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Präpandemische Impfstoffe: Impfen, bevor es zu spät ist

MEDIZIN

 
Präpandemische Impfstoffe

Impfen, bevor es zu spät ist

Von Elke Wolf, Langen

 

Im Fall einer Influenza-Pandemie sollen Impfstoffe das Schlimmste verhindern. Dabei ruhen die Hoffnungen vor allem auf sogenannten präpandemischen Vakzinen. Diese werden vor dem Ernstfall entwickelt, können aber durch eine Kreuzreaktivität auch vor dem Pandemievirus schützen.

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»Im letzten Jahr hat sich in der Impfstoffforschung und -entwicklung viel getan«, sagte Dr. Michael Pfleiderer vom Paul-Ehrlich-Institut. Einiges, was vor einigen Jahren noch als Standard galt, ist mittlerweile überholt. Die Pharmaindustrie war in den letzten Jahren damit beschäftigt, sogenannte pandemische Ganzvirus-Impfstoffe zu entwickeln. Zwei haben bereits vom Expertenausschuss der europäischen Arzneimittelbehörde (EMEA) ein positives Votum zur Zulassung bekommen. Einer definitiven Zulassung steht dann meist nichts mehr im Wege und sie kann schnellstens erfolgen. Während Daronrix® von GlaxoSmithKline (GSK) schon seit 2005 in den Startlöchern steht, hat Focetria® von Novartis Mitte Februar die Empfehlung zur Zulassung bekommen«, sagte Pfleiderer auf einer Fortbildungsveranstaltung, die sein Haus zusammen mit der Landesapothekerkammer Hessen in Langen ausrichtete.

 

Ziel dieser Impfstoff-Prototypen ist es, im Fall einer Pandemie schnell auf einen bereits zugelassenen Impfstoff zurückgreifen zu können und nicht kostbare Zeit durch regulatorische Maßnahmen zu verlieren. »Zwar muss dieser Musterimpfstoff mit H5N1 dann noch an den aktuellen Pandemie-Virusstamm angepasst werden, doch die Daten zur Immunität, also zur Wirksamkeit, zur Qualität und Verträglichkeit liegen in ausreichender Menge bereits vor«, erklärte der Experte.

 

»Das modernere Konzept verfolgt man aber mit präpandemischen Impfstoffen«, sagte Pfleiderer im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung. Zwei präpandemische Vakzinen sind bereits zur Zulassung eingereicht. Novartis hat Aflunov® und GSK hat Prepandemrix® in der Pipeline. Die Zulassung ist frühestens ab Herbst dieses Jahres zu erwarten. Trend ist dem PEI-Fachmann zufolge, dass für einen Impfstoff sowohl die Zulassung für den präpandemischen als auch für den pandemischen Gebrauch angestrebt wird.

 

Prophylaktisch impfen

 

Präpandemische Impfstoffe sind grundsätzlich H5N1-Impfstoffe, enthalten also Influenza-A-Viren des Typs H5N1, erklärte der Fachmann. »Bei ihnen muss vor der Anwendung nichts mehr modifiziert werden.« Sie sind vorgesehen für den Gebrauch ab WHO-Phase 3. »Quasi ab jetzt, wenn die ersten toten Vögel vom Himmel fallen«, führte Pfleiderer aus. »Die Impfstoffe werden denen verabreicht, die die toten Vögel einsammeln. Auch Familienangehörige können geimpft werden. Sie können nicht nur an Hochrisikogruppen, sondern jederzeit an jedermann verabreicht werden.« Hinter den präpandemischen Impfstoffen steht also das Konzept der prophylaktischen Impfung vor dem Ausbruch einer Pandemie.

 

»Bei präpandemischen Impfstoffen liegt eine ganz andere, viel umfangreichere klinische Datenbasis vor.« Bereits zum Zeitpunkt der Zulassung müssen alle Daten vorliegen, die eine akzeptable Verträglichkeit belegen. Daten zur Immunogenität und Qualität sind selbstredend. Die Verträglichkeit muss sehr genau klinisch evaluiert werden und vorab geklärt sein, weil die Impfstoffe auch denjenigen verabreicht werden, die nur möglicherweise exponiert sind. Das ist der wesentliche Unterschied zu den pandemischen Vakzinen. »Bei den Pandemie-Impfstoffen ist man etwas pragmatischer. Wir möchten zwar qualitativ hochwertige Daten haben, aber die Quantität holen wir uns dann erst im Pandemiefall«, sagte Pfleiderer.

 

Der Datensatz, der für präpandemische Impfstoffe zur Zulassung vorgelegt werden muss, ist also umfangreicher. Hinzu kommt der Nachweis, dass diese Impfstoffe über ein kreuzreagenes Potenzial verfügen, also nicht nur gegen das Impfvirus, sondern auch gegen ähnliche Virusvarianten eine Immunantwort hervorrufen. Geimpfte Personen würden dann im Pandemiefall nicht erkranken. Dass das nicht ganz aus der Luft gegriffen ist, haben Tierversuche ergeben. In den Versuchen konnten die Impfstoffe teilweise eine Kreuzimmunität gegenüber anderen Virusvarianten erzeugen.

 

Adjuvans-abhängige Antigenmenge

 

Aus Erfahrung wird man klug. Dieses Sprichwort gilt auch für die Impfstoffentwicklung. So ist mittlerweile aus Zulassungsverfahren bekannt, dass Aluminiumhydroxid nicht das optimale Adjuvans für Influenzavirusantigene ist. Der 2005 zugelassene Ganzvirus-Impfstoff Daronrix enthält noch Aluminiumhydroxid. Die Herstellerfirma GlaxoSmithKline arbeitet aber bereits an einem Nachfolgeimpfstoff mit einem modernen Adjuvans.

 

Alle modernen Pandemie-Impfstoffe enthalten Öl-in-Wasser-Emulsionen als Adjuvans, also entweder MF 59 von Novartis oder AS03 von GSK, berichtete Pfleiderer. »Diese Öl-in-Wasser-Emulsion ist die Messlatte für Adjuvantien schlechthin.« Sie biete große Vorteile, denn sie mache eine extreme Reduktion der Antigenmenge bei gleichzeitiger Steigerung der Immunogenität möglich. Die Antigenmenge ist entscheidend für die Frage, wie viel Impfstoff im Pandemiefall schnell produziert werden kann.

 

Saisonale Influenza-Impfstoffe sind für den Pandemiefall »wenig hilfreich«. So sind sie mit Ausnahme von Fluad® für über 65-Jährige nicht adjuvantiert und sehr hoch dosiert. Sie sind zwar gut verträglich, aber wenig immunogen und nur wirksam, wenn eine ausreichende Grundimmunität gegen Influenza-A-Viren besteht. Die jährliche Wiederimpfung ist also nötig, erklärte Pfleiderer.

 

Während Deutschland auf Totimpfstoffe gegen Influenza setzt, ist in den USA jüngst ein Lebendimpfstoff zugelassen worden. Die intranasale Vakzine wird in den USA als FluMistTM  angeboten, sagte Pfleiderer. Obwohl das Impfvirus in FluMist vermehrungsfähig ist, verursacht es keine Erkrankung. Das beruhe auf folgender Tatsache: Die Impfviren vermehren sich optimal bei kühleren Temperaturen von etwa 28 Grad Celsius, wie sie in der Nase vorherrschen. Die Vermehrungsfähigkeit der Impfviren bei Körpertemperatur ist dagegen erheblich eingeschränkt, erklärte der Experte. »Damit wird die Immunantwort genau dort etabliert, wo sie unmittelbar benötigt wird.« Und das sehr erfolgreich. Eine gerade publizierte Studie mit 8300 Kindern im Fachjournal »New England Journal of Medicine« (Band 356, Seite 685) zeigt, dass von den nasal geimpften Kindern 44 Prozent weniger an einer Influenza erkrankten als die, die einen inaktivierten Impfstoff erhalten hatten.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 10/2007

 

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