Effektiver Partner für Apotheken

Von Bettina Sauer
Der vollversorgende pharmazeutische Großhandel bietet Vorteile zum Direktgeschäft zwischen Apotheken und Herstellern. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Instituts für Handelsforschung der Universität Köln. Weiterhin dürfte der Entwurf für das neue Arzneimittelgesetz die Branche stärken.
Der pharmazeutische Großhandel lagert, kommissioniert und liefert rund 60.000 verschiedene Arzneimittel und 30.000 apothekenübliche Produkte. Diese stammen von über 1500 Herstellern; Hauptabnehmer sind die rund 21.500 deutschen Apotheken. Letztere bezogen 2007 rund 679 Millionen Rx- und 549 Millionen OTC-Packungen über den Großhandel, der im selben Jahr einen Gesamtumsatz von 22,5 Milliarden Euro erwirtschaftete. All diese Zahlen finden sich in der Studie »Profil und Effizienz des vollversorgenden pharmazeutischen Großhandels«, die das Institut für Handelsforschung (IfH) der Universität Köln im Auftrag des Bundesverbands des pharmazeutischen Großhandels (Phagro) erstellte und im Dezember 2008 veröffentlichte.
Gebündelte Arzneimittelversorgung
Darin unterstreichen IfH-Geschäftsführer Dr. Andreas Kaapke sowie Dr. Markus Preißner und Sabrina Heckmann die Bedeutung des pharmazeutischen Großhandels. Denn durch die gebündelte Lagerung und die kurzfristige, bedarfsgerechte Auslieferung von Medikamenten ermögliche er den Apotheken die Erfüllung ihres gesetzlich vorgeschriebenen Versorgungsauftrages. »Auch im Rahmen der Redistribution von Arzneimitteln übernimmt der Pharmagroßhandel eine unverzichtbare Funktion«, heißt es in der Studie weiter, »zum Beispiel in Kooperation mit der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker oder den betroffenen Herstellern direkt. So wurden 2007 etwa 300 verschiedene Arzneimittel, beziehungsweise Arzneimittelchargen im Auftrag von Herstellern über den Großhandel aus Apotheken zurückgerufen.«
Diese Funktionen erfülle der Großhandel auch unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen, wie etwa der Halbierung der Großhandelszuschläge durch das Gesetz zur Modernisierung der Gesetzlichen Krankenversicherung (GMG) Ende 2003. In der Folge reduzierte sich nach IfH-Berechnungen die durchschnittliche Großhandelsspanne für taxpflichtige Arzneimittel von 12,52 Prozent im Jahr 2003 auf 6,2 Prozent im Jahr 2004. Seitdem sank sie weiter und erreichte 2007 einen Wert von 6,09 Prozent. Zudem wirken sich auch gesetzliche Änderungen, die andere Akteure im Gesundheitssystem betreffen, auf den pharmazeutischen Großhandel aus.
So ist die für ihn schmerzliche Direktbelieferung von Apotheken durch die Hersteller auch eine Reaktion auf gesetzliche Sparmaßnahmen. Im Jahr 2007 machte das Direktgeschäft der IfH-Studie zufolge 15,92 Prozent des Gesamtumsatzes mit OTC- und Rx-Präparaten aus. Insbesondere bei letzteren darunter vor allem bei hochpreisigen Arzneimitteln nimmt es seit Jahren stetig zu. »Oft wird der Eindruck erweckt, dass das Direktgeschäft einen nennenswerten Beitrag zur Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln leisten könne«, schreiben die Autoren. »Doch fehlen dafür bislang die Belege.«
Deshalb bemüht sich die Studie um einen Vergleich. Dabei kommt sie zu dem Ergebnis, dass der Vertriebsweg über den pharmazeutischen Großhandel wesentliche Vorteile gegenüber dem Direktgeschäft bietet. So bündele eine vollversorgende pharmazeutische Großhandlung pro Apothekenauftrag Sortimente von durchschnittlich 9,4 unterschiedlichen Herstellern. Bei einer kompletten Umstellung auf das Direktgeschäft müssten Apotheken also mehr als neunmal so viele Kontakte zu Lieferanten aufnehmen. »Jede neu hinzukommende Geschäftsbeziehung erzeugt für die Apotheken zusätzliche Kosten«, schreiben die Autoren. Zudem erhöhe sich der zeitliche und damit auch der finanzielle Aufwand für Bestellung, Warenvereinnahmung und Abrechnung. Das belegt die Studie anhand einer Prozesskostenanalyse, nach der eine einzelne Großhandelsbestellung die Apotheke 7,92 Euro kostet. Die entsprechenden 9,4 Direktbelieferungen kosten dagegen zusammen 106,03 Euro.
»Effektiv und effizient«
Auch die Abwicklung der Arzneimittelrückrufe und die Entsorgung von Verpackungsmüll gestalte sich ohne den Großhandel schwieriger, schreiben die Autoren. Die Apotheken könnten den Mehraufwand zwar möglicherweise durch eine niedrigere Bestellfrequenz begrenzen. Doch erforderten die größeren Bestellmengen dann mehr Lagerplatz. Zudem böten direktvertreibende Hersteller attraktive Rabatte oft nur bei Bestellung größerer Mengen oder im Rahmen von Aktionen. Das könne ebenfalls zu Lagerungsproblemen führen.
»Im Vergleich zum Direktgeschäft ist die Belieferung der Apotheken mit Arzneimitteln durch den pharmazeutischen Großhandel effektiver und effizienter«, schlussfolgern die Autoren. Zwar lohne es sich mitunter für die Hersteller, einzelne Produkte direkt an die Apotheken zu liefern. »Für das Gesamtsystem der herstellerneutralen Arzneimittelversorgung ist die Direktbelieferung aber kontraproduktiv.« Statt einer Schwächung fordern die Autoren deshalb sogar die Stärkung des pharmazeutischen Großhandels.
Zu dieser Einschätzung gelangte auch das Bundesgesundheitsministerium. Am 22. Dezember legte es einen Entwurf für die 15. Novelle des Arzneimittelgesetzes (AMG) vor, wonach fortan neben Apotheken auch Pharmahersteller und Arzneimittelgroßhändler den öffentlichen Versorgungsauftrag wahrnehmen sollen. Um dies auch bei billigen Arzneimitteln zu gewährleisten, fordert der Gesetzentwurf eine Umstellung der Großhandelsspanne vom derzeitigen prozentualen, preisabhängigen Zuschlag auf einen preisunabhängigen Fixbetrag plus prozentualen Logistikzuschlag. Bundesgesundheitsministerium und Bundeswirtschaftsministerium sollen einen entsprechenden Vorschlag erarbeiten, der Anfang 2010 in Kraft treten soll. Weiter heißt es in dem Entwurf: »Pharmazeutische Unternehmer müssen eine bedarfsgerechte und kontinuierliche Belieferung vollversorgender Arzneimittelgroßhandlungen gewährleisten.« Diese Formulierung dürfte das Direktgeschäft der Pharmaindustrie erheblich eindämmen. Sollte die AMG-Novelle in dieser Form in Kraft treten, stärkt sie den Großhandel als Partner der Apotheke.