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Medizinforschung

Die Unterschiede der Geschlechter

von Gudrun Heyn, Berlin

Zwischen Mann und Frau gibt es nicht nur den kleinen Unterschied im Körperbau. Geschlechtsunterschiede manifestieren sich auch in der Entstehung und im Verlauf von Krankheiten. Die geschlechtsspezifischen Besonderheiten sollen nun im ersten deutschen Zentrum für Geschlechterforschung in der Medizin (GIM) in Berlin gezielt erforscht werden.

„Bei zahlreichen Erkrankungen treten Unterschiede bei den Geschlechtern auf“, sagte Professor Dr. Vera Regitz-Zagrosek von der Berliner Charité auf dem ersten GIM-Symposium. Diese Unterschiede zeigen sich etwa bei rheumatoiden Erkrankungen, Asthma bronchiale, Multipler Sklerose und bei hämatologischen Tumoren.

Die geschlechtsspezifischen Besonderheiten sind allerdings noch wenig untersucht. Weitgehend unbekannt sind daher die Mechanismen, die sie verursachen, und bei der Therapie können ihre Folgen schlecht berücksichtigt werden. In Lehrbüchern wird etwa das Schmetterlingserythem Lupus erythematodes als Frauenkrankheit und Morbus Bechterew als typische Erkrankung der Männer beschrieben. Warum dies so ist, wurde in der Vergangenheit nur selten hinterfragt.

Dass bei zahlreichen Erkrankungen Unterschiede bestehen, sei früher kaum wahrgenommen worden, sagte Professor Dr. Karin Schenck-Gustafsson vom Karolinska Institut in Stockholm. So zählten fast ausschließlich Erkrankungen der Brust und des Uterus zu den Frauenkrankheiten. Heute weiß man, dass Frauen verstärkt an Osteoporose, entzündlichen Erkrankungen, Müdigkeit, Essstörungen und Depressionen leiden. Bei Männern treten dagegen etwa chronisch obstruktive Lungenerkrankungen häufiger auf und männliche Neugeborene sind häufiger von der Frühgeborenensterblichkeit betroffen. Auch verlaufen chronische Nierenerkrankungen bei Männern in der Regel schneller und stärker progredient.

Herzenssache

Relativ viele Daten gibt es inzwischen zu kardiovaskulären Erkrankungen. Insgesamt leiden mehr Männer an einem nicht eingestellten Bluthochdruck, haben mehr Bypassoperationen als Frauen und sind in allen Altersgruppen häufiger von einem Herzinfarkt betroffen. Dennoch sind die Auswirkungen bei den Frauen weitaus dramatischer. Sie versterben häufiger an einer Erkrankung der Herzkransgefäße, häufiger an einer Herzinsuffizienz, häufiger an einem Schlaganfall und häufiger an den Spätfolgen von Diabetes mellitus als Männer. Bei ihnen endet der erste Infarkt häufiger tödlich und auch die Prognose einer Bypassoperation ist wesentlich ungünstiger. Zweieinhalb Mal mehr Frauen als Männer sterben nach einer Bypassoperation.

 

Das Gehirn tickt anders Auch im Aufbau von Organen gibt es Unterschiede. Lange Zeit wurde behauptet, dass Frauen weniger intelligent seien als Männer, da ihr Gehirn rund 200 Gramm weniger wiegt. Dann wurde jedoch festgestellt, dass bei Frauen das Verhältnis von grauer zu weißer Substanz größer ist als bei den Männern, sagte Professor Dr. Annica Dahlström von der Universität Göteborg. Dadurch holen die Frauen auf. Denn die graue Substanz des Gehirns ist verantwortlich für Funktionen wie Planung, Lernen, soziale Interaktion, Intelligenz- und emotionaler Quotient.

Überdies ist bei Frauen und auch homosexuellen Männern das Corpus callosum, welches die beiden Hemisphären des Gehirns miteinander verbindet, dicker als beim heterosexuell veranlagten Mann. Frauen und Homosexuelle können daher mehrere Dinge gleichzeitig machen und haben einem besseren Überblick. Zudem findet bei Frauen Sprache in beiden Gehirnhälften statt, während beim Mann immer nur eine Hemisphäre aktiv ist. Somit leiden Frauen seltener unter Sprachverlust, wenn die linke Gehirnhälfte von einem Schlaganfall betroffen ist.

Sexualhormone beeinflussen das Gehirnmuster. So bestimmt laut Dahlström die Menge an Testosteron innerhalb zweier Zeitfenster die Entwicklung des männlichen Gehirns. Damit werde das spätere Sexualverhalten aber auch Eigenschaften, wie Aggressivität und Dominanzverhalten festgelegt. Das erste Entwicklungsfenster öffnet sich zwischen dem dritten und sechsten Schwangerschaftsmonat, wobei auch das Testosteron der Mutter eine Rolle spielt, das über die Plazenta zum Fötus gelangt. Das zweite Entwicklungsfenster öffnet sich zwischen der zweiten und fünften Woche nach der Geburt. Männliches Verhalten sei damit weitgehend unabhängig vom Einfluss der Gesellschaft, schloss Dahlström.

 

Auch bezüglich der Häufigkeit des Auftretens in bestimmten Lebensabschnitten unterscheiden sich die Geschlechter. In den jüngeren Jahren stellen die Männer den größten Teil der Bypassoperierten. In der Altersgruppe der 80-Jährigen haben sich die Zahlen für beide Geschlechter angeglichen. Ähnliches ist auch bei den Herzinfarkten zu beobachten. Im Alter steigert sich die Inzidenz bei den Frauen erheblich mehr als bei den Männern. Auf Grund der absoluten Zahlen sprechen Mediziner ab dem 79. Lebensjahr nun sogar von einer Frauenkrankheit.

„Nach der Menopause können wir bei Frauen eine deutliche Zunahme der Herzmuskelmasse beobachten“, berichtete Professor Dr. Pieter Doevendans von der Universität Utrecht. Diese zeigt sich vor allem in einer Hypertrophie des linken Herzens, die zuvor von 17-β-Estradiol insbesondere über den Estrogen-Rezeptor beta wirksam unterdrückt wird. Die Hypertrophie gilt als einer der Risikofaktoren der Herzinsuffizienz, der vor allem bei postmenopausalen Frauen eine entscheidende Rolle spielt.

Weniger gut bekannt ist, dass es auch Unterschiede beim Diabetes mellitus gibt. Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer. Außerdem reagieren beide Geschlechter auf unterschiedliche Risikofaktoren. Bei Männern wirkt sich vor allem ein großer Hüftumfang und ein niedriges HDL-Cholesterin negativ aus. Bei Frauen spielen ein hoher Blutdruck und hohe Gesamttriglycerid-Werte die wichtigere Rolle.

Arzneistoffvorlieben

Auch Medikamente können sich geschlechtsspezifisch auswirken. So zeigte sich in einer 2002 nachträglich vorgenommenen Auswertung der 1997 publizierten Digoxin-Studie, dass Frauen mit einer Herzinsuffizienz besser überlebten, wenn sie Placebo anstatt Digitalis einnahmen, sagte Regitz-Zagrosek. Nur Männer profitieren demnach von der Digoxin-Therapie. Trotz solcher Entdeckungen wird das Geschlecht in Studien immer noch zu wenig berücksichtigt, wie aktuelle Zahlen der EMEA unterstreichen: Von 1998 bis 2003 wurden von der europäischen Arzneimittelbehörde 90 Arzneimittel zugelassen, getrennte Daten für Männer und Frauen finden sich dabei nur in 37 Prozent der Zulassungsstudien.

Doch nicht nur die Wirkung auch der Konsum von Arzneien ist bei den Geschlechtern unterschiedlich. So nimmt mit dem zwölften Lebensjahr die Medikamenteneinnahme deutscher Mädchen stärker zu als bei den Jungen. Im Erwachsenenalter verbrauchen Frauen nicht nur mehr Medikamente, sie suchen auch häufiger den Haus- und Facharzt auf als Männer.

Krankheitsschwerpunkte

Eine Studie mit 3000 Jugendlichen in Mecklenburg-Vorpommern ergab, dass Mädchen häufiger von Schmerzen berichten als Jungen, allen voran von Kopf- und Rückenschmerzen. Dabei unterscheidet sich die Prävalenz von Kopfschmerzen im Alter von zwölf Jahren zunächst noch nicht, sie nimmt aber bei Mädchen bis zu einem Alter von 16 Jahren sehr deutlich zu, während sie bei den Jungen sogar eher abnimmt.

Auch erwachsene Frauen klagen laut Bundes-Gesundheitssurvey häufiger über Schmerzen, an denen mehr als 80 Prozent der 18- bis 50-jährigen Frauen einmal im Jahr leiden. Erst im Alter reduziert sich das weibliche Schmerzempfinden, wohingegen bei den Männern eine kontinuierliche Abnahme mit zunehmendem Alter zu beobachten ist.

Über alle Altersgruppen hinweg sind Frauen außerdem von psychischen Erkrankungen häufiger betroffen. 37 Prozent der befragten Frauen in Deutschland gaben an, im letzten Jahr an einer oder mehreren psychischen Störungen gelitten zu haben. Bei den Männern war dies nur ein Viertel der Befragten. Von Suchterkrankungen sind die Geschlechter hingegen in umgekehrter Weise betroffen.

In allen Gesellschaften, in denen das Bruttosozialprodukt 3000 US-Dollar übersteigt, leben Frauen im Mittel sechs Jahre länger als Männer. So hatten Frauen in Deutschland im Jahr 2002 eine durchschnittliche Lebenserwartung von 81 Jahren, Männer lebten im Durchschnitt 76 Jahre. Die Ursachen für diesen Unterschied sind noch weitgehend unklar. Dieses Phänomen lässt sich jedoch im Mausmodell nachvollziehen. Die Weibchen leben grundsätzlich länger als die Männchen. Daher reicht die These, dass Männer mehr Stress haben und riskanter Leben für eine Erklärung nicht aus, sagte Regitz-Zagrosek.

Für die Zukunft erhoffen sich die Mediziner des GIM viele neue Erkenntnisse zu geschlechtsspezifischen Besonderheiten. Es gilt, das Verständnis von Krankheitsmechanismen weiter zu verbessern und damit spezifischere Behandlungsoptionen zu ermöglichen. Das dies möglich ist, zeigt die Entwicklung auf dem Gebiet der koronaren Herzerkrankungen. Noch 1960 gab es in den Vereinigten Staaten eine Konferenz der Herzspezialisten zum Thema: Wie kann die Hausfrau ihrem herzkranken Ehemann helfen. Anfang diesen Jahres wurden nun in den USA die evidence based guidelines for cardiovascular deseases in women veröffentlicht. In Deutschland hat die Erarbeitung einer solchen Leitlinie gerade begonnen.

 

Frauenherzen leiden anders

von Christiane Berg, Hamburg

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache in Deutschland. Dabei wird der Herzinfarkt noch immer als typische Männerkrankheit angesehen, obwohl weitaus mehr Frauen an dessen Folgen sterben als Männer, sagte Professor Dr. Heinz Völler, Rüdersdorf, auf einer Veranstaltung der Initiative Frauenherz in Hamburg. Zwar seien im Jahr 2002 mehr Männer (148.547) als Frauen (123.842) von einem akuten Herzinfarkt betroffen gewesen, mit 95.000 fielen ihm aber mehr weibliche als männliche Patienten (89.900) zum Opfer.

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Der Hauptgrund für die höhere Sterblichkeit von Frauen verberge sich hinter den eher untypischen Zeichen des weiblichen Herzinfarktes, so Professor Dr. Verena Stangl aus Berlin. Die bislang als charakteristisch geltenden Symptome wie Engegefühl in der Brust verbunden mit Todesangst und ausstrahlenden Schmerzen in den linken Arm träten bei nahezu jeder zweiten Frau nicht auf. Im Gegenteil: Die Mehrzahl der betroffenen Frauen leidet unter unspezifischen Beschwerden wie Kurzatmigkeit, ungewöhnliche Müdigkeit, Schlafstörungen, Übelkeit und Erbrechen. Das Fehlen der klassischen Leitsymptomatik führt dazu, dass sowohl Frauen als auch Notfallärzte die Symptome falsch interpretieren. Studien zufolge werden Frauen mit einem akuten Infarkt daher etwa 40 Minuten später ins Krankenhaus eingeliefert als Männer.

Geschlechterspezifische Unterschiede gibt es zudem bei der Entstehung der KHK. Laut Stangl wirken bei Frauen zwar in der Regel die gleichen Faktoren atherogen wie bei Männern, sie können jedoch in ihrer Wertigkeit stark differieren. So seien etwa Gefäßschädigungen durch einen Diabetes mellitus bei Frauen sehr viel häufiger und die Zuckerkrankheit daher mit einem zwei- bis dreifach höheren koronaren Risiko assoziiert als beim männlichen Geschlecht.

Das Erkrankungsrisiko für eine Frau steigt zudem, wenn sie unter einem polyzystischen Ovarialsyndrom leidet, ihre Menopause bereits mit 40 Jahren einsetzt oder Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt auftraten. Galten bislang vorrangig das Alter und die Menopause als wichtigste weibliche Risikofaktoren, so sei nun bekannt, dass zunehmend psychische Überforderung durch Rollenkonflikte und Doppelbelastung einen weiblichen Herzinfarkt hervorrufen kann. So steige auch die Zahl junger Frauen mit akutem Ereignis infolge von Stress. Nikotinabusus gehe bei beiden Geschlechtern mit einem erhöhten koronaren Risiko einher, doch berge insbesondere die Kombination aus Rauchen und oraler Kontrazeption ein erhöhtes Infarktrisiko.

Wie die Hypertriglyceridämie sei die Hyperhomozysteinämie nach neueren Erkenntnissen ein koronarer Risikofaktor mit größerer Bedeutung für das weibliche Geschlecht. Dagegen entwickeln Frauen mit Hypertonie seltener eine KHK als Männer mit Bluthochdruck. Geschlechterübergreifend erhöhen körperliche Inaktivität und Übergewicht – vor allem bei abdomineller Fettverteilung (Apfelform) – die koronarvaskuläre Mortalität.

 


Beitrag erschienen in Ausgabe 47/2004

 

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