bacter, die das Trinkwasser in ein gesundheitsgefährdendes Lebensmittel verwandeln können.

 

Im Wasser überlebensfähig sind zudem parasitäre Protozoen, wie Entamoeba histolytica, die Verursacher der Amöbenruhr oder Giardia lamblia, die Erreger der Giardiasis. Unter den Viren können vor allem Hepatitis-A- und -E-Viren, sowie Rota-, Noro-, Polio- und Adenoviren mit dem Wasser verbreitet werden. »So werden etwa 50 Prozent aller Hepatitis-A-Erkrankungen in Deutschland von Touristen aus dem Urlaub mitgebracht«, sagte Flörchinger.

 

Aber auch Schadstoffe wie Schwermetalle, Herbizide und Pestizide belasten immer wieder die Trinkwasservorkommen. Nicht selten sind schwere gesundheitliche Schäden die Folge. Bekannt ist dies etwa aus Bangladesch. Dort fördern Tiefbrunnen mit dem Wasser natürlich vorkommendes Arsen zutage. Menschengemacht sind dagegen beispielsweise die Trinkwasserprobleme in den französischen Überseedepartements Guadeloupe und Martinique. Auf Bananenplantagen wurde dort das Pestizid Chlordécone gegen Schädlinge eingesetzt. Nun ist die organische Chlorverbindung im Trinkwasser und sogar in dem Gemüse nachzuweisen, das mit dem verunreinigten Grundwasser gegossen wird.

 

Trübes Wasser filtern

 

Selbst unter einfachen Bedingungen können Reisende Wasser in der Regel wieder genießbar machen. Mit der Aufbereitung sollen primär die im Wasser vorhandenen Krankheitserreger unschädlich gemacht oder entfernt werden. Aber auch organische und anorganische Schadstoffe lassen sich mithilfe von Filtration zum Teil eliminieren. Da Trüb- und Schwebstoffe die zur Desinfektion eingesetzten Chemikalien adsorbieren und so deren antibakterielle Wirkung verhindern können, ist klares Wasser die Grundvoraussetzung einer erfolgreichen chemischen Desinfektion.


Merkblatt im Internet

Das Auswärtige Amt stellt unter http://www.auswaertiges-amt.de/ ein Merkblatt zu sauberem Trinkwasser im Ausland zum Download zur Verfügung:

http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Laenderinformationen/01-Laender/Gesundheitsdienst/MerkblaetterListe.html


Ist das Wasser trüb, sollte zu Beginn der Aufbereitung daher die Filtration stehen. Zur Entfernung von Schweb- und Trübstoffen sind alle in Outdoor-Geschäften erhältlichen Filter geeignet. Doch eine vollständige Entkeimung gelingt mit diesen nicht. Sie haben eine durchschnittliche Porengröße von 0,2 mm, womit Protozoen, Wurmeier und etwas größere Bakterien beseitigt werden können. »Dagegen lassen sich kleinere Bakterien und Viren nicht zuverlässig entfernen«, sagte Flörchinger. Angeboten werden verschiedene Filtermedien, oft auch in Kombination: Besonders häufig verwendet werden Keramikfilter. Sie haben den Vorteil, dass sie dauerhaft eingesetzt werden können. Damit sie nicht zur Brutstätte von Keimen werden, müssen sie jedoch regelmäßig gereinigt werden. Durch ein hohes Aufnahmevermögen zeichnen sich Glasfaserfilter aus. Nachteilig ist ihre begrenzte Lebensdauer. Reisende sollten daher immer Ersatzfilter mit sich führen. Aktivkohlefilter sind die richtige Wahl, wenn organische Substanzen aus dem Wasser entfernt werden sollen. Sobald ihre Adsorptionskapazität nachlässt, muss jedoch auch bei ihnen das Filtermaterial ausgetauscht werden.

 

Hygienisch einwandfrei

 

Ist das Wasser klar, kann es mit Desinfektionsmitteln behandelt werden. Weltweit bevorzugt werden die Halogene Chlor und Iod. Sie haben eine stark oxidierende Wirkung und zerstören schnell die Zellstrukturen von Mikroorganismen. Wenn Wasser dagegen über längere Zeit keimfrei gehalten werden soll, ist Silber Mittel der Wahl. Es wirkt sehr viel langsamer bakterizid als die Halogene und ist daher als alleiniges Desinfektionsmittel auf Reisen nicht empfehlenswert. Aufgrund seiner Langzeitwirkung wird es jedoch gerne in Kombination mit anderen Substanzen eingesetzt.

 

Das am meisten verwendete Desinfektionsmittel ist Chlor. Für Reisende gibt es die Substanz etwa in Form von Fertigpräparaten in Kombination mit Silber (zum Beispiel Micropur Forte®, Certisil Combina®). Durch die Langzeitwirkung des Silbers bleibt das aufbereitete Wasser bis zu sechs Monate vor einer Wiederverkeimung geschützt. Die chlorhaltigen Pulver, Lösungen oder Tabletten werden in das zu desinfizierende Wasser gegeben, wo sie mindestens 30 Minuten einwirken sollten. Die Einwirkzeit verlängert sich deutlich, wenn das Wasser Protozoen enthält. Mindestens zwei Stunden sollten sich Reisende dann für die Desinfektion Zeit nehmen, denn die Einzeller verwandeln sich außerhalb des Menschen in sehr widerstandsfähige Zysten. Alternativ können die Einzeller durch Filterung entfernt werden. Bei der Anwendung von Chlor sollten Reisende zudem wissen, dass die Substanz im alkalischen Milieu schnell ihre Wirksamkeit verliert. Ein weiterer Nachteil ist der unangenehme Geschmack. Dieser lässt sich jedoch mit Natrium-Thiosulfat (zum Beispiel Micropur Antichlor®) leicht neutralisieren. Auch bei chloriertem Leitungswasser ist dieser Zusatz empfehlenswert.

 

Iod wird vor allem im amerikanischen Raum etwa in Form von Iodtabletten (zum Beispiel Potable Aqua®) angeboten. In Europa ist das Halogen nicht als Fertigprodukt zugelassen. »In der Apotheke können Reisende jedoch eine 2-prozentige Iodlösung erstehen, die sie verkeimtem Wasser hinzusetzen können«, sagte Flörchinger. Bei klarem Wasser genügen davon fünf Tropfen auf einen Liter. Dabei ist zu beachten, dass die Wirkung von Iod temperaturabhängig ist. Während bei Temperaturen über 25 °C eine Einwirkzeit von 30 Minuten in der Regel ausreicht, ist bei kühleren Temperaturen eine längere Anwendung erforderlich. So verdoppelt sich die Einwirkzeit mit jeder Abnahme um 10 °C.

 

Nur für kurze Zeit lässt sich Iod unbesorgt anwenden. Wenn Menschen über einem längeren Zeitraum das aufbereitete Wasser zu sich nehmen, kann es zu einer Schilddrüsenüberfunktion kommen. Besonders gefährlich ist dies bei Ungeborenen. Daher ist der Genuss von mit Iod desinfiziertem Wasser in der Schwangerschaft kontraindiziert. Auch Iod hinterlässt einen unangenehmen Geschmack. Abhilfe schafft eine Messerspitze Ascorbinsäure auf 250 ml Wasser oder die Filtration über Aktivkohle.

 

Hitze und Strahlung

 

Das wohl älteste Verfahren zur Gewinnung von keimfreiem Wasser ist das Abkochen. Mindestens eine Minute lang sollten Reisende es dazu leicht sprudelnd kochen lassen. Dies gilt jedoch nicht bei einem Aufenthalt in größerer Höhe. Dort ist der Luftdruck geringer und Wasser siedet schon bei niedrigeren Temperaturen. Daher muss ab einer Höhe von 2000 Metern über dem Meeresspiegel mindestens eine Kochzeit von drei Minuten eingehalten werden. Alternativ kann zusätzlich auch eine chemische Desinfektion erwogen werden. Nach dem Abkochen sollte das Wasser möglichst in den Gefäßen abkühlen können, in denen es abgekocht wurde. Wenn es dabei abgedeckt ist und keine Eiswürfel zum Herunterkühlen verwendet werden, bleibt das Risiko einer erneuten Verkeimung minimal.

 

Ein großer Nachteil des Verfahrens ist der relativ hohe und manchmal auch schwer zu deckende Energiebedarf für das Erhitzen. Daher ist das Abkochen für die Aufbereitung von großen Wassermengen etwa für eine Segeljacht kaum geeignet. Zu beachten ist zudem, dass weder Trübstoffe, Schwermetalle noch Pestizide beseitigt werden. Es sollte daher zusätzlich filtriert werden. Weniger ein Problem ist dagegen der oft fade Geschmack des abgekochten Wassers. Leicht lässt er sich durch eine Prise Salz verbessern. Auch die Zuführung von Luft durch das Dekantieren von einem Gefäß zum anderen kann helfen.

 

Ebenfalls gegen Bakterien und Viren gut wirksam ist eine UV-Bestrahlung. Aber selbst für den kleinen Bedarf von Abenteuer- und Rucksackreisenden ist der dazu notwendige Zeitaufwand in der Regel viel zu groß. Über viele Stunden muss das Wasser etwa in einer ungefärbten PET-Flasche dem Sonnenlicht ausgesetzt werden.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 27/2009

 

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