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Cannabis: Härter als sein Ruf

MEDIZIN

 
Cannabis

Härter als sein Ruf

Von Bettina Sauer

 

Lange Zeit galt der Konsum von Cannabis als weitgehend harmlos. Doch inzwischen deuten Studien und ein relativ hoher Behandlungsbedarf auf einen Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen hin. Nun wird der Nutzen cannabisspezifischer Entwöhnungstherapien untersucht.

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Als kleines Mädchen in einer großen Familie fühlte Vera sich wohl. Doch dann zogen ihre drei älteren Geschwister aus, ihre Eltern arbeiteten fortan mehr und intensivierten ihre zahlreichen Hobbys. Vera blieb häufig allein zu Hause, fühlte sich einsam und suchte mit zwölf Jahren eine Art Ersatzfamilie: Eine Gruppe junger Männer, alle um die 20 und starke Kiffer. Mit 13 konsumierte Vera regelmäßig Cannabis. Mit 14 ging sie nur noch unregelmäßig zur Schule, um dann teilnahmslos im Unterricht zu sitzen. Die Eltern fühlten sich von der Entwicklung überfordert und zogen sich noch mehr von der Tochter zurück. Nach einigen Monaten stellte die Schulleitung ein Ultimatum: Entweder Vera begibt sich in eine Drogentherapie, oder sie fliegt von der Schule.

 

Die Drohung wirkte. Vera suchte Hilfe im Therapieladen, einer ambulanten Einrichtung der Berliner Sucht- und Drogenhilfe, die seit 1985 besteht und sich schon früh auf Cannabiskonsumenten spezialisiert hat. »Mit diesem therapeutischen Angebot standen wir ziemlich lange allein auf weiter Flur«, sagte Diplom-Psychologe Andreas Gantner, Leiter des Therapieladens, im Gespräch mit der PZ. »Cannabis galt bis vor Kurzem als weitestgehend harmlos.« Die Pflanze enthält psychoaktive Substanzen, darunter als Hauptwirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC). Meist werden die getrockneten Blätter und Blüten (Marihuana) oder das Harz der Blütenstände (Haschisch) als Joint geraucht. Zunehmend benutzen Konsumenten auch verschiedene Typen von Pfeifen, wodurch die Droge intensiver wirkt. Meist hebt sie kurz nach dem Konsum die Stimmung bis hin zur Euphorie, steigert das Kommunikationsbedürfnis und die Sinneswahrnehmung und erzeugt in späteren Rauschphasen eine tiefe Entspannung. Diese Effekte und die vermeintliche Harmlosigkeit der Droge brachten Cannabis in Mode. »In den 1980er und -90er Jahren schnellte der Konsum in die Höhe, besonders unter Jugendlichen«, sagte Gantner. Ablesen lässt sich das unter anderem an den Drogenaffinitätsstudien, die die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) regelmäßig unter 12- bis 25-Jährigen durchführt. 1979 gaben 14,1 Prozent der Befragten an, mindestens einmal im Leben Cannabis konsumiert zu haben. 2004 betrug der Wert hingegen 31,1 Prozent. Die jüngste Befragung der BZgA ergab 2008 eine Rate von 28,3 Prozent. Es zeichnet sich also wieder ein Rückgang ab.

 

»Allerdings scheint die Zahl der regelmäßigen, oft langjährigen Cannabiskonsumenten unverändert hoch zu liegen«, sagte Jean Hermanns, Suchttherapeut am Psychiatrischen Krankenhaus im schleswig-holsteinischen Rickling, beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde Ende 2008 in Berlin. In Deutschland zeigen schätzungsweise 600.000 Menschen zwischen 18 und 64 Jahren einen problematischen Cannabiskonsum, also eine missbräuchliche Verwendung oder Abhängigkeit, heißt es im sogenannten Epidemiologischen Suchtsurvey. Und der aktuellen Statistik der professionellen Suchtkrankenhilfe zufolge, ließen sich 12,1 Prozent aller ambulanten und 5,1 Prozent aller stationären Behandlungsfälle im Jahr 2007 hauptsächlich auf ein Cannabisproblem zurückführen. Damit belegt die Droge in beiden therapeutischen Bereichen den dritten Platz hinter Alkohol und Opioiden.

 

Kiffen kommt selten allein

 

Hermanns wundert der hohe Behandlungsbedarf nicht. »Mindestens jeder zehnte regelmäßige Kiffer gerät laut Fachliteratur in seelische Schwierigkeiten«, sagte er. »Selbst ein einmaliger Konsum bringt mitunter Komplikationen mit sich. Deshalb müssen wir den Mythos der Unbedenklichkeit von Cannabis endgültig aufgeben und uns der psychiatrischen Realität zuwenden.« Seiner Erfahrung nach scheint die Droge umso mehr Gefahren zu bergen, je häufiger der Konsum und je niedriger das Einstiegsalter ist.

 

»Studien lassen vermuten, dass Cannabis bei Kindern und Jugendlichen die Synaptogenese, also die Verknüpfung von Nervenzellen im reifenden Gehirn, beeinträchtigt«, sagte Gantner. Das wirke sich womöglich nicht nur auf Lernprozesse aus, sondern auch auf die Entwicklung der Persönlichkeit. Im erwachsenen Gehirn scheine Cannabis zwar keine bleibenden Schäden zu verursachen. »Allerdings bemerken wir beim regelmäßigen Konsum über alle Altersgruppen hinweg eine starke Einschränkung der geistigen Leistungsfähigkeit.« Dabei wirke die Droge als Dämpfer auf Merk- und Denkprozesse und weiterhin negativ auf die Wahrnehmung und das Gefühlserleben, auf Antrieb und Motivation. In diesem Zusammenhang sprechen manche Psychiater von einem »Amotivationalen Syndrom«.

 

Auch andere psychische Probleme wie Angstzustände, Depressionen, Selbstmordgedanken, Borderline-Störungen und ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom) scheinen vermehrt bei Cannabiskonsumenten aufzutreten. Am besten belegt ist der Zusammenhang mit Schizophrenie. 35 Langzeitstudien zum Thema bezogen britische Forscher um Dr. Stanley Zammit von der Universität Bristol in eine Analyse ein, die sie im Juli 2007 im Fachjournal »The Lancet« veröffentlichten (Doi: 10.1016/S0140-6736(07)61162-3). Demnach erhöht schon ein einmaliges Probieren von Cannabis die Gefahr, irgendwann im Leben eine Psychose zu entwickeln. Und ein häufiger Konsum verdoppelt dieses Risiko sogar im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung. Doch einige Studien deuten darauf hin, dass für die Ausbildung einer Psychose eine gewisse Verletzlichkeit (Vulnerabilität) des Konsumenten vorliegen muss.

 

Das dürfte auch für andere psychische Probleme im Zusammenhang mit Cannabis zutreffen, sagte Gantner: »Manch einer scheint Cannabis sogar unbewusst als eine Art Medizin gegen bestehende Erkrankungen einzusetzen. Denn es bietet aufgrund seiner beruhigenden und stimmungsaufhellenden Wirkung eine scheinbare Linderung bei einem breiten Spektrum seelischer Probleme ­ aber keine Lösung.« Hermanns formulierte noch schärfer: »Keine psychische Störung bessert sich, wenn eine zweite psychische Störung hinzukommt.«

 

Psychotherapien helfen beim Entzug

 

Doch berichteten beide Experten von einer ermutigenden Erfahrung: Seelische Erkrankungen, die im Zusammenhang mit Cannabis auftreten, lassen sich mithilfe geeigneter Psychotherapien oder Medikamente gut behandeln. »Das erfordert allerdings in der Regel den vollständigen Verzicht auf Cannabis«, sagten beide. Und der fällt vielen Kiffern schwer, denn wie andere Suchtmittel kann Cannabis eine Abhängigkeit erzeugen. Zu den typischen Entzugserscheinungen zählen das übermächtige Verlangen nach der Droge, Schlafstörungen und unruhige Träume. Mitunter verfallen Betroffene auch in belastende negative Gemütszustände, vor allem in Ängste und Depressionen. Der Entzug erfolgt stationär oder ambulant, erfordert meist keine Medikamente und dauert höchstens drei Wochen. Doch bis zur vollständigen Entwöhnung können nochmals Monate verstreichen. Deshalb brauchen Entzugswillige eine gewisse Bereitschaft zum Durchhalten, eine langfristige therapeutische Begleitung und meist auch eine strenge Überwachung des Cannabisverzichts durch regelmäßige Urinkontrollen.

 

In der Regel arbeiten Entwöhnungstherapien mit Techniken der motivierenden Gesprächsführung und informieren im Zuge der Psychoedukation über Wirkungen und Risiken des Cannabiskonsums. Individuell versuchen Therapeuten zu klären, wie ein Patient in die Sucht rutschte, ob Grundprobleme dahinter stehen und wie sich diese lösen lassen. Bei der kognitiven Verhaltenstherapie hinterfragen Patient und Therapeut die Denkmuster und Schlüsselreize, die den Wunsch nach dem nächsten Joint wecken, um auf dieser Basis Gegenstrategien zu entwickeln und zu trainieren. Wer von Cannabis loskommen will, muss oft bestimmte Plätze meiden, Kifferutensilien vernichten, sich möglicherweise auch von konsumierenden Freunden lösen. Genusstraining oder Beschäftigungstherapie dienen dazu, die Sinne für legale Alltagsfreuden zu schärfen. In diesem Zusammenhang betonte Hermanns die besondere Bedeutung des Sports: »Er verschafft vielen Patienten Momente der Selbstbestätigung, füllt Leere und Langeweile und strukturiert den Alltag.«

 

Mehr als jeder zweite Kiffer kommt am Ende einer Suchttherapie ohne Joint, Wasserpfeife und Hasch-Keks zurecht, so Gantners Erfahrung. »Doch fehlen uns in Deutschland therapeutische Angebote, die speziell auf Cannabis-Konsumenten zugeschnitten und wissenschaftlich auf ihren langfristigen Nutzen überprüft sind.« Das ändert sich gerade. Mehrere Behandlungskonzepte befinden sich in vielversprechenden Studien (siehe Kasten).

 

An einigen dieser Untersuchungen beteiligt sich der Berliner Therapieladen, unter anderem seit 2006 an der Studie Incant (»International Cannabis Need of treatment«). Diese überprüft in fünf europä-ischen Ländern den Nutzen der sogenannten multidimensionalen Familientherapie im Vergleich zu herkömmlichen Psychotherapien, in der Regel Einzelsitzungen. Die multidimensionale Familientherapie wurde bereits 1985 an der US-amerikanischen Universität Miami entwickelt, dauert vier bis fünf Monate und richtet sich an Cannabiskonsumenten zwischen 13 und 18 Jahren. Doch bezieht sie auch die Eltern und gegebenenfalls die Geschwister, Lehrer und andere Bezugspersonen mit ein.

 

Ganze Familie gefordert

 

»Das ist neu für das deutsche Suchthilfesystem, das sich bislang meist auf Einzelsitzungen mit älteren Konsumenten konzentriert«, sagte Gantner. »Kernstück des Konzepts ist die Schaffung oder Wiederherstellung positiver Emotionen in der Familie.« Oft gelte es auch, innerfamiliäre Probleme zu lösen und den Eltern zu helfen, in ihrem Erziehungsverhalten die richtige Mischung aus Zuwendung und Strenge zu finden. »Das alles unterstützt das Kind beim Verzicht auf die Droge.« Im Sommer 2010 soll die Auswertung der Incant-Studie vorliegen, doch schon jetzt zeigt sich Gantner vom Nutzen der Familientherapie überzeugt. Dabei stützt er sich auf Erfahrungen mit mehr als 100 Jugendlichen im Therapieladen. »Etwa 90 Prozent von ihnen haben die Familientherapie planmäßig beendet.« Und bei ihnen zeigten sich weitaus größere Behandlungserfolge als in der Vergleichsgruppe, auch bei den Nachbeobachtungen.

 

Vera und ihre Eltern nahmen Mitte 2007 ebenfalls an der Incant-Studie teil ­ und womöglich gab es während dieser fünf Monate für die Eltern mehr zu lernen als für die Tochter. Denn schon die ersten Therapiesitzungen offenbarten, wie sehr Vera elterliche Zuwendung und Wärme vermisste, aber auch Grenzen und Orientierung. Die Eltern entschieden sich in der Therapie, ihren Alltag umzustrukturieren und auf eigene Freiräume zu verzichten. Fortan blieb immer jemand zu Hause, um Vera zu wecken, mit Frühstück zu versorgen, in die Schule zu bringen, nachmittags zu beaufsichtigen und abends ins Bett zu stecken. Vera beschwerte sich zwar oft darüber, ohne sich aber ernsthaft zu widersetzen. Während der Therapie hörte sie mit dem Kiffen auf und hält bis heute durch. Das beweist sie mit regelmäßigen Urinkontrollen. Sie geht auch wieder jeden Tag zur Schule, macht neuerdings in einer Theatergruppe mit und intensiviert ihre alten, drogenfreien Kontakte. Ihre kiffenden Männerbekanntschaften trifft sie nicht mehr. Dafür fühlt sie sich wieder wohl in ihrer richtigen Familie.


Cannabis-Entwöhnungsprogramme

Auf der Website »Quit the Shit« der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung BZgA (www.drugcom.de) können sich Menschen jeden Alters, die ihren Cannabiskonsum beenden möchten, anonym von einem Suchttherapeuten beraten lassen. Dabei legen sie ein individuelles Ziel fest, das sie in den nächsten 50 Tagen verfolgen.

 

Beim deutsch-schweizerischen ambulanten Programm »Realize it« (www.realize-it.org) legen Cannabiskonsumenten zwischen 15 und 30 Jahren im persönlichen Gespräch mit einem Suchttherapeuten zunächst ein Therapieziel fest. Es folgen vier weitere Einzelberatungen und eine Gruppensitzung. Weil begleitende Studien eine gute Wirksamkeit bestätigten, beschloss das Bundesgesundheitsministerium 2007, das Programm deutschlandweit in das Angebot von Beratungsstellen aufzunehmen.

 

Ein weiteres ambulantes Konzept namens Candis (www.candis-projekt.de) stammt von der Technischen Universität Dresden. Es umfasst zehn Einzelsitzungen über einen Zeitraum von zwei bis drei Monaten. Dabei findet zunächst eine Motivationsstärkung, dann eine kognitive Verhaltenstherapie und zuletzt ein psychosoziales Problemlösetraining statt. Erste Ergebnisse belegen eine hohe Wirksamkeit bei älteren Jugendlichen und Erwachsenen. Um die Eignung unter Realbedingungen zu überprüfen, läuft das Programm seit Ende 2007 an elf ambulanten Suchthilfezentren, auch im Berliner Therapieladen. Dieser beteiligt sich zudem an der im Text beschriebenen Incant-Studie (www.incant.de) zur Bewertung der multidimensionalen Familientherapie. Diese dauert bis zu fünf Monate, richtet sich an Cannabiskonsumenten zwischen 13 und 18 Jahren und bezieht Eltern und andere Bezugspersonen ein.

 

Wer allgemein Hilfe aufgrund von Problemen mit Cannabis sucht, wendet sich am besten an eine örtliche Drogenberatungseinrichtung. Auf der Homepage der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (www.dhs.de) und der BZgA (www.bzga.de) finden sich entsprechende Verzeichnisse und weitere Informationen.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 17/2009

 

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