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Weltgesundheitstag: Im Katastrophenfall gut versorgt

POLITIK

 
Weltgesundheitstag

Im Katastrophenfall gut versorgt

Von Gudrun Heyn, Berlin

 

»Maßnahmen des Gesundheitswesens im Katastrophenfall« lautete das diesjährige Motto des Weltgesundheitstages. Wie jedes Jahr wurde am 7. April ein vorrangiges Gesundheitsproblem in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt.

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Angesichts der Erdbebenkatastrophe in Italien am 6. April hätte das Thema der nationalen Auftaktveranstaltung in Berlin zu Ehren des Geburtstages der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht aktueller sein können. 17.000 Obdachlose und mehr als 1500 Verletzte bedürfen dort der Hilfe. Mehr als 270 Menschen haben den Tod gefunden. Auch wenn Deutschland von Naturkatastrophen weit weniger stark betroffen ist als andere Länder, macht das Beispiel deutlich, wie wichtig eine gute Vorbereitung auf Krisensituationen ist. Bei allen Großschadenslagen wie einer Influenzapandemie, einer Freisetzung hochpathogener Keime bei einem Bio-Unfall in einem Labor oder einem bioterroristischen Angriff müssen Rettungswesen, Krankenhäuser, Arztpraxen und Apotheken die nötigen Leistungen erbringen können.

 

Um vorzubeugen, bedarf es Planungen auf verschiedenen Ebenen. So hat die WHO Richtlinien zum Management einer Pandemie herausgebracht. Außerdem wurden im internationalen Bereich, innerhalb der Europäischen Union sowie in den Nationalstaaten Vorsorgepläne entwickelt.

 

In der Bundesrepublik sind im Katastrophenfall primär die Bundesländer sowie die Kreise und Kommunen zuständig. »Einzige Ausnahme ist der Angriff mit Waffengewalt in einem Krieg, für den die Bundesregierung die Verantwortung übernimmt«, sagte die Ministerialdirektorin am Bundesministerium für Gesundheit (BMG) Karin Knufmann-Happe bei der Veranstaltung. Nach dem 11. September 2001 haben sich jedoch Bund und Länder darauf verständigt, bei einer nationalen Gefahrenlage, wie einer Influenzapandemie oder einem bioterroristischen Angriff, das Krisenmanagement länderübergreifend zu koordinieren.

 

Auf Pandemie vorbereitet

 

Das BMG ist daher an den Planungen der Länder beteiligt, stellt über das Robert-Koch-Institut (RKI) die notwendigen wissenschaftlichen und fachlichen Expertisen bereit und würde bei einer großflächigen Gefahrenlage den Ländern Koordinierungshilfe leisten. Außerdem werden bei Gefahren von nationaler Bedeutung im BMG die Informationen gebündelt. Bereits jetzt ist festgelegt, welche Infrastruktur genutzt werden wird und welche Informationen im Katastrophenfall erfasst werden müssen. Zudem ist eine Zusammenarbeit mit anderen Ministerien wie dem Innenministerium oder dem Finanzministerium vereinbart. 2008 wurden die dazu vorgesehenen Strukturen in einer Übung getestet.

 

Am weitesten fortgeschritten sind die Konzepte zur Bewältigung einer Influenza-Pandemie. Auf Bundesebene existiert ein nationaler Pandemieplan und auch in den meisten Bundesländern, in vielen Kommunen und sogar in Wirtschaftsorganisationen liegen solche Notfallpläne inzwischen vor. Einige sind im Internet einsehbar, sodass sich die Bevölkerung über die strategischen Überlegungen zur Impfung, die Verwendung antiviraler Arzneimittel oder die Maßnahmen zur medizinischen Versorgung informieren kann.

 

Drei große Influenzapandemien gab es im vergangenen Jahrhundert. Die erste und schwerste war die spanische Grippe. 1918 brach sie aus und riss mehr als 40 Millionen Menschen in den Tod. Ursache waren Influenza-Viren vom Typ H1N1. »Dabei handelt es sich um ein Grippevirus, das von Vögeln auf den Menschen übertragen wurde und so mutierte, dass sich auch Menschen gegenseitig anstecken konnten«, sagte der Präsident des RKI, Professor Dr. Jörg Hacker. Ähnliches wird nun für den Vogelgrippevirus H5N1 befürchtet, der seit Ende der 90er-Jahre mit Todesfällen bei Menschen auf sich aufmerksam macht. Auch H5N1 hat das Potenzial, sich so zu verändern, dass es auf den Menschen überspringen könnte.

 

Wie alle Influenza-Erreger gehört es zu den RNA-Viren, die durch eine hohe Variabilität gekennzeichnet sind. Ständig ändern Mutationen die antigenen Eigenschaften ihrer Oberflächenproteine Hämagglutinin und Neuraminidase. Nahezu jedes Jahr treten neue Varianten auf. In der Folge bleiben bereits entwickelte Impfstoffe wirkungslos und auch das menschliche Immunsystem erkennt die Erreger nicht.

 

Noch befinden wir uns am Beginn der pandemischen Warnphase. Es gibt zwar Nachweise, dass das Virus von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Doch geschah dies bisher nur extrem selten. In der sechsstufigen Risikobeurteilung der WHO entspricht dies der Stufe 3. Sollte die Phase 4 eintreten und örtlich begrenzt eine Übertragung des Virus von Mensch zu Mensch festgestellt werden, wird am RKI eine Influenza-Kommission eingerichtet werden, die Empfehlungen für das weitere Vorgehen gibt. Außerdem nimmt die interministerielle Koordinationsgruppe des Bundes ihre Arbeit auf. Die dann anlaufenden Maßnahmen sollen die weitere Ausbreitung des Erregers eindämmen oder stark verzögern, um beispielsweise Zeit für die Entwicklung von Impfstoffen zu gewinnen. Erst mit der Phase 6 und der Ausbreitung der Infektion über Kontinente ist das Stadium der Pandemie erreicht. »Alle Maßnahmen dienen nun vor allem dazu, die Morbidität und die Mortalität in der Bevölkerung zu minimieren«, sagte Hacker.

 

Eine internationale Zusammenarbeit unterstützt die nationalen Aktivitäten. So erfasst und überwacht die Weltgesundheitsorganisation mit ihren Netzwerken das weltweite Influenza-Geschehen und stellt damit sicher, dass die Impfstoffe ständig an die zirkulierenden Virus-Typen angepasst werden können. Außerdem werden die gewonnenen Informationen zur Frühwarnung der Staaten genutzt. Denn anders als in der Vergangenheit bestimmt heutzutage der weltweite Flugverkehr maßgeblich die Verbreitungswege pathogener Keime. Deshalb müssen alle Gesundheitseinrichtungen schnell und ohne Vorbereitung handeln können.

 

Schnelles Handeln ist auch bei Katastrophen durch bioterroristische Anschläge geboten. Spätestens seit den Briefen mit Milzbrandsporen 2001 in den Vereinigten Staaten weiß die Welt, dass solche Angriffe auf die Bevölkerung keine Science-Fiction-Fantasien sind. Weltweit wird mit Anschlägen durch die Erreger von Milzbrand, Pocken, Pest, Q-Fieber, Ebola oder mit Toxinen gerechnet.

 

Unter Leitung des RKI wurde daher in Zusammenarbeit mit einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe und medizinischen Fachgesellschaften ein Rahmenkonzept für die Seuchenbekämpfung nach bioterroristischen Anschlägen entwickelt. Es enthält Strategien und Konzepte zur Diagnostik, zu seuchenhygienischen Maßnahmen, die Organisation von Schutzimpfungen und zur medizinischen Behandlung erkrankter Personen. Auf Basis dieser Empfehlungen konnten inzwischen viele Städte und Gemeinden detaillierte Notfallpläne erstellen und die Abläufe in den vorgesehenen Impfstätten mit Übungen simulieren. Außerdem wurde 2001 eine Bundesinformationsstelle für biologische Kampfstoffe eingerichtet. Sie ist Teil des Zentrums für Biologische Sicherheit am RKI (ZBS).

 

Während die Bundesinformationsstelle die Fachöffentlichkeit und die Bevölkerung über wissenschaftliche Erkenntnisse informiert und Empfehlungen gibt, wie etwa mit verdächtigen Proben umgegangen werden soll, arbeitet das ZBS mit seinen fünf Laborbereichen unter anderem an der Weiterentwicklung diagnostischer Verfahren. Denn besonders bei einem bioterroristischen Anschlag ist eine schnelle Diagnostik erforderlich, die innerhalb von Stunden ablaufen und zudem sichere Ergebnisse liefern muss.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 16/2009

 

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