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Mikrosilber: Alte Aktivsubstanz in neuem Gewand

TITEL

 
Mikrosilber


Alte Aktivsubstanz in neuem Gewand

Von Rolf Daniels, Martin Mempel, Martina Ulrich und Peter Steinrücke

 

Der antimikrobielle Effekt von Silberionen ist seit Langem bekannt. In der Medizin werden silberhaltige Präparate vor allem zur Wundbehandlung genutzt. In der Dermokosmetik können solche Zusätze zur Hautpflege bei Neurodermitis-Patienten sinnvoll sein.

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Die medizinische Verwendung von Silber ist uralt. Bereits der griechische Geschichtsschreiber Herodot schildert, dass der Perserkönig Cyrus (etwa 610 bis 585 v. Chr.) bei seinen Kriegen Wasser aus dem Fluss Choapses in silbernen Krügen mit sich führte. Im alten Ägypten wurden Wunden mit Silberfolien bedeckt. Ihren Höhepunkt erreichte die therapeutische Anwendung mit der Einführung des Wirkstoffs Silbersulfodiazin in den 1960er-Jahren (1). Mit dem Aufkommen moderner Antibiotika rückte die Substanz allerdings wieder in den Hintergrund.

 

Angesichts einer steigenden Anzahl von resistenten Mikroorganismen verwundert es jedoch kaum, dass Silber in jüngerer Zeit eine Renaissance als antimikrobielles Agens für die topische Anwendung erlebt (2). Als Nanosilber oder Mikrosilber wird es nicht nur für medizinische Zwecke, zum Beispiel bei der Wundbehandlung, eingesetzt, sondern auch in zahlreichen Produkten des Alltags, zum Beispiel zur Hautpflege. Es eignet sich vor allem zur therapiebegleitenden Pflege bei Neurodermitis (3). Berechtigterweise wird häufig die Frage gestellt, ob es sich dabei eher um einen Marketinggag handelt oder ob die Produkte tatsächlich einen Zusatznutzen für den Anwender bieten. Außerdem taucht bisweilen die Frage nach deren Sicherheit auf.

 

Oligodynamische Effekte

 

Silber (Ordnungszahl 47) gehört zu den Übergangselementen und findet sich in der elften Gruppe (Kupfergruppe) des Periodensystems. Das Elementsymbol Ag leitet sich vom lateinischen Wort Argentum ab. Silber ist ein klassisches Edelmetall mit einem hohen Normalpotenzial von + 0,7991 V und ist daher relativ reaktionsträge. Unter geeigneten Umständen lässt es sich jedoch zu Ag+ oxidieren. Insbesondere in Gegenwart von Schwefelwasserstoff ist die oberflächliche Oxidation an sauerstoff- und ozonhaltiger Luft erleichtert; durch das dabei entstehende schwer lösliche Silbersulfid läuft metallisches Silber mit der Zeit dunkel an.

Das Edelmetall gibt sehr viel weniger Ionen (Ag+) an wässriges Milieu ab als unedle Metalle. Diese wirken jedoch bereits in sehr niedriger Konzentration toxisch auf Mikroorganismen. Dieser antimikrobielle Effekt ist mit dem Begriff Oligodynamie assoziiert. Der Begriff geht auf den Schweizer Botaniker Carl Wilhelm von Nägeli (1817 bis 1891) zurück, der damit Schadeffekte kleinster Mengen von Metall-Kationen auf lebende Zellen bezeichnete. Nägeli setzte sich als Erster ausführlich und wissenschaftlich mit dem antimikrobiellen Effekt des Silbers auseinander (4). Jedoch kannte man offenbar bereits 1000 v. Chr. dessen schützende Eigenschaften. So ist eine empirische Anwendung schon von den Griechen in der Antike, Alexander dem Großen, Cyrus und im Sanskrit überliefert (5).

 

Quantitative Zusammenhänge sowie eine Übersicht über empfindliche Erregerstämme wurden schon früh publiziert (6). Demnach ist eine antibakterielle Wirkung bei empfindlichen Mikroorganismen ab einer Ag+-Konzentration von 2 µg/l zu beobachten. Viele Literaturangaben sind jedoch kritisch zu hinterfragen, da der Einfluss des umgebenden Milieus nicht vernachlässigt werden darf. Die meisten Daten wurden unter wenig standardisierten Verhältnissen ermittelt und sind daher nicht direkt vergleichbar. In einer für Silberionen inerten Umgebung, zum Beispiel in einem Medium ohne Sulfidionen oder Proteine, ist eine keimtötende Wirkung sogar bei Konzentrationen von 2 ng/l nachweisbar.

 

Es ist bekannt, dass Silberionen mit Proteinstrukturen reagieren. Dabei ist besonders die Reaktion mit Thiolgruppen sehr effektiv. Oftmals führt dies zu einer Störung der nativen Proteinstruktur und meist zu einem Funktionsverlust. Für die Energiegewinnung sind membrangebundene Proteine der bakteriellen Atmungskette von ebenso zentraler Bedeutung wie Transportproteine für den geregelten Stofftransport über Membranen. Silberionen können solche Strukturen auf der Außenseite des Bakteriums schädigen, sodass Energiegewinnung und Stofftransport bereits nachhaltig beeinträchtigt sind, bevor die Ionen ins Zellinnere eindringen und dort zusätzlich intrazelluläre Enzyme und Nukleinsäuren inaktivieren können.

 

Da Silberionen sehr unspezifisch reagieren, ist das Wirkungsspektrum sehr breit und Mikroorganismen entwickeln kaum Abwehrmechanismen. Silberionen reagieren auch mit Proteinstrukturen höherer Säugerzellen. Diese sind jedoch ungleich größer als Bakterienzellen und viele lebenswichtige Funktionen wie die Energiegewinnung finden intrazellulär statt. Daher sind für eine Schädigung menschlicher Zellen oder Gewebe erheblich mehr Silberionen notwendig. In der Praxis bedeutet dies, dass Konzentrationen, die antimikrobiell bereits gut wirksam sind, für den Menschen bei topischer und systemischer Anwendung noch sehr gut verträglich sind.

 

Als Salz oder Element

 

In der Medizin wird Silbernitrat als Antiseptikum und Adstringens (als 0,5-prozentige Lösungen zur lokalen Behandlung) und als Ätzmittel (»Höllenstein-Ätzstift«, Österreich: »Lapisstift«) gegen Hautwucherungen, Geschwüre und Warzen angewendet. Prominenteste Anwendung war die bis vor einigen Jahren noch verpflichtende Credé-Prophylaxe bei Neugeborenen. Dabei wurde eine 1-prozentige Silbernitrat-Lösung in die Augen getropft, um eine gonorrhoische Augeninfektion zu verhindern. Heute wird stattdessen ein Antibiotikum gegeben, das nicht in den Augen schmerzt. Aufgrund der zunehmenden Antibiotika-Resistenzen besteht jedoch die Tendenz, auch Silbernitrat wieder einzusetzen (7).

 

Ein anderes bedeutendes Indikationsgebiet ist die Behandlung von Brandwunden. Dabei kommt hauptsächlich Silbersulfadiazin, das Silbersalz eines Sulfonamids, zum Einsatz. Außerdem finden sich in der Roten Liste mehrere Wundauflagen für chronische, schlecht heilende Defekte, die als Wirkstoff »Silbersalz«, meist Silbersulfat enthalten.

 

Von den Salzen, in denen Silber genuin in oxidierter Form als Ag+-Ionen vorliegt, ist metallisches Silber abzugrenzen. Dieses kann in unterschiedlichen physikalischen Formen vorliegen, zum Beispiel in makroskopisch sichtbaren Strukturen (Silberdraht oder -faden), als Mikrosilber und Nanosilber. Letzteres wird vermehrt auch unter den Synonyma »kolloidales Silber« oder »Silberwasser« für verschiedene Anwendungen angeboten, die wissenschaftlich allerdings meist wenig untermauert sind.

 

In allen Fällen verhält sich Silber wie ein Edelmetall und gibt daher Ionen nur in geringen Konzentrationen ab. Da die Silberionen ausschließlich an der Oberfläche gebildet werden, kann eine antimikrobiell ausreichende Konzentration mit einer vergleichsweise geringen Gesamtdosis metallischen Silbers erreicht werden, wenn die zum Medium exponierte Fläche möglichst groß ist.

 

Die spezifische Oberfläche des Metalls bestimmt also die Kinetik des Prozesses. Im Nanosilber liegen die Partikel in einer mittleren Größe von etwa 50 nm vor; sie weisen eine sehr große spezifische Oberfläche von 450 m2/g auf. Allerdings weiß man bei Nanoteilchen (< 100 nm) noch zu wenig über deren Verbleib und Abbau im Körper. Es gibt Befürchtungen, dass solch kleine Partikel unkontrolliert die Haut penetrieren und dann toxisch wirken könnten (8). Das Europäische Parlament hat darauf kürzlich mit einer Änderung der EU-Kosmetikverordnung reagiert. Diese sieht eine Deklarationspflicht für Nanopartikel in Kosmetika vor. Außerdem müssen die Kosmetikhersteller die Ungefährlichkeit der verwendeten Nanomaterialien künftig belegen. Es wäre also vorteilhaft, Teilchen zu verwenden, die mit Sicherheit zu groß sind für eine Hautpenetration und dennoch eine große spezifische Oberfläche aufweisen.

 

Diese Alternative bietet Mikrosilber (Beispiel: MicroSilver BGTM). Aufgrund der mittleren Teilchengröße von etwa 10 µm ist eine Hautpenetration auszuschließen. Eine ausreichende Generierung von Silberionen ist dadurch möglich, dass die Partikel aufgrund ihrer schwammartigen Struktur eine größere spezifische Oberfläche (5 m2/g) als herkömmliches Silberpulver haben.

 

Die Herstellung dieser speziellen physikalischen Form geht von hochreinem elementaren Silber aus, das in einem von der Fraunhofer-Gesellschaft entwickelten rein physikalischen Gasphasenprozess seine spezifische Struktur erhält. Im Gegensatz zu den Salzen hat Mikrosilber einen Depoteffekt und kann im Kontakt mit Elektrolyten über einen langen Zeitraum kontinuierlich Ionen abgeben. Die erreichte Konzentration hängt von den Milieubedingungen ab und wird durch Bildung von Komplexen oder schwerlöslichen Salzen beeinflusst. Werden Silberionen verbraucht, werden diese von der Oberfläche des metallischen Depots in einem Fließgleichgewicht vergleichsweise rasch nachgeliefert.

 

Antimikrobielles Profil

 

Die antimikrobielle Wirkung von Silberverbindungen und metallischem Silber war Gegenstand zahlloser Untersuchungen (6, 9-11). Die Mehrzahl belegt in vitro die antimikrobielle Aktivität bei einem sehr weiten Spektrum von Mikroorganismen. Darunter befinden sich auch verschiedene MRSA-Stämme sowie Pilze, zum Beispiel Dermatophyten (11, 12). Der Effekt auf Viren ist gering und lässt sich durch Erhöhung der Ionenkonzentration kaum steigern (13).

 

Die beabsichtigte antimikrobielle Wirkung variiert nicht nur innerhalb einer Spezies, zum Beispiel infolge unterschiedlicher Wachstumsphasen oder Lebensweisen, und durch Unterschiede im Milieu, sondern es bestehen auch Spezies-spezifische Unterschiede. Leider erlauben die publizierten Daten mangels unzureichender experimenteller Standardisierung keine Erstellung einer detaillierteren Übersicht. Sie erklären aber problemlos die beobachteten, teils erheblichen Schwankungen zwischen In-vitro-Versuchen und In-vivo-Einsatz: In vitro ist die Wirksamkeit meist besser als in vivo.

 

Insbesondere kolloidale Silbersysteme (Teilchengröße 1 bis 100 nm) sowie Silbersalze sind besonders empfänglich für Schwankungen im Milieu, zum Beispiel pH-Wert oder Elektrolytzusammensetzung, und werden dabei schneller »verbraucht«. Dagegen bietet inertes metallisches Mikrosilber einen Vorrat für weitere Ionen, da bei Bedarf frische Silberionen freigesetzt werden.

 

Mikrosilber in Kosmetika

 

Metallisches Silber ist keine Neuheit in halbfesten Zubereitungen: Seit Langem wird es als Farbstoff für eine kosmetische Anwendung im INCI-Inventar aufgeführt (INCI-Bezeichnung: silver; CI 77820) (14).

 

Ein rationaler Einsatz silberhaltiger Topika ergibt sich dann, wenn am Applikationsort eine vermehrte und/oder atypische Keimbesiedelung anzunehmen ist oder wenn man prophylaktisch einer unerwünschten Keimbesiedelung entgegenwirken will. Ein riesiges medizinisches Anwendungsgebiet ist das Wundmanagement (15).

 

Ein typisches Beispiel für den dermokosmetischen Einsatz ist die therapiebegleitende Pflege bei Neurodermitis. Bei mehr als 90 Prozent der Patienten mit atopischer Dermatitis lässt sich auf der Haut das Bakterium Staphylococcus aureus nachweisen (16-18). Dabei stehen die Ausprägung der atopischen Dermatitis und die Besiedelungsdichte mit Staphylococcus aureus in engem Zusammenhang. Produkte mit einem antimikrobiellen Wirkprinzip sind daher sinnvoll zur pflegenden Behandlung atopischer Hautzustände. Für gesunde Haut gibt es für solche Zusätze keine Rationale.

 

Zur dermalen Anwendung wird Mikrosilber in unterschiedlichen Darreichungsformen angeboten, zum Beispiel in Cremes, Lotionen, Gelen, Sprays und Cremeschäumen. Die typische Konzentration liegt bei 0,1 Prozent (0,05 bis 0,5 Prozent). Bedingt durch das metallisch-graue Erscheinungsbild des Mikrosilbers sehen alle Formulierungen hell- bis dunkelgrau aus, wobei die Farbe sowohl von der enthaltenen Konzentration als auch der Formulierung selbst beeinflusst wird. Nach der Applikation ist keine Verfärbung der Haut wahrnehmbar.

 

Ziel ist es, primär die Haut von einer übermäßigen Keimbesiedelung zu entlasten. Der bestimmungsgemäße Wirkort ist somit die Hautoberfläche. Eine zusätzliche konservierende Wirkung auf die kosmetische Formulierung ist je nach Rezeptur möglich, aber nicht vorrangig. Für silberhaltige Produkte muss wie für andere Kosmetika eine hinreichende mikrobiologische Qualität nachgewiesen werden, zum Beispiel durch Prüfung auf ausreichende Konservierung (nach Ph. Eur. 5.1.3.). Je nach Grundlage und Einsatzkonzentration des Mikrosilbers kann im Einzelfall auf zusätzliche Konservierungsmittel verzichtet werden.

 

Der Wirkstoff verbleibt nach der Applikation auf der Haut. Eine Penetration in die Haut ist aufgrund der mittleren Partikelgröße von etwa 10 µm nicht zu erwarten und konnte experimentell nicht beobachtet werden. Die Partikel können jederzeit wieder abgewaschen werden. Aufnahmen mittels konfokaler Lasermikroskopie bestätigen dies: Zum einen konnten in der Haut keine Silberpartikel detektiert werden, zum anderen zeigte sich, dass zwei Stunden nach dem Auftragen einer Bodylotion mit 0,5 Prozent Mikrosilber Partikel hauptsächlich im Bereich der Haarfollikel und in Hautfalten beobachtet wurden.

 

Mit dem konfokalen Lasermikroskop wurde normale, nicht sonnenexponierte Haut des linken Unterarms einer hautgesunden Probandin untersucht (siehe Abbildung a). Man erkennt die normalen Keratinozyten sowie Hautfalten, die durch die normale Hautalterung entstehen (*). Die Keratinozyten stellen sich als polygonale Strukturen mit dunklem Zentrum (Zellkern) sowie hellem peripheren Saum (Zytoplasma) dar.





Konfokale Mikroskopie der Haut
a: gesunde Haut; Keratinozyten und Hautfalten(*) durch normale Hautalterung;
b und c: dasselbe Hautareal direkt nach Applikation einer 0,5-prozentigen Mikrosilber-Creme; hoch refraktile Partikel an der Hautoberfläche (b, Pfeile) sowie in den Hautfalten (c, Pfeile)
d und e: zwei Stunden nach Applikation; hoch refraktile Partikel in den Hautfalten (d), an Follikelöffnungen und an der Oberfläche (e); weitere Erläuterungen im Text
Foto: Ulrich


Die Abbildungen b und c wurden sofort nach Applikation einer 0,5-prozentigen Mikrosilber-Creme auf das genannte Hautareal aufgenommen. Es finden sich hoch refraktile, das heißt stark brechende und dadurch hell hervortretende, kleine runde Partikel an der Hautoberfläche (b, Pfeile) sowie in den Hautfalten (c, Pfeile). Die Veränderungen zwei Stunden nach Applikation der Creme zeigen die Bilder d und e. Es zeigen sich hoch refraktile Partikel in den Hautfalten sowie an Follikelöffnungen und an der Oberfläche, wobei jetzt quantitativ weniger Partikel sichtbar sind. Dies könnte daran liegen, dass die Partikel in tiefere Areale der Hautfalten und Follikelöffnungen eingedrungen sind.

 

Einschränkend ist zu erwähnen, dass derzeit keine detaillierten Daten zum Penetrationsverhalten dieser Silber-Lotion bei Patienten vorliegen, die durch einen genetisch bedingten Defekt in der Filaggrin-Produktion eine deutlich verminderte Barrierefunktion haben (19). Ein solcher Defekt ist zum Beispiel bei vielen Neurodermitis-Patienten nachweisbar. Allerdings erscheint es sehr unwahrscheinlich, dass 10 µm große Partikel penetrieren – aber dazu gibt es keine Studien.

 

Die Silberpartikel decken erwartungsgemäß nicht die gesamte Hautoberfläche homogen ab. Somit werden Ionen bevorzugt lokal freigesetzt. Man kann erwarten, dass sie auch nur dort die Hautflora beeinflussen. Quantitative Untersuchungen dazu sind noch nicht verfügbar. Einige Studien an Neurodermitis-Patienten weisen jedoch deutlich darauf hin, dass insbesondere die Besiedelung mit Staphylococcus aureus günstig beeinflusst wird (20).

 

In einer älteren begrenzten Anwendungsstudie an Neurodermitis-Patienten wurde eine signifikante Verbesserung des Hautbildes beobachtet (21). Hierzu wurden Veränderungen im SCORAD-Index (Severity Scoring Of Atopic Dermatitis) gemessen. Dabei erfolgt eine standardisierte Beurteilung des Schweregrads einer Dermatitis anhand der Ausbreitung und Intensität der Hautentzündung, dem Anteil der betroffenen Hautfläche sowie der subjektiven Einschätzung von Juckreiz und Schlafverlust. Der durchschnittliche SCORAD-Index lag zu Beginn der Studie bei 50,80. Bereits nach zweiwöchiger Anwendung einer 0,1 Prozent Mikrosilber enthaltenden O/W-Creme hatte er sich statistisch signifikant auf 36,32 und nach vierwöchiger Therapie auf 24,85 verringert (Abnahme: 53 Prozent) (22).

 

Überlegungen zur Sicherheit

 

Die Produktsicherheit hat bei Kosmetika einen sehr hohen Stellenwert. Es ist sicherzustellen, dass es nach dermaler Applikation nicht zu unerwünschten Wirkungen kommt. Die am häufigsten angeführte unerwünschte Wirkung im Zusammenhang mit einer Silberapplikation ist die Argyrie beziehungsweise Argyrose. Dabei handelt es sich um eine irreversible schiefergraue Verfärbung von Haut und Schleimhäuten sowie der Augen als Folge der Ablagerung von Silberpartikeln. Eine Argyrose und andere unerwünschte Wirkungen sind in der Literatur als seltene Ereignisse beschrieben. Sie traten ausschließlich nach langer und/oder hoch dosierter Aufnahme, oft bei oraler Zufuhr von Silberionen auf, wobei Silbersulfadiazin oder kolloidales Silber zitiert wurden (23).

 

Das Edelmetall ist auch bei innerlicher Anwendung in der Regel sehr gut verträglich. Nur bei ungewöhnlich hoher Dosierung kann man eine akute Toxizität mit Geschmacksstörungen, Geruchsunempfindlichkeit sowie zerebralen Krampfanfällen beobachten.

 

Die lokale Ionenkonzentration ist beim topischen Einsatz des metallischen Mikrosilbers limitiert. Exakte Daten sind aufgrund der starken Abhängigkeit von den Milieubedingungen schwer zu ermitteln und zurzeit nicht publiziert. Eine systemische Toxizität kann allerdings nur der Anteil entwickeln, der in die Haut penetriert und die Barriere permeiert. Diese Konzentration wurde in Studien in vitro und in vivo bestimmt. Dabei zeigt sich übereinstimmend, dass die Menge an Silberionen, die das Stratum corneum penetriert, extrem gering oder nicht nachweisbar ist. Bei der Anwendung von Cremes und Lotionen, die zwischen 0,1 und 1,5 Prozent Wirkstoff enthielten, wurden weniger als 0,1 Prozent der aufgetragenen Menge in der Hornschicht wiedergefunden. Eine Hautpenetration war nicht nachweisbar (24).

 

Macht man auf Basis dieser Daten eine konservative Risikoabschätzung, so ergibt sich folgender Zusammenhang: 10 g Creme mit 1 Prozent Mikrosilber enthalten 100 mg Silber. Dieses liefert geschätzte 10 bis 500 µg Silberionen. Maximal 1 Prozent davon penetriert in tiefere Hautschichten. Dies entspricht 0,1 bis 5 µg Silberionen. Demnach werden aus 30 g Creme, die bei großzügiger Schätzung für eine Ganzkörperbehandlung gebraucht werden, 0,3 bis 15 µg Silber über die Haut aufgenommen.

 

Diese Menge liegt deutlich unter der täglich mit der Nahrung zugeführten Menge von circa 70 bis 88 µg. Nach Ansicht der amerikanischen Umweltschutzbehörde EPA sollen solch geringe peroral aufgenommene Mengen (unter 5 µg Silber pro kg Körpergewicht und Tag) untoxisch sein (25), sodass die aus Silbercremes resorbierte Menge als unbedenklich einzustufen ist.

 

Dies wird auch durch Ex-vivo-Untersuchungen an der Mundschleimhaut von Schweinen unterstrichen. Innerhalb von vier Stunden fand man weniger als 1,3 Prozent der aufgetragenen Silbermenge in der Mukosa. Hiervon ist vermutlich nur ein sehr geringer Bruchteil biologisch aktiv. Eine Penetration der Mukosa und damit ein Transport ins Akzeptormedium wurden nicht beobachtet.

 

Zudem ist der Sinn einer antimikrobiell wirksamen Substanz in Kosmetika zu diskutieren. Der Einsatz solcher Stoffe ist allerdings kein Novum, denn die meisten handelsüblichen Hautpflegeprodukte enthalten zur Sicherung der mikrobiologischen Qualität geeignete Konservierungsmittel. Diese konservieren nicht nur das Kosmetikum, sondern töten bei der Anwendung auch Keime auf der Haut ab. Dabei liegt es in der Natur der konservierenden Zusätze, dass eine Unterscheidung zwischen guten (kommensalen) und »bösen« (pathologischen) Keimen nicht möglich ist. Die jahrzehntelange Praxis hat aber gezeigt, dass die Nutzer von Hautpflegeprodukten durch eine solche unspezifische Keimabtötung nicht geschädigt wurden.

 

Dies trifft auch auf Mikrosilber zu. Ein wesentlicher Vorteil liegt darin, dass es nur punktuell auf der Hautoberfläche abgelagert wird und nicht in die Haut eindringt. Dies steht im Gegensatz zu den klassischen Konservierungsmitteln, die auf der gesamten Hautoberfläche verteilt werden und auch in die Haut penetrieren können. Daher ist die Verträglichkeit von Mikrosilber in Kosmetika sehr gut und seine Anwendung sicher.

 

Fazit

 

Mikrosilber ist eine innovative physikalische Form von metallischem Silber. Das antimikrobielle Profil ist mit dem von Nanosilber vergleichbar. Bei topischer Applikation verbleibt die Substanz jedoch nachweislich auf der Haut und kann dort lokal antibakteriell wirken. Einsatzgebiete sind die Prophylaxe von Hautkrankheiten sowie die unterstützende Pflege bei Hautkrankheiten wie der Neurodermitis. Eine toxikologisch bedenkliche Aufnahme von Silberionen aus Mikrosilber in und durch die Haut ist nicht zu erwarten.

 

Die typische Einsatzkonzentration des Mikrosilbers in handelsüblichen Dermokosmetika beträgt 0,05 bis 0,5 Prozent. Sie hängt stark von der galenischen Form, den gewählten Produktaussagen, dem Ort der Applikation und der Anwendungsdauer ab. Wenn der Einsatz von Mikrosilber in der Dermokosmetik durchdacht erfolgt und die Rezeptur angepasst wird, lassen sich Produkte mit hoher Sicherheit und Pflegewirkung herstellen.


Literatur

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  2. Klasen, H. J., A historical review of the use of silver in the treatment of burns. Renewed interest for silver. Burns 26 (2000) 131-138.
  3. Bhattacharya, R., Mukherjee, P., Biological properties of «naked« metal nanoparticles. Adv. Drug Delivery Rev. 60 (2008) 1289-1306.
  4. von Nägeli, C. W., Über oligodynamische Erscheinungen in lebenden Zellen. Neue Denkschriften der schweizerischen naturforschenden Gesellschaft 33 (1893) 1-51.
  5. Klasen, H. J., A historical review of the use of silver in the treatment of burns. Early uses. Burns 26 (2000) 117-130.
  6. Zimmermann, W., Oligodynamische Silberwirkung. Über den Wirkungsmechanismus. Med. Microbiol. Immunol. 135 (1952) 403-413.
  7. Kramer, A., New aspects in prophylaxis of ophthalmia neonatorum (Crede prophylaxis). Wien. Klin. Wschr. 114 (2002) 171-172.
  8. Nel, A., et al., Toxic potential of materials at the nanolevel. Science 311 (2006) 622-627.
  9. Lansdown, A. B. G., Silver in health care: antimicrobial effects and safety in use. Curr. Probl. Dermatol. 33 (2006) 17-34.
  10. Russell, A. D., Hugo, W. B., Antimicrobial activity and action of silver. Prog. Med. Chem. 31 (1994) 351-370.
  11. Alt, V., et al., In vitro testing of antimicrobial activity of bone cement. Antimicrobial Agents and Chemotherapy 48 (2004) 4084-4088.
  12. Kim, K. J., et al., Antifungal effect of silver nanoparticles on dermatophytes. J. Microbiol. Biotechnol. 18 (2008) 1482-1484.
  13. Mahnel, H., Schmidt, M., Effect of silver compounds on viruses in water. Zentralbl. Bakteriologie Mikrobiologie Hygiene, Serie B ­ Umwelthygiene Krankenhaushygiene Arbeitshygiene, Präventive Medizin 182 (1986) 381-392.
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  15. White, R. J., Cutting, K., Kingsley, A., Topical antimicrobials in the control of wound bioburden. Ostomy Wound Management 52 (2006) 26-58.
  16. Leung, D. Y. M., et al., Presence of IgE antibodies to staphylococcal exotoxins on the skin of patients with atopic dermatitis ­ evidence for a new group of allergens. J. Clin. Investigation 92 (1993) 1374-1380.
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  20. Birnie, A. J., et al., Interventions to reduce Staphylococcus aureus in the management of atopic eczema. Cochrane Database Syst. Rev. (2008) CD003871.
  21. Kunz, B., et al., Clinical validation and guidelines for the SCORAD index: Consensus report of the European Task Force on Atopic Dermatitis. Dermatology 195 (1997) 10-19.
  22. Müller-Steinmann, J., et al., Prospective dermatologically controlled study of the efficacy of a silver containing nurturing cream (MicroSilver BGTM 0.1 Prozent) in atopic dermatitis. Kosmet. Med. 28 (2008) 208-212.
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  24. Benetka, E., Determination of the silver content in sellotapes after application of silver containing ointment on human skin. Nicht veröffentlichter Report 2007.
  25. U. S. EPA, Silver. www.epa.gov/iris/subst/0099.htm#oralrfd, U. S. Environmental Protection Agency, 1989.

Die Autoren

Rolf Daniels studierte Pharmazie in Regensburg und wurde 1985 promoviert. Zunächst als Laborleiter in einer Pharmafirma und dann als Akademischer Rat am Institut für Pharmazie der Universität Regensburg tätig, habilitierte er sich 1994 und erhielt die Lehrbefugnis für Pharmazeutische Technologie. Zehn Jahre war er als Professor für Pharmazeutische Technologie an der TU Braunschweig tätig, bevor er 2004 an die Universität Tübingen wechselte. Seine Hauptforschungsgebiete umfassen die Entwicklung und Charakterisierung von tensidfreien Emulsionssystemen, die Stabilitätsvorhersage halbfester Zubereitungen sowie die Entwicklung von Freigabesystemen für biotechnologisch gewonnene Arzneistoffe.

 

Martin Mempel studierte Humanmedizin in München und Hamburg und wurde 1995 promoviert. Nach seiner Facharztausbildung für Dermatologie und Allergologie an der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie der TU München habilitierte er sich 2004 mit einer Arbeit zur kutanen Granulomentstehung. Seit 2005 ist er hier als Oberarzt tätig. Von 1998 bis 2001 arbeitete er als wissenschaftlicher Post-Doc am Pasteur-Institut, Paris, über das humane T-Zellrepertoire. Sein wissenschaftliches und klinisches Arbeitsgebiet umfasst die Dermatoinfektiologie und die Immunregulation bei atopischen Erkrankungen.

 

Martina Ulrich studierte Medizin in Kiel und Berlin und ist seit 2004 in der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der Charité, Universitätsmedizin Berlin beschäftigt. Neben der klinischen Tätigkeit im Hauttumorzentrum gilt ihr Hauptforschungsinteresse der Reflektanz-konfokalen Lasermikroskopie (RCM), über die sie auch ihre Promotionsarbeit anfertigte. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf der nicht-invasiven Diagnostik von Hauttumoren sowie der Darstellung von Therapieeffekten.

 

Peter Steinrücke studierte Biochemie in Hannover und wurde an der Universität Lübeck promoviert, wo er auch Lehrtätigkeiten übernahm. 1993 wechselte er an das Institut für Molekulare Biotechnologie in Jena. Dort befasste er sich unter anderem mit Enzymtechnologie sowie mit der Entwicklung molekular optimierter Nachweisverfahren. 2000 gründete er gemeinsam mit Dr. Thorsten Bechert die heute als Bio-Gate AG notierte Firma. Steinrücke ist Member of the Executive Board und verantwortet den Bereich FuE sowie IP.

 

Für die Verfasser:

 

Professor Dr. Rolf Daniels

Lehrstuhl für Pharmazeutische Technologie

Pharmazeutisches Institut

Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Auf der Morgenstelle 8

72076 Tübingen

E-Mail: rolf.daniels(at)uni-tuebingen.de


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Beitrag erschienen in Ausgabe 16/2009

 

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