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Hyperhidrose: Wenn der Schweiß fließt

PHARMAZIE

 
Hyperhidrose

Wenn der Schweiß fließt

Von Christoph H. Schick

 

Schätzungsweise eine Million Menschen in Deutschland leiden unter krankhaft vermehrtem Schwitzen. Es tritt in unterschiedlicher Weise auf: Feuchte Hände, Schweißflecken unter dem Arm, Schweißperlen im Gesicht, am Rücken klebende Kleidung, nasse Füße. In allen Erscheinungsformen ist die Hyperhidrose unangenehm für die Betroffenen. Einige Therapieoptionen sind möglich.

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Tanja W. hat immer Papiertaschentücher dabei. Fast immer hat sie eins in der Hand oder wenigstens in der Hosentasche, damit sie sich noch schnell die Hände trocknen kann, bevor sie jemanden begrüßt. Hundertprozentig funktioniert diese Methode aber nicht, die Hände der 21-Jährigen sind selbst direkt nach dem Abwischen feucht und klamm. Also graut ihr vor jeder Begrüßung. Entsprechend gehemmt fühlt sich die Bankangestellte, besonders, wenn sie im Beruf mit Menschen zusammentrifft. Hinzu kommt, dass sie auch unter den Achseln stark schwitzt. In der Bank trägt sie schwarze Kostüme, da fällt ihr starkes Achselschwitzen nicht auf. Aber auch in der Freizeit kann sie nur schwarze T-Shirts und Pullis tragen, denn auf denen sind die Schweißflecken am wenigsten sichtbar. Viele Patienten werden oft jahrelang mit ihren Beschwerden nicht ernst genommen oder bekommen zu hören, dass man da nichts machen könne. Aber das stimmt so nicht.

 

Symptomatisch gut zu behandeln

 

Die primäre Hyperhidrose lässt sich zwar nicht ursächlich, aber gut symptomatisch behandeln. Die Behandlungsmöglichkeiten reichen von der lokalen Anwendung von Aluminiumchlorid-Lösungen bis hin zu minimal-invasiven Operationen am autonomen Nervensystem.

 

Um die richtige Behandlungsmethode zu finden, muss man vor allem unterscheiden, ob es sich um eine primäre oder eine sekundäre Hyperhidrose handelt. Die primäre Hyperhidrose entsteht durch eine Überfunktion der Sympathikusnerven im autonomen (vegetativen) Nervensystem. Die sekundäre Hyperhidrose ist dagegen ein Symptom anderer Krankheiten, zum Beispiel einer Schilddrüsenfunktionsstörung. Die sekundäre Hyperhidrose, beziehungsweise die zugrunde liegende Primärerkrankung, muss ursächlich behandelt werden.

 

Die primäre Hyperhidrose tritt in verschiedenen Formen auf. Bei übermäßigem Schwitzen an bestimmten Körperstellen spricht man von fokaler Hyperhidrose. Patienten mit primärer fokaler Hyperhidrose schwitzen übermäßig am Kopf (Hyperhidrosis facialis), an den Achseln (H. axillaris), an den Händen (H. manuum) und/oder an den Füßen (H. peduum). Bei übermäßigem Schwitzen am ganzen Körper spricht man von primärer generalisierter Hyperhidrose. Darüber hinaus gibt es die Bromhidrose, bei der der Schweiß stark riecht.

 

Die einfachste Behandlungsmöglichkeit der Hyperhidrose ist die Anwendung von Aluminiumchlorid. Es wird als Lösung auf die Haut aufgetragen und verstopft die Schweißdrüsen. Eine mögliche Rezeptur ist beispielsweise Aluminiumchlorid-Hexa-hydrat Lösung 20 Prozent (NRF 11.1):

 

Aluminiumchlorid-Hexahydrat 20,0

2-Propanol 60,0

Gereinigtes Wasser ad 100,0

 

Die Lösung sollte sparsam aufgetragen werden, da sie die Haut erheblich reizen kann. Anfangs sollte man die Lösung täglich auftragen und dann versuchen, die Abstände zwischen den Behandlungen zu reduzieren. Aluminiumchlorid sollte möglichst abends angewendet werden, nicht auf frisch gewaschener oder rasierter Haut. Darüber sollte alte Kleidung getragen werden, da diese durch die Substanz angegriffen werden kann.

 

Eine weitere konservative Behandlungsmethode ist die Iontophorese, die Behandlung mit schwachem elektrischem Strom, ausgeführt mithilfe eines Wasserbades. Sie eignet sich besonders zur Behandlung der Hyperhidrosis manuum und peduum. Es gibt  auch spezielle Schwämme und Masken für die Anwendung unter den Achseln und im Gesicht sowie die Möglichkeit der Ganzkörperbehandlung in einem sogenannten Stangerbad.

 

Die Geräte kann der Patient beim Hersteller, bei manchen Dermatologen oder über Sanitätshäuser ausleihen. Die Kosten werden im Allgemeinen von den Krankenkassen übernommen. Nachteil der Iontophorese ist der Zeitaufwand: Durchschnittlich müssen die Patienten sie zweimal wöchentlich 20 Minuten anwenden, manche sogar täglich.

 

Bei sekundärer Form Ursache klären

 

Patienten, die sehr stark schwitzen, kommen mit Aluminiumchlorid und Iontophorese oft nicht weit. Ebenso diejenigen, die an generalisierter Hyperhidrose leiden wie Rosemarie M. Die 54-Jährige schwitzt stark am Kopf und am Rumpf, bei geringster Anstrengung tropft ihr der Schweiß aus den Haaren, nachts muss sie häufig das Nachthemd wechseln, manchmal sogar die Bettlaken.

 

Häufig sind es ältere Patienten, die an Kopf und Rumpf schwitzen, doch es gibt auch 20-Jährige mit generalisierter Hyperhidrose. Gerade bei älteren Patienten hat das vermehrte Schwitzen aber oft andere Ursachen als eine Sympathikusüberfunktion, ist also keine primäre, sondern eine sekundäre Hyperhidrose. Daher ist hier die Diagnose mittels Blutuntersuchungen und weiteren Tests besonders wichtig.

 

Bei Rosemarie W. ergibt die Laboruntersuchung, dass eine hormonelle Ursache vorliegt. Da sie keine Hormonersatzpräparate nehmen will, bekommt sie Anticholinergika verschrieben. Generalisiertes Schwitzen lässt sich damit meist gut behandeln. Auch hier muss herausgefunden werden, mit welchem Medikament und mit welcher Dosis sich ein optimaler Erfolg erzielen lässt.

 

Anticholinergika oder Botulinumtoxin

 

Für Patienten mit starker fokaler Hyperhidrose sind Anticholinergika zwar auch eine Möglichkeit der Behandlung, doch gibt es für sie noch weitere Optionen, beispielsweise Injektionen von Botulinumtoxin. Diese eignen sich zur Behandlung des Schwitzens an Händen, Achseln und Füßen. Allerdings übernehmen Krankenkassen die Kosten hierfür nicht.

 

Injektionen in die Achseln können ohne Narkose gesetzt werden, für Hände und Füße empfiehlt sich das wegen der vielen Gefühlsnerven nicht. Hier wird in der Regel eine ambulante Behandlung in Kurznarkose im Krankenhaus empfohlen. Die Ergebnisse sind meist sehr zufriedenstellend. Allerdings lässt die Wirkung im Allgemeinen nach sechs bis acht Monaten nach.

 

Es gibt zwei Möglichkeiten, das Schwitzen mittels minimal-invasiver Operationen dauerhaft zu unterbinden: Gegen die Hyperhidrosis axillaris kommt eine Achselsaugkürettage infrage, gegen das Schwitzen an den Händen eine endoskopische thorakale Sympathikusblockade. Beide Behandlungsmethoden haben eine hohe Erfolgssicherheit.

 

Bei der Achselsaugkürettage wird, anders als die Bezeichnung vermuten lässt, nichts abgesaugt, sondern die untere Hautschicht, in der die Schweißdrüsen sitzen, unter lokaler Betäubung teilweise abgetragen. Je radikaler die Abtragung, desto besser sind die Erfolgsaussichten. Allerdings steigt auch das Risiko von Wundheilungsstörungen. Auch diese Behandlung wird meist nur von privaten Krankenversicherungen übernommen, nur im Ausnahmefall von gesetzlichen Krankenkassen.

 

Bei der zweiten Option, der endoskopischen thorakalen Sympathikusblockade, wird der Sympathikusnerv, der parallel zur Wirbelsäule verläuft, in einer minimal-invasiven Operation auf Höhe der Brust blockiert. Die Übertragung des Schwitzimpulses zu den Händen, den Achseln und/oder zum Kopf wird unterbrochen. Die Operationsmethode ist seit Jahrzehnten eingeführt und die Erfolgsquote sehr hoch.

 

Allerdings tritt als Nebenwirkung ein reflektorisches Schwitzen an anderen Körperstellen auf. Daher sollte statt einer Durchtrennung des Nervs, der herkömmlichen Methode, ein Clipping mit Titanklammern bevorzugt angewandt werden. Dieses lässt sich rückgängig machen. Eine Garantie, dass damit der Ursprungszustand wiederhergestellt werden kann, gibt es allerdings nicht. Am größten sind die Chancen für einen Erfolg in den ersten Monaten nach der Operation.

 

Bevor man diese Behandlung als letzte in der Behandlungskette anwendet, ist wegen der möglichen Nebenwirkungen eine klare Diagnose sehr wichtig. Nicht nur der Verdacht auf eine sekundäre Hyperhidrose muss ausgeschlossen sein, sondern die Erkrankung muss auch klar gegen eine generalisierte Hyperhidrose abgegrenzt werden.

 

Die Sympathikusblockade kommt nur für Patienten in Betracht, die nicht bereits unter starkem Schwitzen am Rumpf leiden. Zwar gibt es Möglichkeiten, durch tiefere Blockaden oder Blockaden der Nebenstränge des Sympathikusnerves einen Mittelweg zu gehen, der einen weniger hohen Grad an Trockenheit für die Hände oder Achseln verspricht, aber auch ein geringeres reflektorisches Schwitzen hervorruft. Für diese Methoden gilt jedoch erst recht, was für alle Sympathikusblockaden gilt: Die Entscheidung und Ausführung setzt eine besonders  genaue Diagnostik, viel Erfahrung und eine intensive Aufklärung des Patienten voraus.

 

Die Untersuchung von Tanja W. ergibt, dass sie eindeutig unter fokaler Hyperhidrose leidet. Die Indikation zur Operation ist damit vor dem Hintergrund vorangegangener Behandlungsversuche wie Botulinumtoxin-Injektionen gegeben. Ihre Krankenkasse übernimmt die Kosten der Operation. Vier Tage muss Tanja W. im Krankenhaus bleiben. Die Nachuntersuchung drei Monate später ergibt: Die Hände und Achseln sind trocken, das reflektorische Schwitzen bleibt im Rahmen des Erträglichen.

 

Seit einiger Zeit ist es auch möglich, das vermehrte Schwitzen an den Füßen mittels einer Sympathikusblockade zu behandeln: durch eine endoskopische lumbale Sympathikusoperation. In der Praxis war die Operation bis vor nicht allzu langer Zeit zu belastend, die Nebenwirkungen nur schwer zu kalkulieren. Mittlerweile wird sie von einigen spezialisierten Chirurgen regelmäßig erfolgreich vorgenommen.


Anschrift des Verfassers:

Privatdozent Dr. Christoph H. Schick

Deutsches Hyperhidrosezentrum

Sonnenstraße 24-26

80331 München

post(at)dr-schick.com


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Beitrag erschienen in Ausgabe 05/2009

 

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