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Depressionen: Schutz durch soziales Netz

PHARMAZIE

 
Pharmacon Davos 2009

Depressionen: Schutz durch soziales Netz

 

Große Defizite in der Therapie von depressiven Störungen zeigte Professor Dr. Harald Freyberger, Stralsund, auf. Selbst bei richtiger Diagnosestellung werde die zugrunde liegende Störung häufig falsch therapiert. Das Nichteinbetten der medikamentösen Behandlung in psychosoziale Maßnahmen bezeichnete der Mediziner als Kunstfehler.

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Als Formen der Depression unterschied Freyberger normale Reaktionen auf depressions-induzierende Ereignisse, Anpassungsstörungen, depressive Episoden sowie rezidivierende depressive beziehungsweise anhaltende depressive und bipolare effektive Störungen. Gemäß einer WHO-Studie werden in der Allgemeinarztpraxis nur 14,5 Prozent der behandlungsbedürftigen Depressionen korrekt diagnostiziert. Lediglich 6 Prozent erhalten eine adäquate Therapie mit Antidepressiva, kritisierte der Referent.

 

Freyberger betonte, dass Depressionen häufig in Komorbidität mit Alkoholerkrankungen, Angst und Panikstörungen, Anorexie, Demenz, Herzinfarkt, Krebserkrankungen oder Diabetes mellitus auftreten. Diese Komorbiditäten führen zu noch höheren Einbußen an psychosozialen Funktionen und Lebensqualität. Sie gehen mit noch komplizierteren Krankheitsverläufen und schlechteren Prognosen sowie einer mittleren Erhöhung des Sterblichkeitsrisikos um den Faktor 3 einher.

 

Häufig treten Depressionen nach einem erfolgten Schlaganfall auf, wobei das Ausmaß dieser Post-Stroke Depression (PSD) abhängig ist von der Insultlokalisation und dem Insultvolumen und somit der Art der Störung des Transmitterstoffwechsels und Cortisolausschüttung. Depressionen nach einem Schlaganfall gehen mit einer 2,6- bis 3,4-fach erhöhten Mortalität nach zehn Jahren sowie einer schlechteren funktionellen Erholung der neurologischen Defizite und Rehabilitationsfähigkeit einher. Die kognitiven Funktionen werden ebenso wie das Suizidrisiko zusätzlich erhöht. Auch die Lebensqualität des Partners leidet.

 

»Die Therapie der PSD ist ein langwieriger Prozess, der vom Patienten und vom Therapeuten Geduld erfordert«, betonte der Referent. Psychosozialen Faktoren, so Freyberger, kommt bei der Genesung mehr Gewicht als bisher angenommen zu. Sozialpolitisch sei daher eine bessere personelle, finanzielle und räumliche Ausstattung von Pflege- und Altenheimen zu fordern. Gegebenenfalls sei die konsequente Behandlung mit Antidepressiva unumgänglich. Freyberger verwies auf kontrollierte Studien, nach denen Antidepressiva wie Nortriptylin oder Fluoxetin positive Effekte auf die depressive Psychopathologie der Depressionen nach Schlaganfall haben. Sie gehen mit einer Steigerung der Aktivitäten des täglichen Lebens sowie der Verbesserung kognitiver Defizite einher.

 

Spielen Stressoren wie frühkindliche Traumatisierung durch körperlichen und seelischen Missbrauch eine bedeutende Rolle bei der Entstehung von Depressionen, so sei die Protektion durch soziale Unterstützung und Kohärenzsinn im weiteren Verlauf des Lebens nicht zu unterschätzen. Bei der Therapie mit Antidepressiva gebe es grundsätzliche Regeln zu beachten. So empfehle sich bei Therapieresistenz der Einsatz von drei Substanzen unterschiedlicher Wirkstoff-Klassen in ausreichender Dosierung unter Serumspiegelkontrolle über mindestens acht Wochen bei gleichzeitiger Ausschöpfung weiterer biologischer Verfahren wie Schlafentzugsbehandlung, Lichttherapie, Magnetstimulation, Elektrokrampf- und begleitender Psycho- und Soziotherapie.

 

Freyberger betonte, dass der Vorteil neuerer Antidepressiva wie SSRI oder SNRI nicht in der Wirksamkeit oder in der Studienlage vor allem bei speziellen Indikationsbereichen, sondern in der geringeren Toxizität liegt. Auch haben diese weniger körperliche und kognitiv-psychomotorische Nebenwirkungen zu verzeichnen. Immer spiele bei der Wahl des Antidepressivums auch die Art der Komorbidität eine Rolle. So könne bei Schmerz der Einsatz von Clomipramin, Amitriptylin oder Doxepin, bei begleitenden Zwangstörungen die Gabe von Fluoxetin, Fluvoxamin oder Paroxetin sinnvoll sein.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 08/2009

 

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