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Gefahrstoffe: Neue Einstufung und Kennzeichnung

PHARMAZIE

 
Gefahrstoffe

Neue Einstufung und Kennzeichnung

Von Peggy Ahl

 

Mit der sogenannten GHS-Verordnung hat das Europäische Parlament eine Vorschrift verabschiedet, die den weltweiten Handel mit Chemikalien erleichtern und eine Grundlage für einheitliche Standards im Umwelt-, Verbraucher- und Arbeitsschutz bilden soll. Durch einheitliche Gefahrensymbole und die einheitliche Einstufung von Stoffen sollen Gefahren für Mensch und Umwelt minimiert werden.

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Den Anstoß für die Entwicklung eines einheitlichen Informationssystems gab die Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung bereits 1992. Inhaltlich verabschiedet wurde GHS (Globally Harmonised System of Classification and Labelling of Chemicals) von der UN-Kommission im Jahr 2002. Die EU hat sich mit der Verabschiedung der Verordnung über die Einstufung, Kennzeichnung und Verpackung von Stoffen und Gemischen (CLP, regulation on Classification, Labelling and Packaging of substances and mixtures) am 3. September 2008 dem neuen System angeschlossen. Die deutsche Version ist am 31. Dezember 2008 im Amtsblatt der EU veröffentlich worden und wird im Folgenden kurz als EG-GHS-Verordnung bezeichnet.

 

Neue Piktogramme

 

Zur Kennzeichnung werden insgesamt neun Symbole (Piktogramme) einzeln oder auch in Kombination verwendet (siehe Abbildung). Dabei handelt es sich um eine rot umrandete Raute mit schwarzem Piktogramm auf weißem Grund. Die bisher verwendeten Gefahrensymbole (schwarz auf orangefarbigem Grund) mit Ausnahme des Andreaskreuzes finden sich in teilweise leicht abgeänderter Form wieder. Der Totenkopf warnt jedoch künftig nur noch vor akut wirkenden Giften. Für chronische Gesundheitsgefahren gibt es ein neues Piktogramm. Neu hinzugekommen sind darüber hinaus ein Piktogramm mit Gaszylinder und ein Piktogramm mit Ausrufezeichen.

 

CMR (cancerogen, mutagen, reproduktionstoxisch)-Eigenschaften von Gefahrstoffen waren bisher nur an bestimmten R-Sätzen zu erkennen. Künftig werden diese Stoffe mit dem Piktogramm für chronische Gesundheitsgefahren gekennzeichnet. Die Unterteilung der CMR-Stoffe in die Kategorien 1, 2 und 3 wird abgelöst durch die Einteilung in die Kategorien 1A, 1B und 2.

 

Gefahrenklassen und -kategorien

 

Während sich die bisherige Kennzeichnung der Gefahrstoffe auf Gefährlichkeitsmerkmale und Gefahrenhinweise (R- und S-Sätze) stützt, sieht GHS Gefahrenklassen vor, die die Natur der Gefahr beschreiben:

 

physikalische Gefahr, zum Beispiel entzündbare Flüssigkeiten, Gase unter Druck, organische Peroxide
Gesundheitsgefahr, zum Beispiel akute Toxizität, Aspirationsgefahr, hautreizende/-ätzende Wirkung
Umweltgefahr, zum Beispiel gewässergefährdend

 

Die Gefahrenklassen werden in Abhängigkeit vom Gefährdungspotenzial eines Stoffes in Gefahrenkategorien unterteilt. So werden beispielsweise entflammbare Flüssigkeiten in Abhängigkeit vom Flammpunkt in drei Gefahrenkategorien unterteilt. Die Gefahrenkategorie wird als einfache Zahl dargestellt. Die Gefahrenkategorien können weiter in Typen unterteilt werden. Die Typen werden mit Großbuchstaben benannt. Je nach Gefahrenkategorie wird einem Stoff ein bestimmtes Gefahrensymbol (Piktogramm) zugeordnet.

 

Gefahrstoffe können zusätzlich mit einem Signalwort gekennzeichnet sein. Das Signalwort ist vergleichbar mit der bisherigen Gefahrenbezeichnung. Es gibt die Signalwörter danger (Gefahr) und warning (Achtung).

 

Gefahren- und Sicherheitshinweis

 

Der Gefahrenhinweis ist vergleichbar mit dem bisherigen R-Satz. Er besteht aus dem Buchstaben H und einer dreistelligen Zahl. An der ersten Ziffer kann man ablesen, zu welcher der drei großen Gefahrenklassen der Stoff gehört (2=physikalische Gefahr, 3=Gesundheitsgefahr, 4=Umweltgefahr).

 

Der Sicherheitshinweis ist vergleichbar mit dem bisherigen S-Satz. Er besteht aus dem Buchstaben P und einer dreistelligen Zahl. Die erste Ziffer hat dabei folgende Bedeutung 1=allgemeines, 2=Prävention, 3=Reaktion, 4=Lagerung, 5=Entsorgung.

 

Die Zuordnung eines Stoffes zu einer Gefahrenklasse beziehungsweise einer Gefahrenkategorie erfolgt gemäß den im Anhang I der EG-GHS-Verordnung festgelegten Kriterien.

 

Einstufung und Kennzeichnung am Beispiel Propan-2-ol (Isopropylalkohol)

 

bisher:

 

 

nach GHS:

 

 

In diesem Fall müsste natürlich das Piktogramm mit dem Ausrufezeichen nur einmal auf dem Gefäß mit Isopropylalkohol angebracht werden. Zu der oben aufgeführten Einstufung gehören automatisch bestimmte Sicherheitshinweise, die im Anhang I der EG-GHS-Verordnung zu finden sind.

 

Aus den Sicherheitshinweisen (siehe dazu Tabelle) kann eine Auswahl getroffen werden, wobei die beabsichtigte Verwendung des Stoffes berücksichtigt werden soll. Eindeutig überflüssige Sicherheitshinweise können entfallen. Wird der Stoff an eine Privatperson abgegeben, trägt das Kennzeichnungsetikett, sofern vorgesehen, auf jeden Fall den Sicherheitshinweis zur Entsorgung des Inhalts/der Verpackung. Insgesamt erscheinen auf dem Kennzeichnungsetikett nicht mehr als sechs Sicherheitshinweise, es sei denn, die Art und Schwere der Gefahren machen eine größere Anzahl erforderlich. Etliche P-Sätze müssen im Wortlaut noch ergänzt werden, bei einigen können nicht zutreffende Textteile weggelassen werden. Dafür ist der Hersteller verantwortlich beziehungsweise der Abgebende muss sinnvoll ergänzen beziehungsweise Angaben weglassen, wie bei P210, P261 oder P501.


Sicherheitshinweise am Beispiel Isopropylalkohol: Es kann eine Auswahl getroffen werden, wobei die beabsichtigte Verwendung des Stoffes berücksichtigt werden soll. Eindeutig überflüssige Sicherheitshinweise können entfallen.

Sicherheitshinweise
Prävention
 
P210
Von Hitze/Funken/ offener Flamme/heißen Oberflächen fernhalten. Nicht rauchen.
P233
Behälter dicht verschlossen halten.
P240
Behälter und zu befüllende Anlage erden.
P241
Explosionsgeschützte elektrische Anlagen/ Lüftungsanlagen/ Beleuchtungsanlagen/…/ verwenden.
P242
Nur funkenfreies Werkzeug verwenden.
P243
Maßnahmen gegen elektrostatische Aufladungen treffen.
P280
Schutzhandschuhe/ Schutzkleidung/ Augenschutz/ Gesichtsschutz tragen. 
P264
Nach Gebrauch ... gründlich waschen.
P280
Schutzhandschuhe/ Schutzkleidung/ Augenschutz/ Gesichtsschutz tragen. 
P261
Einatmen von Staub/ Rauch/ Gas/ Nebel/ Dampf/ Aerosol vermeiden.
P271
Nur im Freien oder in gut belüfteten Räumen verwenden. 
Sicherheitshinweise
Reaktion
 
P303+P361+P353
Bei Berührung mit der Haut (oder dem Haar): Alle kontaminierten Kleidungsstücke sofort ausziehen. Haut mit Wasser abwaschen/duschen.
P370+P378
Bei Brand: …zum Löschen verwenden. 
P305+P351+P338
Bei Berührung mit den Augen: Einige Minuten lang behutsam mit Wasser ausspülen. Eventuell vorhandene Kontaktlinsen nach Möglichkeit entfernen. Weiter ausspülen.
P337+P313
Bei anhaltender Augenreizung: Ärztlichen Rat einholen/ärztliche Hilfe hinzuziehen. 
P304+P340
Bei Einatmen: Die betroffene Person an die frische Luft bringen und in einer Position ruhigstellen, in der sie leicht atmet.
P312
Bei Unwohlsein Giftinformationszentrum oder Arzt anrufen. 
Sicherheitshinweis
Lagerung
 
P403+P235
An einem gut belüfteten Ort aufbewahren. Behälter dicht verschlossen halten. 
 P403+P233
An einem gut belüfteten Ort aufbewahren. Behälter dicht verschlossen halten.
P405
Unter Verschluss aufbewahren. 
Sicherheitshinweise
Entsorgung
 
P501
Inhalt/Behälter … zuführen. 
 P501
Inhalt/Behälter … zuführen. 

Einige Sicherheitshinweise können ähnlich den bisherigen kombinierten S-Sätzen mit einem + verbunden werden. Dafür gibt es spezielle Sicherheitshinweise, die einzeln betrachtet Satzbausteine sind und durch Kombinationen mit anderen Bausteinen eine bestimmte Sicherheitsempfehlung ergeben.

 

Einstufung durch die Hersteller

 

Um auch hinsichtlich der Einstufung der Stoffe eine Vereinheitlichung zu erreichen, müssen die Inverkehrbringer ihre Einstufungen und Kennzeichnungen der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) melden. Die Informationen soll in Form eines Einstufungs- und Kennzeichnungsinventars gesammelt werden. Treten Abweichungen bei der Einstufung eines Stoffes oder Gemisches auf, sollen sich die unterschiedlichen Inverkehrbringer auf eine Einstufung einigen. EU-Legaleinstufungen, wie es sie bisher in der EG-Stoffliste gab, werden künftig nur noch für die Eigenschaften »krebserzeugend«, »erbgutverändernd«, »fortpflanzungsgefährdend«  und »atemwegssensibilisierend« herbeigeführt. Allerdings ist der Anhang I der EG-Stoffrichtlinie mit Legaleinstufungen für circa 3500 Stoffe in den Anhang der EG-GHS-Verordnung mit rechtlich verbindlicher Wirkung aufgenommen worden.

 

Es ergeben sich durch die EU-GHS-Verordnung eine Reihe von Änderungen in der Einstufung und Kennzeichnung von Gefahrstoffen. Für Stoffe mit physikalischen Gefahren werden sich die Einstufungsregeln bis auf die Gefahrenklasse »Explosivstoffe« nur wenig ändern. Es kommen jedoch Gefahrenklassen hinzu, die es bisher nur im Bereich des Gefahrguttransportes gab, wie »Gase unter Druck« und »Pyrophore Flüssigkeiten/Feststoffe«. Größere Unterschiede beziehungsweise eine strengere Einstufung gibt es künftig bei den Gefahrenklassen »akute Toxizität« und »Aspirationsgefahr«. Hinsichtlich der Umweltgefahren unterscheidet die EG-GHS- Verordnung zwischen akuten und chronischen Wirkungen auf Gewässer.

 

Übergangsfrist

 

Deutschland hat sich Ende 2008 den Einstufungs- und Kennzeichnungsregelungen angeschlossen. Einer nationalen Umsetzung für den Bereich des Inverkehrbringens gefährlicher Stoffe und Gemische bedarf es nicht, da die Europäische Union mit der EG-GHS-Verordnung eine Verordnung erlassen hat, die unmittelbar in allen EU-Mitgliedsstaaten Gültigkeit hat. Die bisherigen EG-Richtlinien 67/548/EWG (Stoffrichtlinie) und 1999/45/EG (Zubereitungsrichtlinie), die die Basis für das bisher gültige Einstufungs- und Kennzeichnungssystem bilden, werden zum 1. Juni 2015 zurückgezogen. Das europäische Chemikalienrecht wird dann auf zwei sich ergänzenden Säulen stehen: der EG-REACH-Verordnung und der EG-GHS-Verordnung.

 

Die Übergangsfristen sehen vor, dass ab 1. Dezember 2010 Stoffe verbindlich nach EG-GHS gekennzeichnet sein müssen. Für Gemische gilt eine Frist bis 1. Juni 2015. Auf dem Sicherheitsdatenblatt von Stoffen müssen bis 1. Juni 2010 beide Einstufungen (altes und neues System) aufgeführt werden. Darüber hinaus gilt, dass Stoffe mit alter Kennzeichnung, die vor dem 1. Dezember 2010 in Verkehr gebracht wurden, bis zum 1. Dezember 2012 abverkauft werden dürfen. Eine ebensolche verlängerte Abverkaufsfrist gilt für Gemische bis 1. Juni 2017. Das heißt, Zwischenhändler müssen Stoffe und Zubereitungen im genannten Zeitraum nicht umkennzeichnen.

 

Umsetzung

 

Die CLP-Verordnung tritt am 20. Januar 2009 in Kraft. Ab dem Tag können wir mit aktualisierten Sicherheitsdatenblättern und Kennzeichnungen konfrontiert werden und dürfen die neue Kennzeichnung theoretisch selbst anwenden. Allerdings muss davor gewarnt werden, für Gefahrstoffe in der Apotheke nach eigenem Ermessen die neue Kennzeichnung festzulegen. Die Umkennzeichnung wird mit Ausnahme der Legaleinstufungen in der EG-GHS erst möglich sein, wenn die Hersteller die neue Einstufung einer Substanz auf dem Sicherheitsdatenblatt bekannt geben. Dies wird bestimmt noch eine gewisse Zeit dauern, denn auch Hersteller werden im Einzelfall weitere Daten der Gefahrstoffe erheben müssen, um die Einstufung nach GHS vornehmen zu können, zum Beispiel wenn es sich um toxische oder gesundheitsschädliche Substanzen handelt.

 

Für Legaleinstufungen, die in die EG-GHS-Verordnung (Anhang VI) übertragen wurden, liegt die neue Einstufung und Kennzeichnung bereits vor. Von einer vorschnellen Umkennzeichnung der Standgefäße in der Apotheke sollte trotzdem abgesehen werden, da Gefährdungsbeurteilungen und Betriebsanweisungen auf der Grundlage der bisherigen Einstufung und Kennzeichnung beruhen. Es muss zunächst die Anpassung einer Reihe nationaler Regelungen abgewartet werden, zum Beispiel der Gefahrstoffverordnung und der Chemikalienverbotsverordnung. Eine doppelte Kennzeichnung der Gefahrstoffe nach altem und neuem System ist zu keinem Zeitpunkt zulässig.

 

Die Umsetzung der EG-GHS ist sicherlich mit einem hohen Arbeitsaufwand verbunden, ein weltweit einheitliches System ist aber sinnvoll und notwendig, auch im Hinblick auf Entwicklungsländer, in denen die oft fehlende oder unzureichende Kennzeichnung von Chemikalien immer wieder zu teilweise schweren Gesundheitsschäden bei Menschen führt.

 

Durch die Übergangsfrist bis zum 1. Dezember 2010 sollte es möglich sein, die neuen Regelungen in den Apotheken zu implementieren. Die Bundesapothekerkammer wird die Apotheken mit entsprechenden Arbeitshilfen unterstützen.

 

Gegenüberstellung der alten und neuen Gefahrensymbole in ihrer Entsprechung:

 

 

Literatur

... bei der Verfasserin


Kontakt:

Peggy Ahl

ABDA - Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände

Geschäftsbereich Pharmazie

Jägerstraße 49/50

10117 Berlin

p.ahl(at)abda.aponet.de


Weitere Themen im Ressort Pharmazie...

Beitrag erschienen in Ausgabe 04/2009

 

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