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PHARMAZIE

 
Naturdrogen

Hortensien zum Rauchen

Von Christina Hohmann

 

Pflanzen mit Rauschwirkung begegnen einem fast überall: Im Wald wachsen Fliegenpilze, in Parkanlagen und Vorgärten Hortensien und Engelstrompeten. Was in Deutschland nicht gedeiht, kann man im Internet bestellen. Begehrt sind zurzeit »Buttons«, getrocknete Kakteenscheiben.

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Naturdrogen liegen im Trend. Sie gelten bei Konsumenten als harmlos, weil sie ja »pflanzlich« sind. Zudem sind sie leicht zu beschaffen, erklärte Dr. Sylvia Prinz von der Apothekerkammer Westfalen-Lippe auf dem Nordrhein-Westfälischen Kooperationstag »Sucht und Drogen« in Köln. Zusammen mit Dr. Constanze Schäfer von der Apothekerkammer Nordrhein leitete sie auf der Veranstaltung ein Seminar zu Naturdrogen. Etwa 4 Prozent aller 12- bis 25-Jährigen hätten schon Erfahrung mit solchen Pflanzen. Dies sei ein vergleichbar hohes Ergebnis wie für Ecstasy, sagte Prinz.

 

Naturdrogen enthalten verschiedene psychoaktive Substanzen, die je nach Pflanze und Standort in Qualität und Quantität stark variieren können. Da die therapeutische Breite dieser Inhaltsstoffe aber gering ist, kann es leicht zu Vergiftungen kommen. Zudem besteht die Gefahr für dauerhafte Psychosen, wie es auch für das zu den Naturdrogen zählende Cannabis bekannt ist. Zu den Gründen, Naturdrogen zu versuchen, zählten Neugierde, Experimentierlaune und die Suche nach spirituellen Erfahrungen, sagte Prinz. Drogenpflanzen würden häufig auf ritualisierte Weise eingenommen, entsprechend dem alten, überlieferten Kult. Als typische Hexenkräuter gelten Pflanzen der Familie der Nachtschattengewächse (Solanaceen) wie Tollkirsche, Engelstrompete, Stechapfel, Bilsenkraut und Alraune. Die Hauptinhaltsstoffe dieser Pflanzen seien Tropanalkaloide, zu denen Atropin beziehungsweise Hyoscyamin und Scopolamin gehören. Die Parasympatholytika sind in der Regel aus frischen Drogen stärker wirksam als aus getrockneten, berichteten die Apothekerinnen. Sie sind für die halluzinogene Wirkung der Pflanzen, den charakteristischen Eindruck des »Fliegens« verantwortlich. Die therapeutische Breite der Substanzen ist gering. So können bereits zehn Beeren der Schwarzen Tollkirsche (Atropa belladonna) für Erwachsene tödlich sein. Symptome einer Intoxikation sind neben den Halluzinationen eine maximal erweiterte Pupille, eine raue, heisere Stimme, ein hochrotes Gesicht (Hyperthermie) und ein rasender Puls. Herzrhythmusstörungen können zum Tod führen. Bei Personen mit einer Tollkirschen-Vergiftung sollte keinesfalls Erbrechen ausgelöst, sondern der Notarzt verständigt werden, rieten die Referentinnen. Dieser könne den Magen auspumpen und ein Parasympathomimetikum (wie Physostigmin oder Neostigmin) als Antidot verabreichen.

 

Auch die verschiedenen Arten der Engelstrompeten enthalten in allen oberirdischen Pflanzenteilen Alkaloide. Um die Rauschwirkung zu erzeugen, werden die Blätter als Tee aufgekocht oder getrocknete Blätter geraucht. Der Rauschzustand halte zwischen drei Stunden und drei Tagen an, berichteten die Referentinnen. Anschließend komme es zu einem Dämmerschlaf und mitunter auch zu anhaltendem Gedächtnisschwund.

 

Als deutlich stärker und unangenehmer würde die Halluzinationsphase bei einem Stechapfelrausch beschrieben: Albträume, Angstzustände und Aggressivität können auftreten. Es bestehe die Gefahr der Selbstverletzung. Schon die Schamanen der Azteken hätten den Stechapfel als Droge benutzt, um sich in einen Rausch zu versetzen. Hierfür wurde die Droge getrocknet, zerrieben und einem gegorenen Maisgetränk zugesetzt.

 

In Deutschland eher unbekannte Solanaceen-Arten sind die Duboisia wie Duboisia myoporoides. Die Sträucher oder Bäume stammen aus Australien und Neukaledonien. Die Ureinwohner kauten die Blätter der Pflanzen als Aufputsch- und Beruhigungsmittel. Mittlerweile sei die als Pituri bezeichnete Droge auch in Internetforen zu bestellen, berichteten die Pharmazeutinnen. Das Rauscherlebnis beschreiben Konsumenten als schön und euphorisierend.

 

Kakteen zum Kauen

 

Ebenfalls eher exotisch und neu in Deutschland sind Kakteen-Drogen. Ein Beispiel ist die langsam wachsende Pflanze Peyote (Lophophora williamsii). Der kleine stachellose Kaktus stammt aus den Wüstengebieten von Texas bis Mittelmexiko. Die Ureinwohner dieser Region verwendeten die Droge seit etwa 7000 Jahren, um Kontakt mit den Göttern aufzunehmen und sich in einen seherischen Rausch zu versetzen. Die oberirdischen Pflanzenteile werden abgeschnitten und getrocknet. Die getrockneten Kakteenscheiben werden als »Button« oder Mescalinknöpfe bezeichnet. Denn Mescalin ist der Hauptwirkstoff des Peyote, der für seine Rauschwirkung verantwortlich ist. Ein Button enthalte etwa 25 bis 45 mg dieses Halluzinogens, berichteten die Pharmazeutinnen. Die Buttons würden gekaut, wobei viele Anwender die Droge wegen ihres ausgesprochen bitteren Geschmacks nicht schlucken könnten. Der Wirkstoff würde aber über die Mundschleimhaut resorbiert, berichtete Prinz. Nach 30 bis 60 Minuten setze eine Übelkeit mit Erbrechen, Durchfall, Schwitzen, Blutdruckanstieg und Gangunsicherheit ein. »Der Kater setzt bei dieser Droge vor dem eigentlichen Rausch ein«, sagte die Apothekerin. Erst später kommt es zu LSD-ähnlichen Halluzinationen wie besonderen Farb- und Klangerlebnissen. Bei Langzeitanwendung sind Flashback-Psychosen und neurologische Schäden möglich.

 

Zu ähnlichen Rauscherlebnissen führt auch der Konsum von San-Pedro-Kaktus-Scheiben. Der bis zu sechs Meter hoch wachsende Säulenkaktus Trichocereus pachanoi stammt aus den Anden Perus. Die Indianer dort benutzten die mescalinhaltige Kaktee zum Wahrsagen und Diagnostizieren von Krankheiten. Dafür werden frische Stücke des Stammes in Scheiben geschnitten und in Wasser gekocht.

 

Auch einige Zierkakteen wie Echinocereus- oder Mamillaria-Arten enthalten halluzinogene Substanzen. Die Pflanzen werden wie der Peyote- und San-Pedro-Kaktus über das Internet gehandelt. »Zierkakteen sind aber auch in jedem Gartenmarkt für 1,99 Euro zu erhalten«, sagte Schäfer.

 

Ebenfalls leicht zu beschaffen sind Hortensien: Sie wachsen in vielen Gärten, Parks oder auf dem Balkon. Der strauchartigen Pflanze mit den großen rosa oder blauen doldenförmigen Blüten wird eine berauschende Wirkung nachgesagt. Triebe, Blüten und Blätter werden geraucht. Die Blumen-Joints sollen eine ähnliche Wirkung besitzen wie Marihuana, nämlich Wohlbefinden, Euphorie und Halluzinationen auslösen sowie sedierend wirken. Bei Jugendlichen sollen Hortensientriebe als Haschischersatz beliebt sein, Zahlen zum Konsum gibt es aber keine. Vom Rauchen wird dringend abgeraten, da die Pflanze Blausäureverbindungen enthält, die beim Verbrennen freigesetzt werden.

 

Verbotene Tütchen

 

Die am häufigsten verwendete Naturdroge stellt der Hanf (Cannabis sativa) dar. Von der Pflanze werden entweder die Blätter (Cannabis), die getrockneten Blüten oder früchtetragenden Triebspitzen (Marihuana) oder das unveränderte Harz (Haschisch) konsumiert. Meist wird die Droge gemischt mit Tabak geraucht oder in Kekse eingebacken. Die enthaltenen Cannabinoide sind relativ milde Halluzinogene, die zu Euphorie, gesteigertem Wohlbefinden, veränderter Zeitwahrnehmung und zum Teil auch zu Depersonalisierung führen können. Sie stehen in Verdacht, Antriebsveränderungen (Amotivationssyndrom) und Psychosen auszulösen. Auch Flashback-Psychosen sind möglich, berichteten die Pharmazeutinnen. Heute enthalten die Cannabis-Drogen deutlich höhere Cannabinoid-Mengen als früher. Während vor etwa 20 Jahren der Wirkanteil bei etwa 5 Prozent lag, beträgt er heute durch Hightech-Züchtung und optimierten Anbau etwa 30 Prozent.

 

Cannabis unterliegt dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG), der Handel und der Anbau der Pflanze sind verboten. Auch die Modedroge »Spice«, die als Räucherwerk deklariert, aber in Joints geraucht wurde, ist seit Januar 2009 verboten. Sie unterliegt dem BtMG, seitdem Forscher der Universität Freiburg entdeckt haben, dass die Kräutermischung eine leicht veränderte Form des synthetischen Cannabinoids CP-47,497 enthält, das strukturell dem Hauptwirkstoff der Cannabispflanze ähnelt.

 

Ebenfalls laut BtMG (seit Januar 2008) nicht verkehrsfähig ist der Aztekensalbei oder Zaubersalbei (Salvia divinorum). Die Pflanze stammt aus Mexiko, wo die Mazateken-Indianer sie für schamanische Rituale nutzten. Der Hauptwirkstoff, das Diterpen Salvinorin A, gilt als das stärkste natürlich vorkommende Halluzinogen. Die frischen oder getrockneten Blätter werden gekaut oder in Wasserpfeifen geraucht. Online-Shops bieten auch Extrakte an. Nach etwa 30 Sekunden tritt ein LSD-ähnlicher Rauschzustand ein. Die Farb- und Formwahrnehmung ist verzerrt, es kommt zu identitätsauflösenden Erlebnissen und zu Panikattacken.


Ephedra aus der Apotheke

Eine für Apotheker relevante Naturdroge ist die Meerträubel (Ephedra sp.). Während früher in der Apotheke häufiger nach Ephedra-Kraut gefragt wurde, kommt der Endverbraucher heute nicht mehr ohne Weiteres an die Droge heran. Denn seit der Änderung des Arzneimittelgesetzes vom 1. April 2006 sind sämtliche ephedrinhaltigen Substanzen und Pflanzenteile rezeptpflichtig. Ephedra unterliegt dem Grundstoffüberwachungsgesetzes (GÜG). Die aus China oder Tibet stammenden Pflanzen enthalten Ephedrin, Pseudoephedrin und andere Alkaloide mit amphetaminartiger Wirkung. Sie stimulieren das sympathische Nervensystem, steigern Wachheit, Konzentration und Leistungsfähigkeit und können in höherer Dosis einen ähnlichen Rausch wie Speed erzeugen. Vergiftungsanzeichen sind Schweißausbrüche, Herzrhythmusstörungen, Zittern und Krämpfe.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 17/2009

 

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