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IgG-Tests: Allergologen zweifeln am Sinn

MEDIZIN

 
IgG-Tests

Allergologen zweifeln am Sinn

Von Bettina Sauer

 

IgG-Antikörpertests dienen angeblich zum Nachweis von Nahrungsmittelunverträglichkeiten, die entzündliche Erkrankungen verursachen. Doch nun zweifeln gleich fünf deutschprachige Allergologenverbände öffentlich am medizinischen Sinn dieser Tests.

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Rund 20 Prozent der Deutschen befürchten laut Umfragen, bestimmte Nahrungsmittel nicht zu vertragen. Mit dieser Sorge lassen sich offenbar gute Geschäfte machen. Seit mehreren Jahren vermarkten verschiedene Firmen IgG-Antikörpertests, um Nahrungsmittelunverträglichkeiten aufzuspüren. In ihren Werbeanzeigen und im Internet behaupten die Testhersteller, Nahrungsmittel lösten nicht nur allergische Reaktionen unter Beteiligung von Immunglobulin E (IgE) aus, sondern auch andere antikörpervermittelte Unverträglichkeitsreaktionen. Letztere gingen mit der Bildung von Immunglobulin G (IgG) einher, verursachten Entzündungsreaktionen und damit zahlreiche chronische Beschwerden: Darmerkrankungen wie Reizdarmsyndrom und Morbus Crohn, Hautprobleme wie Neurodermitis, Akne und Psoriasis, rheumatische Erkrankungen, Migräne, Müdigkeit, Übergewicht und vieles mehr.

 

Für die Durchführung der Tests benötigen die Herstellerfirmen oder kooperierenden Labors eine Blutprobe des Patienten. Nach dem Entfernen der Blutzellen wird deren flüssiger Anteil, das Serum, auf eine spezielle Plastikplatte aufgetragen, an die bis zu 300 Nahrungsmittelextrakte gekoppelt sind. Falls das Patientenblut spezifisches IgG gegen eine oder mehrere Testsubstanzen enthält, bleibt dieses beim Abspülen des Serums an der Platte heften und lässt sich anschließend durch geeignete Marker immunologisch nachweisen. Die auf diese Weise identifizierten Nahrungsmittel soll der Patient fortan vermeiden.

 

Nun warnen gleich fünf Allergologenverbände aus Deutschland, Österreich und der Schweiz vor den Tests. In einer Pressemitteilung schreiben sie, der Nachweis von IgG-Antikörpern sei zur Klärung von Nahrungsmittelunverträglichkeiten »sinnlos«. Das gelte auch für chronische Krankheiten und Beschwerden, deren Ursache in einer vermeintlichen Nahrungsmittelunverträglichkeit liege. Damit schließen sie sich einer Einschätzung an, die die European Academy of Allergology and Clinical Immunology (EAACI) 2008 im Fachjournal »Allergy« veröffentlichte (Doi: 10.1111/j.1398-9995.2008.01705.x). »Unsere Kritik richtet sich weniger gegen die analytische Methodik der Tests, sondern vielmehr gegen die unzulässige Interpretation der Ergebnisse«, sagt Privatdozent Dr. Jörg Kleine-Tebbe, niedergelassener Allergologe in Berlin, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Allergie und Klinische Immunologie (DGAKI) und Koordinator der deutschsprachigen wie auch der europäischen Stellungnahme, im Gespräch mit der PZ. »Denn der menschliche Körper reagiert beim Kontakt mit fremden Proteinen grundsätzlich mit der Bildung spezifischer IgG-Antikörper. Das ist völlig normal.« Somit zeige ein hoher IgG-Spiegel keine Nahrungsmittelunverträglichkeit an, sondern nur den vorangegangenen Konsum des entsprechenden Nahrungsmittels.

 

Mangel an klinischen Studien

 

Die Theorie der Testhersteller, dass erhöhte Serum-IgG-Spiegel entzündliche Erkrankungen verursachen, stütze sich auf Experimente aus den frühen 1980er-Jahren. Demnach bewirkt IgG4, eine Untergruppe der IgG-Antikörper, eine Freisetzung von Histamin, das auch bei IgE-vermittelten Allergien eine zentrale Rolle spielt. »Diese Tests fanden nur im Reagenzglas statt«, sagt Kleine-Tebbe. Bis heute mangele es an kontrollierten klinischen Studien, die einen Nutzen des Nachweises von Serum-IgG- oder -IgG4-Antikörpern gegen Nahrungsmittel bei entzündlichen Krankheiten beweisen.

 

Befürworter der Tests berufen sich Kleine-Tebbe zufolge oft auf eine Studie, die Forscher um Dr. Peter Whorwell vom Universitätsklinikum im britischen Manchester 2004 im gastroenterologischen Fachjournal »Gut« veröffentlichten (Doi: 10.1136/gut.2003.037697). Demnach minderte eine zwölfwöchige Diät unter Ausschluss aller laut IgG-Testung riskanten Nahrungsmittel die Beschwerden von Patienten mit Reizdarmsyndrom gegenüber der Vergleichsgruppe um 10 Prozent. Doch hatte Letztere auch eine Diät bekommen. »Kritiker bemängeln daher die Aussagekraft dieser Studie«, sagt Kleine-Tebbe. »Aufgrund der unzureichenden Datenlage erstatten die Krankenkassen nur in den seltensten Fällen die Kosten für IgG-Tests. Diese betragen je nach Menge der geprüften Nahrungsmittel bis zu 400 Euro.«

 

Doch schädigten IgG-Tests ihre Anwender nicht nur finanziell. »Die Ergebnisse dienen häufig als Begründung für medizinisch ungerechtfertigte, einschneidende Diäten, die die Lebensqualität einschränken und möglicherweise sogar zu Fehl- und Mangelernährungen führen.« Mitunter werde zudem aufgrund der Tests die eigentliche Diagnose und Therapie von Allergien und anderen Krankheiten verschleppt. Deshalb fordert Kleine-Tebbe alle  Heilberufler auf, ihren Patienten von den Tests abzuraten. »Bislang werden sie häufig von Heilpraktikern und manchmal von Ärzten aktiv empfohlen - wofür die Herstellerfirmen möglicherweise Geld zahlen.« Auch Apotheker bekommen seiner Kenntnis nach mitunter solche Angebote.

 

Patienten mit Verdacht auf eine Nahrungsmittelallergie empfiehlt Kleine-Tebbe den Gang zum Allergologen. Dieser versuche in der Regel, durch die Analyse der Krankengeschichte, Hauttests auf  häufige Atemwegs- und Nahrungsmittelallergene sowie gezielte Serumtests auf IgE-Antikörper erste Rückschlüsse auf eine Allergiebereitschaft zu ziehen. Näheren Aufschluss gäben dann Provokationstests mit den verdächtigen Nahrungsmitteln. In der Regel konzentriert sich die diagnostische Suche also auf die wissenschaftlich gut belegte, IgE-vermittelte Nahrungsmittelallergie. Auch Patienten mit chronischen entzündlichen Beschwerden benötigen Kleine-Tebbe zufolge eine umfassende fachärztliche Untersuchung: »Schließlich liegen dabei häufig vielfältige Ursachen zugrunde, zu deren Aufklärung IgG-Tests mit Nahrungsmitteln nichts beitragen können.«


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Beitrag erschienen in Ausgabe 25/2009

 

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