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Hypertrichose & Co: Zu viele Haare sind unerwünscht

PHARMAZIE

 
Hypertrichose & Co

Zu viele Haare sind unerwünscht

Von Hans Wolff

 

Hypertrichose, Hirsutismus, SAHA-Syndrom: Eine verstärkte und unerwünschte Behaarung bei Frauen ist nicht selten. Vor den Wechseljahren ist etwa jede zehnte Frau betroffen, danach sogar etwa jede fünfte. Die Ursachen können vielfältig sein und müssen durch Dermatologen, Gynäkologen oder Endokrinologen geklärt werden.

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Die drei Begriffe stehen für unterschiedliche Behaarungsmuster und -ursachen:

 

Hypertrichose bezeichnet eine allgemeine, untypisch starke Behaarung meist ohne Bevorzugung androgenabhängiger Regionen.
Als Hirsutismus wird die pathologisch vermehrte Körperbehaarung vom männlichen Muster bei der Frau bezeichnet.
Bei der Androgenisierung handelt es sich um das Auftreten von Seborrhö, androgenetischer Alopezie, Hirsutismus und Akne, auch SAHA-Syndrom genannt.

 

Idiopathisch oder induziert?

 

Die klassische, aber sehr seltene Ursache für die Entwicklung eines Hirsutismus sind endokrinologische Störungen von Nebennierenrinde, Ovarien oder Zentralnervensystem, die zu erhöhten Androgenspiegeln führen. Die häufigste Ursache für eine erhöhte Androgenproduktion bei der Frau ist das Polyzystische Ovar Syndrom (PCOS). Ein medikamentös induzierter Hirsutismus kann zum Beispiel durch Androgene, Anabolika, Antiepileptika, Corticosteroide oder Minoxidil bedingt sein.

 

Ein idiopathischer Hirsutismus wird diagnostiziert, wenn eine normale Ovarialfunktion mit normalen Serum-Androgenspiegeln vorliegt. Hier liegt meist eine genetisch bedingte, erhöhte Sensitivität des Haarfollikels auf normale Serum-Androgenspiegel vor. Diese erhöhte Empfindlichkeit führt besonders bei Südländerinnen zu unerwünschtem Haarwachstum. Histologisch liegt dem verstärkten Haarwuchs eine Umwandlung kleiner Vellushaarfollikel in große, kräftige Terminalhaarfollikel zugrunde.

 

Anamnese vor Diagnose

 

Zur Diagnostik bedarf es zunächst der Anamnese:

 

Akuter oder chronischer Verlauf?
Regelmäßiger Monatszyklus?
Medikamente?
Bisherige Diagnostik und Therapie?

 

Die klinische Beurteilung und Quantifizierung des Ausmaßes der Gesichts- und Körperbehaarung erfolgt mithilfe eines modifizierten Scores (Ferriman-Gallwey-Score).

 

Zur endokrinologischen Klärung sollten eine basale Temperaturkurve erstellt und eine Progesteronmessung vom 20. bis 24. Zyklustag durchgeführt werden, um einen anovulatorischen Zyklus auszuschließen. Zudem ist eine Bestimmung von Testosteron und DHEA (Dehydroepiandrosteron) zur Abklärung ovarieller oder adrenaler Störungen sinnvoll.


Tabelle 1: Ursachen verstärkter Körperbehaarung bei Frauen

Ursache Erklärung 
ethnisch bedingt verstärkter Haarwuchs bei Südländerinnen 
Hyperandrogenämie seltene Tumore der Nebenniere 
SAHA-Syndrom Seborrhö, Akne, Hirsutismus, Alopezie 
Medikamentennebenwirkung Ciclosporin, Corticosteroide 

Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass Störungen des Androgen-Metabolismus zu 82 Prozent durch ein Polyzystisches Ovar Syndrom (PCOS) bedingt waren. Einen wesentlich geringeren Anteil hatten andrenale Hyperplasien und 21-Hydroylase-Mangel (2,2 Prozent), das HAIR-AN-Syndrom (3,1 Prozent) und selten androgenproduzierende Tumoren (0,2 Prozent). Ein idiopathischer Hirsutismus wurde nach sorgfältiger Diagnostik nur in 4,7 Prozent gefunden.

 

Liegt eine endokrinologische Erkrankung vor, sollte eine gezielte Behandlung in Kooperation mit einem Gynäkologen oder Endokrinologen erfolgen. Hierbei kommen Antiandrogene (zum Beispiel Cyproteronacetat, Chlormadinonacetat), GnRH(Gonadotropin-Releasing Hormon)-Analoga, periphere Androgenblocker (zum Beispiel Flutamid, Finasterid) und Insulin-Sensitizer (zum Beispiel Rosiglitazon, Metformin) zum Einsatz.

 

Zur symptomatischen Behandlung der Hypertrichosen steht eine Reihe von Therapieverfahren zur Verfügung. Diese lassen sich in mechanische, chemische, elektrische, topisch-medikamentöse, innerlich-medikamentöse Maßnahmen und das Verfahren der selektiven Photothermolyse einteilen (Tabelle 2). Mechanisch lassen sich Haare durch Wachsbehandlung und Zug oder durch Rasur entfernen.


Tabelle 2: Methoden der Haarentfernung

Behandlung Dauer der Behandlung Nachhaltigkeit der Therapie Effizienz (% beseitigte Haare) Nebenwirkungen Kosten 
Wachsepilation große Flächen in kurzer Zeit Wochen 100  Schmerz, Follikulitiden 10 bis 15 Euro pro Sitzung 
Zug Zeitraubend, nur einzelne Haare  Wochen 100  Schmerz, Follikulitiden Anschaffung Epilationsgerät 
Rasur große Flächen in kurzer Zeit Stunden 100  Irritation Anschaffung Rasierapparat 
Thioglykolate große Flächen in kurzer Zeit Tage 100  Irritation, Dermatitis gering; < 5 Euro pro Monat 
Eflornithin schnell, 2x-täglich  Tage bis Wochen 30 bis 100  Brennen, Follikulitiden circa 25 Euro pro Monat 
Elektrolyse, Thermolyse langwierig, Kosmetikerin zum Teil dauerhaft 50 bis 100  Schmerz, Irritation, Hyperpigmentierung 25 bis 50 Euro pro Sitzung 
Photothermolyse 2-5 Sitzungen beim Hautarzt zum Teil dauerhaft 30 bis 50, abhängig von der Anagenhaarquote Schmerz, Verbrennung, Hyperpigmentierung 60 bis 100 Euro pro Behandlung; etwa 5 bis 10 Behandlungen nötig 

Mechanische Methode

 

Bei der Wachsepilation wird zwischen Heiß-, Warm- und Kaltwachsen unterschieden. Vorteil des Wachsens ist, dass die enthaarten Areale für mehrere Tage haarfrei sind und dass größere Flächen auf einmal behandelt werden können. Nachteilig sind, vor allem bei Ungeübten, die Schmerzhaftigkeit der Methode und mögliche Follikulitiden.

 

Durch Zug können einzelne Haare auch mittels Pinzette entfernt werden. Dieses Verfahren ist allerdings schmerzhaft und zeitaufwendig, sodass es sich nur für kleine Flächen wie Augenbrauen, Oberlippe und Kinn eignet. Eine andere Möglichkeit ist der Einsatz technischer Geräte. Bei diesen Geräten bewegen sich Rollen so gegeneinander, dass beim Überfahren der Haut Haare ausgezogen werden. Die Methode eignet sich zur Anwendung im Extremitäten- oder Bikinibereich. Auch diese Enthaarung ist schmerzhaft, Follikulitiden sind häufig.

 

Ein häufig in arabischen Ländern genutztes klassisches mechanisches Enthaarungsverfahren ist die Abrasion. Hierbei kommen Abrasionshandschuhe oder -steine zum Einsatz. Durch rhythmisches und gegenläufiges Überstreichen der Haut werden die Haare geknickt, bis sie abbrechen. Es ist ein mühsames und nur mäßig effektives Verfahren, da nur der Teil des Haarschaftes entfernt wird, der aus der Haut ragt.

 

Mithilfe der Rasur lassen sich Haare ebenfalls auf mechanischem Wege temporär entfernen. Vorteil ist die einfache und rasche Durchführbarkeit. Nachteil ist der nur kurz anhaltende Effekt und das stoppelige Gefühl der nachwachsenden Haare. Besonders im Bikinibereich, wo die Haare gekräuselt wachsen, kann es nach Rasur zu Follikulitiden kommen.

 

Chemische Methoden

 

Chemisch lässt sich eine Hypertrichose durch Bleichung der Haare kosmetisch verbessern. Der Kontrast von Haut zu Haar wird dadurch reduziert. Eine chemische Depilation (Haarentfernung) lässt sich unter anderem mit Thioglykolaten erreichen. Das Prinzip dieser Behandlung beruht auf der Hydrolyse von Disulfidbrücken im Haarschaft. Der Haarschaft wird durch Di-sulfidbrücken stabilisiert, die zwischen Cysteinmolekülen im Haarschaft aufgespannt sind.

 

Der Haarschaft besteht zu 15 Prozent aus der Aminosäure Cystein, die Epidermis nur zu etwa 2 Prozent. Der Einfluss der Thioglykolate auf die Epidermis ist somit gering. Nach einer Einwirkzeit von 5 bis 10 Minuten werden die Haare mit einem Gummispatel von der Haut geschabt. Da der Ansatzpunkt der Auflösung des Haarschaftes in der Tiefe des Haarkanals unterhalb der Keratinisierungszone des Haarschaftes liegt, hält der Enthaarungseffekt für einige Tage an.

 

Nachwachsende Haare sind meist nicht so stoppelig wie nach einer Rasur. Nicht selten kommt es bei zu langer Einwirkzeit allerdings zur Hautirritation. Auch allergische Kontaktekzeme sind möglich. Zur Entfernung sehr kräftiger Terminalhaare, zum Beispiel Barthaare bei Männern, sind Thioglykolate aufgrund des langsamen Wirkungseintritts nicht geeignet.

 

Hemmung der Ornithindecarboxylase

 

Ein medikamentöses Verfahren zur Behandlung der Gesichtshypertrichose bei Frauen (verstärkte Behaarung an Oberlippe, Wangen und Kinn) ist die Inhibition der Ornithindecarboxylase durch Eflornithin-Creme. Das Enzym Ornithindecarboxylase katalysiert die Reaktion von Ornithin zu Putrescin. Polyamine wie Putrescin, Spermidin und Spermin sind Bestandteile aller lebenden Zellen. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Regulation von Zellwachstum und Differenzierung, vor allem auch im Haarfollikel. 

 

In zwei großen randomisierten, placebokontrollierten Studien an insgesamt 596 Frauen mit Hypertrichose im Gesicht konnte gezeigt werden, dass Eflornithin-Creme (zweimal täglich äußerlich) das Haarwachstum hemmen kann. Durchschnittlich spricht rund ein Drittel der Frauen sehr gut auf die Creme an, ein Drittel mittelstark und ein Drittel  kaum. In welche Gruppe die jeweilige Patientin gehört, kann in der Regel nach zwei bis drei Monaten Anwendung entschieden werden. Nach Absetzen der Behandlung geht der Behandlungsnutzen innerhalb von acht Wochen wieder verloren. Als Nebenwirkung geben etwa 5 Prozent der Frauen Brennen, Stechen und Kribbeln der Haut sowie akneartigen Hautausschlag an.

 

Elektrolyse und Thermolyse

 

Elektrolyse ist eine Gewebezerstörung durch Natriumhydroxid, das bei niedriger Stromstärke aus Kochsalz und Wasser im Haarfollikel entsteht. Die chemische Reaktion und die daraus folgende Gewebsdestruktion benötigt 30 bis 60 Sekunden und ist somit relativ zeitintensiv. Die Behandlung erfolgt durch eine Kosmetikerin. Aufgrund des langen Stromflusses kann die Behandlung schmerzhaft sein.

 

Bei der Thermolyse handelt es sich um kurzzeitige, hochfrequente Stromflüsse, also um eine meist unipolare Diathermie (elektrotherapeutische Methode, die die thermische Wirkung von hochfrequentem elektrischem Strom ausnutzt). Bei Verwendung einer manuellen Technik werden relativ geringe Intensitäten der oszillierenden Ströme verwendet. Die Einwirkzeit ist mit 3 bis 20 Sekunden relativ lang.

 

Die Epilation mittels Elektrolyse und Thermolyse ist nur bei aktiv wachsenden Anagenhaaren effektiv; nur bei ihnen kann die Epilationsnadel so tief in den Haarkanal gesteckt werden, dass sowohl dermale Papille als auch Wulstregion chemisch oder thermisch zerstört  werden. Damit bei der Behandlung nur wachsende Anagenhaare epiliert werden, empfiehlt sich drei bis fünf Tage vor dem Epilationstermin eine Rasur. Alle nachwachsenden Haare befinden sich dann im Anagenstadium und sind somit einer Epilation zugänglich. Als Nebenwirkungen können Entzündungen und bei zu intensiver Therapie auch Narben auftreten.

 

Laser- und Lichttechnologien

 

In den letzten Jahren haben sich durch moderne Laser- und Lichttechnologien neue therapeutische Optionen eröffnet. Eine Möglichkeit ist die selektive Photothermolyse. Auch Lasersysteme wie der Alexandrit- (755 nm), der gepulste Rubin- (694 nm), der gepulste Nd-YAG- (1064 nm) und der Diodenlaser (800/810 nm) können zur Epilation eingesetzt werden.

 

Bei den Blitzlampen wird der vom Gerät abgegebene Lichtimpuls eines bestimmten Wellenlängenspektrums zwischen 590 und 1200 nm vom Melanin des Haarschaftes und Haarfollikels absorbiert. Energie wird in Form von Wärme frei. Ein erneuter Impuls wird so appliziert, dass er zwischen die Relaxationszeit für die Epidermis (8 bis 10 msec) und des Haarfollikels (20 bis 40 msec) fällt.

 

Dadurch wird gewährleistet, dass die Epidermis durch Konduktion wieder die gesamte Energie als Wärme abgeben kann und somit nicht geschädigt wird. Unterstützend wirkt eine Kühlung der Haut durch ein Gel-Eis-Gemisch oder spezielle Stickstoff-Kühlgebläse. Im Haarfollikel wird die Wärme dagegen akkumuliert und der Follikel durch Protein-Denaturierung zerstört. Die Umgebung des Follikels wird kaum geschädigt. Die Relaxationszeit des Haarfollikels hängt von seiner Dicke ab. Das jeweils geeignete Wellenlängenspektrum hängt ab von der Haarfarbe und von der Tiefe der Haarfollikel. Diese variiert je nach Körperregion.

 

Dauerhaft entfernt werden können nur Haare, die zum Zeitpunkt der Behandlung in der Anagenphase sind. Nur dann befindet sich das energieübertragende Melanin des Bulbus in direkter Nachbarschaft zur dermalen Papille, die durch die Behandlung zerstört werden muss.

 

Der Anteil der Anagenhaare variiert je nach Körperregion. Am Kapillitium beträgt er etwa 85 Prozent, im Oberlippenbereich 65 Prozent und an den Augenbrauen nur etwa 10 Prozent. Der Patient muss daher auf die relativ geringen Ansprechraten pro Eingriff hingewiesen werden.

 

Neben der dermalen Papille dürfte auch der Wulstregion des Haarfollikels eine entscheidende Rolle für die dauerhafte Zerstörung des Haarfollikels zukommen. Erst seit wenigen Jahren weiß man, dass in der Wulstregion Stammzellen des Haarfollikels lokalisiert sind.

 

Die vielfältigen Studien zur Laser- und Lichtepilation sind aufgrund äußerst unterschiedlicher Geräte, Behandlungsparameter, Haarfarben, Behandlungsareale und Behandlungsintervalle nicht vergleichbar. Haarreduktionen unterschiedlichen Ausmaßes sind mit allen genannten Geräten erzielbar.


Auf einen Blick

Hypertrichosen und Hirsutismus bedürfen einer genauen diagnostischen Klärung. Es steht eine Reihe wirksamer Therapien zur Verfügung, um Frauen von den lästigen Haaren zu befreien. Diese können sowohl medikamentöser als auch nichtmedikamentöser Art sein. Oft ist eine symptomatische Behandlung, zum Beispiel mit Wachs-Epilation oder Eflornithin-Creme, effizient und praktisch gut durchführbar. Dauerhafte Haarentfernungen sind mittels Elektrolyse, Laser oder Blitzlampen möglich.


Literatur

... beim Verfasser


Anschrift des Verfassers:

Professor Dr. Hans Wolff

Ludwig-Maximilians-Universität

Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie

Frauenlobstraße 9-11

80337 München

hans.wolff(at)med.uni-muenchen.de


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Beitrag erschienen in Ausgabe 22/2009

 

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