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Interview: Möglichst viele Stellschrauben drehen

POLITIK

 
Interview

Möglichst viele Stellschrauben drehen

Von Thomas Bellartz

 

Er befürwortet die totale Liberalisierung des Apothekenmarktes in Deutschland und ist - nicht nur damit - in seiner eigenen Fraktion ebenso umstritten wie bei seinen Kollegen von der Hochschule. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Professor Dr. Karl Lauterbach ließ seinen Gedanken im PZ-Interview freien Lauf.

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PZ: Die Reform ist in Teilen seit dem 1. April in Kraft. Was läuft gut?

Lauterbach: Gut ist, dass wir demnächst mehr Prävention haben, weil die Zuzahlungen stärker daran gebunden sein werden, ob die Versicherten die Vorsorge- und Präventionsmaßnamen für schwere chronische Erkrankungen wahrnehmen werden. Durch die Verknüpfung der Zuzahlungsregelung und dem Zuzahlungsniveau mit der Präventionsart, rechne ich mit einer besseren Vorsorge. Gut ist auch die Möglichkeit, verstärkt Krankenhäuser in die ambulante Versorgung einzubinden. Ebenfalls positiv zu bewerten ist die größere Rolle, die die Kosten-Nutzen-Analyse bei der Bewertung der Wirtschaftlichkeit von Arzneimitteln spielen wird.

 

PZ: Die Zielsetzung, nämlich der Umbau der GKV-Einnahmen ist nicht erreicht.

Lauterbach: Bei der Strukturreform sollte man das Erreichte nicht unterschätzen. Viele der Regelungen sind kompliziert und wirken erst in Jahren. Sie sind aber trotzdem wichtig und sie werden das Gesundheitssystem nachhaltig verändern. Sie sind eine Fortsetzung der Gesundheitsreform von 2003. Zum Beispiel wurde damals das IQWIQ beschlossen. Jetzt wird es stärker eingesetzt. Wir hatten auch schon seinerzeit beschlossen, dass es ein Präventionsgesetz geben soll. Aber das schönste Gesetz hilft nichts, wenn wir nicht gleichzeitig Anreize für dessen Nutzung bringen.

 

PZ: Umstritten ist, ob durch Prävention Geld gespart werden kann.

Lauterbach: Langfristig wird man vielleicht Geld sparen. Aber kurzfristig natürlich nicht. Es hängt davon ab, wie Behandlungen in einem Gesundheitssystem organisiert und finanziert werden. In unserem Gesundheitssystem ist es sehr leicht, durch Prävention Geld zu sparen. Und zwar deshalb, weil wir viele Krankheiten erst sehr spät entdecken und dann sehr aggressiv behandeln müssen. Prävention kann das Problem ein Stück weit lösen.

 

PZ: Erreichen Sie nicht nur diejenigen, die ohnehin gesundheitsbewusst leben?

Lauterbach: Das beschreibt den Status quo. Die Prävention ist im Wesentlichen eine freiwillige Angelegenheit. Wenn aber Vorsorge und Prävention an Zuzahlung geknüpft sind, werden sich auch Einkommensschwächere und solche Menschen, die bisher die Prävention nicht in Anspruch genommen haben, dafür interessieren.

 

PZ: Es reicht nicht, Patienten zu bekehren. Müssen sich auch die sogenannten Leistungserbringer, Apotheker, Ärzte, Kliniken, jetzt umstellen?

Lauterbach: Wir haben im Moment etwa 550 Millionen Arztbesuche pro Jahr. Und wenn man diese Arztbesuche ein bisschen stärker auf die Vorsorgemedizin verlagern könnte und die eine oder andere überflüssige Untersuchung dafür nicht mehr angeboten würde, wäre das schon richtig. Es gibt im deutschen Gesundheitssystem ein großes Angebot von ambulanten Leistungen. Das liegt auch daran, dass wir Fachärzte in hoher Dichte vorhalten. Deshalb könnten sich die Hausärzte stärker auf die Prävention konzentrieren. Es ist Platz für Prävention im System. Wir brauchen keine neuen Kapazitäten.

 

PZ: Reicht die Qualifikation von Ärzten und Apothekern aus?

Lauterbach: Für die Prävention ist die Qualifikation durchaus ausreichend. Bei den Präventionsmaßnahmen muss allerdings das stärker in den Vordergrund gestellt werden, was wissenschaftlich gesichert ist. Heute ist es häufig umgekehrt. Weil man wissenschaftlich umstrittene Vorsorge- oder Präventionsmaßnahmen extra budgetär als IgeL abrechnen kann. Die Ärzte konzentrieren ihre Präventionsbemühungen häufig auf das, was medizinisch unsinnig ist. Das medizinisch Sinnvolle wird aber zu wenig angeboten.

 

PZ: Also ein ständiger Konflikt zwischen Ethik und Monetik, den man nicht durch ein Gesetz lösen kann?

Lauterbach: Doch. Wir müssen die Leistungen, die wissenschaftlich gesichert und wertvoll sind, besser abrechnen. Zum Beispiel müssen Ärzte besser bezahlt werden, wenn sie sinnvolle Vorsorgeuntersuchungen in der Praxis stärker platzieren. Unsinnige Vorsorgeuntersuchungen dürften gar nicht abrechenbar sein. Wieso soll die Ökonomie in der Praxis versagen? Die Herausforderung ist, sie in die richtige Richtung wirken zu lassen.

 

PZ: Welche Regelungen in der aktuellen Gesetzgebung hätten sie sich anders gewünscht?

Lauterbach: Ich bedauere sehr, dass es uns nicht gelungen ist, bei den Apotheken zu erreichen, dass sich die verschreibungspflichtigen Arzneimittel im Preis unterscheiden dürfen. Wir hätten hier einen neuen Markt schaffen können. Es ist nicht einzusehen, dass das gleiche Medikament in jeder Apotheke den gleichen Preis hat. Preisunterschiede hätten einen neuen Wettbewerb zugelassen, den ich für richtig halte. Der Kunde hat nichts davon, dass das gleiche Medikament überall gleich teuer ist. Das schützt vielleicht den einen oder anderen Apotheker, aber zulasten der Wirtschaftlichkeit im System.

 

PZ: Sie vernachlässigen bei der Liberalisierungsdiskussion das gewollte und hohe Leistungsniveau der Apotheken.

Lauterbach: Nein, ich erwarte, dass in Regionen, in denen die Apothekendichte sehr gering ist, höhere Preise möglich sind als in einer überversorgten Region. Jetzt ist es so, dass derjenige, der in einer Region arbeitet, wo es weniger Apotheken gibt, nicht mehr für das gleiche Medikament nehmen kann, als derjenige, der in einer Region arbeitet in der es eigentlich schon viel zu viele Apotheken gibt. Das ist doch auch für denjenigen ungerecht, der bereit ist, in einer unterversorgten Region zu arbeiten.

 

PZ: Das klingt großmütig.

Lauterbach: Von einer Freigabe der Preise sollten gerade die Apotheken in den unterversorgten Regionen profitieren. Natürlich geht es mir in erster Linie um den Bürger, also nicht um die Lebensqualität oder das Einkommen des Apothekers.

 

PZ: Im Gesetz war aber nicht von einer Preisfreigabe, sondern von Höchstpreisen die Rede. Das ist keine Liberalisierung, sondern Deckelung und Regulierung. Viele ihrer Kollegen hatten Bauchschmerzen.

Lauterbach: Die Höchstpreisverordnung wäre ein wichtiger erster Schritt in Richtung Freigabe der Apothekenpreise gewesen. Es ist so, dass wir ein hohes Preisniveau im internationalen Vergleich haben. Von daher wäre für mich eine Höchstpreisverordnung richtig gewesen.

 

Wenn die Preise durch mehr Wettbewerb sinken, womit zu rechnen wäre, kann man sich auch vorstellen, die Preisverordnung irgendwann ganz freizugeben und auch von Höchstpreisen Abstand zu nehmen. Aber wenn das Ausgangsniveau eher hoch ist, dann ist ein Höchstpreis ein guter Einstieg.

 

PZ: Apotheken und Pharmaindustrie sehen sich ungerecht behandelt, auch weil Gesetze nicht ihre Wirkung entfalten können und der Gesetzgeber zum Beispiel mit der Mehrwertsteuererhöhung Kranken in die Tasche greift.

Lauterbach: Natürlich ist es kaum nachvollziehbar, wenn der Markt im eigenen Bereich Einzug hält, andere Bereiche aber verschont werden. Aus der Sicht des Verbrauchers ist das aber kein starkes Argument. Der Verbraucher würde sich bereits freuen, wenn in nur wenigen Bereichen ein Schritt in Richtung mehr Wirtschaftlichkeit und bessere Qualität gegangen wird. Ich bin der Meinung, dass wir an möglichst vielen Stellschrauben gleichzeitig drehen müssen. Beispielsweise halte ich es für richtig, dass die Krankenkassen wichtige Wirkstoffe ausschreiben können, um Generika besonders preiswert einzukaufen. Ich halte es auch für richtig, dass wir von der Preisbindung der zweiten Hand in der Apotheke für verschreibungspflichtige Arzneimittel Abstand nehmen.

 

PZ: Es zeigt sich aber, dass die Verträge nur auf finanzielle Gewinne, nicht aber auf Qualität und Lieferfähigkeit abheben.

Lauterbach: Die Lieferfähigkeit wird über die Maßen problematisiert. Ich glaube nicht, dass Firmen überleben können, wenn sie erst einen Vertrag schließen, und ihn dann nicht bedienen können. Ich lese immer wieder die komplizierten Erklärungen, weshalb Dinge in Zukunft nicht funktionieren würden. Ich halte mich damit wenig auf.

 

PZ: Können Sie sich vorstellen, abgesehen von dem Wirtschaftlichkeitsgewinn, welchen Vorteil eine Liberalisierung in der Qualität hat? Haben Sie Erkenntnisse aus dem Ausland, dass es dann noch besser wird?

Lauterbach: Ich glaube, dass die Verbesserung der Versorgung in den Apotheken möglich ist: Wenn die Apotheken eine größere Rolle spielten, beispielsweise bei der Vorbeugemedizin, wenn die Apotheken sich stärker engagieren würden in der Vermittlung von Raucherentwöhnungsprogrammen, wenn die Apotheken noch intensiver ihre Möglichkeiten bei der Früherkennung von Herz- und Kreislauf-Risikofaktoren nutzen würden, würde wahrscheinlich mehr zu gewinnen sein, als bei der Abgabe von Arzneimitteln. Die Bedeutung der Apotheke für die Versorgungsqualität liegt im Wesentlichen bei der Vorsorge.

 

PZ: Konkreter.

Lauterbach: Ich habe auch schon viele Apotheken gesehen, die Vorsorge sehr gut machen. Ich kaufe beispielsweise Müsliriegel nicht im Supermarkt, sondern in Apotheken. Und zwar deshalb, weil mich der Gang in die Apotheke interessiert. Mir fällt auf, wie groß die Unterschiede der Apotheken sind. Es gibt Apotheken, die sich als Teil der Gesundheitsversorgung verstehen oder aber die Apotheken, die sich als klassische Abgabestellen von Arzneimitteln sehen.

 

PZ: Apotheken unterscheiden sich also doch? Das spricht doch dann für einen existierenden Wettbewerb. Was soll ein Preiskampf bringen?

Lauterbach: Es gibt keine einzige Studie, die zeigt, dass die Preisdiskriminierung schädlich ist für die Verbraucher. Es gibt immer gute Gründe für die Preisbindung der zweiten Hand, wenn man ein Mindestangebot von Einrichtungen sichern will. Das kann ich nachvollziehen. Wenn beispielsweise argumentiert wird, dass die Preisbindung bei Büchern gilt, um zu verhindern, dass in Orten gar keine Buchläden mehr sind. Aber bei Apotheken sind wir ja weit von einer solchen Situation entfernt. Und natürlich würde es für die Verbraucher einen großen Unterschied machen, wenn sich bei jedem Apothekenprodukt der Preis unterscheiden könnte.

 

PZ: Sie sind nach eigenem Bekunden für eine harte Liberalisierung auf allen Ebenen?

Lauterbach: Das Mehr- und Fremdbesitzverbot habe ich immer für einen Anachronismus gehalten. Heutzutage ist es doch so: Der Apotheker muss gewährleisten, dass in seiner Apotheke oder in seinen Apotheken die Arzneimittelabgabe und die Versorgung gut funktionieren. Da würde ich den Apothekern auch mehr zutrauen wollen. Es muss nicht so sein, dass jeder Apotheker zu jedem Zeitpunkt präsent ist.

 

PZ: Würden Sie auch die Apothekenpflicht infrage stellen?

Lauterbach: Nein, dass würde ich nicht. Es gibt Arzneimittel, die gefährlich sind und deren Anwendung durch die Apotheker unterstützt werden müssen. Für die meisten Arzneimittel ist es wahrscheinlich egal, ob sie von gut ausgebildeten Fachkräften abgegeben werden oder vom Apotheker. Ich halte es für sehr wichtig, dass es eine Apothekenpflicht gibt. Ich halte es auch für sehr wichtig, dass ein Apotheker für die Abgabe der Arzneimittel haftet und auch persönlich dafür sorgt, dass auch die gefährlichen Arzneimittel in seiner Apotheke qualitativ abgesichert abgegeben werden.

 

PZ: Wie sieht es in zwei, drei Jahren im deutschen Apothekenwesen aus?

Lauterbach: In zwei bis drei Jahren wird sich in Deutschland sehr wenig verändern. Es ist leider so, dass in Deutschland die Reformen sehr spät und sehr langsam kommen. Der Apothekenmarkt in Deutschland entbehrt jeder Dynamik. Das ist auch schade für den Apotheker.

 

PZ: Wieso schade?

Lauterbach: So ändert sich für den Apotheker im beruflichen Laufe seines Lebens zu wenig. Der Apotheker ist zu bedauern, weil er an den vielen Modernisierungen anderer Berufe nicht teilnimmt. Apotheker machen oft einen deprimierten, verstaubten Eindruck. Den hinterlassen sie vermutlich, weil sie überlegen, was sich in den letzten 20 Jahren alles verändert hat, welche großartigen medizinischen Innovationen es gibt. Wenn man überlegt, wie viel ein Ingenieur im Laufe seines Lebens dazulernen kann. Ein Ökonom beispielsweise arbeitet ständig mit neuen Konzepten, neuen Herausforderungen.

 

PZ: Apothekerinnen und Apotheker bilden sich stärker fort als viele andere Gesundheitsberufler, eben weil es so viele Neuerungen gibt.

Lauterbach: Trotzdem wüsste ich gar nicht, ob man einem jungen Menschen unbedingt die Arbeit in der Apotheke empfehlen kann. Der Beruf des Apothekers hat nach meiner persönlichen Einschätzung zu wenig Dynamik, um ein Berufsleben von dreißig, vierzig Jahren zu tragen.

 

PZ: Befürchtet der Abgeordnete Lauterbach, dass der Europäische Gerichtshof der deutschen Gesetzgebung zuvorkommt und es ungeregelte Entwicklungen gibt?

Lauterbach: Nein, auch wenn die europäische Gesetzgebung bei der Apothekenliberalisierung weiter scheint als unsere. Weil sich in Deutschland so wenig ändert, wird der internationale Markt derzeit verteilt ohne Beteiligung der deutschen Apotheker. Der deutsche Apotheker ist aus meiner Sicht viel zu wenig an der Prägung dieser Märkte beteiligt.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 17/2007

 

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