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Essstörungen: Alles dreht sich um die Nahrung

TITEL

 
Essstörungen


Alles dreht sich um die Nahrung

Von Martina Eimer

 

»Vor vollen Tischen muss ich Hungers sterben«: Die Zeilen aus der 550 Jahre alten Ballade von François Villon beschreiben einen Zustand, den einige magersüchtige Patienten heute erleben. Laut Untersuchungen ist ihr Mortalitätsrisiko zehnfach höher als in der gleichaltrigen Normalbevölkerung. Doch auch andere Essstörungen quälen Körper und Seele.

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Rund 22 Prozent der Elf- bis 17-Jährigen zeigen laut Angaben des Robert-Koch-Instituts Symptome einer Essstörung. Bei Mädchen mit 17 Jahren ist sogar jede Dritte betroffen. Das lebensnotwendige Essen wird zu einem gefährlichen Problem für Leib und Seele. Ärzte, Psychologen und Apotheker sollten hellhörig für die Anzeichen sein, denn Essstörungen sind ernste Krankheiten, aus denen die Betroffenen alleine oft nicht mehr ausbrechen können.

 

Essstörungen treten verstärkt auf, wenn Nahrungsmittel im Überfluss vorhanden sind. In Zeiten und Ländern, in denen Hunger den Alltag bestimmt, kannte und kennt man die Symptome kaum. Essstörungen sind eine Erscheinung unserer Zeit und nehmen seit 1970 kontinuierlich zu. Die Verhaltensstörung manifestiert sich durch eine permanente gedankliche und emotionale Beschäftigung mit dem Thema Essen. Das betrifft die Nahrungsaufnahme oder -verweigerung und hängt mit psychosozialen Störungen und der krankhaften Einstellung zum eigenen Körper zusammen. Begleitend kommen häufig komorbide Störungen wie Angststörungen, bestimmte Persönlichkeitsstörungen, Substanzmissbrauch und -abhängigkeit hinzu.

 

Wissenschaftler sind sich einig, dass genetische, neurobiologische und psychosoziale Faktoren und das kulturell bedingte Schlankheitsideal zusammenspielen, damit eine Essstörung überhaupt entstehen kann. Kurz gesagt: Die Genese ist multifaktoriell.

 

Häufiger bei Frauen

 

Schlank zu sein, ist schön, sexy und macht erfolgreich, glauben viele junge Mädchen und Frauen. Models, Schauspielerinnen und Popstars sind ihr großes Vorbild. Sie stehen unter dem Druck, dem Ideal nahezukommen. Hierdurch verfestigt sich der falsche Eindruck, dass allein schlanke Menschen Erfolg haben, anziehend sind und deshalb mehr geliebt werden.

 

Die Models von heute sind schlanker als vor 30 Jahren, jedoch ist das Durchschnittsgewicht der Frau in den letzten 30 Jahren gestiegen. Die Kluft zwischen der eigenen Realität, »wie ich bin«, und dem bewunderten Ideal, »wie ich sein soll«, wird zunehmend größer. Jede Mädchen- und Frauenzeitschrift spielt hier durch das regelmäßige Anpreisen von neuen Wunderdiäten mit. Schlanksein wird zu einem Produkt, das sich gut verkaufen lässt.

 

Da viele Frauen die ideale Figur, die in Zeitungen, Filmen und Fernsehen vorgestellt wird, nicht haben, werden sie unzufrieden mit dem eigenen Körper. Der anfängliche Wunsch, nur ein paar Kilo abzunehmen und dann das angestrebte Wunschgewicht zu halten, kann oft der Einstieg in eine Essstörung sein.

 

Unterschiedliche Formen

 

Essstörungen sind in den psychischen Klassifikationssystemen ICD-10, DSM-IV klar definiert und lassen sich anhand der diagnostischen Kriterien abgrenzen. »Eine große Gruppe von Patienten schaukelt jedoch zwischen den Krankheitsbildern hin und her und lässt sich schwer zuordnen«, erklärt Professor Dr. Martina de Zwaan, Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen.

 

Die Magersucht (Anorexie, Anorexia nervosa) tritt zu 90 bis 95 Prozent bei Frauen auf. Sie haben ein 20-fach höheres Erkrankungsrisiko als Männer. In der Altersgruppe von 12 bis 35 Jahren sind Mädchen und Frauen besonders betroffen. Magersüchtige sind auffallend dünn und erleben ihren Körper als Feind, der bekämpft werden muss. Ihre Selbstwahrnehmung ist gestört. Sie unterdrücken ihre Hungergefühle und hungern sich selbst aus. Das Körpergewicht liegt definitionsgemäß mindestens 15 Prozent unter dem für Größe und Alter normalen Gewicht. Kennzeichnend für die Magersucht ist ein beträchtlicher Gewichtsverlust von bis zu 25 bis 35 Kilogramm, sodass es zu einem massiven Untergewicht mit einem Body-Mass-Index (BMI) von 17,5 kg/m2 und weniger kommt.

 

Eine weitere Form ist die Ess-Brech-Sucht (Bulimie, Bulimia nervosa). Auch davon sind überwiegend junge Frauen betroffen. Bulimikerinnen haben in der Regel ein normales Körpergewicht, können aber trotzdem Symptome einer Mangelernährung aufweisen. Die Essanfälle, die mindestens zweimal pro Woche auftreten, erleben sie in einer Art Kontrollverlust. In dieser Situation stopfen sie exzessiv kalorienreiche Lebensmittel, nicht selten bis zu 10.000 Kalorien auf einmal, in sich hinein. Um der drohenden Gewichtszunahme entgegenzuwirken, führen sie selbst Erbrechen herbei und missbrauchen Laxanzien und Diuretika. De Zwaan weist darauf hin, dass es eine Bulimie-Form mit Erbrechen oder Gebrauch von Laxanzien, Diuretika oder Einläufen zur Kompensation der Essanfälle gibt und eine Form, bei der die Patientinnen die Essanfälle durch striktes Fasten oder extreme körperliche Bewegung auszugleichen versuchen.

 

Die »Binge Eating Disorder« unterscheidet sich von der Bulimie im Wesentlichen darin, dass nach der Essattacke keine gegensteuernden Maßnahmen ergriffen werden. Die Betroffenen leiden an Heißhungergefühlen und verschlingen enorm große Nahrungsmengen in kurzer Zeit und machen sich danach Selbstvorwürfe, die in Schuldgefühlen und Depression enden können.

 

In der Regel erkranken mehr Frauen an den genannten Essstörungen, jedoch können grundsätzlich auch Männer betroffen sein. Eine Essstörung, die bei Männern meist erst nach Jahren erkannt wird, ist der Adoniskomplex. Gebräuchlich sind auch die Begriffe Biggerexie, Muskeldysmorphie oder Muskelsucht. Die Betroffenen sind durchtrainiert, schätzen sich selbst aber als unansehnlich ein. Sie treiben exzessiven Sport, halten strenge Diät, nehmen Nahrungsergänzungsmittel oder Anabolika ein, um ihren Körper zu perfektionieren. Um jeden Preis wollen sie ihren Körper muskulöser machen. Männer, die am Adoniskomplex leiden, nehmen schwer Hilfe an. Ein Grund ist, dass Essstörungen bisher in der Gesellschaft als typische Frauenkrankheiten gelten.

 

Es gibt aber auch Probleme bei der Nahrungsaufnahme, die nicht die Kriterien der ICD-Klassifikation für Essstörungen erfüllen. Dazu gehören beispielsweise Essensverweigerung, Trinkschwäche und Erbrechen bei Säuglingen. Fütter- sowie Schlaf-Schrei- und Gedeihstörungen gehören zu den frühkindlichen Regulationsstörungen. Ähnlich verhält es sich bei älteren Menschen, die keinen Appetit mehr haben, feste Nahrung verweigern oder aufgrund von Kauproblemen nichts mehr essen wollen. Auch dies gilt nicht als Essstörung nach ICD-10.

 

Am Anfang stand die Diät

 

»Nicht jede Diät führt zu einer manifesten Essstörung, jedoch hat fast jede Essgestörte mit einer Diät begonnen«, sagt Dr. Lisa Pecho, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, im Gespräch mit der PZ. Viel trinken, um Hungergefühle zu unterdrücken, eingeschränkte Lebensmittelauswahl, restriktives Essverhalten, unregelmäßige Mahlzeiten, Rückzug oder Gang auf die Toilette nach den Mahlzeiten, häufige Einnahme von Laxanzien, andere zum Essen verführen, aber selbst nichts essen: All das sind Verhaltensweisen, die auf eine Essstörung hindeuten können.

 

Zwänge wie Essensrituale, häufiges Wiegen, ständiges Nachdenken über Essen und Figur, übergenaue Tagesplanung und starke körperliche Aktivität gelten als weitere Indizien. Im Sozialverhalten zeigen sich ein deutlich vermindertes Selbstwertgefühl sowie Perfektionismus und Leistungsstreben. Die Betroffenen leugnen häufig die Probleme und ziehen sich sozial zurück.

 

Böse Langzeitfolgen

 

Ob mager- und/oder ess-/brechsüchtig: Essgestörte schädigen ihren Körper auf vielfältige Weise. Infolge des exzessiven Fastens bei Magersucht kann der Serumspiegel der Harnsäure ansteigen, da deren Ausscheidung abnimmt. Bei länger andauernden Kaliummangelzuständen zeigen sich häufig Störungen der Nierenstruktur und -funktion. Wenn die Frauen eine kritische Körperfettmenge unterschreiten, treten Zyklusunregelmäßigkeiten bis hin zur sekundären Amenorrhö auf. Unabhängig davon besteht eine hypothalamische Zyklusstörung, die bei Magersüchtigen schon vor Erreichen des Untergewichts auftreten kann. Der Mangel an Calcium sowie eine einseitig protein- und phosphatreiche Ernährung, Laxanzien- und Diuretikaabusus können als Spätfolge zu Osteoporose führen.

 

Der Rückgang des Körperfetts sowie eine durch endokrinologische Anpassungsmechanismen bedingte Hyperthermie führen zu trockener schuppiger Haut und stumpfem trockenen Haar. Bei Personen mit starkem Untergewicht entwickelt sich eine vermehrte Körperbehaarung zum Schutz gegen Kälte. Häufig finden sich Leukopenien bei sehr untergewichtigen Patienten.

 

Erbrechen sowie Laxanzien- und Diuretikamissbrauch können zu massiven Wasser- und Elektrolytverlusten führen. Klinische Hinweise sind vermehrter Durst, trockene Mundschleimhäute, Zittern, Schwäche bis hin zum Kreislaufkollaps, Herzrhythmusstörungen, Darmträgheit, Muskelschwäche, Adynamie, Muskelkrämpfe und Kälteempfindlichkeit. Durch Überfüllung des Magens bei bulimischen Essattacken kann es zu Überdehnung, Magenblutungen, Gastritiden und Geschwüren kommen.

 

Die Kombination von häufigem Erbrechen und Laxanzienabusus ist besonders fatal. Beides führt zu erheblichen Kalium- und Flüssigkeitsverlusten, die die Verdauungsstörungen und die Obstipation verstärken. Es entsteht ein Circulus vitiosus, denn die Verstopfung schürt die Angst vor dem Dickwerden, sodass die Betroffenen die Dosis erhöhen, wodurch es zu weiteren Kaliumverlusten kommt. Die Hypokaliämie kann zu lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen und irreversiblen Nierenschäden führen.

 

Auch die Zähne leiden durch das extreme Fasten. Durch den rezidivierenden Kontakt mit dem sauren Mageninhalt lassen sich Zahnfleischentzündungen, Schmelzdefekte der Zähne und Zahnwurzelabszesse beobachten.

 

Häufiger Medikamentenmissbrauch

 

In der Anfangsphase einer Essstörung gehen die meisten Betroffenen regelmäßig zur Apotheke, um sich rezeptfreie Medikamente zur Appetithemmung und Gewichtssenkung zu kaufen. Laxanzien, Appetitzügler, Diuretika, wasserausscheidende und abführende Tees sowie Schilddrüsenhormone stehen auf der Einkaufsliste ganz oben.

 

Am häufigsten werden Laxanzien missbraucht. Im Extremfall nehmen Patienten täglich bis zu 150 Kapseln eines Abführmittels ein. Laxanzien werden vor allem entweder nur nach einem Essanfall oder routinemäßig als Methode zur Gewichtskontrolle eingenommen. Die Betroffenen verlieren vorübergehend Flüssigkeit und dadurch entsteht das Gefühl eines Gewichtsverlustes. Reflektorische Wasserretention führt jedoch zur Gewichtszunahme: Ein Teufelskreis mit weiterer Laxanzieneinnahme entsteht.

 

Besonders gefährlich ist das Unterdosieren von Insulin bei Diabetikerinnen (insulin purging), das zur Glukosurie und damit einem Kalorienverlust führt. Zudem können Drogenkonsum und -missbrauch, besonders von Amphetaminen, Ecstasy, Kokain, aber auch Heroin getriggert werden, da diese Drogen appetithemmend wirken, berichtet Pecho aus ihrer Erfahrung als ärztliche Leiterin der ANAD Beratungsstelle in München.

 

Apotheker sind häufig die ersten Gesprächspartner für die Betroffenen, um sie bezüglich Diäten, Laxanzien und Diuretika zu beraten. Bei Verdacht auf Substanzmissbrauch oder eine Essstörung ist es wichtig, die Betroffenen darauf anzusprechen und ihnen anzubieten, professionelle Hilfe bei einem Psychologen und/oder Arzt zu suchen. Verbirgt sich hinter der vermeintlichen Diät eine Essstörung, sind die Betroffenen und Angehörigen mit der Bewältigung in der Regel überfordert. Professionelle Hilfe finden sie bei Beratungsstellen, wo eine Beratung im persönlichen Gespräch, aber auch anonym möglich ist. Dort erhalten die Betroffenen Adressen von ambulanten und teilstationären Therapieangeboten. Ein früher Therapiebeginn erhöht die Erfolgschancen.

 

Zu wenig Krankheitseinsicht

 

Wie erkennt man Patienten mit pathologischen Essproblemen in der Apotheke? Die intensive Nachfrage nach Diättipps oder auffallendes Interesse für Literatur über Diäten sollten hellhörig machen. Ständiges Fragen nach und Kaufen von Laxanzien, Diuretika und Appetitzüglern sind weitere Indizien. Typisch sei auch der Wunsch nach entblähenden und verdauungsfördernden Medikamenten, Mitteln gegen Sodbrennen und gegen Bauchschmerzen, berichtet Pecho.

 

Magersüchtige sind äußerlich durch ihr dünnes Aussehen und die Lanugobehaarung (feines, kaum gefärbtes Flaumhaar) erkennbar. Bulimiker fallen bei ausgeprägter Symptomatik auf durch Hamsterbacken und gegebenenfalls durch Verletzungen am Handrücken durch die Zähne beim Erbrechen.

 

In einer Studie, die im British Journal of Clinical Psychology 2007 veröffentlicht wurde, untersuchten Wissenschaftler der Universitäten Oxford und Southhampton 69 Patienten, die an Magersucht und Bulimie erkrankt waren, hinsichtlich ihres Essverhaltens. Mithilfe eines Fragebogens fanden sie heraus, dass viele ihr Essverhalten nicht ändern wollten. Die Patienten identifizierten sich stark mit ihrer Erkrankung, hielten sich für chronisch und unheilbar krank.

 

Die Motivation zur Therapie ist bei essgestörten Mädchen und Frauen sehr ambivalent. »Zu Beginn glauben sie, dass sie die Kontrolle über die Krankheit haben und jederzeit aufhören können. Erst viel später erkennen sie, dass die Krankheit die Kontrolle über ihr Leben übernommen hat«, unterstreicht de Zwaan. Problematisch ist, dass die Restriktion der Nahrungsaufnahme und der Wunsch, gertenschlank zu sein, vor allem zu Beginn der Magersucht keinen Leidensdruck verursachen. Auch wollen viele das Gefühl nicht aufgeben, bei anderen Aufmerksamkeit zu erregen und etwas Besonderes zu sein. Deshalb lehnen viele Magersüchtige das Therapieangebot ab. Sie reagieren auf Konfrontation mit Abwehr oder bagatellisieren das Problem.

 

Auf Strenge und Nötigung zum Essen reagieren die meisten mit Ablehnung. De Zwaan betont, dass gerade bei einer so Ich-nahen Störung wie der Magersucht eine kontinuierliche Motivationsarbeit einer der wesentlichsten Bestandteile der gesamten Therapie ist. Eine erfolgreiche Therapie könne nur gelingen, wenn die Beziehung zum Therapeuten in erster Linie auf Vertrauen aufgebaut ist. Wesentlich ist daher, zuerst eine wohlwollende, motivationssteigernde therapeutische Beziehung aufzubauen.

 

Effiziente Therapien

 

Primäres Ziel der Therapie ist es, ein gesundes Essverhalten aufzubauen, um ein angemessenes Gewicht zu erreichen und zu stabilisieren. Weitere Ziele sind Veränderungen in Selbstwahrnehmung, Selbstbild und Körpererleben.

 

Körperliche Symptome bei Magersüchtigen lassen sich durch ein striktes Essverhalten am besten in den Griff kriegen. Das bedeutet, dass die Erkrankten zu festen Zeiten essen und eine festgelegte Zahl von Kalorien zu sich nehmen. Dabei müssen sie feste Regeln einhalten, die sie vorab mit dem Therapeuten vereinbart haben, zum Beispiel pro Woche 500 Gramm Gewicht zuzulegen. Fortschritte werden belohnt, Rückschritte bestraft. Für die Magersüchtigen ist die alleinige Wiederauffütterung keinesfalls ausreichend als Therapie, sondern nur ein Teil des Behandlungspakets.

 

Jede Therapie sollte sowohl psychotherapeutische, medizinische und ernährungstherapeutische Aspekte vereinen. Ende 2006 erfolgte eine Neuauflage der Therapieleitlinien der Amerikanischen Psychiatriegesellschaft (APA). Diese Leitlinien sind evidenzbasiert. Die Psychotherapie stellt heute die Therapie erster Wahl dar, betont de Zwaan, die als Mitglied der bundesweiten multiprofessionellen Leitliniengruppe selbst evidenzbasierte Leitlinien zur Behandlung von Essstörungen entwickelt.

 

Es gibt eine Reihe von psychotherapeutischen Verfahren, die individuell angewendet werden sollten. Sehr bewährt hat sich die kognitive Verhaltenstherapie. Sie hinterfragt verzerrte Denkmuster bezüglich Essen, Figur und Gewicht und versucht, das Selbstwertgefühl von Gewicht und Figur zu lösen. Persönlichkeitsstrukturen und familiäre Konflikte können mithilfe der Tiefenpsychologie und/oder Familientherapie aufgearbeitet werden. Die Bewegungstherapie hilft beim Stressabbau, die Körpertherapie versucht, das verzerrte Selbstbild mit der Realität in Einklang zu bringen.

 

Medikamente sind nur bedingt erfolgreich. Kontrollierte medikamentöse Studien zur Beschleunigung einer Gewichtszunahme bei Magersüchtigen brachten eher enttäuschende Ergebnisse. Atypische Antipsychotika wie Olanzapin oder Risperidon scheinen positiv auf dysfunktionale Kognitionen (Wahrnehmung) zu wirken, jedoch weniger auf die Gewichtszunahme. So kann derzeitig bei Magersüchtigen keine Medikation empfohlen werden.

 

Dagegen hat die antidepressive Therapie mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) bei Bulimie einen festen Platz. Die zu erwartenden Essanfälle nahmen zwischen 40 und 90 Prozent ab, die Remissionsraten liegen allerdings nur bei 0 bis 35 Prozent. Im Umkehrschluss heißt das, dass 65 bis 100 Prozent der Patienten rückfällig werden.

 

Wann ambulant, wann stationär?

 

Generell sollte die Therapie von Essstörungen im Rahmen eines Gesamtbehandlungsplans erfolgen, in dem die ambulante, stationäre und teilstationäre Versorgung aufeinander abgestimmt werden. Binge-Eating- und bulimische Patienten können in der Regel ambulant behandelt werden. Eine stationäre Behandlung wird bei Bulimikerinnen erst nötig, wenn die Symptomatik sehr ausgeprägt ist und schwere psychiatrische Probleme wie Suizidalität, Substanzmissbrauch und organische Komplikationen wie massiver Laxanzienmissbrauch und Elektrolytentgleisungen vorliegen.

 

Magersüchtigen Patientinnen werden in der Regel stationäre und ambulante Therapiepakete angeboten. Eine stationäre Therapie ist oft nötig, um eine Gewichtsstabilisierung zu erreichen, vor allem bei Patientinnen mit sehr raschem Gewichtsverlust oder sehr niedrigem Körpergewicht mit Body-Mass-Index kleiner 13 kg/m2.

 

Leider ist die Versorgungslage noch nicht gut. »Wartezeiten von bis zu sechs Monaten auf einen ambulanten Therapieplatz sind einfach zu lang und inakzeptabel. Zusätzlich besteht ein gravierendes Schnittstellenproblem zwischen stationärer und ambulanter Therapie, sodass die Betroffenen nach der Entlassung keine Weiterbetreuung haben und die Rückfallraten hoch sind«, kritisiert de Zwaan.

 

Gegenseitige Unterstützung

 

Viele Erkrankte schämen sich für ihre Essstörung und wagen es nicht, ihrer Familie oder Freunden davon zu erzählen. In Selbsthilfegruppen, die sich speziell an Menschen mit Essstörungen wenden, erfahren sie, dass sie nicht alleine mit der Erkrankung leben müssen. Die unterschiedliche Zusammensetzung in der Gruppe von Anfängern und Erfahrenen kann sehr gut dazu beitragen, sich gegenseitig zu unterstützen und Wege aus der Erkrankung zu finden.

 

Auch Angehörige leiden oft darunter, wenn sie den Familienmitgliedern nicht helfen können. Sie fühlen sich schuldig und mit dem Problem alleingelassen. Auch hier können Selbsthilfegruppen wie der »Elternkreis essgestörter Töchter und Söhne« einen Beitrag zur Unterstützung leisten. Als medizinische Leiterin einer Beratungsstelle empfiehlt Pecho, von reinen Selbsthilfegruppen ohne therapeutische Leitung abzusehen. »Rückmeldungen, die ich erhalten habe, zeigen, dass die Teilnehmer oft überfordert sind, wenn sie mit ihren Problemen sich selbst überlassen sind.« Beratungsstellen böten ein breit gefächertes therapeutisches Gruppenangebot an und seien reinen Selbsthilfegruppen vorzuziehen.

 

Vorsicht mit Websites

 

Im Internet bieten Foren wie Pro-Ana Magersüchtigen, größtenteils jungen Mädchen eine Plattform an, die Ärzte und Psychotherapeuten für sehr gefährlich ansehen. Der Begriff Pro-Ana leitet sich von Anorexia nervosa ab und steht für die Magersucht. Die Appelle dieser Bewegung lauten »ich darf nicht essen, ohne mich schuldig zu fühlen« oder »ich muss alles dafür tun, dünner zu sein«. Auf den Webseiten berichten die Betroffenen über ihre Hungergefühle, erhalten Informationen, wie sie den Hunger vor ihrer Umwelt verstecken und wie sie ihn letztlich überlisten können.

 

Psychologen halten diese Seiten für sehr gefährlich, da sich die Mädchen und jungen Frauen gegenseitig unterstützen und so das Gefühl entwickeln, dass sie zu einer besonderen Gruppe gehören. Andererseits könne auch der Ehrgeiz entstehen, »besser« als die anderen zu sein, das heißt mit noch weniger Essen auskommen zu können. Psychologische Psychotherapeuten und Ärzte befürchten dadurch eine weitere Chronifizierung der Magersucht und Verringerung der Krankheitseinsicht.

 

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen sprach sich bei der Kampagne »Leben hat Gewicht. Gemeinsam gegen den Schlankheitswahn« dafür aus, die Websites als jugendgefährdend zu indizieren. Einige Sites wurden von Suchmaschinen wie Google, Yahoo und Lycos bereits aus ihrem Index genommen.

 

Essstörungen sind ein Phänomen unserer Zeit und nehmen seit rund 35 Jahren kontinuierlich zu. Sie treten in unterschiedlichen Formen auf und können unbehandelt schwere gesundheitliche Schäden nach sich ziehen. Ärzte, Psychologen, Apotheker und Ernährungswissenschaftler sollten gemeinsam daran arbeiten, mehr Aufklärungsarbeit über die gefährliche Erkrankung zu leisten, damit Betroffene und Angehörige frühzeitig die Symptome einer Essstörung erkennen. Mit einer effizienten Therapie können sie dem Teufelskreis des Hungerns entkommen. Denn wer will schon vor vollen Tischen an Hunger sterben?


Literatur

  1. American Psychiatric Association (APA), Practise guideline for the treatment of patients with eating disorders. Am. J. Psychiatry 157 (2000) 1-39.
  2. De Zwaan, M., Herpertz-Dahlmann, B., Essstörungen. In: Voderholzer, U., Hohagen, F. (Hrsg.), Therapie psychischer Erkrankungen: State of the Art. Urban & Fischer München, Jena 2007, S. 257-268.
  3. De Zwaan, M., Müller, A., Diagnostik und Therapie der Anorexia und Bulimia nervosa. Gastrointestinale Erkrankungen 1 (2003) 28-31.
  4. De Zwaan, M, Kasper, S., Behandlung von Essstörungen: Psychopharmakologie. In: Möller, H. J. (Hrsg.), Therapie psychiatrischer Erkrankungen. Thieme 2006, S. 956-969.
  5. Fairburn, C. G., Harrison, P. J., Eating disorders. Lancet 361 (2003) 407-416.
  6. Fichter, M. M., Anorektische und bulimische Essstörungen. Nervenarzt 76 (2005) 1141-1153.
  7. Jacobi, C., Paul, T. H., Thiel, A., Essstörungen. Hogrefe Göttingen/Bern 2004.
  8. Sonnenmoser, M., Essstörungen: Ambivalente Einstellung. Dt. Ärztebl. PP 7 (2008) 20.
  9. Weltgesundheitsorganisation (WHO), Internationale Klassifikation psychischer Störungen ICD-10. 4. Aufl., Hans Huber Verlag Bern (2000) 199-203.
  10. Wunderer, E., Schnebel, A., Interdisziplinäre Essstörungstherapie. Beltz-Verlag 2008.
  11. Zeek, A., et al., Bulimia nervosa. Therap. Umschau 63, Nr. 8 (2006) 535-538.

Die Autorin

Martina Eimer studierte Psychologie und Kommunikationswissenschaften an der Friedrich-Alexander-Universität, Erlangen-Nürnberg, und schloss 1990 beide Studiengänge erfolgreich ab. Nach einem Volontariat beim regionalen TV-Sender Franken-Fernsehen übernahm sie 1992 die Leitung des Ressorts Medizin und die Moderation des Gesundheitsmagazins »pulsschlag«. Danach wechselte sie als Autorin nach Mainz zum Zweiten Deutschen Fernsehen und arbeitete als Redakteurin für das »Gesundheitsmagazin Praxis«. 2002 gründete sie das Medienbüro Martina Eimer und arbeitet seitdem als Medizin- und Wissenschaftsjournalistin für medizinische und psychologische Fachzeitschriften sowie für Fachverlage. Zudem produziert sie wissenschaftliche Beiträge für öffentlich-rechtliche TV-Sender.

 

Martina Eimer

Winzelbürgstraße 22

90491 Nürnberg

martina.eimer(at)t-online.de


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Beitrag erschienen in Ausgabe 03/2009

 

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