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Ignaz Semmelweis: Retter der Mütter

MAGAZIN

 
Ignaz Semmelweis

Retter der Mütter

Von Andreas Ziegler

 

Ignaz Semmelweis erkannte als Erster die Kontaktinfektion durch medizinisches Personal als Ursache des Kindbettfiebers. Er wurde zu einem Vorreiter der Hygienebewegung und ist heute einer der berühmtesten Mediziner Ungarns. Seit 1965 existiert in seinem Budapester Geburtshaus ein medizin- und pharmaziehistorisches Museum.

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Semmelweis wurde am 1. Juli 1818 in dem Gebäude geboren, das heute das Museum für Geschichte der Medizin beherbergt, und seinen Namen trägt. Sein Medizinstudium absolvierte er in Pest und Wien, wo er 1844 zum Doktor der Medizin promoviert wurde. Nach seinem Entschluss, sich auf die Gynäkologie zu spezialisieren, ging er ans Wiener Allgemeine Krankenhaus (AKH), wo vor allem die Armen der Kaiserstadt entbunden wurden. In den ersten Jahrzehnten nach der Eröffnung des AKH (1784) war die Zahl der Frauen, die bei der Entbindung ums Leben kamen, mit einer Sterblichkeitsrate von 1,25 Prozent relativ gering.

 

Ab 1820 stieg die Zahl der Todesfälle infolge Kindbettfiebers jedoch rapide. Die Station wurde in die Universitätsklinik eingegliedert, und ein Regierungserlass trennte die praktische Ausbildung von Medizinstudenten und Hebammen, dennoch änderte sich an den zahlreichen Todesfällen nichts. Die Medizinstudenten absolvierten in der I., die Hebammenschülerinnen in der II. Abteilung ihr Praktikum. Zwischen 1841 und 1846 verliefen in Abteilung I fast 10 Prozent der Entbindungen tödlich, in Abteilung II dagegen nur 3,38 Prozent. Ein extra eingesetzter Untersuchungsausschuss konnte keine plausible Erklärung dafür finden. In ganz Wien verbreitete sich das Gerücht, dass die Entbindung im Allgemeinen Krankenhaus lebensgefährlich sei, und die Frauen versuchten, das gefürchtete Krankenhaus zu meiden. Sie wussten, dass bei Hausgeburten das Kindbettfieber kaum vorkam.

 

Die vielen Todesfälle ließen Semmelweis keine Ruhe. Er sezierte die verstorbenen Frauen, wobei der Befund stets der gleiche war: Entzündung der Venen- und Lymphgefäße, des Bauch- und Herzfells sowie der Hirnrinde. Über seine Erfahrungen legte er Statistiken an und führte Aufzeichnungen darüber, wer sich jeweils an der Arbeit in der Abteilung beteiligt hatte. Er bemerkte, dass mit der Verminderung der Zahl der Studenten auf der Station auch die Zahl der Todesfälle abnahm.

 

Den letzten Impuls gab ihm schließlich der unerwartete Tod seines Kollegen Kolletschka: Dieser hatte sich bei einer Obduktion an der Hand verletzt und starb an einer Blutvergiftung, das heißt an »Leichengift«. Mit Blick auf das Sezierprotokoll wurde klar, dass der Freund an derselben Krankheit gestorben war, wie die jungen Mütter. Mit der Zeit stellte Semmelweis fest, dass nicht nur die »Leichenteile, sondern auch die aus lebendigen Organismen stammenden anderen zerfallenen organischen Materialien« imstande waren, Kindbettfieber hervorzurufen. Die Überträger mussten also die untersuchenden Ärzte und Medizinstudenten sein, die täglich Kontakt mit Leichen hatten. Da Hebammenschülerinnen nie mit Leichen in Berührung kamen, waren die Mortalitätsstatistiken ihrer Abteilungen weitaus besser.

 

Ein geeignetes Desinfektionsmittel musste gefunden werden. Nach Versuchen mit mehreren Chemikalien entschied sich Semmelweis für Chlorkalk. Im Mai 1847 begann er mit dem Händewaschen in Chlorkalkwasser und verpflichtete auch andere Ärzte, Medizinstudenten und Krankenpfleger dazu. Die Ergebnisse zeigten sich bald: Im Juni betrug die Mortalitätsziffer 2,38 Prozent, im Juli 1,2 und im August 1,8 Prozent. Die Krankheitsursache und ihre Bekämpfung durch Asepsis waren erkannt. Diese einfache Wahrheit brachte ihm von den Kollegen allerdings keine Anerkennung, sie betrachteten das Händewaschen eher als Belästigung und eine »Manie«. Es folgten Jahre des fachlichen Diskurses und der widerstreitenden Meinungen.

 

Im August 1865 starb Semmelweis selber an den Folgen einer Blutvergiftung, die er sich bei einer Operation zuzog. Sein früher Tod wurde durch dieselbe Infektion ausgelöst, die er sein Leben lang bekämpft hatte. Anerkennung für seine Entdeckung bekam er nicht, erst Jahrzehnte später wurden seine Thesen durch die bakteriologischen Erkenntnisse von Pasteur und Koch endgültig bestätigt. Heute ist der »Retter der Mütter«, vermutlich die international bekannteste Kapazität der ungarischen medizinischen Wissenschaft.

 

Museum für Medizin und Pharmazie

 

1958 wurde auf Initiative des Ministeriums des Gesundheitswesens der Museumsausschuss für Geschichte der Medizin gegründet. Seine vorrangige Aufgabe bestand in der Rettung und Neugestaltung des im Krieg stark in Mitleidenschaft gezogenen Geburtshauses von Ignaz Semmelweis in der Apród Straße. Hier sollte eine angemessene Gedenkstätte für den berühmten ungarischen Arzt geschaffen werden. Bereits etwa 50 Jahre zuvor, kurz nach der Gründung ihrer jeweils eigenen Sammlungen, hatten sich der Budapester Königliche Ärzteverein beziehungsweise die Ungarische Pharmazeutische Gesellschaft mit dem Gedanken getragen, ihre Ausstellungen zu einem einheitlichen ungarischen medizin- und pharmaziehistorischen Museum zu vereinen. Der Museumsausschuss trieb diese Idee eines medizinisch-pharmazeutischen Gemeinschaftsmuseums voran. Unter dem Namen »Medizingeschichtliches Museum Semmelweis« öffnete die wissenschaftsgeschichtliche Ausstellung in den Räumen des frisch renovierten Geburtshauses 1965 schließlich ihre Pforten.

 

Das Museum gliedert sich in verschiedene, voneinander unabhängige Bereiche. Der Schwerpunkt liegt auf dem 18. und 19. Jahrhundert. Nacheinander werden dem Besucher Schaustücke aus der Ophtalmologie, Autopsie, Gynäkologie und vor allem der Chirurgie präsentiert. Mit einigem Stolz werden in der Ausstellung auch Leben und Wirken herausragender ungarischer Mediziner vorgestellt, allen voran Ignaz Semmelweis. Sein ehemaliges Wohn- und Arbeitszimmers ist heute ebenso Bestandteil des Museums wie eine im Innenhof des Gebäudes befindliche Grab- und Gedenkstätte, in der er im Oktober 1964 endgültig zur letzten Ruhe gebettet wurde. In der pharmaziegeschichtlichen Sammlung erwarten den Besucher eine umfangreiche Sammlung kunstvoll gestalteter Porzellangefäße und zahlreiche historische Geräte für die Rezeptur. Besonders sehenswert ist für den Pharmazeuten die beeindruckende Apothekeneinrichtung mit originalen, kunstvoll gestalteten Vorratsgefäßen. Sie stammt aus dem Jahr 1813 und stand ursprünglich in der »Szent Lélek Patika« (Heilig-Geist-Apotheke) in Pest.

 

Nur wenige Schritte entfernt von der weltberühmten Fischerbastei liegt das Budapester »Arany Sas Patikamúzeum« (Apothekenmuseum zum Goldenen Adler) inmitten von Budas malerischem Burgviertel. Das historische Gebäude wurde bereits im 15. Jahrhundert erbaut und beherbergte damals ein alchemistisches Labor. Ab dem 18. Jahrhundert befand sich eine Apotheke in dem Gebäude, die dort bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts betrieben wurde. Während der sowjetischen Bombenangriffe im Winter 1944/45 wurde das Gebäude so schwer beschädigt, dass nur noch seine Grundmauern standen. Anfang der 1970er-Jahre reifte die Idee, das Gebäude wieder aufzubauen und es einer musealen Verwendung zuzuführen. Angesichts der langen Tradition einer alchemistischen beziehungsweise pharmazeutischen Nutzung reifte die Idee, ein Apothekenmuseum darin einzurichten. So wurde in dem rekonstruierten Gebäude 1974 schließlich das Apothekenmuseum zum Goldenen Adler als weitgehend eigenständige Unterabteilung des Semmelweis-Museums eröffnet.

 

Es ist wesentlich kleiner als die medizinhistorische Sammlung im Semmelweis-Haus am Donauufer und zeigt ebenfalls eine Reihe antiker Apothekengefäße. Die ältesten unter ihnen datieren auf das 3. vorchristliche Jahrhundert und sind keltischer Provenienz. Zu sehen sind außerdem zahlreiche, in verschiedenen Sprachen abgefasste Bücher. Sie sind lebendiges Zeugnis der vielen verschiedenen sprachlichen und kulturellen Einflüsse auf ungarischem Boden. Höhepunkt des Museums ist die Apothekeneinrichtung der ehemaligen »Szerecsen-patikából« (Mohren-Apotheke) aus dem 18. Jahrhundert.

 

Im zweiten Raum des Museums befinden sich eine sehr heterogene Sammlung verschiedener Arbeitsgeräte sowie zahlreiche Folianten. Unter anderem nennt die Sammlung auch das älteste in ungarischer Sprache verfasste pharmazeutische Fachbuch, ein Herbarium aus dem 16. Jahrhundert, ihr Eigen. In einem kleinen Nebenraum ist ein antikes Alchemistenlabor nachempfunden, wie es sich im 15. Jahrhundert bereits an dieser Stelle befunden hatte. Hier sieht man rund um die ausladende Feuerstelle allerlei Glas- und Metallgerätschaften sowie einige der kuriosen Ausgangsstoffe, die in einem Alchemistenlabor jener Tage zum Einsatz kamen.

 

Beide Ausstellungen sind liebevoll gestaltet und enthalten wertvolle Einzelstücke. Der Ausstellungskatalog in deutscher und englischer Sprache ist knapp gehalten, aber ausreichend, um sich über die Verwendung und das Alter der präsentierten Gegenstände zu informieren. Ein Besuch lohnt sich dabei nicht nur für Medizin- und Pharmaziehistoriker, die Ausstellung bietet auch dem in Pharmaziegeschichte weniger bewanderten Besucher aufschlussreiche Einblicke.


Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 10/2007

 

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