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COPD: Endlich effektiv therapieren

TITEL

 
COPD


Endlich effektiv therapieren

Von Carola Seifart

 

Für Menschen mit chronisch-obstruktiver Atemwegserkrankung (COPD) gab es in den letzten Jahrzehnten nur wenige Fortschritte in der Therapie. Mit Arzneimitteln können die Ärzte die Krankheit im besten Fall stabilisieren, aber nicht nennenswert und anhaltend bessern. Neue Medikamente sind dringend nötig. Aber gibt es wirklich innovative Therapiestrategien?

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Die chronisch-obstruktive Atemwegserkrankung (englisch: chronic obstructive pulmonary disease, COPD) ist eine der wichtigsten Erkrankungen überhaupt. Schon seit Jahrzehnten steigen Häufigkeit, Morbidität und Mortalität der COPD an. Etwa 9 bis 10 Prozent aller Erwachsenen über dem 40. Lebensjahr leiden daran. Betrachtet der Epidemiologe nur die rauchende Bevölkerung, steigen die Erkrankungsraten auf bis zu 25 Prozent (1, 2). Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization, WHO) wird die COPD im Jahr 2020 die dritthäufigste Todesursache und die fünfthäufigste Ursache für Krankheit überhaupt sein. Dabei sind etwa 80 Prozent aller Fälle durch Zigarettenrauchen verursacht (3). Allerdings spielen in einigen Teilen der Welt auch andere Faktoren eine relevante Rolle, beispielsweise Rauchgase oder Brennstoffe aus Biomasse (4, 5).

 

Es ist verwunderlich, dass ausgerechnet bei einer so wichtigen Erkrankung durchgreifende Innovationen in den letzten Jahrzehnten ausblieben. Doch die pharmakologische Forschung und Entwicklung von neuen Therapiestrategien für die COPD ist schwierig. Einerseits haben Forscher erst im letzten Jahrzehnt begonnen, sich intensiver mit der Frage auseinanderzusetzen, wie eine COPD auf zellulärer Ebene entsteht und was den chronischen Verlauf unterhält. Andererseits ist der Mangel an wirklich guten Tiermodellen ein besonderes Problem für die Forschung: Zwar gibt es Modelle, die das klassische Bild eines Lungenemphysems gut darstellen. Aber für die COPD-typische Erkrankung der kleinen Atemwege (»small airway disease«), die gemeinsam mit einem Lungenemphysem oder häufig ganz alleine das Krankheitsbild prägt, gibt es kein gutes Modell. Und gerade diese pathophysiologischen Mischbilder, die so charakteristisch für die Erkrankung sind, lassen sich im Tiermodell nicht darstellen.

 

Erschwerend kommt hinzu, dass es keine einfach zu bestimmenden Surrogatmarker aus dem Blut, Atemkondensat oder Sputum gibt, die zuverlässig den Verlauf oder die Aktivität der Erkrankung anzeigen. Es ist also nicht einfach, zu messen, welchen Effekt ein neues Medikament bei kurzfristigem Einsatz hat und eine Langzeitprognose für die Dauertherapie abzuleiten. Um eine Wirksamkeit für COPD-Patienten gut zu belegen, sind Langzeitstudien mit hohen Patientenzahlen notwendig, was einen enormen Kostenaufwand erfordert. Trotz all dieser Einschränkungen sind in den kommenden Jahren einige neue Therapiestrategien und deutliche Verbesserungen der bisherigen Medikamente zu erwarten.

 

Entzündung und Emphysem

 

Die chronisch-obstruktive Atemwegserkrankung ist durch zwei charakteristische pathophysiologische Aspekte charakterisiert:

 

Entzündung und Verengung der kleinen Atemwege und
ein Lungenemphysem unterschiedlicher Ausprägung.

 

Diese Veränderungen führen zu einer progressiven Einschränkung des Atemflusses, die, im Gegensatz zum Asthma bronchiale, nicht oder nicht vollständig reversibel ist. Die Lunge ist ein Organ, das im Lauf der Zeit Flexibilität verliert und ihre Kapazität einbüßt. Die damit verbundenen Einschränkungen sind gering. Ein Patient mit mäßiger bis schwerer COPD, der nicht ausreichend therapiert wird, büßt allerdings im Vergleich zu gesunden Personen etwa das Dreifache an Lungenkapazität während eines Jahres ein (6). Eine Tatsache, die sich besonders bei lungenkranken Menschen dann doch bemerkbar macht. Patienten, die immer wieder akute Verschlechterungen (Exazerbationen) erleiden, verlieren noch deutlich mehr Lungenfunktion und Lebensqualität (7).

 

Aktuelle Therapiestrategien können im besten Fall die Progression der Erkrankung verlangsamen (8). Derzeit existiert keine medikamentöse Therapie, die einen COPD-Patienten »heilen« kann oder den Verlust der Atemflusskapazität zumindest anhaltend verhindert. Nach wie vor die beste und einzige Methode, die Krankheit nachhaltig zu bessern, ist konsequenter Verzicht auf Zigarettenrauchen in frühen Krankheitsstadien (9).

 

Verengte Bronchien erweitern

 

Im Fokus der aktuellen Standardtherapie steht nach wie vor die symptomatische Erweiterung der Bronchien. Die aktuellen Leitlinien empfehlen kurz oder lang wirksame Bronchodilatatoren für die Basistherapie. Es handelt sich um eine symptomatische Therapie, bei der die Ärzte zwei Substanzklassen verwenden:

 

Beta-2-Sympathomimetika, die über eine Stimulation der b-Rezeptoren zu einer Erhöhung der zellulären cAMP-Konzentration führen und so eine Bronchospasmolyse induzieren, und
muscarinische (M3) Acetylcholin-Rezeptorantagonisten, die den Effekt von Acetylcholin (ACh) am Muscarinrezeptor antagonisieren und so zu einer Erweiterung der Bronchien führen.

 

Aktuell stehen den Lungenfachärzten neben etlichen kurz wirksamen Substanzen zur Akutmedikation, zum Beispiel Salbutamol und Ipratropium, auch zwei lang wirksame β2-Sympathomimetika (LABA), Formoterol und Salmeterol, und ein lang wirksamer muscarinischer Acetylcholin-Rezeptorantagonist (LAMA), Tiotropium, zur Verfügung. Unabhängig vom Präparat wirkt sich eine Therapie mit lang wirksamen Bronchodilatatoren positiv auf die Lungenfunktion (FEV1), das Lungenvolumen, die subjektive Atemnot und die Lebensqualität der Patienten aus (10). Die Substanzen unterscheiden sich jedoch hinsichtlich ihres Effekts auf die körperliche Belastbarkeit. Während Salmeterol und Formoterol inkonsistente Ergebnisse in verschiedenen Therapiestudien zeigen, verbessert sich dieser Parameter in Studien, die Tiotropium untersuchen (11-14).

 

Eine Metaanalyse (15) zeigt zudem mögliche Vorteile für muscarinische (M3) ACh-Rezeptorantagonisten (Ipratropium und Tiotropium), da sie effektiver akuten Krankheitsverschlechterungen vorbeugen, die mit mäßiger bis schwerer Luftnot einhergehen oder sogar mit Todesfällen assoziiert sind. Nicht alle Studien kommen dabei aber zum gleichen Ergebnis. Eine andere Metaanalyse (16) zeigt bei Verwendung inhalierbarer Anticholinergika ein signifikant erhöhtes Risiko für Todesfälle, die mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Herzinfarkt, Schlaganfall) assoziiert sind. Die aktuellste Studie wiederum, die 6000 Patienten über vier Jahre beobachtete, belegt eine eindeutig reduzierte Mortalität unter Tiotropium, auch bezogen auf Herz-Kreislauf-bedingte Todesfälle (17). Daher ist die Frage, welche Bronchodilatatoren an erster Stelle verwendet werden sollen oder welche generell vorteilhafter für die Patienten sind, noch nicht abschließend geklärt.

 

Bronchodilatatoren werden nicht nur als Monotherapie eingesetzt. Patienten in höheren Krankheitsstadien brauchen oft Arzneimittelkombinationen, da eine Monotherapie die Symptome nicht ausreichend kontrollieren kann. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass die gemeinsame Gabe von LABA und Tiotropium zu einer sehr guten Besserung der COPD-Beschwerden führt (17-20), wobei gerade die Kombination mit Formoterol auch gut vor Exazerbationen schützt (21). Die Kombination von Formoterol und Tiotropium hat einen deutlich besseren Effekt auf die Lungenfunktion als die jeweiligen Komponenten alleine (22). Ärzte kombinieren daher üblicherweise in den schwereren Stadien der Erkrankung die lang wirksamen Vertreter der beiden Substanzklassen. Noch wird diskutiert, ob die Vorteile einer Kombitherapie von der verwendeten Substanz abhängen (23), da Salmeterol in Kombination möglicherweise weniger Schutzwirkung aufweist (24).

 

Neben bronchienerweiternden Medikamenten setzen Pneumologen bei Patienten mit schwerer oder sehr schwerer COPD auch inhalierbare Glucocorticoide ein. In der Monotherapie verbessern sie zwar die Lungenfunktion nicht (25), haben jedoch einen positiven Effekt auf die Lebensqualität und die Häufigkeit von Exazerbationen. Schon seit einigen Jahren sind lang wirksame β2-Sympathomimetika und inhalierbare Glucocorticoide als fixe Kombination erhältlich. In großen Studien beeinflusste die Kombinationstherapie Gesundheitszustand und Lungenfunktion günstig und konnte Exazerbationen verhindern (26). Es mehren sich allerdings die Hinweise, dass inhalierbare Glucocorticoide das Pneumonierisiko bei COPD-Patienten steigern (27, 28). Es ist noch offen, ob möglicherweise eine Abhängigkeit von der Dosis oder der verwendeten Substanz besteht, da das Pneumonierisiko eben unter einer relativ hohen Fluticason-Dosierung (1000 µg) nachzuweisen war. 

 

Neue Therapiestrategien

 

Für die pharmakologische Forschung wurde in den letzten Jahren unerwartet klar: Neben den symptomatischen und kausalen Therapien muss in Zukunft vor allem die Vorbeugung und Reduktion der akuten Krankheitsverschlechterungen im Fokus der Behandlung stehen. Diese haben einen viel stärkeren Einfluss auf den Verlauf der Erkrankung als bisher vermutet.

 

Akute Exazerbationen korrelieren deutlich mit der Überlebenszeit der Patienten. Muss ein COPD-Patient wegen einer akuten Verschlechterung stationär behandelt werden, steigt sein Risiko zu sterben auf 11 Prozent. Die Chance, das nächste Jahr oder die nächsten zwei Jahre zu überleben, liegt dann nur bei 43 beziehungsweise 49 Prozent (29). Erweitern die Forscher den Beobachtungshorizont auf fünf Jahre, steigt das Risiko, während dieser Zeit zu sterben, auf fast 70 Prozent und die gemittelte Überlebenszeit beträgt 26 Monate (30). Kein Zweifel also: Häufige Exazerbationen verschlechtern die Prognose des Patienten erheblich. Sie werden daher bei den meisten aktuellen COPD-Therapiestudien als primärer oder sekundärer Endpunkt mit aufgenommen.

 

Die Forschung konzentriert sich neben der Entwicklung innovativer Therapien auf die Verbesserung der schon eingesetzten Arzneistoffe. Beispielsweise wollen die Wissenschaftler Bronchodilatatoren entwickeln, die länger und stärker wirken, um die Applikationsfrequenz zu senken und so die Compliance des Patienten zu steigern. Die innovativen Ansätze fokussieren insbesondere auf antientzündliche Substanzen, Antiproteasen und regenerative Therapien. Sie zielen auf die kausalen Mechanismen der COPD, die bisher mit keinem Medikament nachhaltig beeinflusst werden können.

 

Nicotinabstinenz im Fokus

 

Weiterhin konzentrieren sich die Wissenschaftler auf die Entwicklung von Medikamenten, die die Patienten bei der Beendigung des Zigarettenrauchens unterstützen. Die bisher verfügbaren therapeutischen Möglichkeiten sind nicht ausreichend effektiv.

 

Schon lange ist bekannt: Zigarettenrauchen ist der wichtigste Risikofaktor für die Entwicklung einer COPD und seine Beendigung ist die effektivste Methode, die Progression der Erkrankung in den frühen Krankheitsstadien zu verlangsamen (31-33). Etwa ein Drittel aller Raucher versucht jedes Jahr, das Rauchen aufzugeben, jedoch ist nur eine sehr kleine Minderheit erfolgreich und bleibt auch fortan Nichtraucher. Die Nicotinersatztherapie mit Nicotin-haltigen Kaugummis, transdermalen therapeutischen Systemen und Lutschtabletten konnte diese Rate zwar verbessern, aber diese Interventionen sind, ebenso wie eine Therapie mit dem ersten nicotinfreien Präparat Bupropion, nur etwa doppelt so effektiv wie Placebo (34, 35). Erfolgreicher ist Vareniclin. Allerdings sind auch unter diesem Medikament nur 20 Prozent der Patienten ein Jahr nach der Behandlung noch abstinent (36). Die Nebenwirkungen können erheblich sein.

 

Ein ganz neuer Ansatz ist die Impfung gegen Nicotin. Sie soll Nicotin-spezifische Antikörper induzieren, die freies Nicotin in einem Antigen-Antikörper-Komplex binden. Diese Komplexe können die Blut-Hirn-Schranke nicht passieren, sodass Nicotin seine Rezeptoren im Gehirn nicht erreichen kann (37, 38). Das Ergebnis: Rauchen ist nicht mehr befriedigend und das Suchtpotenzial sinkt erheblich. Problematisch ist allerdings, dass Nicotin als kleines Molekül selbst keine Antikörperbildung hervorruft. Daher muss es immer an andere Partikel gebunden werden, die eine Antikörperbildung induzieren. Bis heute ist es schwierig, ausreichend hohe Antikörpertiter zu erreichen. Dies ist aber von entscheidender Bedeutung, da sich herausgestellt hat, dass die Wirksamkeit der »Impfung« von dem erzielten Antikörpertiter abhängt.

 

Bisher sind drei Nicotin-Impfstoffe in der klinischen Erprobung. Erste Ergebnisse zeigen: Kurzfristig sind sie gut wirksam und führen zu einer guten (antikörperabhängigen) Abstinenzrate. Nach wie vor bleibt das Problem bestehen, den kurzfristigen Erfolg auch über längere Zeiträume zu erhalten (39).

 

Neue Bronchodilatatoren

 

Gelingt dem Patienten der dauerhafte Rauchstopp, geht es ihm meist recht bald besser und der progressive Lungenfunktionsverlust wird verlangsamt. Ohne symptomatische Therapie kommen die Patienten jedoch meist nicht aus. Bronchodilatatoren erweitern die verengten Bronchien und lindern so die Luftnot. Die Einführung der lang wirksamen Arzneistoffe war schon ein enormer Schritt zur Besserung der Symptomkontrolle und damit auch der Patientenzufriedenheit und der Compliance.

 

Jetzt sind mehrere »ultralang« wirksame β2-Sympathomimetika in der klinischen Entwicklung, die nach Inhalation 24 Stunden oder länger wirken. Dazu gehören unter anderem Carmoterol und Indacaterol. Beide Substanzen haben einen sehr frühen Wirkeintritt mit einer Wirkdauer über wenigstens 24 Stunden (40). Erste Studienergebnisse zeigen für beide Medikamente eine gute therapeutische Breite, ein geringes Nebenwirkungsprofil (41-44) und eine sehr gute Effektivität: 2 µg Carmoterol als tägliche Einzelgabe zur Inhalation ist vergleichbar effektiv wie 12 µg Formoterol zweimal täglich (45) und Indacaterol einmal täglich wirkt ebenso effektiv wie Tiotropium.

 

Auch in der Klasse der M3-Acetylcholin-Rezeptorantagonisten sind verschiedene neue Wirkstoffe in der Entwicklung. Dazu gehören NVA 237 (Glycopyrrolat), Aclidinium (LAS-34273), LAS-35201, GSK 656398 (TD-5742), QAT 370, CHF 5407 und GSK 233705. Die Forschung konzentriert sich auf einen möglichst frühen Wirkeintritt, lange Wirksamkeit und die Reduktion der Nebenwirkungen.

 

Aclidinium ist der Vorläufer von NVA 237 mit einem Wirkeintritt nach 15 Minuten und einer 24-stündigen Wirkdauer (46, 47). Nach Inhalation reduziert es die Atemwegswiderstände und erhöht die Einsekundenkapazität (48, 49). Die Nachfolgesubstanz NVA 237 wirkt schon nach fünf Minuten und hat eine Wirkdauer bis zu 36 Stunden bei einer Dosis von 480 µg (50, 51). Das Präparat zeigt gegenüber Tiotropium ein verbessertes Nebenwirkungsprofil mit weniger kardiovaskulären Nebenwirkungen (52) und Mundtrockenheit (53).

 

Studien belegen für den 24 Stunden lang wirksamen M2/M3-Rezeptorantagonisten CHF 5407 eine zwei- bis dreifach höhere bronchodilatatorische Wirkung als für Ipratropium und Tiotropium (54). Alle diese neuen Bronchodilatatoren werden aktuell in Phase-III-Studien überprüft. Erste Zulassungen sind nicht vor 2009 (Indacaterol, Aclidinium) oder 2010/2011 zu erwarten.

 

Auch die neuen Bronchodilatatoren werden in Kombinationstherapien verwendet und in klinischen Studien überprüft. Aktuell wird Tiotropium plus Carmoterol und Indacaterol plus NVA 237 geprüft. Ebenso werden Kombinationstherapien aus drei Medikamenten, die neben zwei Bronchodilatatoren noch Glucocorticoide einschließen, getestet. Möglicherweise lassen sich dadurch der Effekt auf die Lungenfunktion und die Prävention von Exazerbationen etwas verbessern (23).

 

Ein ganz neuer Ansatz zur Bronchospasmolyse sind sogenannte dimere Moleküle. Dabei handelt es sich um Substanzen, die gleichzeitig an den muscarinischen Rezeptoren antagonistische und an den β-Rezeptoren agonistische Wirkungen aufweisen (MABA) (56). Die Moleküle modifizieren die Rezeptorfunktion und stellen eine Verbindung zwischen den agonisierenden β2- und den antagonisierenden M3-Rezeptorfunktionen her (57). Die Verbindung GSK 961081 hat in einer Phase-I-Studie eine lang dauernde (24 h), gute Wirksamkeit bei guter Verträglichkeit gezeigt (57). Bicyclo(2.2.1)-hept-7-ylamin-Derivate befinden sich noch in frühen Phasen der klinischen Entwicklung. Insgesamt versprechen die dimeren Moleküle möglicherweise aber ein großes Potenzial.

 

Neue Entzündungsblocker

 

Natürlich profitieren die Patienten von einer symptomatischen Therapie erheblich. Diese ist jedoch immer nur begrenzt wirksam und beeinflusst den progressiven Krankheitsverlauf nicht oder nur gering. Für eine anhaltende Besserung müsste es gelingen, kausal in das Krankheitsgeschehen einzugreifen.

 

Wissenschaftler halten es für gesichert, dass die Ursache der COPD eine chronische Entzündung der Atemwege ist, die durch verschiedene Botenstoffe, Proteine und Rezeptoren aufrechterhalten wird. Diese Entzündungsreaktion wird unabhängig von ihrer Ausprägung in allen Bronchien beobachtet und korreliert eng mit der bei COPD-Patienten beobachteten Pathologie (3). Noch ist nicht klar, ob auch auto-immunologische Mechanismen eine Rolle spielen (56). Sicher ist jedoch, dass die Immunzellen, besonders Lymphozyten und Makrophagen, für die Aufrechterhaltung der Entzündung verantwortlich sind (58, 59). Die pharmakologische Forschung konzentriert sich daher bei der Entwicklung antientzündlicher Therapiestrategien auf die Immunzellen direkt, deren Botenstoffe und die immunologischen Signalwege. Ein Beispiel sind die Phosphodiesterase-Inhibitoren.

 

Phosphodiesterasen inaktivieren durch Hydrolyse zelluläres zyklisches Adenosinmonophosphat (cAMP). Werden sie inhibiert, steigt das intrazelluläre cAMP, was zu einer ganzen Reihe antiinflammatorischer Effekte führt (60). Das wesentliche Isoenzym der immunologischen Zellen bei Patienten mit COPD ist die Phosphodiesterase 4, kurz PDE4 genannt (61). In Tiermodellen zeigten PDE4-Inhibitoren eine gute antiinflammatorische Kapazität (62). Orale PDE4-Inhibitoren hielten allerdings einer Überprüfung in klinischen Studien nicht stand: Roflumilast und Cilomilast reduzierten die Anzahl einiger wichtiger immunologischer Zelltypen, während andere nicht beeinflusst wurden (63). In den meisten Untersuchungen zeigten sie eher geringe klinische Effekte (64), wobei eine Studie recht gute Wirksamkeiten für Roflumilast auf Lebensqualität, Lungenfunktion und Exazerbationen ergab (65).

 

Schon in subtherapeutischen Dosen führen PDE4-Inhibitoren allerdings zu erheblichen Nebenwirkungen, insbesondere Übelkeit, Erbrechen und Kopfschmerzen, was ihre Anwendung begrenzt. Heute ist bekannt, dass die Nebenwirkungen überwiegend durch Blockade des PDE4D-Isoenzyms und die antiinflammatorischen Effekte durch Hemmung des PDE4B-Isoenzyms ausgelöst werden. Ob selektive PDE4B-Inhibitoren jedoch einen stärkeren therapeutischen Effekt haben werden, ist fraglich (66). Eine erhebliche Verbesserung könnte durch die inhalative Applikation dieser Wirkstoffe zu erzielen sein.

 

Auch verschiedene andere Kandidaten werden als antiinflammatorische Agentien bei COPD überprüft. Dazu gehören zwei CXCR2-Antagonisten, Nuklear-Faktor-(NF)-κB-Inhibitoren und p38-Mitogen-aktivierte Proteinkinase-Inhibitoren.

 

CXC-Chemokine sind zelluläre Botenstoffe wie beispielsweise viele Interleukine, die zwei N-terminale Cysteine (α-Chemokine) aufweisen, die durch eine Aminosäure getrennt sind, was durch ein »X« im Namen angezeigt wird. Das CXC-Chemokin Interleukin-8 (IL-8) spielt in der Entzündungsreaktion der Atemwege eine besondere Rolle. Es korreliert sowohl mit dem Schweregrad der Erkrankung als auch mit dem Risiko einer akuten Krankheitsverschlechterung (67, 68). IL-8 bindet über die Rezeptoren CXCR1 und CXCR2 an neutrophile Granulozyten. Die Blockade des CXCR2-Rezeptors könnte daher eine vielversprechende Möglichkeit für eine breite antientzündliche Therapie sein. Zwei CXCR2-Antagonisten werden aktuell in Phase-I-Studien überprüft (69).

 

Eine weitere Möglichkeit, breit in die Entzündungsreaktion einzugreifen, ist die Blockade des Transkriptionsfaktors NF-κB. Er reguliert die zentralen entzündlichen Botenstoffe und Signaltransduktoren. Die Entwicklung solcher Substanzen ist aber noch nicht bis zur klinischen Prüfung bei COPD-Patienten fortgeschritten. Ebenso ist die mitogen aktivierte Proteinkinase (MAPK) für die Transkription entzündlicher Botenstoffe von entscheidender Bedeutung. Durch die Blockade dieser Kinase lassen sich verschiedene antientzündliche Effekte in Tier- und Laborversuchen erzielen (70-72). Einige MAPK-Inhibitoren (GSK 681323 and GSK 856333) sind in klinischer Überprüfung, aber die Ergebnisse der Untersuchungen stehen noch aus.

 

Bei jeder Therapie, die generell in die Signalübertragung von Entzündungsmechanismen eingreift, beispielsweise durch Blockade der MAP-Kinase, muss mit einer systemischen Modifikation immunologischer Übermittlungen gerechnet werden. Das heißt, es ist davon auszugehen, dass alle immunologischen Regelkreise betroffen sind - auch die, die für eine effiziente Infektabwehr nötig sind, was gerade bei COPD-Patienten für den Krankheitsverlauf bedeutsam ist. Ob ein genereller Eingriff in die Signalübertragung überhaupt vertretbar ist, inwieweit dadurch noch andere verzahnte Regelkreise beeinflusst werden und welche klinischen Auswirkungen daraus resultieren, bleibt abzuwarten.

 

Regeneration ist möglich

 

Bis in die späten 90er-Jahre zweifelte kein Wissenschaftler an dem Grundsatz, dass einmal zerstörtes Lungengewebe unwiederbringlich verloren sei und nicht mehr durch den Körper ersetzt werden könne. Dann aber wurden die Ergebnisse eines Experiments veröffentlicht, bei dem es Wissenschaftlern scheinbar gelungen war, eine Regeneration der Lunge beim Lungenemphysem durch den Einsatz eines Vitamin-A-Abkömmlings zu erzielen (73). Dieser Bericht beflügelte die Forschung ganz erheblich, auch wenn es später nicht gelang, beim Menschen durch Vitamin A irgendwelche regenerativen Effekte zu induzieren. Auch Stammzellen werden mittlerweile zu diesem Zweck eingesetzt. Diese Verfahren haben die Laborräume der experimentellen Medizin allerdings noch nicht verlassen. Natürlich ist eine regenerative Therapie beim Lungenemphysem mehr als wünschenswert, jedoch sind solche Therapien noch ferne Zukunftsmusik.

 

Zusammenfassend werden Lungenfachärzte vermutlich noch einige Zeit auf wirklich neue Therapien für ihre COPD-Patienten warten müssen. In naher Zukunft werden zwar neue Bronchodilatatoren für die symptomatische Therapie zur Verfügung stehen. Es sind aber weder effektive antientzündliche noch regenerative Therapieansätze in absehbarer Zeit zu erwarten. Die frühzeitige Unterstützung von Rauchern bei der Beendigung ihrer Sucht bleibt sicherlich ein wichtiger Faktor für die Prävention. Noch sind die zugelassenen Medikamente leider nicht ausreichend effektiv, um diese wichtigste aller Maßnahmen zu unterstützen.


Literatur

... bei der Verfasserin


Die Autorin

Carola Seifart studierte Medizin und fertigte ihre Dissertation am Zentrum für Innere Medizin des Universitätsklinikums der Philipps-Universität, Marburg, an. Nach der Promotion 1997 arbeitete sie in Marburg als Teilprojektleiterin der klinischen Forschergruppe zur Erforschung zellulärer Reaktionsmechanismen chronischer Atemwegserkrankungen, absolvierte Forschungsaufenthalte an der Pennsylvania State University, USA, und am Netherlands Cancer Institut, Amsterdam. Dr. Seifart ist Fachärztin für Innere Medizin sowie für Lungen- und Bronchialheilkunde. Seit 2001 arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Innere Medizin, Schwerpunkt Pneumologie, des Universitätsklinikums Marburg und absolvierte zudem ein Aufbaustudium Health Care Management. Dr. Seifart erhielt mehrfach Stipendien und Preise für ihre Arbeiten.

 

 

Privatdozentin Dr. Carola Seifart

seifart(at)med.uni-marburg.de


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Beitrag erschienen in Ausgabe 08/2009

 

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