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PHARMAZIE

Arzneimittel für Kinder

Noch lange nicht sicher genug

Von Brigitte M. Gensthaler

 

Das Gute vorweg: Etwa zwei Drittel aller Wirkstoffe werden für Kinder zulassungskonform verordnet. Dies soll jedoch nicht über die bestehenden Mängel in den Fachinformationen und einen inakzeptablen Off-Label-Gebrauch hinwegtäuschen. Eine Verordnungsanalyse legt dies erneut offen.

 

Das Problem ist nicht neu: Schon 1963 sprach der amerikanische Apotheker und Kinderarzt Harry C. Shirkey bei Kindern von »therapeutic or pharmaceutical orphans«, weil es für sie keine geprüften und zugelassenen Arzneimittel gab. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Je jünger die Kinder sind, desto häufiger verschreiben auch niedergelassene Ärzte ihnen Arzneimittel, die für ihre Altersgruppe nicht zugelassen sind. Dies zeigt eine Verordnungsanalyse einer Arbeitsgruppe um den Bremer Pharmakologen Professor Dr. Bernd Mühlbauer (1).

 

Die Untersuchung erfolgte im Rahmen des Forschungsförderprogramms der »Hexal-Initiative Kinderarzneimittel« und stützt sich auf Arzneiverordnungsdaten der Gmünder Ersatzkasse (GEK). Für knapp 289.000 GEK-Versicherte zwischen 0 und 16 Jahren verordneten die Ärzte im Jahr 2002 etwa 1,71 Millionen Arzneimittelpackungen. Nach definierten Ausschlusskriterien verblieben 1,43 Millionen Packungen mit 726 Arzneistoffen in der Analyse. Zudem bewertete die Gruppe die Qualität der Fachinformationen zu den Präparaten. Insgesamt gesehen waren zwei Drittel der Wirkstoffe für die Altersgruppe, die sie erhielt, auch zugelassen, knapp 16 Prozent nicht. Bei rund 18 Prozent konnten die Wissenschaftler trotz intensiver Recherche nicht feststellen, ab welchem Alter sie eingesetzt werden dürfen. Je jünger die Patienten waren, desto dramatischer war die Sachlage. Bei Neugeborenen (0 bis 28 Tage) war lediglich ein Fünftel der verordneten Wirkstoffe zugelassen, ein Drittel war nicht zugelassen und bei fast der Hälfte war die Information unzureichend, schreibt Mühlbauer. Für Säuglinge (29 Tage bis 1 Jahr) waren je knapp 40 Prozent zugelassen und nicht zugelassen. In den nachfolgenden Altersgruppen waren 52 bis 70 Prozent der verschriebenen Wirkstoffe zugelassen; 11 bis 26 Prozent jedoch nicht. Bei jedem fünften Präparat fand sich keine aussagekräftige Angabe in der Fachinformation.

 

Jedes 2. Herz-Kreislauf-Mittel off-label

 

Drei Viertel der verordneten Packungen entfielen auf vier Indikationsgruppen (nach ATC-System): Mittel gegen Atemwegserkrankungen, systemische Antiinfektiva, Medikamente gegen Erkrankungen des Nervensystems sowie des alimentären Systems und Stoffwechsels. Der Anteil der Packungen, die kontraindiziert waren, lag je nach Gruppe zwischen 0,2 und 12,8 Prozent.

 

Bei Externa wurde sehr häufig nicht zwischen Kindern und Erwachsenen differenziert. Dies sei vielleicht noch nachvollziehbar, meint Professor Dr. Hannsjörg Seyberth, emeritierter Pädiater an der Universität Marburg, im Editorial (2). Inakzeptabel sei es jedoch, dass auch potente Herz-Kreislauf-Mittel überwiegend off-label verordnet werden müssen. Hier fehlte bei mehr als der Hälfte der Packungen eine valide Information. Negativer Spitzenreiter sind Arzneimittel gegen Erkrankungen der Sinnesorgane: Bei sieben von zehn Präparaten war nicht zu klären, für welche Altersgruppe sie zugelassen sind.

 

EU schafft Anreize für die Industrie

 

Sind die Ergebnisse aus dem Jahr 2002 noch aktuell? Dies bejahen die Autoren ausdrücklich. Von einigen Spezialindikationen mit eher geringer Bedeutung abgesehen, habe es in den letzten Jahren kaum Zulassungserweiterungen für Kinder gegeben. Es sei anzunehmen, dass die Ergebnisse auch für Versicherte anderer Krankenkassen gelten.

 

Die EU hat die erhöhten Arzneimittelrisiken für Kinder erkannt und will mit der EU-Verordnung 1901/2006 Abhilfe schaffen. Danach müssen die Antragsteller Daten aus klinischen Studien mit Kindern vorlegen, wenn sie Arzneimittel mit patentgeschützten Wirkstoffen auf den Markt bringen wollen. Ausgenommen sind nur Medikamente, die bei Kindern ohnehin nicht eingesetzt werden. Werden Änderungen für bereits zugelassene Medikamente beantragt, müssen pädiatrische Studiendaten nachgereicht werden. Als »Belohnung« wird der Patentschutz dann um sechs Monate verlängert. Auch die Forschung mit patentfreien Arzneistoffen wird gefördert: Wer den Status »PUMA« (paediatric marketing authorisation) erhält, genießt ein zehnjähriges exklusives Vermarktungsrecht in Europa. Ob die EU-Maßnahmen die Situation der kleinen Patienten verbessern werden, bleibt abzuwarten.

 

Literatur

  1. Mühlbauer, B., et al., Off-Label-Gebrauch von Arzneimitteln im Kindes- und Jugendalter. Dt. Ärzteblatt 106, Nr. 3 (2009) 25-31.
  2. Seyberth, H., Probleme der Arzneimittelanwendung bei Kindern. Dt. Ärzteblatt 106, Nr. 3 (2009) 23-24.


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