86 Zytostatika

 Capecitabin (Xeloda® Tabl.; Hoffmann-La-Roche)


Mit Capecitabin kam Mitte Februar 2001 ein peroral applizierbares Zytostatikum zur Firstline-Therapie von metastasierten Dickdarmtumoren auf den deutschen Markt. Capecitabin, ein Fluoropyrimidin-Carbamat, ist ein Prodrug, das nach der Resorption in drei Schritten zum zytotoxischen 5-Fluorouracil (5-FU) aktiviert wird. Den letzten Schritt katalysiert die Thymidinphosphorylase, die in hoher Konzentration in Tumorzellen vorliegt.
Die Enzymaktivität ist im kolorektalen Tumorgewebe etwa viermal so hoch wie im angrenzenden gesunden Gewebe. In einer Studie lag die 5-FU-Konzentration im Krebsgewebe bei 19 Patienten mit kolorektalem Karzinom etwa 3,2-fach höher als im gesunden Kolongewebe. 5-FU stört als Antimetabolit sowohl die Synthese von DNA als auch von RNA und Proteinen. Der Wirkstoff wird weiter zu inaktiven Metaboliten abgebaut und renal eliminiert.
In zwei randomisierten Phase-III-Studien wurde Capecitabin mit der Kombination von 5-FU und Folinsäure verglichen. 603 Patienten erhielten Capecitabin 1250 mg/m² zweimal täglich peroral über 14 Tage, gefolgt von einer Woche Pause. 604 Patienten bekamen intravenös 20 mg/m²/Tag Folinsäure plus 425 mg/m² 5-FU (Mayo-Regime) an den Tagen eins bis fünf, alle 28 Tage. Deutlich mehr Patienten erlebten mit der peroralen Therapie eine komplette oder partielle Remission (25,7 versus 16,7 Prozent). Die mittlere Zeit bis zum Fortschreiten des Tumorwachstums (4,6 versus 4,7 Monate) und die Gesamtüberlebenszeit (12,9 Monate) unterschieden sich jedoch nicht.
Allerdings vertrugen die Patienten Capecitabin besser und mussten deutlich seltener wegen schwerer Nebenwirkungen ins Krankenhaus (11,6 versus 18 Prozent). Insgesamt traten Durchfall, Übelkeit, Erbrechen und vor allem Stomatitis seltener auf. Dennoch reagierten 13 Prozent der Patienten unter Capecitabin und 12 Prozent unter 5-FU/Folinsäure mit schweren Diarrhöen. Deutlich häufiger kam es bei der peroralen Medikation zum Hand-Fuß-Syndrom (palmoplantare Erythrodysästhesie), über das die Hälfte der Patienten klagte. Die Symptome reichen von Taubheitsgefühl, Kribbeln und Missempfindungen bis zu starken Schmerzen, Geschwür- und Blasenbildung an Händen oder Füßen. Capecitabin wird zweimal täglich, morgens und abends, innerhalb von 30 Minuten nach einer Mahlzeit eingenommen. Je nach Dosierung - empfohlen werden 2500 mg/m² täglich - muss der Patient jeweils drei bis sieben Tabletten schlucken. Bei schweren Nebenwirkungen, zum Beispiel Durchfall, Übelkeit, Bauchschmerzen, Entzündungen der Mundschleimhaut oder Hand-Fuß-Syndrom, muss die Therapie unterbrochen oder die Dosis reduziert werden.
Derzeit wird Capecitabin auch in Kombination mit Irinotecan oder Oxaliplatin bei Patienten mit Kolonkarzinom sowie bei Frauen mit metastasiertem Mammakarzinom als First- oder Secondline-Therapie geprüft. 
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