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Alkoholentzug: Medikamente helfen beim Trockenwerden

 

Wer allzu gerne trinkt, riskiert psychische und organische Folgeschäden. Allein deshalb lohnt sich der Entzug, der oft durch Psychotherapien und Medikamente unterstützt wird. Die größten klinischen Erfolge zeigen sich bislang unter Acamprosat und Naltrexon.

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Etwa zehn Millionen Menschen in Deutschland pflegen einen riskanten Alkoholkonsum. Das berichtete Professor Dr. Karl Mann, unter anderem stellvertretender Direktor des Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim. Bei Frauen bedeute das mindestens 12 g Ethanol am Tag (also etwa 0,3 l Bier), bei Männern das Doppelte. Viele dieser allzu Trinkfreudigen zeigen Mann zufolge eine Abhängigkeit oder bereits Folgeschäden wie psychische Symptome, Leberzirrhose, Bluthochdruck, Gastritis, Pankreatitis, Brustkrebs oder Tumoren im Mund- und Rachenraum.

 

»Allein um diese Krankheiten zu verhindern oder zu verringern, lohnt sich für Alkoholiker der Entzug«, sagte Mann. Dieser stütze sich in der Regel auf  Psychotherapien oder Arzneimittel, die an ähnlichen Neurotransmittersystemen im Gehirn angreifen wie Alkohol. Dieser steigert Mann zufolge die Signalübertragung durch γ-Aminobuttersäure (GABA), was angstdämpfend wirkt und müde macht. Ähnliche Folgen und eine Beeinträchtigung des Gedächtnisses bewirkt eine gehemmte  Glutamat-Signalübertragung. Die durch Alkohol geweckten positiven Gefühle lassen sich vor allem gesteigerten Spiegeln an Dopamin und körpereigenen Opioiden zuordnen. Und eine Drosselung der Serotonin-Signalübertragung führt zu Impulsivität und Kontrollverlust. Infolge eines regelmäßigen Alkoholkonsums setzen Gewöhnungsprozesse ein, sodass der Körper dann beispielsweise weniger GABA und mehr Glutamat produziert als sonst. »Bricht in diesem Zustand die Alkoholzufuhr plötzlich ab, geraten die unnatürlich regulierten Neurotransmittersysteme schlagartig ins Ungleichgewicht«, sagte Mann. Das erkläre die Schwierigkeiten beim Entzug.

 

Inzwischen gebe es eine ganze Palette von Wirkstoffen, die in Neurotransmittersysteme eingreifen. Doch nicht alle dämpften bei menschlichen Testpersonen das Verlangen nach Alkohol. Die bislang besten Ergebnisse ließen sich mit zwei Arzneistoffen erzielen: Mit dem antiglutaminergen Acamprosat und mit Naltrexon, das Opioidrezeptoren  blockiert. Letzteres ist in Deutschland in dieser Indikation nicht zugelassen, in vielen anderen Ländern dagegen schon. »Es gibt inzwischen viele placebokontrollierte klinische Studien, die den Nutzen beider Wirkstoffe belegen«, sagte Mann. So hätten Alkoholabhängige unter Acamprosat eine 1,6- bis 1,7-fach höhere Chance, trocken zu werden, als unter Placebo.

 

US-amerikanische Forscher um Dr. Raymond Anton von der Medical University of South Carolina wollten wissen, ob sich der Nutzen der beiden Wirkstoffe noch steigern lässt, indem man sie miteinander oder zusätzlich mit Psychotherapien kombiniert. Deshalb führten sie eine aufwendige Studie namens »Combine« mit 1383 entzugswilligen Alkoholikern durch. Diese wurden in neun Untergruppen aufgeteilt und bekamen über 16 Wochen verschiedene Behandlungsarten: Verhaltenstherapie (VT), Placebo, Placebo plus VT, Naltrexon (100 mg/Tag),  Naltrexon plus VT, Acamprosat (3 g/Tag), Acamprosat plus VT, Naltrexon kombiniert mit Acamprosat, Naltrexon kombiniert mit Acamprosat plus VT. Doch zeigten sich bezüglich des Behandlungserfolgs kaum  Unterschiede zwischen den neun Gruppen, heißt es in der Veröffentlichung der Studie im Fachjournal »JAMA« aus dem Jahr 2006.

 

Ein ähnliches Bild zeichnet die Studie »Predict«, die Mann und Kollegen in Anlehnung an das amerikanische Design durchführten und die Mann bei seinem Vortrag vorstellte. Doch enthalte die Untersuchung eine aufschlussreiche Zusatzanalyse. Denn das Forscherteam habe im Kernspintomografen die Gehirne all seiner Testpersonen durchleuchtet, die währenddessen Bilder mit Alkohol darauf gezeigt bekamen. Dieser Schlüsselreiz aktivierte bei den Testpersonen das Belohnungszentrum und einige andere Hirnregionen, allerdings individuell zu einem ganz unterschiedlichen Ausmaß. »Zudem zeigen unsere Zuordnungen zwischen Kernspinaufnahmen und Therapieverläufen, dass Patienten, die besonders stark auf die Alkoholbilder reagieren, weit besser auf Naltrexon ansprechen als auf Acamprosat«, sagte Mann. Ihm zufolge fahnden auch andere Forschergruppen mithilfe von Genanalysen, speziellen Fragebögen und ähnlichen Methoden nach Untergruppen von Alkoholikern, um diesen die passendsten Therapien zuzuweisen. Mann hält das für einen aussichtsreichen Forschungsansatz: »Irgendwann werden wir es erleben, dass Ärzte je nach Profil des Alkoholikers eher Acamprosat oder Naltrexon verordnen.«


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Beitrag erschienen in Ausgabe 08/2009

 

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