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Interferone: Ein Wirkstoff, zwei Präparate

PHARMAZIE

 
Interferone

Ein Wirkstoff, zwei Präparate

Von Bettina Sauer, Berlin

 

Einsatzgebiet, Wirkstoff, Dosierung und der biotechnologische Herstellungsprozess zweier Interferon beta-1b-Präparate sind identisch. Das macht Betaferon® von Bayer Schering Pharma und Extavia® von Novartis zu sogenannten Bioidenticals.

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»Aus pharmazeutischer Sicht gibt es keinen Grund, die beiden Bioidenticals nicht gegeneinander auszutauschen«, sagte Professor Dr. Theodor Dingermann vom Institut für Pharmazeutische Biologie der Universität Frankfurt bei einem Pressegespräch von Bayer vergangene Woche in Berlin. »Doch unter dem Aspekt der Pharmazeutischen Betreuung ist das mitunter inakzeptabel.«

 

Denn die Formulierung und Konfektionierung beider Präparate unterscheide sich, ebenso wie die zugehörige Injektionstechnik. Daher könne eine Umstellung die Therapietreue beeinträchtigen. »Bio-identicals sollten nicht ausgetauscht werden, wenn Patienten dies ablehnen oder Verunsicherung zeigen«, sagte Dingermann. Dabei stützte er sich auf die Leitlinie zur »Guten Substitutionspraxis« der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft (DPhG) von 2002. Demnach sollte keine Substitution bei »ängstlichen oder agitierten Patienten« stattfinden, bei denen diese womöglich zur Einnahmeverweigerung oder einer gravierenden Verschlechterung der Compliance führt. Weiterhin lehnt die Leitlinie einen Präparatewechsel ab, wenn dieser bei den Patienten Befürchtungen hinsichtlich der Verschlechterung des Krankheitsbildes auslöst – unabhängig davon, ob die Ängste rational begründet sind oder nicht. »Diese Ausnahmeempfehlungen lassen sich auch auf Menschen mit Multipler Sklerose anwenden«, sagte Dingermann. »Man darf sie nicht zwingen, aus Kostengründen ein vertrautes Präparat gegen ein neues auszutauschen.« Wenn Patienten erstmals eine Therapie mit dem Wirkstoff Interferon beta-1b erhalten oder der Substitution zustimmen, hält Dingermann beide Präparate für gleichwertig. Er richtete sich mit seinem Vortrag in erster Linie an die Ärzte. Diese müssten gegebenenfalls eine Substitution ausschließen, indem sie auf dem Rezept das Feld »aut idem« ankreuzen.


Hintergrund

Interferon beta-1b findet seit mehr als 15 Jahren bei schubförmig verlaufender Multipler Sklerose Verwendung. Weltweit vermarktet ihn die Bayer Schering Pharma als Betaferon®. Im Januar 2009 brachte Novartis den Konkurrenten Extavia® auf den deutschen Markt. Die Firma hat mit mehreren Krankenkassen Rabattverträge über Extavia abgeschlossen. Die Rechte, das Bioidentical zu vermarkten, erhielt das Pharmaunternehmen im Zuge der Übernahme von Chiron, das biotechnologisches  Interferon beta-1b ursprünglich entwickelt hat.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 15/2009

 

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