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Versorgungsforschung: Apotheker engagieren sich

POLITIK

 
Versorgungsforschung

Apotheker engagieren sich

Von Bettina Sauer, Berlin

 

Apotheker sind wichtig für die Versorgungsforschung und wollen sich noch stärker auf diesem Gebiet engagieren. Das betonten die Referenten eines Symposiums der Bundesapothekerkammer (BAK) vergangene Woche in Berlin.

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Wie schnell profitieren gesetzlich Versicherte in Deutschland von neu zugelassenen Arzneimitteln? Wie groß ist der Nutzen einer diagnostischen Methode? Wie stark beeinflussen Patientenschulungen den Krankheitsverlauf? Mit solchen und ähnlichen Fragen beschäftigt sich die Versorgungsforschung. Dabei handelt es sich nach einer Definition der Bundesärztekammer um die »wissenschaftliche Untersuchung der Versorgung von Einzelnen und der Bevölkerung mit gesundheitsrelevanten Produkten und Dienstleistungen unter Alltagsbedingungen«. Die Erkenntnisse sollen dazu beitragen, die Gesundheitsversorgung in Deutschland zu verbessern.

 

»Apotheker können innovative Versorgungskonzepte und -strukturen entwickeln, unter Alltagsbedingungen anwenden und evaluieren«, sagte BAK-Vizepräsident Lutz Engelen bei der Eröffnung der Veranstaltung. »Typische Fragestellungen für die Apotheker sind die Über-, Unter- und Fehlversorgung sowie die richtige Anwendung von Arzneimitteln oder medizinischen Hilfsmitteln.« Auch gesundheitsökonomische Auswirkungen der Interventionen müssten untersucht werden.

 

Die Referenten stellten einzelne Aspekte der Versorgungsforschung vor und arbeiteten dabei jeweils die Rolle des Apothekers heraus. Drei der fünf Vorträge beschäftigten sich mit Aspekten der Arzneimittelsicherheit (siehe dazu Arzneimittelsicherheit: Gefahrenabwehr durch Apotheker).

 

Zur Versorgungsforschung gehört auch die Entwicklung evidenzbasierter Leitlinien und deren flächendeckende Anwendung, berichtete Professor Dr. Günter Ollenschläger. Der Apotheker und Facharzt für innere Medizin leitet das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ). Diese 1995 gegründete gemeinsame Einrichtung von Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung beschäftigt sich seit 2002 mit der Entwicklung nationaler Versorgungsleitlinien (NVL). »Dabei handelt es um systematische, evidenzbasierte Entscheidungshilfen für eine angemessene ärztliche Vorgehensweise bei speziellen gesundheitlichen Problemen«, erläuterte Ollenschläger. NVL böten den Ärzten eine noch bessere Orientierung als die verwirrend vielen Leitlinien der deutschen medizinischen Fachgesellschaften. Denen lägen oft unterschiedliche Qualitätskriterien zugrunde. Teilweise widersprächen sie sich auch.

 

Inzwischen gibt es NVL für die Volkskrankheiten Asthma, COPD, Koronare Herzkrankheit, Demenz, Depression, Diabetes, Herzinsuffizienz und Rückenschmerz. »Sie werden regelmäßig überarbeitet und in entsprechende Patientenleitlinien übersetzt«, berichtete Ollenschläger. »Dabei bezieht das ÄZQ nicht nur Ärzte ein, sondern auch Patientenvertreter und Berufsgruppen, die ihren Nutzen in der Gesundheitsversorgung durch Studien belegen können.«

 

Das sei den Apothekern gelungen, unter anderem durch die Studie namens VITA. Diese zeigt, dass Patienten mit Asthma und COPD bei der Anwendung ihrer Arzneimittel deutlich weniger Fehler machen, wenn Apotheker ihnen die Inhalationstechnik erklären.

 

Seit 2008 beteiligen sich die Apotheker an der Entwicklung der NVL. Den Anfang machte die Überarbeitung der NVL Asthma, die das ÄZQ Ende 2008 vorlegte. Darin lässt sich nachlesen, wie sich die Therapie von Asthmatikern durch die Kooperation von Arzt und Apotheker optimal gestalten lässt. Unter anderem sollen entsprechend qualifizierte Apotheker regelmäßig die richtige Anwendung inhalativer Arzneimittel überprüfen. »Ich freue mich, dass nun Erfahrungen der pharmazeutischen Arzneimittelberatung in unseren Leitlinien berücksichtigt werden«, sagte Ollenschläger. Möglicherweise könnten Apotheker auch zur flächendeckenden Anwendung evidenzbasierter Leitlinien beitragen.

 

Anonymisierte Rezeptdaten

 

Zudem betätigen sich Apotheker selbst als Versorgungsforscher. Das zeigte der Vortrag von Dr. Sittah Czeche vom Deutschen Arzneiprüfungsinstitut (DAPI). Dieser gemeinnützige Verein gehört zur ABDA - Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände und untersucht pharmakoökonomische und -epidemiologische Fragen der Arzneimittelversorgung.

 

Zu den Nutzern der Auswertungen zählen die Landesapothekerkammern und -verbände, die ABDA, Bundesgesundheitsministerium und Gesundheitsbehörden, Universitäten und die pharmazeutische Industrie. »Bei seinen Untersuchungen stützt sich das DAPI auf einen Datenpool, der jährlich wächst und inzwischen rund fünf Milliarden Datensätze umfasst«, sagte Czeche. Es handle sich um anonymisierte Verordnungen aus der Arzneimittelabrechnung der Gesetzlichen Krankenversicherung, die von fünf standeseigenen und zwei privaten Apothekenrechenzentren stammten und viele Studien ermöglichten.

 

Als Beispiel stellte Czeche eine Untersuchung zur Therapietreue beim Einsatz blutdrucksenkender Medikamente vor. Über einen Zeitraum von zwei Jahren wurden die anonymisierten Verordnungsdaten von 15.070 insulinpflichtigen Diabetikern ausgewertet, die blutdrucksenkende Medikamente benötigten. Dabei galten diejenigen Patienten als therapietreu, die in regelmäßigen, genau festgelegten Abständen entsprechende Rezepte einlösten. Die Auswertung ergab deutliche Unterschiede zwischen den verschiedenen blutdrucksenkenden Wirkstoffklassen. Die höchste Therapietreue ließ sich den AT1-Blockern zuordnen, die als selektive Hemmstoffe am Subtyp 1 des Angiotensin-II-Rezeptors wirken. Etwa 90 Prozent der Patienten behielten diese Therapie bis zum Ende der Studie bei. »AT1-Hemmer sind meist gut verträglich und müssen nur einmal täglich eingenommen werden«, kommentierte Czeche. Auf Platz zwei folgten ACE-Hemmer und Calciumkanalblocker mit jeweils etwa 82 Prozent Therapiebeibehaltung nach zwei Jahren, auf Platz drei die Diuretika mit etwa 78 Prozent. Am schlechtesten schnitten die Betablocker ab. Nur etwa 65 Prozent der Patienten scheinen sie nach zwei Jahren noch regelmäßig einzunehmen. Allerdings zeigten sich innerhalb dieser Klasse deutliche Unterschiede: Bei den besonders nebenwirkungsreichen unselektiven Betablockern lag die Therapietreue nach zwei Jahren bei knapp 28 Prozent, bei den beta1-selektiven bei 62 Prozent und beim besonders gut verträglichen, hochselektiven Nebivolol gar bei 87,9 Prozent. »Durch die Auswahl eines Arzneistoffs, der wenig Nebenwirkungen verursacht und selten einzunehmen ist, lässt sich die Therapietreue der Patienten verbessern«, kommentierte Czeche. Der Apotheker könne dazu beitragen und zudem das Patientenbewusstsein für die Wichtigkeit der Blutdruckeinstellung schärfen. »Durch die Förderung der Therapietreue leistet der Apotheker einen wesentlichen Beitrag zur Gesundheitsversorgung.«


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Beitrag erschienen in Ausgabe 06/2009

 

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