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Anabolika: Erst gepusht, dann verpfuscht

PHARMAZIE

 
Anabolika

Erst gepusht, dann verpfuscht

Von Sven Siebenand

 

Der weltweite Handel mit Anabolika boomt. Vor allem im Internet blüht das illegale Geschäft. Obwohl sie kein entsprechendes Rezept besitzen, versuchen Dopingsünder auch in Apotheken an die Mittel zu gelangen. Den Muskelaufbau im Visier, scheinen sie vom hohen Nebenwirkungsrisiko nichts zu wissen oder ignorieren es.

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Ein durchtrainierter Körper steht in unserer Gesellschaft für Gesundheit, sozialen, beruflichen und sexuellen Erfolg. Bis der Köper jedoch derart in Form gebracht ist, vergeht viel Zeit und ein hartes Stück Arbeit ist gefordert. Um diesem Ideal möglichst schnell und zudem mit einem geringem Aufwand zu entsprechen, greifen viele Trainierende zu Anabolika. Experten schätzen, dass sich rund 200.000 Freizeitsportler dopen. Einer Studie des Mediziners Dr. Carsten Boos von der Universität Lübeck über Doping im Freizeitsport zufolge konsumiert in Fitnessstudios fast jeder fünfte Freizeitsportler Dopingpräparate. Boos hatte im Jahr 1999 bundesweit 454 Männer und Frauen in 58 Fitnessstudios befragt. 19 Prozent gaben an, regelmäßig Anabolika einzunehmen.

 

Anabolika sind Substanzen, die den körperlichen Aufbaustoffwechsel (Anabolismus) ankurbeln. Ihre Wirkung gründet sich vor allem auf der Förderung des Eiweißaufbaus. So wird die Proteinsynthese des Körpers verstärkt und gleichzeitig der Abbau der körpereigenen Eiweißvorräte vermindert. Die bekanntesten Vertreter dieser Gruppe sind die anabol-androgenen Steroide. Daneben zählen auch ß2-Sympathomimetika, das Wachstumshormon Somatropin (STH = Somatropes Hormon, HGH = Human growth hormon) sowie Wachstumsfaktoren zu den Anabolika.

 

Neben Testosteron selbst kommen synthetische Derivate wie Dehydrochlormethyltestosteron, Nandrolon, Metandienon, Stanozolol und Metenolon als anabol-androgene Steroide zum Einsatz. Die synthetischen Substanzen zeichnen sich dadurch aus, dass sie höhere anabole Eigenschaften und eine geringere androgene Komponente aufweisen. Das Verhältnis von anabolem zu androgenem Effekt wird im Tierversuch an kastrierten männlichen Ratten gemessen und als Index angegeben (Hershberger-Test). Die androgene Komponente wird anhand des Wachstums der Prostata, die anabole anhand des Wachstums des Muskels levator ani bestimmt. Vergleicht man zum Beispiel Testosteron mit Nandrolon, so ergibt sich für Nandrolon eine um 80 Prozent geringere Wirkung auf die Prostata und eine um 240 Prozent stärkere anabole Wirkung. Durch die Einnahme dieser Hormone werden aber nicht nur Muskelaufbau beziehungsweise Muskeldefinition gefördert, sondern auch Aggressivität, Reizbarkeit sowie der Sexualtrieb.

 

Dumm, dümmer, Doping

 

In der Regel werden steroide Anabolika injiziert. Wegen ihrer öligen Konsistenz verlangen die Anwender in der Apotheke daher häufig besonders große Nadeln. Dennoch können sich durch die falsche Injektionstechnik Abszesse bilden. Typisches Anzeichen für Anabolika-Missbrauch ist die sogenannte Steroid-Akne. Die Einnahme von anabolen Steroiden führt zur Hypertrophie der Talgdrüsen, was etwa bei der Hälfte der Anwender zum Aufflammen der »Body-builder-Pickel« (häufig am Rücken) oder auch zur Exazerbation einer bestehenden Akne führen kann.

 

Ferner zählen Kurzatmigkeit (je mehr Muskelmasse, desto höher der Sauerstoffbedarf und desto schneller die Atmung), erhöhte Schweißproduktion und Hunger zu den typischen Symptomen. Ebenso sind Bluthochdruck, erhöhter Augendruck, Depressionen, Gynäkomastie (weibliche Brustbildung bei Männern) sowie Haarausfall, Prostatawachstum und Kopfschmerzen möglich.

 

US-Forscher an der Yale-Universität in New Haven fanden zudem heraus, dass ein erhöhter Testosteronspiegel, wie er auch durch den Missbrauch von Anabolika entsteht, zu einem Verlust von Hirnzellen führen kann. Im Fachmagazin »Journal of Biological Chemistry« (doi: 10.1074/jbc.M603193200) berichten sie, dass hohe Dosen von Testosteron bei den im Labor gezüchteten Nervenzellen den programmierten Zelltod auslösten. Da auch der Herzmuskel unter Steroid-Einnahme wächst, ist das Herzinfarktrisiko erhöht. Der plötzliche Herztod ist bei den »schwarzen Dopingschafen« daher keine Seltenheit.

 

Obwohl injiziert, wird ein Großteil der anabolen Steroide über die Leber metabolisiert. Leberschäden bis hin zum Krebs können die Folge sein. Bei regelmäßiger Anwendung können zudem Schilddrüse, Nieren und Magen Schäden davon tragen.

 

Bei Jugendlichen kann die Einnahme der Hormone besonders fatale Folgen haben, da sie das Knochenwachstum stoppen. Eine Studie von US-Forschern an der University of Southern California´s Keck School of Medicine an Hamstern legt zudem nahe, dass anabol-androgene Steroide nicht nur psychisch, sondern auch körperlich abhängig machen. Das Forscherteam um Neurobiologin Ruth Wood stellte fest, dass die Tiere schnell eine Vorliebe für anabol-androgene Steroide entwickelten, wenn sie sich diese durch einen Mechanismus selber zuführen konnten. Dopingsünder nehmen Steroide ein, um ihre athletische Leistung zu verbessern. Tiere kennen diese Motivationen nicht. »Daher vermuten wir, dass Steroide wahrscheinlich abhängig machen«, folgerte Wood.

 

Zahnlücken als Indiz

 

Zur Muskeldefinition schlucken Bodybuilder häufig zusätzlich Diuretika. Diese bewirken, dass die Muskeln auf dem Körper besonders stark hervortreten. Sämtliche anabolen Steroide fördern das Muskelwachstum beziehungsweise Definition nur so lange, wie sie auch dem Körper zugeführt werden. Setzt man sie ab, schwindet auch die Muskelgröße.

 

Darin unterscheiden sich die Testosteron-Derivate vom Wachstumshormon. Dieses vergrößert nicht die Muskulatur, sondern vermehrt sie. Das bedeutet, dass die Körperstatur auch nach der Einnahme bestehen bleibt. Somatotropin wirkt, indem es das Zell- und Körperwachstum reguliert. Neben Somatotropin sind auch Wachstumsfaktoren wie Somatomedin C (SM-C), auch als Insulin-like-growth-factor-I (IGF-I) bezeichnet, in der Bodybuildingszene verbreitet. Der »Nachteil« von Somatotropin und Co. ist, dass sie quasi nach dem Alles-oder-Nichts-Prinzip funktionieren. Es lassen sich nicht gezielt Muskelpartien vermehren, sondern immer nur alle zusammen. So kann es auch an unerwünschten Stellen zum Muskelwachstum kommen, zum Beispiel am Kiefer. Da die Zähne allerdings nicht mitwachsen, entstehen so mehr oder weniger gleichmäßige Zahnlücken. Auch die auffällig schachtelartige Kopfform vieler Bodybuilder ist ein Indiz für die Einnahme von Somatotropin beziehungsweise von Wachstumsfaktoren. Besonders tückisch an der illegalen Einnahme von Somatotropin ist, dass seine Nebenwirkungen und Gefahren wie Akromegalie und Typ-2-Diabetes meist irreversibel sind. Zudem scheint das Risiko für einige Krebsarten wie Leukämie erhöht zu sein.

 

In Kombination mit Somatotropin wird oft zusätzlich Insulin gespritzt, da dieses die durch Somatotropin verringerte Glucoseaufnahme in die Muskelzellen kompensiert. Häufig kommt dabei eine Mischinfusion aus Insulin, Glucose und/oder Glykogen zum Einsatz. Die Glucoseaufnahme kann so um ein Vielfaches gesteigert werden. Geht bei der Berechnung des Insulinbedarfs allerdings etwas schief, kann das im hypoglykämischen Koma und schlimmstenfalls tödlich enden.


Kabinett beschließt Anti-Doping-Gesetz

Die Bundesregierung hat Anfang März ein »Gesetz zur Verbesserung der Bekämpfung des Dopings im Sport« eingebracht. Dieses stellt den Besitz von nicht geringen Mengen zum Doping geeigneter Arzneimittel unter Strafe. Dazu gehören anabole Substanzen, Hormone und verwandte Verbindungen sowie Substanzen mit antiestrogener Wirkung. Strafbar macht sich, wer verbotene Substanzen »in nicht geringer Menge«, also nicht nur zum Eigengebrauch, besitzt. Die Grenzwerte für »nicht geringe Mengen« sollen in einer Rechtsverordnung noch festgelegt werden.

 

»Die Bekämpfung des Dopings stellt nicht nur im Spitzensport eine große Herausforderung dar«, so Sabine Bätzing, Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Deshalb müsse auch im Breitensport die Einnahme von leistungssteigernden Substanzen, die längst zu einem riesigen Problem geworden ist, eingedämmt werden. Bätzing begrüßte zudem, dass die Informationspflicht über mögliche Dopingwirkungen eines Mittels im Beipackzettel zukünftig Pflicht wird. Obwohl Dopingmittel für Laien nicht immer als solche erkennbar sind, besteht bislang keine allgemeine Hinweispflicht. Das wird sich durch den Warnhinweis in der Gebrauchsinformation entsprechender Arzneimittel nun ändern. Fertigarzneimittel, die bereits vor dem Inkrafttreten dieser Bestimmung zugelassen wurden, dürfen bis zur nächsten Verlängerung ihrer Zulassung, jedoch nicht länger als bis Ende 2008, auch ohne den Warnhinweis in Verkehr gebracht werden.

 

Homöopathika sind aufgrund ihrer Potenzierung von der Regelung nicht betroffen.


Ebenfalls zu den Anabolika zählen ß2-Sympathomimetika wie Clenbuterol und Salbutamol. Neben der gewünschten Bronchien erweiternden Wirkung, die in der Asthmatherapie genutzt wird, zeigen die Wirkstoffe lipolytische und muskelanabole Nebenwirkungen. Nicht nur in der Viehzucht, sondern auch von Dopingsündern wird diese Wirkung bewusst ausgenutzt. In höherer Dosierung können ß2-Sympathomimetika zu Tachykardie, Unruhe, Zittern, Schwitzen sowie zum Blutzuckeranstieg führen.

 

Gefahr für den Nachwuchs

 

Dopingsünder fügen nicht nur sich selbst Schaden zu, sondern auch ihr Nachwuchs scheint gefährdet zu sein. Hinweise darauf gibt zumindest der Gesundheitszustand der insgesamt 69 Nachkommen von 52 gedopten Ex-DDR-Leistungssportlern. Der Dokumentation von Sportsoziologe Privatdozent Dr. Giselher Spitzer und Ex-DDR-Kugelstoßerin Birgit Boese zufolge ist die perinatale Sterberate bei Kindern der 52 Leistungssportler auffällig hoch. So kam es bislang zu fünf Fehl- und drei Totgeburten in der untersuchten Gruppe. Laut statistischem Bundesamt lag die perinatale Sterblichkeit im Jahr 2002 bundesweit deutlich niedriger, nämlich bei 5,8 Totgeburten pro 1000 Geburten.

 

Von den 69 Kindern leiden 37 an mindestens zwei Erkrankungen. 17 haben Allergien, Neurodermitis oder andere Stoffwechselerkrankungen. Sieben Kinder sind körperlich, vier geistig behindert.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 12/2007

 

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