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Schwarzbeeren: Fragwürdiges »Bio-Putzmittel für Adern«

PHARMAZIE

 
Schwarzbeeren

Fragwürdiges »Bio-Putzmittel für Adern«

Von Ralf Goebel und Martin Schulz

 

Aussagen wie »Schwarz-Beere: das perfekte Bioputzmittel für die Adern« oder »Myrtillus Beere: ein natürlicher und nebenwirkungsfreier Schutz vor Demenz« waren kürzlich in der Laienpresse zu lesen. Unabhängige Arzneimittelexperten stellen die wissenschaftliche Datenlage dar und hinterfragen kritisch Werbeaussagen zu Schwarzbeeren (Kapseln).

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Anzeigen folgenden oder ähnlichen Inhalts führten zu zahlreichen Anfragen an die regionalen und zentralen Arzneimittelinformationsstellen (ZAPP der ABDA): »Die Schwarz-Beere: das perfekte Bioputzmittel für die Adern. Der blaue Farbstoff der Schwarz-Beere befreit die Adern von Kalk und Plaques. Hinter fast allen Zivilisationskrankheiten (zum Beispiel Infarkt, Schlaganfall, Demenz, Tinnitus) steckt eine Durchblutungsstörung, die durch verkalkte, durch von Plaques verstopfte Gefäße ausgelöst wird. Daher ist es eine Sensation, dass Wissenschaftler aus Boston jetzt Kapseln der Schwarz-Beere (neu in den Apotheken) als perfektes, weil völlig natürliches Putzmittel für das Gefäßsystem empfehlen« (1).

 

Anlass genug, die Datenlage zu Wirksamkeit und Unbedenklichkeit von Schwarz-Beeren (Kapseln) aufzubereiten. In der pharmazeutischen Fachliteratur finden sich »Schwarzbeeren« als Synonymbezeichnung für Heidelbeeren (Myrtilli fructus). Weitere gebräuchliche Begriffe sind Bickbeeren, Blaubeeren, Common blue berries oder whortleberry fruit. Inwieweit tatsächlich Bestandteile oder Extrakte von Vaccinium myrtillus L. in den Produkten mit der Bezeichnung Schwarzbeer-Kapseln oder Myrtillus-Kapseln enthalten sind, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, zumal in den Werbeaussagen der Anbieter unklare und zum Teil widersprüchliche Angaben über die Inhaltsstoffe (zum Beispiel Schwarzbeerpulver 12 Prozent, Grüntee-Extrakt (enthält Coffein), Maronenpulver, Vitamine wie B1, B2, B6 oder B12) sowie zur Aufbereitung und Herkunft zu lesen sind (2).

 

Wirksamkeitsnachweise fehlen

 

Einige der Wirkungen der Heidelbeere sind wissenschaftlich untersucht oder werden zurzeit tierexperimentell erforscht (3, 4). Die Droge wirkt aufgrund des Catechingerbstoffgehalts hauptsächlich adstringierend, antidiarrhoisch sowie antiexsudativ und weist positive Wirkungen bei Ulcus-Erkrankungen und Epithelschäden auf (5, 6). Die Werbung der Anbieter enthält jedoch vielfach nicht nur Aussagen zum pharmakologischen Wirkungsspektrum, sondern auch zur Anwendung bei Krankheiten und Gesundheitsstörungen. Insofern müssen aus juristischer und medizinischer Sicht Aussagen zur klinischen Wirksamkeit wie »Reinigung« der Gefäße, Verbesserung der Durchblutung von Herz und Gehirn, Besserung von Venenproblemen, Steigerung der sexuellen Kraft, Schutz vor Altersdemenz oder bei Tinnitus (1) kritisch hinterfragt werden.

 

Die ausgelobten Anwendungsgebiete für Schwarz-Beeren in Nahrungsergänzungsmitteln  (»... das perfekte Bio-Putzmittel für die Adern«) beziehen sich auf die aus den Heidelbeerfrüchten isolierten Proanthocyanidine und Anthocyanoside, die zur Gruppe der sekundären Pflanzenstoffe zählen. In tierexperimentellen Studien wurden für die isolierten Substanzen und Extrakte antioxidative, antiexsudative, gefäßprotektive Eigenschaften sowie verminderte Thrombozytenaggregation und photoinduzierte LDL-Oxidation beobachtet (6-9). Jedoch ist die Übertragbarkeit von tierexperimentellen pharmakologischen und pharmakokinetischen Studien auf den kranken Menschen unzulässig.

 

Des Weiteren ist zu berücksichtigen, dass, soweit ein Pflanzenextrakt eingesetzt wird, die Wirksamkeit vor allem vom verwendeten Extraktionsmittel und dem Droge-Extrakt-Verhältnis abhängt. Mit dem jeweiligen Extrakt müssen klinische Studien durchgeführt werden, um Wirksamkeits- und Unbedenklichkeitsaussagen machen zu können. Wissenschaftliche Untersuchungen mit einem standardisierten Extrakt einer definierten Myrtillus species, wie er in den als Nahrungsergänzungsmitteln angebotenen Präparaten verwendet wird, liegen nach unseren Recherchen derzeit nicht vor beziehungsweise sind nicht publiziert. Die in den Werbetexten zitierten »Experten und Wissenschaftler« aus Cambridge, Paris und Boston sind in den Mitarbeiterverzeichnissen der jeweiligen Forschungseinrichtungen und international anerkannten Publikationsorganen nicht auszumachen.

 

Der Vergleich der Werbung von Schwarz-Beeren mit zehn Indizien für Quacksalberei (10) soll die Seriosität der Werbestrategien für dieses vermeintliche Wundermittel zeigen:

 

Ad 1. Hinweise auf Risiken und Nebenwirkungen sind nur in der Kurzinformation für Fachkreise zu finden. Beispiel: Grüntee-Extrakt (enthält Coffein); vorsichtshalber keine Anwendung bei »koffein-empfindlichen Personen, insbesondere Schwangere und Kindern«.
Ad 2., 3. + 9. Es werden unrealistische Erwartungen (»traumhafte Effekte«, »wahre Wunder«) geweckt beziehungsweise versprochen: bei Vergesslichkeit, Demenz, Tinnitus et cetera. Das Mittel ist trotzdem nicht als Arzneimittel zugelassen. Hier: »Wundermittel zur Reinigung der Gefäße«.
Ad 4. Das Mittel soll durch wiederholte Hinweise auf seine Herkunft aus exotischen Regionen seine Attraktivität erhöhen. Beispiel »seltene Schwarz-Beeren ... wachsen nur noch in Neu-England (USA)«.
Ad 4. Besondere Vorsicht, wenn der Vertreiber nicht in Deutschland sitzt. Beispiel:  Novelfood, PO Box, Provenciales, Turk & Caicos Island.
Ad 1. + 5. Das Mittel wird als ganz natürlich angepriesen (»natürlich wirkende Inhaltsstoffe«, »Naturprodukt«). Beispiel: perfektes Bio-Putzmittel, weil völlig natürlich.
Ad 6. + 7. Mit Zitaten angeblicher Autoritäten wie prominenten Persönlichkeiten oder  Fachleuten im Ausland, darunter Ärzte, Apotheker oder Universitätsprofessoren, werden diese Produkte (fast immer Nahrungsergänzungsmittel (NEM)) beworben. Häufig handelt es sich um erfundene Personen oder Institutionen. Nachvollziehbare Daten aus kontrollierten klinischen Studien oder entsprechende Literaturquellen werden nicht genannt oder erfüllen nicht die Mindestanforderungen für eine wissenschaftliche Studie, geschweige denn für eine Publikation in einer in Fachkreisen anerkannten Zeitschrift. Beispiel: Identitäten von Neurologe Professor J. J. (Tufts University Boston), P. S. (Cambridge) oder Dr. M. Z. (Paris) konnten wir nicht sichern.
Ad 8. Viele dieser neuen Mittel sind seit Jahrzehntenhunderten bewährt; besser beworben, da verwunderlich ist, dass immer noch keine Wirksamkeitsuntersuchungen durchgeführt wurden. Beispiel: Die hier diskutierten Kapseln erfüllen dieses Indiz nicht; zunehmend wird bei neuen NEM auf den Werbeeffekt des »neu entdeckten Wundermittels« gesetzt.
Ad 9. Jedes (neue) Produkt, dass nachweislich gegen Infarkt, Demenz oder Tinnitus wirksam ist, wäre von der pharmazeutischen Industrie längst als Blockbuster weltweit als zugelassenes Arzneimittel vermarktet worden; warum diese Kapseln nicht?
Ad 10. Produktname beziehungsweise die Zusammensetzung sind in der Laienwerbung ungenau. Beispiel: Nur in der Kurzinformation für Fachkreise wird die genaue Zusammensetzung des NEM bekannt gegeben (12 Prozent Schwarz-Beer-Pulver (Myrtillus spec.?), Maronenpulver, Grüntee-Extrakt et  cetera). Meist können »Mängel in der Ernährung« »nur mit diesem Mittel ausgeglichen werden«.
Ad 10. Ersatz für unzureichende Ernährung mit natürlichen Lebensmitteln. Beispiel: »Ernährunstipp, zwei bis drei Monate lang hoch konzentrierte Kapseln einzunehmen, wer sich nicht täglich mindestens 1 kg frische, recht seltene (teure) Schwarz-Beeren aus dem Delikatessladen leisten kann« (1).

 

Fazit

 

Anthocyane sind wasserlösliche Farbstoffe, die sich vor allem in rot, violett und blau gefärbten Beeren, Früchten, Hülsenfrüchten und roten Trauben befinden. Es gibt Hinweise auf eine Reihe von Wirkungen der sekundären Inhaltsstoffe der Heidelbeere, die jedoch einer Bestätigung und Spezifizierung bedürfen. Im Tiermodell konnte eine antiexsudative und vasoprotektive Wirkung in Abhängigkeit vom Anthocyanosidgehalt der Zubereitung gefunden werden.

 

Zur therapeutischen Verwendung bei unspezifischen akuten Diarrhöen und leichten Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut liegt für Heidelbeerfrüchte eine Positiv-Monografie der Kommission E vor (3). Doch selbst für diese Anwendungsgebiete ist die Evidenz mager und die Droge sicher nicht Mittel der Wahl. Für Präparate mit ungenauer Deklaration der Inhaltsstoffe sind keine Aussagen zur Wirksamkeit und Unbedenklichkeit möglich. Die Beurteilung der Verkehrsfähigkeit obliegt der zuständigen Lebensmittelüberwachungsbehörde.

 

Inwieweit der Preis von etwa 40 Euro für eine 25-tägige Nahrungsergänzung mit circa 200 mg Schwarzbeerpulver, dies entspricht der Verzehrempfehlung von vier Schwarz-Beer-Kapseln täglich, angemessen erscheint, sollte bei einer Kundennachfrage vor dem Hintergrund der wissenschaftlich ungenügenden Datenlage geklärt werden. Die Bewerbung und Vermarktung dieser als Nahrungsergänzungsmittel auf dem Markt befindlichen Schwarz-Beeren (Kapseln), erfüllen nahezu alle Kriterien und Indizien für Quacksalberei (siehe Kasten [10]).


Zehn Indizien für Quacksalberei [modifiziert nach (10)]

  1. keine Nebenwirkungen
  2. Erfolgsgarantie
  3. vielseitig wirksam
  4. exotische Herkunft
  5. besser als die Schulmedizin (cave!)
  6. Erfahrungsberichte als »Wirksamkeitsbelege« von ausländischen Experten
  7. Personenkult um den Behandler/Entdecker
  8. seit Jahrzehnten bewährt (und beworben)
  9. wirksam ­ und doch nicht als Arzneimittel zugelassen (Aufmachung wie Arzneimittel)
  10. Betonung auf »Ausgleich von Mängeln in der Ernährung«

Literatur

  1. N.N., Anzeige Fernsehzeitung »prisma« Nr. 9/2007, S. 15.
  2. Kurzinformation für Fachkreise »Schwarzbeeren Kapseln mit Vitamin B1, Vitamin B2, Vitamin B6, Vitamin B12«, Daniel Schumacher GmbH, Stand: Februar 2007.
  3. Aufbereitungs- und Zulassungskommission E, Monografie Myrtilli fructus. BAnz Nr. 76 vom 23. April 1987 und Nr. 50 vom 13.3.1990.
  4. Wichtl, M. (Hrsg.), Teedrogen und Phytopharmaka. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 4. Auflage 2002.
  5. Jänicke, C., Grünwald, J., Brendler, T., Handbuch Phytotherapie, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 2003.
  6. HagerROM, Myrtilli fructus, 2006.
  7. Lietti, A., Cristoni, A., Picci, M., Studies on Vaccinium myrtillus anthocyanosides. I. Vasoprotective and anti-inflammatory activity. Arzneim.-Forsch. 26, 5 (1976) 829-832.
  8. Lietti, A., Forni, G., Studies on Vaccinium myrtillus anthocyanosides. II. Aspects of anthocyanins pharmacokinetics in the rat. Arzneim.-Forsch. 26, 5 (1976) 832-835.  
  9. Colantuoni, A, Bertuglia, S., Magistretti, M.J., Donato, L., Effects of Vaccinium Myrtillus anthocyanosides on arterial vasomotion. Arzneim.-Forsch./Drug Res. 41, 9 (1991) 905-909.
  10. N.N., Zehn Indizien für Quacksalberei. Falsche Versprechungen besser erkennen. Gute Pillen ­ schlechte Pillen 6 (2006) 6-7.

Anschrift für die Verfasser:

Professor Dr. Martin Schulz

Johann-Wolfgang-Goethe-Universität

Pharmakologisches Institut für Naturwissenschaftler

Max-von-Laue-Str. 9

60438 Frankfurt am Main


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Beitrag erschienen in Ausgabe 15/2007

 

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