Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

Antioxidantien ohne Nutzen

MEDIZIN

 
Antioxidantien ohne Nutzen

Von Christina Hohmann

 

Wer meint, mit Vitamin- oder Selenpräparaten sein Leben verlängern zu können, täuscht sich. Die Einnahme von Antioxidantien wie Vitamin C, E oder Selen schützt nicht vor Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen und senkt auch die Gesamtmortalität nicht.

ANZEIGE

 

Zu diesem Ergebnis kamen jetzt drei große Studien. Die aktuellste von ihnen ist die Analyse von Forschern um Sylvia Wassertheil-Smoller von der Yeshiva-Universität in New York. Sie hatten Daten der Women's Health Initiative ausgewertet, an der mehr als 160.000 postmenopausale Frauen im Alter zwischen 50 und 79 Jahren teilgenommen hatten. Von diesen nahmen 41,5 Prozent Multivitaminpräparate (mit Mineralstoffzusatz oder ohne) für mehr als 15 Jahre ein. Die Forscher untersuchten den Zusammenhang zwischen der Vitamineinnahme und dem Erkrankungsrisiko. Das Ergebnis war eindeutig: Die Multivitaminpräparate hatten keinen Einfluss auf das Risiko für invasive Tumoren wie Brust-, Lungen-, Colon-, Blasen- oder Ovarialkrebs. Auch in Bezug auf Herzinfarkt, Schlaganfall, Venenthrombosen oder der Gesamtmortalität hatten die Frauen, die Multivitaminpräparate konsumierten, gegenüber den Nichtkonsumenten keine Vorteile. Dies berichten die Forscher im Fachjournal »Archives of Internal Medicine« (Band 169(3), Seite 216).

 

Damit häufen sich die Beweise, dass die Einnahme von Supplementen das Leben nicht verlängern kann. Erst im Dezember letzten Jahres war eine Studie des US-amerikanischen National Cancer Institute zu dem gleichen Ergebnis für Männer gekommen: An dem »Selenium and Vitamin E Cancer Prevention Trial« (SELECT) nahmen mehr als 35.000 Männer im Alter über 50 Jahren teil. Auch hier konnte die Einnahme von Antioxidantien weder die Entstehung von Krebs (Prostatakrebs) noch von kardiovaskulären Erkrankungen verhindern. Das Risiko für Prostatakrebs war in den Gruppen, die Selen beziehungsweise Vitamin E erhielten, sogar leicht erhöht (»JAMA«, Doi: 10.1001/jama.2008.862). Im Selenarm war zudem das Risiko für Diabetes mellitus um 7 Prozent erhöht. Ähnlich schlecht hatten Antioxidantien auch in einer weiteren Studie abgeschlossen, die ebenfalls im Fachjournal »JAMA« (Doi: 10.1001/jama.2008.862) publiziert wurde. Die Einnahme von Vitamin C oder E hatte keinen Einfluss auf das Risiko, Prostatakrebs zu entwickeln.

 

»Gesunde haben keinen Nutzen von Vitaminpräparaten«, sagte Professor Dr. Regina Brigelius-Flohé vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) in einem Gespräch mit der PZ. Nur bei bestimmten Mangelkrankheiten wie chronischen Darmentzündungen, Lebererkrankungen oder Niereninsuffizienz müssen bestimmte Vitamine in Absprache mit dem Arzt eingenommen werden. Gerade die Einnahme von Selen sei kritisch zu sehen. Das Spurenelement ist im menschlichen Organismus Bestandteil von etwa 30 verschiedenen Proteinen. Keines dieser Selenoproteine wirkt als Radikalfänger, aber viele regulieren wichtige Funktionen von sogenannten reaktiven Sauerstoffspezies, sagte Brigelius-Flohé. Von anderen ist die Funktion noch nicht bekannt. »Wer viel Selen zu sich nimmt, reguliert Proteine hoch, von denen wir noch gar nicht wissen, was sie im Körper überhaupt tun«, so Brigelius-Flohé.

 

Ein negativer Effekt von Antioxidantien sei zudem, dass sie reaktive Sauerstoffspezies wegfangen, die eine wichtige Funktion bei der Signaltransduktion besitzen. Sie dienen als Mediatoren für Wachstumshormone und auch Insulin. »Werden die reaktiven Sauerstoffspezies ständig weggefangen, kann dies den zellulären Stoffwechsel erheblich stören«, sagte Brigelius-Flohé. Unter anderem könnte dies zu Insulinresistenz und Typ-2-Diabetes führen, was im Selenarm der SELECT-Studie auch zu beobachten war. Auch die Einnahme von hohen Vitamin-E-Dosen sei kritisch zu bewerten. Da die Substanz wie ein Fremdstoff eliminiert wird, könnten große Mengen den Fremdstoffmetabolismus hochregulieren, wodurch auch Arzneimittel schneller ausgeschieden und in ihrer Wirkung herabgesetzt werden.

 

»Der Beweis, dass Antioxidantien vor Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen, wurde bisher nicht erbracht«, sagte Brigelius-Flohé. Alle Studien, die versucht hätten, diesen Effekt zu beweisen, waren nicht erfolgreich. »Solange der protektive Effekt nicht belegt ist, kann man solche Präparate für diese Anwendungsgebiete nicht guten Gewissens empfehlen.«


Weitere Themen im Ressort Medizin...

Beitrag erschienen in Ausgabe 09/2009

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 












DIREKT ZU