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MRSA: Problemkeime in der Nahrung

MEDIZIN

 
MRSA

Problemkeime in der Nahrung

Von Gudrun Heyn, Berlin

 

Methicillin-resistente Stämme des Bakteriums Staphylococcus aureus (MRSA) können schwere Infektionen hervorrufen. Behörden haben die Keime nun auch in Lebensmitteln nachgewiesen.

 

Von Nutztieren im Stall bis zum Fleisch auf der Ladentheke lässt sich der Weg von Staphylococcus aureus verfolgen. »Obwohl breite Bevölkerungsschichten exponiert sein können, gehen wir momentan von keiner gesundheitsgefährdenden Situation für die Allgemeinbevölkerung aus«, sagte Dr. Alexandra Fetsch vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) kürzlich auf einer Veranstaltung des Instituts. Doch eine Gefährdung besonders exponierter Bevölkerungsgruppen und in Krankenhäusern kann auch das BfR nicht ausschließen.

 

Übertragen durch Körperkontakt

 

Auf die Spur der Bakterien in der Lebensmittelkette kamen Mediziner in den Niederlanden. Als sie im Sommer 2004 ein sechs Monate altes Mädchen vor einer Thoraxoperation routinemäßig auf Methicillin-resistente Stämme des Bakteriums Staphylococcus aureus (MRSA) screenten, staunten sie sehr über das Ergebnis. Denn sie entdeckten bei der kleinen Patientin eine enorm hohe Besiedlungsdichte, obwohl die Prävalenz für MRSA in den Niederlanden seit Jahren zu der niedrigsten in Europa zählt. Nicht einmal ein Prozent der Niederländer sind Träger des gefürchteten Krankenhauskeims, da dort vor der Aufnahme in eine Klinik jeder Patient auf den Erreger untersucht und im Verdachtsfall isoliert wird. Zudem blieb jeder Dekontaminationsversuch bei der kleinen Patientin ohne Erfolg, bis schließlich auch bei ihren Eltern und Geschwistern MRSA festgestellt wurde.

 

Weitere Recherchen durch die niederländischen Behörden ergaben, dass der Viehbestand des elterlichen Schweinezuchtbetriebes erheblich betroffen war. Besonders in der Nase der klinisch unauffälligen Schweine ließ sich der Erreger nachweisen. »Heute wissen wir, dass Staphylococcus aureus im Rahmen des Schlachtprozesses weiterverschleppt und dann in Lebensmitteln, die von entsprechenden Tieren stammen, nachgewiesen werden kann«, sagte Fetsch. So wurden bei einer ersten Untersuchung 41 Prozent von insgesamt 540 Schlachtschweinen positiv auf MRSA getestet.

 

Gefährliche Eigenschaften

 

An sich ist das Vorkommen von Staphylococcus aureus bei Mensch und Tier nicht ungewöhnlich. Gegenüber Umwelteinflüssen ist das fakultativ anaerob lebende Bakterium vergleichsweise unempfindlich und daher weit verbreitet. Vor allem die Schleimhäute werden von dem grampositiven Bakterium gerne besiedelt. Für Menschen und Tiere mit einem geschwächten Immunsystem stellt Staphylococcus aureus jedoch eine erhebliche gesundheitliche Gefahr dar. Von Abszess über Pneumonie bis hin zur Sepsis reicht das Spektrum der möglichen Erkrankungen. Durch ihre Enterotoxin-Produktion können die Keime zudem Lebensmittelvergiftungen und ein toxisches Schocksyndrom auslösen. Bei Tieren ist Staphylococcus aureus einer der wichtigsten Erreger der Mastitis. Auch in der Milch sind die Keime dann zu finden.

 

Zum Problemkeim ist Staphylococcus aureus jedoch vor allem durch die Antibiotikaresistenz einiger seiner Stämme geworden. Betroffen sind alle Betalactam-Antibiotika. Zudem sind MRSA oft auch unempfindlich gegen Substanzen wie Tetrazyklin, Gentamicin oder Erythromycin. Besonders in Krankenhäusern sind MRSA-Infektionen gefürchtet. Dort führen sie zu einer 20-fach erhöhten Mortalität, schränken die Therapiemöglichkeiten ein und verlängern die Liegedauer um bis zu 12 Tage. Mehrkosten von bis zu 20.000 Euro können so pro Patient entstehen.

 

MRSA ist nicht gleich MRSA

 

»Doch MRSA ist nicht gleich MRSA«, sagte Fetsch. Als die niederländischen Behörden nach ihrem Fund umfangreiche Untersuchungen bei Schlachttieren einleiteten, stellten sie fest, dass alle nachgewiesenen Isolate genetisch miteinander verwandt waren und dem Klon-Typ ST398 angehörten. Sowohl bei Tieren als auch bei Menschen finden sich diese sogenannten laMRSA (livestock associated, zu deutsch Viehbestand-assoziierte MRSA). In Deutschland machen sie bislang weniger als 10 Prozent aller nachgewiesenen MRSA aus. Mit dem Goldstandardverfahren zur Typisierung von Staphylococcus aureus, der Pulsfeld-Gel-Elektrophorese, lässt sich ST398 nicht erfassen. Daher wird dieser Keim auch als non-typable-MRSA bezeichnet. Mit anderen Methoden kann er jedoch gut typisiert und epidemiologisch eingeordnet werden. So auch mit der sogenannten spa-Typisierung. Dabei zeigt sich, dass ST398 den Spa-Genotypen t011, t034 und t1008 zugeordnet werden kann.

 

Damit unterscheidet er sich von den genetischen Profilen der anderen MRSA. So handelt es sich bei den nosokomial erworbenen ha(hospiatal aquired)MRSA, die Risikopatienten in medizinischen Einrichtungen befallen, vor allem um die spa-Genoypen t002 und t032. Und auch die neuerdings immer mehr von sich reden machende Gruppe der ambulant erworbenen ca(community aquired)MRSA wird durch andere spa-Genotypen charakterisiert. Häufig weisen sie einen Panton-Valentine Leukozidin (PVL) codierenden Genabschnitt auf, wodurch sie vor allem bei gesunden Kindern und Jugendlichen schwere Infektionen hervorrufen können. »Dagegen ist der Klon ST398 zum Glück negativ auf viele Virulenzfaktoren«, sagte Fetsch.

 

Im Vergleich zu haMRSA und caMRSA scheint der Klon ST398 grundsätzlich ein breites Resistenzspektrum zu besitzen. Charakteristisch sind seine Resistenzen gegen Betalactame, Tetrazyklin, Erythromycin und Clindamycin. Außerdem treten Resistenzen gegen Kanamycin und Gentamicin und bei einigen Isolaten auch gegenüber Chloramphenicol und Niclosamid auf.

 

Obwohl ST398 leicht Speziesschranken überwindet und ein hervorragender Besiedler ist, konnte er bis jetzt nur vereinzelt bei Menschen mit einer klinischen Erkrankung nachgewiesen werden. Untersuchungen in vielen Nutztierpopulationen ergaben jedoch eine hohe Prävalenz bei Rindern, Pferden und Schweinen. Zumeist sind auch die Landwirte in den MRSA-positiven Betrieben besiedelt. Doch in der Regel bleiben sowohl die Menschen als auch die Tiere klinisch unauffällig. »Es gibt deutliche Hinweise auf eine Beziehung zwischen dem Auftreten von MRSA und dem Betriebsmanagement«, sagte Fetsch. Ein wesentlicher Risikofaktor ist die Verwendung von Antibiotika als Standardmedikation. Aber auch über den Tierhandel werden die Staphylococcen weitergegeben.

 

Verschleppt werden die MRSA zudem über die Lebensmittelkette. Umfangreiche Untersuchungen in den Niederlanden zeigen, dass auch das rohe Fleisch im Einzelhandel noch erheblich betroffen sein kann. So wurden in mehr als 35 Prozent der getesteten Puten und in mehr als 15 Prozent der Hähnchen- und Kalbfleischproben MRSA nachgewiesen. Dabei stammt das betroffene Fleisch überwiegend aus der EU. Doch die Keimzahlen sind bislang so gering, dass sie nicht quantifiziert werden können. Auch in Deutschland wurden inzwischen Lebensmittel auf MRSA untersucht, mit ähnlichen Ergebnissen. Zudem wurde ST398 in Rohmilchproben entdeckt.

 

»Inwieweit bei einem Kontakt mit Lebensmitteln oder bei deren Verzehr eine Gefährdung besteht, kann derzeit noch nicht gesagt werden«, sagte Fetsch. Doch für Landwirte, Tierärzte und Schlachthofpersonal lässt sich ein gesundheitliches Risiko nicht ausschließen. Auch eine Verschleppung in Kliniken sei möglich. Wer als Verbraucher vorbeugen möchte, sollte daher die üblichen Hygieneregeln in der Küche einhalten, Fleisch nicht roh verzehren und besonders kleinen Kindern nur pasteurisierte Milch anbieten.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 19/2009

 

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