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Doping am Arbeitsplatz: Pillen für die Leistungsgesellschaft

WIRTSCHAFT UND HANDEL

 
Doping am Arbeitsplatz

Pillen für die Leistungsgesellschaft

Von Uta Grossmann, Berlin

 

Gedopt wird auch am Arbeitsplatz: Gesunde Menschen nehmen verschreibungspflichtige Arzneimittel ein, um ihre Leistung am Arbeitsplatz zu steigern. Die Deutsche Angestellten-Krankenkasse hat das sogenannte Psycho- und Neuro-Enhancement untersucht.

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Im Berufsleben leiden Arbeitnehmer zunehmend unter Stress, die Wirtschaftskrise erhöht den Druck noch. Um die Leistungsfähigkeit zu steigern, sich besser konzentrieren und länger durchhalten zu können, greifen mehr und mehr Menschen zu Arzneimitteln, die für ganz andere Indikationen zugelassen sind. Ein gefährliches Spiel mit der Gesundheit, denn sie riskieren deutlich andere Wirkungen und Nebenwirkungen sowie gänzlich unbekannte Langzeitfolgen. Die gesellschaftliche Akzeptanz für diese Form des Medikamentenmissbrauchs steigt.

 

»Konzentriert, kreativ, karrierebewusst: Wer glaubt, immer perfekt sein zu müssen und verstärkt zur Leistungssteigerung auf Pillen zurückgreift, lebt gefährlich«, warnt Professor Dr. Herbert Rebscher, Vorstandschef der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK). Der globale Arzneimittelverkehr mit der Möglichkeit, im Internet zu kaufen, erleichtert den illegalen Bezug rezeptpflichtiger Medikamente. Doch auch Ärzte tragen mit ihren Verordnungen dazu bei, dass Arzneimittel nicht ihrer Bestimmung gemäß verwendet werden. Die DAK widmet sich dem Thema Doping am Arbeitsplatz in ihrem Gesundheitsreport 2009, den sie vorige Woche in Berlin vorstellte. Grundlage der Studie sind die Analyse der Arzneimittelverordnungen, Einschätzungen von Fachleuten aus Wissenschaft und Praxis sowie eine repräsentative Befragung von 3000 Arbeitnehmern im Alter zwischen 20 und 50 Jahren.

 

Demnach wissen vier von zehn Beschäftigten, dass Medikamente gegen alters- und krankheitsbedingte Gedächtnisstörungen oder Depressionen auch bei Gesunden wirken können. Zwei von zehn Befragten halten die Risiken im Vergleich zum Nutzen der Einnahme solcher Arzneimittel für vertretbar. Jeder 20. gab an, schon einmal leistungssteigernde oder stimmungsaufhellende Medikamente genommen zu haben, obwohl es nicht medizinisch erforderlich war. Das sind gut zwei Millionen Beschäftigte in Deutschland. Als Bezugsquellen rezeptpflichtiger Arzneimittel werden neben der Verschreibung durch den Arzt Kollegen, Freunde, die Familie und der Versandhandel genannt.

 

Akzeptanz für den Griff zur Tablette

 

Knapp zwanzig Prozent der Befragten akzeptieren Stimmungsaufheller, um beruflichen Stress und Konflikte am Arbeitsplatz besser auszuhalten. »Ein Alarmsignal«, findet Rebscher. »Wer für jede Situation eine Pille einnimmt, verlernt, seine Probleme selbst zu lösen.« Wer viel Stress hat, einen unsicheren Job oder starke Konkurrenz hält nach der DAK-Studie Doping am Arbeitsplatz für vertretbarer als Beschäftigte, die weniger unter Leistungsdruck stehen.

 

Die DAK hat bei Antidepressiva, Mitteln gegen Demenz und ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom) sowie Betablockern die Verordnungs- und Diagnosedaten verglichen. Das Ergebnis legt nach Angaben der Kasse nahe, dass »Beschäftigte Medikamente auf eigenen Wunsch erhielten, um mehr zu leisten oder stressresistenter zu werden«.

 

Lediglich 2,7 Prozent der Verordnungen des Wirkstoffs Piracetam gegen Demenz betrafen Versicherte mit dieser Diagnose. 83 Prozent der Berufstätigen bekamen Rezepte mit diesem Wirkstoff, obwohl bei ihnen Krankheiten diagnostiziert wurden, für die das Mittel nicht zugelassen ist. Und 15 Prozent der Piracetam-Verordnungen erfolgten ganz ohne Diagnose.

 

Die Verordnung des Wirkstoffs Methylphenidat zur Behandlung von ADHS, der auch zur Konzentrationssteigerung eingesetzt wird, war ebenfalls auffällig. Ein Viertel der erwerbstätigen DAK-Versicherten, denen der Wirkstoff verschrieben wurde, war entweder nicht krank oder litt an einer Erkrankung, für deren Behandlung der Wirkstoff nicht zugelassen ist. Ähnliche Ergebnisse förderte ein Abgleich von Verordnungs- und Diagnosedaten bei Psychostimulanzien (Modafinil) und Antidepressiva (Fluoxetin) zutage.

 

Professor Dr. Isabella Heuser, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité Berlin, hat eine »deutliche Bereitschaft« in der heutigen Gesellschaft beobachtet, mithilfe von Medikamente die Arbeitsleistung zu verbessern.

 

Eindrücklich beschrieb sie, was passiert, wenn jemand zum Beispiel über Tage hinweg Aufputschmittel nimmt, um wach und leistungsfähig zu bleiben. »Nach 96 Stunden stellen sich Symptome wie extreme Angst, Weinkrämpfe und Muskelzittern ein, es erfolgt ein psychischer und physischer Zusammenbruch.«

 

DAK-Chef Rebscher kündigte an, dass die Kasse anhand der Ergebnisse des Gesundheitsreports verstärkt über das Phänomen des Dopings am Arbeitsplatz aufklären wolle. Ärzte müssten ihr Verordnungsverhalten überprüfen. Apotheker seien in ihrer Beratungsfunktion gefragt, um über die Gefahren eines nicht bestimmungsgemäßen Gebrauchs von Arzneimitteln zu informieren.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 08/2009

 

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