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Idealer Lehrer voller Ideen

MAGAZIN

 
Hermann Thoms

Idealer Lehrer voller Ideen

von Christoph Friedrich, Marburg

 

Hermann Thoms war Hochschullehrer, Wissenschaftsorganisator, Forscher und Gründer der Pharmazeutischen Gesellschaft: Im letzten Jahr wurde sein Grab in Eisenach auf Initiative von Apotheker Dr. Hans-Günter Knorr und dessen Frau restauriert. Dies war Anlass für den Vorstand der DPhG und die Landesgruppe Thüringen, in einem Vortrag an das Leben und Wirken von Thoms zu erinnern.

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Hermann Thoms wurde 1859 in Neustrelitz als Sohn eines Stabsfouriers, das heißt, eines Unteroffiziers, der für Quartier und Verpflegung zuständig war, geboren. Nach dem Besuch der Realschule bis zur Gymnasialsekundareife begann er 1876 die Apothekerlehre in Woldegk/Mecklenburg. Anschließend konditionierte er in Gießen und Koblenz. 1882 immatrikulierte er sich an der Universität Jena, wo er bei Eduard Reichardt (1827-1891) und dem Wöhler-Schüler Anton Geuther (1833-1889) Pharmazie studierte. 1884 legte er die Staatsprüfung mit der Note »sehr gut« ab und setzte seine Studien an der Universität Würzburg bei Johannes Wislicenus (1835-1902) fort.

 

Die Untersuchungen für seine Promotion »Ueber den Bitterstoff der Kalmuswurzel«, die 1886 in Erlangen erfolgte, führte er bei Reichardt im Agrikulturchemischen Laboratorium Jena durch. Wegen dieser Arbeit kam es zu einer Kontroverse mit seinem ehemaligem Lehrer Geuther, der in den »Annalen der Chemie« Thoms‘ Resultate »in allen Punkten als unrichtig« bezeichnete (1). Thoms erklärte, dass der von Geuther nach einer veränderten Methode dargestellte Bitterstoff, auf den Geuther 20 Stunden Wasserdampf hatte einwirken lassen, nicht mit dem von ihm gefundenen identisch sein könne. In der »Pharmaceutischen Centralhalle« setzte er sich 1888 mutig zur Wehr und bemerkte: »Die vorliegende Untersuchung bringt neben mehreren neu aufgefundenen Körpern den Beweis, dass das Acorin [so nannte er seinen Bitterstoff] [...] nicht wie Geuther zu finden glaubte, ein sauer reagierender, stickstoffhaltiger Körper ist, sondern meinen erstveröffentlichten Versuchen gemäss einen neutral reagirenden, stickstofffreien Bitterstoff repräsentirt” (2).

 

Es zeugt von einigem Mut des noch jungen Wissenschaftlers, in einer autoritätsgläubigen Zeit einem gestandenen Ordinarius zu widersprechen. Gleichwohl bedeutete dies vorerst das Ende seiner Universitätskarriere. Thoms übernahm 1886 eine Vertretung in der Laux‘schen Apotheke in Berlin, 1887 wurde er Verwalter der Hofapotheke Weimar. 1889 wechselte er in die Firma J. D. Riedel, wo er zunächst als Labor- und dann als Fabrikationsleiter wirkte. Bei Riedel begann man auf Anregung von Thoms - dem 1893 die Synthese des Süßstoffs Dulcin aus p-Phenetidin und Harnstoff gelang - mit der Herstellung organisch-synthetischer Arzneistoffe (1).

 

1890 erfolgte auf Initiative von Thoms die Gründung der Pharmazeutischen Gesellschaft. Im Unterschied zu Alexander Tschirch (1856-1939), der dies bereits 1884 versucht hatte, ging Thoms diplomatischer vor. Gemeinsam mit vier Apothekern lud er zu monatlich stattfindenden Vorträgen über neue Erkenntnisse der pharmazeutischen Wissenschaften ein. Die Frage, ob die Pharmazeutische Gesellschaft dem Deutschen Apotheker-Verein angegliedert werden oder selbstständig existieren sollte, blieb zunächst offen. Eine breite Zustimmung aus dem In- und Ausland ermutigte Thoms am 6. November 1890, die Gründung der Pharmazeutischen Gesellschaft in Berlin vorzunehmen. Dem Deutschen Apotheker-Verein dankte er mit konzilianter Höflichkeit für das Angebot, die Gesellschaft anzugliedern, betonte indessen, dass es sinnvoll sei, die Gesellschaft fern von merkantilen Interessen, wie sie der Deutsche Apotheker-Verein repräsentieren müsse, zu entwickeln: »Soll die Wissenschaft wahrhaft nutzbringend wirken, so muß sie sich frei entwickeln können, losgelöst von allen Schranken und auf einen neutralen Boden gestellt sein« (3).

 

Thoms wirkte damals zugleich als Zeitschriftenredakteur; bereits 1889 war er der Redaktion der »Pharmaceutischen Centralhalle« beigetreten. 1894 avancierte er für zwei Jahre zum hauptamtlichen Redakteur der Apotheker-Zeitung. Im gleichen Jahr holte er das Abitur nach, das eine Voraussetzung für seine akademische Karriere war.

 

Später Ruf zum Ordinarius

 

Am 31. Januar 1895 habilitierte sich Thoms mit der Vorlesung »Aufgaben und Grenzen der wissenschaftlichen Pharmazie« an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin. Unter seinem maßgeblichen Einsatz entstand ab 1900 ein Pharmazeutisches Institut, das im Oktober 1902 eingeweiht werden konnte. Dennoch wurde nicht Thoms, sondern Ernst Beckmann (1853-1923) aus Leipzig auf den Lehrstuhl für Pharmazeutische Chemie berufen. Es heißt, dass Thoms' Ehefrau Beckmann schließlich zur Ablehnung des Rufes bewogen habe, indem sie diesem die Verdienste ihres Mannes schilderte. Als Ursache für das Übergehen von Thoms wird von den Biografen immer wieder die Kontroverse mit seinem ehemaligen Lehrer Geuther genannt. Diese lag allerdings 16 Jahre zurück. Gleichwohl waren auch damals Fremdberufungen die Regel. Zudem dürfte sich Thoms während der aktiven Bauphase in Berlin nicht nur Freunde gemacht haben. Thoms erhielt zunächst nur eine Ernennung zum interimistischen Vorstand; 1906 wurde er Institutsdirektor. Erst 1920 berief man ihn zum Ordinarius.

 

Wie aus den Quellen ersichtlich, leistete Thoms eine umfangreiche Lehrtätigkeit: In den 33 Jahren seines Wirkens in Berlin hielt er 20 unterschiedliche Vorlesungen. Neben der Pharmazeutischen Chemie las er Lebensmittel- und Toxikologische Chemie, über Arzneimittelprüfung, Betäubungsmittel, Volksheilmittel und Apothekengesetzgebung. Auch sein wissenschaftliches Werk lässt eine bemerkenswerte Vielseitigkeit erkennen. Von den 399 Publikationen widmeten sich 190 der Pflanzenchemie, traditionsgemäß noch an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ein wichtiges Arbeitsgebiet der Hochschulpharmazie. In zehn Arbeiten beschäftigte sich Thoms mit dem Kalmus, 67 Publikationen befassen sich mit ätherischen Ölen. In Zusammenarbeit mit dem Kolonialwirtschaftlichen Komitee untersuchte er ausländische Drogen und legte die Ergebnisse in 40 Aufsätzen nieder. Schließlich widmen sich 33 Veröffentlichungen der Synthese potenzieller Wirkstoffe, und 27 Beiträge erschienen zur Arzneistoffanalytik. Thoms verfasste ferner 16 Bücher, darunter das »Handbuch der praktischen und wissenschaftlichen Pharmazie« und die »Grundzüge der pharmazeutischen und medizinischen Chemie«(4).

 

Wissenschaftliche Schule gegründet

 

Thoms war Gründer einer wissenschaftliche Schule, zu der 2300 Studenten als Schüler im weiteren Sinne, 168 Doktoranden als Schüler im engeren Sinne und drei als Schüler im engsten Sinne, die ihre gesamte wissenschaftliche Laufbahn unter ihm absolvierten, zählen. Insgesamt gingen 16 Hochschullehrer aus seinem Schülerkreis hervor; vier erhielten Professuren in den USA sowie in Japan. Die relativ kleine Arbeitsgruppe von acht bis zwölf Personen erlaubte Thoms eine intensive Betreuung. Die wissenschaftliche Anerkennung spiegelt sich nicht nur in zahlreichen Ehrungen wider, sondern auch in einer Weltreise, die Thoms 1923 gemeinsam mit seiner Frau unternahm und die sie in die USA, nach Japan, China, Java und Indien führte. Die Reise gestaltete sich zu einem »wahren Triumphzug« für den international anerkannten Hochschullehrer. Als Ergebnis erschien 1924 vom Ehepaar Thoms ein Buch mit dem Titel »Weltreise zweier Deutscher«.

 

Gemäß der Klassifikation großer Wissenschaftler nach Wilhelm Ostwald verkörpert Thoms den Typ des »Romantikers«, der im Unterschied zu dem des »Klassikers«, der lieber für sich allein mit größter Gründlichkeit und Genauigkeit forscht, geradezu zum Schulenleiter prädestiniert ist. Romantiker produzieren Forschungsergebnisse schnell, leicht und in großer Zahl. Sie sind mitteilsam und daher ideale Lehrer und stecken voller Ideen, von denen sie gar nicht alle zu realisieren vermögen, weshalb sie zahlreiche Schüler zu Untersuchungen anregen (5).

 

Thoms setzte sich für die Verbesserung der pharmazeutischen Ausbildung ein. 1899 legte er gemeinsam mit Ernst Schmidt (1845-1921) aus Marburg einen Studienplan für ein viersemestriges Studium vor. Auch die Prüfungsordnung von 1934 trägt seine Handschrift. Die von Thoms empfohlene Zwischenprüfung nach vier Semestern fand jedoch keine Akzeptanz, so dass der Entwurf von 1931 nochmals überarbeitet werden musste und erst in der NS-Zeit verabschiedet wurde.

 

Nach Urban war Thoms ein »Organisator, dessen geschickte Hand alle Schwierigkeiten meisterte« und der auf keinem Gebiet so sehr eine Meisterschaft besaß wie auf dem der Organisation (6). Sicher war Thoms ­ wie für diese Zeit typisch ­ autoritär; Sabalitschka beschreibt Thoms‘ Auftreten im Institut lakonisch mit dem Satz: »Der Flottenkapitän inspiziert sein Schiff« (7). Im Unterschied zu seinem Nachfolger Carl Mannich (1877-1947), der eher als introvertiert geschildert wird, repräsentierte er gern und liebte es, im Mittelpunkt zu stehen. Daneben zeichneten ihn aber Eigenschaften wie Pflichttreue und Hilfsbereitschaft aus. Siedler bemerkt, dass es Thoms schwer fiel, jemandem eine Bitte abzuschlagen. Er berichtet ferner über Thoms‘ Nachsicht mit den Schwächen anderer (8).

 

1927 erfolgte anlässlich der Feier zum 25-jährigen Bestehen des Instituts seine Emeritierung und die Amtsübergabe an Mannich. Ein Privatlaboratorium ermöglichte es Thoms, noch weiter wissenschaftlich zu arbeiten. Bis zu seinem Tod erschienen noch 27 Publikationen. Er übernahm zudem nach wie vor die Repräsentation des Institutes nach »außen«, die Mannich gern an ihn abtrat. Am 28. November 1931 ist Hermann Thoms im Alter von 72 Jahren in seiner Wohnung an einem Herzschlag gestorben.

 

Das Jahr 1931 hatte ohne besondere Vorzeichen begonnen. Thoms beendete die 9. Auflage seiner »Grundzüge der pharmazeutischen und medizinischen Chemie« und widmete sich der Ausbildungsreform. Zwei Tage vor seinem Tod war der Entwurf einer neuen Prüfungsordnung für Apotheker fertig. Im Oktober hatte er Reisen nach England und Budapest unternommen, wo er Deutschland in der internationalen pharmazeutischen Vereinigung vertrat. Im November leitet er die Generalversammlung der Pharmazeutischen Gesellschaft.

 

Am 28. November wollte er wie gewöhnlich an seine Arbeit gehen, fühlte sich jedoch nicht wohl, kehrte auf der Straße wieder um und begab sich nach Hause. Er telefonierte mit der Geschäftsstelle der Pharmazeutischen Gesellschaft und bat Paul Siedler (1857-1935), zu ihm zu kommen. Als dieser eintraf, lag Thoms im Sterben. In der Apotheker-Zeitung hieß es: »Er hat das Ende gefunden, das er sich gewünscht hat. Kurz, ohne Leiden, mitten in der Arbeit. [...] Jeder hätte ihm gern noch einige Jahre der Ruhe gegönnt, in denen er guter Musik, die er so sehr liebte, hätte lauschen, in denen er seinen Goethe hätte lesen können. Das Schicksal hat es anders gewollt. Wir haben ihn zur letzten Ruhe geleitet, in Eisenach, wo er als Lebender gern weilte, wo er sich die Stelle selbst ausgewählt, an der er ruhen wollte.

 

Ja, Hermann Thoms war gesegnet. Eine stattliche, imponierende Erscheinung, ein bedeutend geformter Kopf hoben ihn schon äußerlich hervor; eine unerschütterliche Gesundheit hatte ihm die Natur mitgegeben, die jeder, wirklich jeder Arbeitslast gewachsen war; ihm war ein glückliches, heiteres Naturell beschert, an dem der kleinliche Aerger des Alltags abprallte; hohe geistige Gaben, Lebensklugheit, zähe Energie hatte er auf den Lebensweg mitbekommen, oder durch Selbstzucht erworben; nicht zuletzt war ihm ein edles, gütiges und wohlwollendes Herz eigen, ein für alles Schöne empfängliches Gemüt« (9).


Literatur

  1. Friedrich, Ch., Wissenschaftliche Schulen in der Pharmazie. Eine wissenschaftshistorische Analyse unter Berücksichtigung deutschsprachiger Ausbildungs- und Forschungseinrichtungen. Habilitationsschrift, Greifswald 1987.
  2. Thoms, H., Weitere Mittheilungen über die Bestandtheile der Kalmuswurzel, Pharm. Centralhalle 29 (1888), 304
  3. Schmitz, R., 100 Jahre Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft. Stuttgart 1990, S. 23-26.
  4. Friedrich, Ch., Das Pharmazeutische Institut in Berlin-Dahlem bis 1945. In: Dilg, P., Engel, M., Pharmazie in Berlin. Historische und aktuelle Aspekte. Berlin 2003, S. 25-30.
  5. Ostwald, W., Große Männer. Leipzig 1909.
  6. Urban, E., Hermann Thoms ­ Mensch und Meister, Pharm. Ztg 85 (1949), 123-126.
  7. Sabalitschka, Th., Das 25-jährige Bestehen des Pharmazeutischen Instituts der Universität Berlin, Pharm. Ztg. 72 (1927), 1347-1351.
  8. Siedler, P., Hermann Thoms, Arch. Pharm. 270 (1932), 2
  9. O. A., Hermann Thoms Gedenkfeier, Apoth.-Ztg. 46 (1931), 1621.

Anschrift des Verfassers:

Professor Dr. Christoph Friedrich

Institut für Geschichte der Pharmazie

Roter Graben 10

35032 Marburg


Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 48/2005

 

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