Höchste Pandemiestufe erreicht

Von Christina Hohmann
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat vergangene Woche die Alarmstufe 6 ausgerufen und die Schweinegrippe damit zur Pandemie erklärt. An der Lage in Deutschland ändert dies zunächst nichts. Die Produktion eines Impfstoffs läuft nun an.
Die Kriterien für die höchste Stufe, Phase 6, sind erfüllt: Das Schweinegrippe-Virus breitet sich mittlerweile auf mindestens zwei Kontinenten beständig aus, sagte WHO-Generaldirektorin Margaret Chan in Genf. Neben Nordamerika ist dies in Australien der Fall. Weltweit hat die WHO bislang fast 36.000 Infektionen in 76 Ländern registriert. 163 Patienten sind gestorben. Derzeit schätzt die WHO die Schwere der Pandemie als »moderat« ein. Die meisten Erkrankten erholten sich von der Grippe, ohne hospitalisiert werden zu müssen. In den meisten Ländern seien die Gesundheitssysteme ohne Probleme in der Lage, die Kranken zu versorgen.
UN-Generalsekretär Ban Ki Moon mahnte in New York, »auf der Hut« zu sein. »Wir wissen nicht, welches Bild sich in den kommenden Monaten entwickelt.« Er wies darauf hin, dass das Virus bislang hauptsächlich industrialisierte Länder erreicht hat. In ärmeren Ländern seien die Gesundheitssysteme schlechter entwickelt, die Bevölkerung sucht später medizinische Hilfe und ist zudem häufig gesundheitlich belastet. Auch die WHO warnt, das Influenza(A)-H1N1-Virus nicht zu unterschätzen. Es könne sich mit der Zeit und in anderen Regionen der Welt verändern. So sei die erste Welle der Grippe-Pandemien von 1918 und 1957 deutlich milder gewesen als die darauf folgenden Wellen. Zudem sei das derzeitige Muster an schweren Erkrankungen und Todesfällen erschreckend, die hauptsächlich junge Menschen betreffen.
Die Bundesregierung und das Robert-Koch-Institut (RKI) haben nach Verkünden der Phase 6 vor einer Panik gewarnt. »Auf eine solche Situation hat sich Deutschland seit Jahren vorbereitet«, sagte RKI-Präsident Jörg Hacker in Berlin. In Deutschland sind die nötigen Maßnahmen getroffen worden. Die Apotheken sind in den nationalen Pandemieplan eingebunden. Der Präsident der Bundesapothekerkammer, Ulrich Krötsch, riet, sich ständig über den Verlauf der Pandemie zu informieren.
Saat-Virus schon verteilt
Mit der Herstellung eines Impfstoffs gegen die Schweinegrippe kann aus Sicht des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) umgehend begonnen werden. Die Produktion von Impfstoff für die saisonale Grippe sei abgeschlossen, sagte eine Institutssprecherin. Alle Hersteller hätten inzwischen das sogenannte Saat-Virus mit dem abgeschwächten Erreger der neuen Schweinegrippe von der WHO bekommen. Das Paul-Ehrlich-Institut in Langen bei Frankfurt am Main ist in Deutschland für die Freigabe von Impfstoffen zuständig. Für den deutschen Markt produzierten die Unternehmen Novartis in Marburg und GlaxoSmithKline in Dresden den Impfstoff. Zum Schutz vor der Schweinegrippe seien zwei Impfungen nötig, weil es sich um einen ganz neuen Virustyp handele, sagte die PEI-Sprecherin. Für welche Personengruppen sie empfohlen werde, werde erst entschieden, wenn der Impfstoff fertig ist.
Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt zeigte sich beruhigt darüber, dass die Impfstoffproduktion für die gewöhnliche Grippe rechtzeitig ende. Für die neue Grippe werde es jedoch schon deshalb vor Herbst keinen Impfstoff geben, da in Studien zunächst die Verträglichkeit neuer Mittel sichergestellt werden müsse. Die WHO rechnet mit den ersten verfügbaren Seren ab September.