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Lebenserwartung: Warum Männer früher sterben

MEDIZIN

 
Lebenserwartung

Warum Männer früher sterben

Von Christina Hohmann

 

Männer gelten als das starke Geschlecht. Dennoch sterben sie fast überall auf der Welt früher als Frauen. Die kürzere Lebenserwartung der Männer ist neuen Erkenntnissen zufolge eher selbst gemacht als genetisch bedingt.

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In Deutschland haben Männer den aktuellen Daten des Statistischen Bundesamtes zufolge derzeit eine Lebenserwartung von 76,2 Jahren und Frauen von 81,8. Sie überleben die Männer somit durchschnittlich um 5,6 Jahre. In Frankreich beträgt der Unterschied acht Jahre, in Russland sogar zehn Jahre. Diese Differenz hat sich in den Industrienationen erst in den letzten Jahrzehnten herausgebildet. Noch 1871 betrug der Unterschied zwischen den Geschlechtern in Deutschland nur knapp drei Jahre. Damals lebten Männer im Schnitt 35,6 und Frauen 38,5 Jahre. Mit zunehmender Lebenserwartung ging die Schere zwischen den Geschlechtern weiter auseinander. Mittlerweile holen die Männer den Frauen gegenüber wieder auf.

 

Nur in acht Ländern in Südostasien und Afrika leben Männer länger als Frauen. In diesen Staaten ist vermutlich die Bevorzugung des männlichen Nachwuchses der Grund für die höhere Lebenserwartung der Jungen.

 

Gene oder Verhalten?

 

Wieso Männer fast überall eine kürzere Lebenserwartung haben als Frauen, versuchen Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen schon seit Jahren herauszufinden. Der Unterschied könnte genetische, physiologische, verhaltensspezifische oder umweltbedingte Gründe haben. So untersuchen Mediziner schon seit einiger Zeit die Rolle der Geschlechtshormone auf das Immunsystem oder das Herz-Kreislauf-System. Das männliche Hormon Testosteron schaltet beispielsweise mehr als 20 Gene an, die die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen fördern.

 

Biologische von Umweltfaktoren zu trennen, fiel den Wissenschaftlern aber lange Zeit schwer, da Männer und Frauen wegen ihrer unterschiedlichen Lebensstile und Belastungen schlecht zu vergleichen waren. Um den Anteil der biologischen Gründe für den Sterblichkeitsunterschied zu ermitteln, brauchte man eine Kohorte von Frauen und Männern, die nahezu unter gleichen Bedingungen leben. Der Demograf Marc Luy, mittlerweile Juniorprofessor an der Universität Rostock, wählte für seine Untersuchungen daher Mönche und Nonnen aus Klöstern aus. Diese leben unter nahezu identischen Bedingungen, mit gleichen Tagesabläufen, Arbeiten und gleicher Ernährung. Mönche wie Nonnen pflegen einen einfachen Lebensstil, müssen keine eigenen Kinder erziehen und haben beruflich wie privat wenig Stress. Die Unterschiede in der Lebenserwartung dieser Kohorte sind also hauptsächlich biologisch bestimmt.


Lebenserwartung

Die Lebenserwartung ist die zu erwartende Zeitspanne, die einem Lebewesen bis zu seinem Tod noch verbleibt. Sie kann anhand empirischer Daten einer Sterbetafel für jeden beliebigen Zeitpunkt ermittelt werden. Meist wird die Lebenserwartung bei Geburt angegeben. Diese gibt die Zahl der Jahre an, die ein Neugeborenes leben würde, wenn die bei seiner Geburt herrschenden Lebensumstände und Sterblichkeitsraten konstant blieben.

 

Durch den medizinischen Fortschritt kann der Wert aber mit der Zeit ansteigen. So liegt die rechnerische Lebenserwartung für Mädchen in Deutschland derzeit bei 81,8 Jahren und für Jungen bei 76,2 Jahren. Die Steigerung der Lebenserwartung in den nächsten Jahrzehnten miteinbezogen haben heute in Deutschland geborene Mädchen gute Chancen, 100 Jahre alt zu werden, und Jungen 95 Jahre alt.


Luy untersuchte die Lebensdaten von insgesamt 11.600 Mönchen und Nonnen aus zwölf bayerischen Klöstern und kam zu einem erstaunlichen Ergebnis: Nonnen haben dieselbe Lebenserwartung wie Frauen, die nicht im Kloster leben. Mönche werden fast genauso alt, sie sterben im Schnitt nur ein Jahr früher. Die »Klosterstudie« gibt somit Hinweise darauf, dass es kaum biologische Gründe für den Mortalitätsunterschied zwischen Frauen und Männern gibt. Die genetischen und hormonellen Faktoren machen zumindest nicht mehr als dieses eine Jahr aus.

 

Die restlichen fünf Jahre Unterschied in der Lebenserwartung könnten somit auf Lebensstil und Umweltfaktoren zurückgehen. Hier lassen sich fünf Hauptgründe nennen, warum Männer früher sterben als Frauen. Zum einen rauchen sie mehr und trinken auch häufiger Alkohol als Frauen. Zum anderen ernähren sie sich meist ungesünder. Sie essen zu viel und auch zu fettig, was sich in ihrem Körpergewicht niederschlägt. Im Jahr 2005 waren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes insgesamt 58 Prozent der erwachsenen Männer und 42 Prozent der erwachsenen Frauen in Deutschland übergewichtig.

 

Ein weiterer Grund ist der gesellschaftliche Stress, dem Männer ausgesetzt sind. Sie wollen Karriere machen und müssen sich gegen Rivalen durchsetzen. Zudem kommt noch familiärer Stress hinzu. So verlangen Partnersuche, Partnerkonflikte, die Erziehung der Kinder sowie die Finanzierung der Familie ihre Tribute. Der Stress und die ungesunde Lebensweise führen zu vermehrten Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei jungen Männern. Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge sterben Männer im Alter zwischen 35 und 65 Jahren fünfmal häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Frauen.

 

Einer der wichtigsten Gründe für die unterschiedliche Lebenserwartung zwischen den Geschlechtern ist das risikoreiche Leben der Männer in ihrer Jugend: Im Alter von 16 bis 24 Jahren liegt die Mortalität durch Verkehrsunfälle oder Drogen bei den Jungen dreimal höher als bei den Mädchen. Insgesamt sind drei Viertel der Todesopfer bei Verkehrsunfällen männlich. Männer begehen auch weitaus häufiger Selbstmord als Frauen. Drei Viertel der Suizide in Deutschland werden von Männern verübt. Diese kleine Gruppe der Männer, die jung sterben, senkt die durchschnittliche Lebenserwartung der Männer insgesamt.

 

Auf eine ähnliche Weise hat sich im Mittelalter die hohe Kindersterblichkeit auf die Lebenserwartung ausgewirkt. Diese lag bei Frauen um 24 und bei Männern um 28 Jahre. Wer jedoch die Kindheit überlebte, hatte eine deutlich höhere Lebenserwartung: Er wurde im Schnitt über 40 Jahre alt.

 

Männer holen wieder auf

 

Der Unterschied in der Lebenserwartung zwischen Männern und Frauen ist erst in den vergangenen Jahrzehnten entstanden. Sein Maximum mit acht Jahren Differenz erreichte er in Deutschland in den 1980er-Jahren. Seitdem schrumpft der Abstand wieder. Der Grund hierfür ist wahrscheinlich, dass Frauen heute häufiger rauchen und Alkohol trinken und wie Männer berufstätig sind. Somit passen sie sich dem Lebensstil der Männer immer mehr an, inklusive der gesundheitlichen Nachteile.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 12/2007

 

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