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Compliance: Das A und O der Depressionstherapie

PHARMAZIE

 
Compliance

Das A und O der Depressionstherapie

Von Sven Siebenand, Frankfurt am Main

 

Depressive Patienten sollten ein Präparat mit einer möglichst hohen Compliance erhalten, um eine Chronifizierung der Erkrankung zu verhindern. Auszuschließen ist diese aber nicht. Welche Patienten benötigen eine Langzeitbehandlung? Und was können Arzt und Apotheker tun, um die Therapietreue zu erhöhen?

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»Die Wahrscheinlichkeit einmal im Leben an einer Depression zu erkranken, liegt bei immerhin 17 Prozent«, informierte Professor Dr. Michael Bauer, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus der Technischen Universität Dresden, bei einer Presseveranstaltung der Firma Lundbeck vergangene Woche in Frankfurt am Main. Allein in Deutschland leiden schätzungsweise vier Millionen Menschen an einer Depression. Ein Großteil von ihnen ist nicht diagnostiziert, geschweige denn adäquat versorgt. »Nur rund jeder zehnte Patient wird ausreichend behandelt«, konstatierte der Mediziner. Von diesen 10 Prozent sei zudem nur maximal rund ein Drittel über einen Zeitraum von drei Monaten tatsächlich compliant.

 

Das Nadelöhr der antidepressiven Therapie ist das Aufrechterhalten einer erlangten Genesung, denn die Rezidivhäufigkeit ist sehr hoch. Bereits nach einer durchstandenen depressiven Episode erlebt die Hälfte aller Patienten einen Rückfall, nach zwei Episoden sind es schon 80 Prozent und nach drei Episoden kommt es bei 90 Prozent zur Wiedererkrankung.

 

Zu frühes Absetzen ist ein Kunstfehler

 

»Wird eine antidepressive Therapie zu früh beendet, ist das Risiko, ein Rezidiv zu erleiden, deutlich erhöht«, sagte Bauer. In der Akuttherapie müsse das Antidepressivum bis zur Remission gegeben werden. Rezidiv oder nicht: Die Prognose werde wesentlich dadurch bestimmt, wie der Patient aus der Akutphase herauskommt. An die Akuttherapie schließt sich die Erhaltungstherapie mit voller Wirkdosis an. Bauer bezeichnete es als »ärztlichen Kunstfehler«, das Antidepressivum in dieser Phase abzusetzen. Empfehlenswert sei eine Mindestdauer der Erhaltungstherapie von sechs Monaten.

 

Bisher gebe es, so Bauer, keine eindeutige evidenzbasierte Meinung darüber, wann und wie lange eine Rezidivprophylaxe nach erfolgreicher Erhaltungstherapie anzuraten ist. Als Indikation für eine Rezidivprophylaxe nannte der Mediziner drei oder mehr depressive Episoden innerhalb von fünf Jahren. Eine Langzeitprophylaxe könne gegebenenfalls über Jahre erfolgen. Für Patienten, die dauernd depressive Episoden erleiden, komme auch eine lebenslange Therapie infrage.

 

Um den Nutzen einer Langzeitprophylaxe aufzuzeigen, verwies Bauer auf eine im Fachmagazin »Lancet« (2003, Band 361, Seiten 653 bis 661) veröffentlichte Metaanalyse von 31 Studien zur Rückfallprophylaxe mit Antidepressiva im Anschluss an eine vier- bis sechsmonatige Erhaltungstherapie. Diese fand ein Risiko von Wiedererkrankungen nach einem Jahr von 18 Prozent in der mit Antidepressiva behandelten Gruppe versus 35 Prozent unter Placebo. Innerhalb eines Zeitraumes von zwei Jahren kam es in der Kontrollgruppe bei etwa jedem vierten Patienten zum Rückfall, unter Placebo waren zwei Drittel der Patienten betroffen ­ mehr als doppelt so viele Patienten also. Bauer räumte ein, dass sich viele Ärzte noch immer schwer tun, eine gegebenenfalls lebenslange Rezidivprophylaxe zu verordnen, jedoch sei auch die Non-Compliance des Patienten ein Hauptfaktor, der die erfolgreiche Langzeittherapie erschwert.

 

Gründe für Non-Compliance

 

»Je länger die Therapie dauert, desto weniger Patienten nehmen die Medikation in der verschriebenen Art und Weise ein«, sagte Dr. Wibke Flürenbrock, Medical Advisor bei Lundbeck. Sind zu Beginn der Therapie noch circa 70 Prozent compliant, beträgt der Anteil nach neun Wochen nur noch 50 Prozent und schrumpft nach zwölf Wochen weiter auf 40 Prozent. Gründe für Non-Compliance gibt es viele. Während zu Beginn der Therapie vor allem das Auftreten von Nebenwirkungen und mangelnde Wirksamkeit Ursache eigenwilligen Absetzens sind, beenden im weiteren Verlauf viele Patienten die Therapie, weil sie sich besser fühlen oder weil sie Angst vor Abhängigkeit haben. Hier sei die Aufklärung des Patienten über die notwendige Erhaltungstherapie von mindestens sechs Monaten wichtig, so Flürenbrock. Dies ist sicher nicht nur Aufgabe der Ärzte, sondern auch der Apotheker. Um die Compliance des Patienten aufrechtzuerhalten, sollte das verschriebene Arzneimittel einige Voraussetzungen erfüllen, so Flürenbrock. Zum Beispiel sei es wichtig, dass die Wirkung schnell einsetzt.

 

»Durch einen besonders schnellen Wirkeintritt zeichnet sich der selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer Escitalopram aus«, sagte die Medizinerin. Bereits in der ersten Behandlungswoche sei ein signifikant schnellerer Wirkeintritt im Vergleich zur Leitsubstanz Citalopram zu verzeichnen. Escitalopram habe sich aber auch in der Langzeittherapie bewährt. Zu diesem Ergebnis kommt zum Beispiel eine im »Journal of Clinical Psychiatry« (2006, Band 67, Seiten 1767 bis 1775) veröffentlichte placebokontrollierte Ein-Jahres-Studie zur antidepressiven Langzeittherapie. Die Studie bezog 139 Patienten ein, die nach erfolgreicher Akuttherapie mit einem selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) und einer 16-wöchigen Anschlussbehandlung mit Escitalopram in Remission waren und anschließend mit Escitalopram oder Placebo weiterbehandelt wurden. Dabei erlitten im Beobachtungszeitraum 65 Prozent Patienten in der Placebogruppe ein Rezidiv. Unter Escitalopram lag die Rückfallquote mit 27 Prozent dagegen signifikant niedriger.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 11/2009

 

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