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Männergesundheit: Schwache Lobby fürs starke Geschlecht

POLITIK

 
Männergesundheit

Schwache Lobby fürs starke Geschlecht

Von Daniel Rücker

 

Laut Statistischem Bundesamt leben Männer fast sechs Jahre kürzer als Frauen. Eigentlich ein Grund, die Gesundheit des kurzlebigeren Geschlechts stärker in den Mittelpunkt der Politik zu stellen. Doch das geschieht nicht.

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Die unterschiedliche Lebenserwartung von Männern und Frauen ist weder ein deutsches Phänomen noch ein neues. In allen Industrienationen liegen Frauen vorne, im Schnitt um sieben Jahre und sie taten dies auch schon um 1900. Damals wurden Frauen im Durchschnitt 48 Jahre als, Männer dagegen nur 45. Die Zahlen zeigen auch, dass der medizinische Fortschritt vor allen den Frauen genutzt hat; absolut wie relativ konnten sie ihren Vorsprung gegenüber den Männern leicht ausbauen.

 

Angesichts der öffentlichen Aufmerksamkeit, die manche weitaus banaleren Gesundheitsthemen erreichen, ist es kaum zu verstehen, dass die unterschiedliche Lebenserwartung der Geschlechter weitgehend fatalistisch zur Kenntnis genommen wird. Spezielle Förderprogramme für Männer gibt es so gut wie gar nicht.

 

Die Politik interessiert das Thema offensichtlich auch nicht. Wer auf der Website des Bundesministeriums für Gesundheit das Stichwort »Männergesundheit« eingibt, erhält keinen einzigen Treffer. Auf schriftliche Anfrage, erhielt die PZ-Redaktion die Antwort »spezielle Maßnahmen und Programme zur Verbesserung der Männergesundheit werden durch das BMG nicht gefördert.« Allerdings würden bei allen Fachfragen geschlechtsspezifische Aspekte beachtet. Die angebliche Gleichbehandlung von Männern und Frauen spiegelt sich auf der Website jedoch nur bedingt wider. Unter dem Stichwort »Frauengesundheit« finden sich 16 Einträge.

 

Die Politik interessiert sich also kaum für die besonderen Gesundheitsprobleme der Männer. Das könnte ein Skandal sein. Da jedoch nach wie vor Politik in erster Linie von Männern gemacht wird, hält sich die Kritik an diesem Versäumnis in Grenzen und es bleibt unklar, wer hier wem Vorwürfe machen soll. Letztlich scheint nur ein kleines Häuflein Männer daran interessiert zu sein, bei Lebenserwartung und Gesundheit gegenüber der Frauen aufzuholen. Der großen Mehrheit ist das egal.

 

Der Bielefelder Gesundheitswissenschaftler Professor Dr. Klaus Hurrelmann macht dafür die Erziehung und Sozialisation der Männer verantwortlich. Männer wollten Beeinträchtigungen und Beschwerden möglichst aus ihrem Bewusstsein verbannen, schreibt er in einem Beitrag für die Zeitschrift »Das Parlament«. Männer als das starke Geschlecht wollten als leistungsfähig und machtvoll wahrgenommen werden. Dafür sei Gesundheit eine Voraussetzung. Männer dürften deshalb nach ihrem Selbstverständnis nicht krank werden.

 

Grundsätzlich wäre die Synonymisierung von Gesundheit mit Erfolg und Macht natürlich auch eine gute Basis für einen gesunden Lebensstil, richtige Ernährung und großes Interesse an Prävention. Schließlich ließe sich so länger und gesünder leben und damit Macht ausüben. Doch leider scheint männliche Schwäche schon vor der Krankheit einzusetzen. Offensichtlich macht sich schon mangelnder Leistungsfähigkeit verdächtig, wer seinem Körper nicht das Maximum an Belastung zumutet.

 

Deshalb treiben Männer auch anders Sport als Frauen. Sie halten sich nicht fit, sie versuchen sich zu stählen. Ihr Ziel ist nicht die Gesundheit, sondern schneller und stärker zu sein als andere Geschlechtsgenosse. Mit ihren Leibesübungen bereiten sie sich darauf vor, einem Konkurrenten den Schädel einzuschlagen oder eine Wildsau mit der bloßen Faust zu erlegen. Dafür wird sich dann auch gerne geschunden. Fraglos gesunde Sportarten wie Nordic Walking oder Aqua-Jogging gehören deshalb nicht zu den Domänen der Männer. Gesund lange leben kann jeder, aber nur die Besten schaffen dies auch unter Dauerstress, scheint die Philosophie zu sein, die Männern zwischen 18 und 80 das Leben schön und kurz macht.

 

Eindimensionale Lebensplanung

 

Hurrelmann macht für dieses verquere, dennoch offensichtlich von allen akzeptierte Männerbild deren eindimensionale Lebensplanung mitverantwortlich. Im Gegensatz zu Frauen gebe es für die meisten Männer nur den Beruf. Hier gelte es zu reüssieren, koste es, was es wolle. Die drei »K« des Mannes seien deshalb »Konkurrenz, Karriere, Kollaps«. Frauen könnten sich dagegen ohne sozialen Abstieg auch andere Betätigungsfelder, etwa die Familie oder ehrenamtliche Arbeit, übernehmen. Ihre Lebensplanung werde dadurch flexibler und basiere deshalb weniger auf Raubbau an der eigenen Gesundheit. Für den Mann bedeute das Ausweichen vom Beruf in andere Felder dagegen Scheitern. Die stärker gefährdete Gesundheit der Männer sei deshalb, so Hurrelmann, weniger genetisch fixiert als ein »gesellschaftlicher Konstruktionsfehler«. Die Gesundheitsbilanz der Männer könne sich erst dann bessern, wenn sie sich stärker um Haushalt und Familie kümmerten, so das des Fazit des Gesundheitswissenschaftlers.

 

Wenn gesunder Lebensstil schon ein Indiz von Schwäche ist und ein längeres Leben am heimischen Herd erkauft werden muss, dann wundert es kaum, dass Männergesundheit in Politik und Gesellschaft keine Lobby hat. Männer setzen sich dafür nicht ein und die Frauen, die sich über Jahrzehnte für die Belange ihres Geschlechts eingesetzt haben, kämpfen in der Regel nicht für Männer.

 

Ein kleines Zucken ist mittlerweile dennoch zu vernehmen. Zusammenschlüsse von Männern wie Manndat oder die Stiftung Männergesundheit haben sich dem Thema angenommen und versuchen die Gleichgültigkeit der Politik zu brechen. Bis zu einem Männergesundheitsbericht haben sie es noch nicht gebracht.

 

Erste Studie

 

Die Stiftung Männergesundheit hat aber immerhin mit der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di und der Universität Ulm eine Studie gestartet, die den Gesundheitszustand männlicher Arbeitnehmer und deren Belastung am Arbeitsplatz untersucht. Und in Stuttgart fand am 10. März sogar ein Kongress zur Männergesundheit statt. Allerdings berichtete die Deutsche Presseagentur, dass vornehmlich ältere Männer teilgenommen hätten.

 

Bis die Männergesundheit im allgemeinen Bewusstsein als ein wichtiges Thema angekommen ist, dürfte noch einige Zeit vergehen. Eigentlich ein Grund zur Sorge, es interessiert aber nur wenige.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 12/2007

 

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