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Paradigmenwechsel in der Fortbildung

TITEL

 
Lebenslang lernen

Paradigmenwechsel in der Fortbildung

von Christiane Staiger, Neu-Isenburg

 

Mit der Erteilung der Approbation ist die pharmazeutische Bildung nicht abgeschlossen. Jeder Apotheker weiß, wie wichtig es ist, sein Wissen das gesamte Berufsleben lang auf dem neuesten Stand zu halten - sich fortzubilden. Dies hat bei den Apothekern seit Jahrhunderten gute Tradition. Neue Konzepte sollen die traditionellen Methoden ablösen.

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Die Angehörigen der Heilberufe sind zur Fortbildung verpflichtet, wenn sie ihren Beruf ausüben wollen (1). Dies ist in den Heilberufs- und Kammergesetzen der Länder und den Berufsordnungen der Kammern verankert. Historisch betrachtet ist die Fortbildung so alt wie der Apothekerberuf selbst. Besonders im vergangenen Jahrhundert erfuhr sie jedoch grundlegende methodische und organisatorische Veränderungen.

 

Die Aktualisierung des Wissens bei Neuauflagen des gültigen Arzneibuchs stand in früheren Jahrhunderten im Vordergrund. Weiterentwicklungen im Bereich der Herstellungs- und Untersuchungsmethoden erforderten es, die theoretischen Kenntnisse und praktischen Fähigkeiten aufzufrischen (2). Daneben war es wichtig, nicht nur auf eigene Erfahrungen zu vertrauen, sondern auch das Wissen anderer einzubeziehen.

 

Neben dem persönlichen Erfahrungsaustausch durch Gespräche oder der Korrespondenz mit Kollegen bildeten sich organisierte Formen, insbesondere in pharmazeutischen Vereinigungen und Gesellschaften. Seit dem 17. Jahrhundert hatten sich Apotheker in Gremien mit wirtschaftlichen und standespolitischen Aufgaben zusammengefunden. Daneben entstanden um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert zahlreiche regionale Verbände, die sich den wissenschaftlichen Erfahrungsaustausch zum Ziel gesetzt hatten. Bekannt sind zum Beispiel das »Erfurter Apothekerkränzchen« oder der »Apotheker-Verein im nördlichen Teutschland«. Während Vereine zur Vertretung wirtschaftlicher Interessen meist nur Apothekenbesitzern offen standen, wurden in Kollegien zur wissenschaftlichen Fortbildung auch angestellte Pharmazeuten aufgenommen.

 

An der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert erlangten zudem regelmäßig erscheinende pharmazeutische Zeitschriften und Jahrbücher erhebliche Bedeutung für die Fortbildung. Neue Erkenntnisse zu veröffentlichen und sie unter Fachkollegen zu diskutieren, wurde zu einer wichtigen Grundlage der Wissensaktualisierung. Beispiele für frühe wissenschaftliche Zeitschriften sind der Almanach oder Taschenbuch für Scheidekünstler und Apotheker sowie das Journal der Pharmacie für Aerzte und Apotheker.

 

Welche Bedeutung diese Art der Fortbildung insbesondere für Apotheker auf dem Land oder in Kleinstädten besaß, die wenig Gelegenheit zum direkten Erfahrungsaustausch mit Kollegen hatten, belegt ein Brief des in Salzuflen lebenden Apothekers Rudolph Brandes (1795 bis 1842) (3): »Ist das neueste Stück [von Trommsdorff‹s Journal der Pharmacie] schon erschienen? - ich erwarte es mit Sehnsucht, um mich mit seinem Inhalte bekannt zu machen; und Neues aus der Chemie zu erfahren, welches mir in meiner isolirten Lage nur durch die Journale werden kann.«

 

Auch der interdisziplinäre Dialog spielte eine wichtige Rolle. Einen Beleg für gemeinsame heilberufliche Fortbildung findet man in einem Brief aus dem Jahr 1826 (4). Der Apotheker Ludwig Franz Bley (1799 bis 1868) besaß in der Kleinstadt Bernburg eine Apotheke und berichtete seinem Schwiegervater Johann Bartholomäus Trommsdorff (1770 bis 1837): »Freilich vermißt der an wissenschaftlichen Umgang Gewöhnte, solchen einigermaßen hier, wenigstens in rein-chemischer Hinsicht, doch gewährt ihm auf der andern Seite ein Verein von Aerzten und Apothekern hiesigen Orts und Umgegend, dessen Zweck es ist durch Lesen von wissenschaftl[ichen] Zeitschriften und Zusammenkünften weiter fortzuschreiten in wissenschaftl[icher] Ausbildung, einigermaßen Ersatz.«

 

Pharmazeutische Gesellschaften

 

Neben lokalen Kreisen zur Fortbildung bieten bis heute überregionale Treffen und Kongresse vorzügliche Gelegenheiten zum Wissens- und Erfahrungsaustausch. Historische Beispiele sind die Versammlungen der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (5), die die interdisziplinäre und internationale Begegnung zwischen Pharmazeuten, Ärzten und Naturwissenschaftlern ermöglichten.

 

1890 mündeten vielfältige regionale Aktivitäten zur pharmazeutischen Fortbildung in die Gründung einer überregionalen Organisation, die heute den Namen Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft (DPhG) trägt (6). Die Satzung bestimmte, dass die Gesellschaft »einen anregenden und wirksamen Mittelpunkt für wissenschaftliche Bestrebungen auf dem Gesammtgebiete der Pharmacie bilden [sollte...]. Dieser Zweck wird durch Versammlungen zu erreichen gesucht [...]. In den Versammlungen werden wissenschaftliche Mittheilungen anwesender und auswärtiger Mitglieder zum Vortrage gebracht.« Bis heute deckt die DPhG mit ihren Vorträgen und Tagungen einen wichtigen Anteil der beruflichen Fortbildung für Apotheker ab.

 

Fortbildung im Dritten Reich

 

Eine besondere Organisationsform erhielt die Fortbildung in Deutschland im Dritten Reich. Mit der Gründung der Akademie für pharmazeutische Fortbildung am 16. März 1936 wurde nicht nur eine überregionale zentrale Organisation in Deutschland geschaffen, sondern auch die Pflichtfortbildung eingeführt (7).

 

Die Akademie stand unter der Leitung von Reichsapothekerführer Albert Schmierer (1899 bis 1974) und hatte laut Satzung die Aufgabe, »die Kenntnisse und Fertigkeiten der im Beruf tätigen approbierten deutschen Apotheker zu vertiefen und zu erweitern«. Durch planmäßige und umfassende Schulung sollte das Wissen und Können des Apothekers »zur Erreichung einer beruflichen Höchstleistung dem jeweiligen Stande von Wissenschaft und Technik weitgehendst angepasst werden« (8).

 

Fachliche Einzelvorträge und Vortragsreihen, Arbeitsgemeinschaften, in denen eine aktive Mitarbeit jedes einzelnen Apothekers erwünscht war, sowie Tages-, Wochenend- oder Wochenlehrgänge gehörten neben den - von politischen Inhalten geprägten - Schulungslagern zum Programm der Akademie. Vorträge sollten durch Demonstrationen und Experimente unterstützt und belebt werden. Praktische Beispiele und die eigene Betätigung sollten ein besseres Verständnis für die Materie und die Umsetzung im Berufsalltag erleichtern. Der Apotheker sollte als wertvoller und unentbehrlicher Berater des Arztes und des Patienten positioniert werden, wozu er die pharmazeutischen Gebiete besonders gründlich beherrschen musste.

 

Der Akademiegründung waren Bemühungen um die Gleichschaltung des Berufsstands und der Berufsorganisationen vorausgegangen. Eine den nationalsozialistischen Grundsätzen entsprechende Berufsauffassung im Dienst der Volksgesundheit beinhaltete das Streben nach besonderen Leistungen im Beruf. Folgerichtig verstand man in der Diktatur des Dritten Reichs regelmäßige Fortbildung nicht nur als Teil des Berufsethos, sondern verfügte die Pflichtfortbildung.

 

Methodenvielfalt

 

Die Fortbildungsmethoden in der Pharmazie waren stets vielfältig. Bis in die 1970er Jahre waren Laborpraktika, besonders bei Neuauflagen des Arzneibuchs, beliebt, um die Kenntnisse in Analytik und Galenik zu vervollkommnen. Das Studium von Fachzeitschriften und der Besuch von Kongressen und Vorträgen haben eine noch längere Tradition. Sie sind auch heute die häufigsten Fortbildungsformen. Daneben bieten die modernen Medien viele Optionen. Videofilme, zum Beispiel Videopharm, oder Workshops, die anhand konkreter Patientenbeispiele Arzneimitteltherapie-Ansätze diskutieren, gehören ebenso zum Angebot wie die Nutzung des Internets.

 

Wer sein Wissen zur Arzneimitteltherapie zahlreicher Erkrankungen, zu pharmazeutischer Betreuung, Management oder Kommunikation testen möchte, kann dies auch online tun. Im angelsächsischen Raum ist die Online-Fortbildung am weitesten entwickelt, doch auch in Deutschland nehmen die Angebote zu. Eine sorgfältig ausgearbeitete Lektion im Netz besteht in der Regel aus einem Text, ähnlich einem Artikel einer Fachzeitschrift, und einem Fragebogen. Diesen kann man direkt am Bildschirm beantworten und per E-Mail versenden. Binnen weniger Sekunden erhält der Fortbildungswillige eine elektronische Antwort, die das Testergebnis und ein druckbares Teilnahmezertifikat beinhaltet. Beispiele für Webadressen geben die Tabellen 1 und 2.

 


Tabelle 1: Auswahl deutschsprachiger Fortbildungsseiten im Internet

Anbieter 
Web-Adresse 
PZ-Akademie 
www.pz-akademie.de 
Apothekerwissen.de. Universität Witten/Herdecke 
www.apothekerwissen.de 
DPhG Online-Fortbildung Pharmazie in unserer Zeit 
www.dphg.de/aktivitaeten/pharmuz 
GEHE Akademie; Lernen via Internet 
www.gehe-akademie.de 
LaMedica virtuelle Lernakademie 
www.lamedica.de 
Medknowledge Online Fortbildung - E-Learning für Mediziner 
www.medknowledge.de/aerzte/online-fortbildung.htm 
MGDA-Coaching-Plattform für Apotheker und PTAs 
www.mgda-coaching.de 
Prometheus. Lernsystem für die medizinische Aus- und Weiterbildung 
www.prometheus.uni-tuebingen.de 
Zertifizierte Fortbildung online. Zeitschrift Ärztliche Praxis 
www.aerztliche-praxis.de/fortbildung 
Universität Bern: Verzeichnis der E-Learning-Angebote der Medizinischen Fakultät 
http://e-learning.studmed.unibe.ch 
Pnn pharma nation network. Online-Fortbildung 
http://pnn.ethz.ch 
AgfamLearn, Arbeitsgemeinschaft Fortbildung für Apothekenmitarbeiter 
www.agfam.ch/html/agfamlearn.html 

Eine der weltweit umfangreichsten Linklisten zur Internet-Fortbildung bietet die Online-Ausgabe der Pharmazeutischen Zeitung. Unter www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=fortbildung finden Interessierte eine große Auswahl der wichtigsten internationalen Websites.

 

Punkten für die Fortbildung

 

Seit einigen Jahren bieten immer mehr, ab 2006 alle Landesapothekerkammern den Erwerb eines freiwilligen Fortbildungszertifikats an (9). Wer die erforderliche Punktzahl innerhalb des festgesetzten Zeitraums nachweist, hält so den schriftlichen Beleg in Händen, sein pharmazeutisches Wissen gepflegt und an den aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik angepasst zu haben.

 


Tabelle 2: US-amerikanische Fortbildungslektionen ohne Gebühr (Auswahl)

ASHP CE Testing Center 
http://ce.ashp.org 
CME-CE.COM. The Professional's Network 
www.cme-ce.com 
FreeCE.com Pharmaceutical Continuing education 
www.freece.com 
NCPA National Community Pharmacists Association On-Line Continuing Education for Pharmacists 
www.ncpanet.org/conted 
Power-Pak Communications CE 
www.powerpak.com 
US Pharmacist. Continuing Education Exams 
www.uspharmacist.com/index.asp?show=ce 

Als Basis für das Punktesammeln bieten die Apothekerkammern der Länder ihren Mitgliedern vielfältige Fortbildungsveranstaltungen, die sie teils fantasievoll benennen. So begegnen dem Interessierten neben allgemeiner, regionaler, zentraler und dezentraler Fortbildung die Begriffe Seminar-, Spezial-, Winter-, Team-, Online-, Punkte- und Zertifikat(s)fortbildung sowie indikationsbegleitende, akkreditierte, zertifizierte und praxisorientierte Fortbildung und schließlich Intensiv-Fortbildung mit und ohne Abschlusszertifikat (ohne Anspruch auf Vollständigkeit).

 

Dabei ist diese Begriffsvielfalt nicht immer nachvollziehbar. Selbst so mancher Vertreter der Apothekerkammern kommt in Stottern, wenn er die manchmal kleinen, aber feinen Unterschiede genau erklären soll. Machen Sie den Test: Kennen Sie auf Anhieb den Unterschied zwischen Zertifikat(s)fortbildung, Zertifizierter Fortbildung und Fortbildungszertifikat? Hilfe bietet die Erklärung im Kasten.

 

 


Wortwirbel um das Zertifikat 
Bei den Zertifikatfortbildungen handelt es sich um Intensivfortbildungen, die einen vorgeschriebenen, strukturierten Umfang zu einem besonderen Thema beinhalten. Die Bundesapothekerkammer hat dazu, zum Teil auch in Zusammenarbeit mit den Ärzteverbänden, Curricula erarbeitet, die von den Apothekerkammern umgesetzt werden. Bislang sind dies: Pharmazeutische Betreuung diabetischer Patienten (36 h), von Asthma-Patienten (9 h), von Kindern mit Asthma (20 h), von Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen (30 h), von Hypertonie-Patienten (10 h), von Patienten mit Koronarer Herzerkrankung (KHK) oder Herzinsuffizienz (20 h) sowie Wundversorgung durch den Apotheker (14 h), Interaktionen (2,5 h) und Case-Management in der öffentlichen Apotheke (30 h).
Die Zertifikatfortbildungen haben nicht nur Seminarcharakter. Sie erfordern neben der aktiven Teilnahme in aller Regel auch den Nachweis praktischer Tätigkeiten. Die Bestätigung der erfolgreichen Teilnahme ist meist mit einer Erfolgskontrolle verbunden. Nach Abschluss der Intensivfortbildung erhalten die Teilnehmer ein entsprechendes Zertifikat - daher der Name Zertifikatfortbildung.
Zertifizierte Fortbildungen sind alle Veranstaltungen, die von den Kammern für den Erwerb eines anderen Zertifikats, nämlich des »Freiwilligen Fortbildungszertifikats« bepunktet werden. In der Regel müssen Apothekerinnen und Apotheker 150 Punkte und PTA 100 Punkte in drei Jahren nachweisen, um dieses zu erhalten. Bepunktet werden neben der Teilnahme an Seminaren, Workshops, Praktika, Kongressen, Exkursionen und Vorträgen auch die innerbetriebliche Fortbildung, Hospitationen, Selbststudium, Autorenschaft, das heißt das Verfassen von Fachartikeln und Vorträgen, sowie Internetlektionen.
Zertifikatfortbildungen sind also in der Regel zertifizierte Fortbildungen, aber nicht umgekehrt. 

Eine besonders blumige Bezeichnung hat die Apothekerkammer Berlin gefunden. Sie verteilt gemäß ihrer »Richtlinie für die Zertifizierte Kompetenzerhaltung und das Freiwillige Fortbildungszertifikat« keine Fortbildungs-, sondern Kompetenz- oder Qualitätspunkte. Diese Bezeichnung verkennt indessen, dass das Erwerben von Kenntnissen und Fertigkeiten nicht gleichbedeutend mit deren Anwendung ist: »Being trained and being competent are not the same thing« (10). Tatsächlich beschäftigen sich in der jüngsten Zeit viele nationale und internationale Heilberufsorganisationen mit der Frage, wie das große Fachwissen und die Kompetenz der Berufsangehörigen noch besser beim Patienten ankommen, also in die tägliche Berufspraxis übertragen werden können (11).

 

Revalidierung des Berufszugangs

 

In der Pharmazie hat sich international schon seit vielen Jahren die Erkenntnis durchgesetzt, dass die abgeschlossene Ausbildung und die Approbation (licence) alleine nicht mehr die notwendige Qualifikation für das gesamte Berufsleben liefern. Unter dem Stichwort »lebenslanges Lernen« ist die regelmäßige Fortbildung für alle Heilberufe heute in den meisten Ländern der Welt ethische Pflicht. Zur Frage, ob hierzu Nachweise erbracht werden müssen, gibt es sehr unterschiedliche Positionen. Viele Länder, so auch Deutschland, bieten Nachweise und Zertifikate auf freiwilliger Basis an.

 

In einigen Staaten wird jedoch über die regelmäßige Erneuerung der Berufserlaubnis im Rahmen eines Revalidierungsprozesses nachgedacht, einige haben entsprechende Bestimmungen erlassen. Die regelmäßige Wiederholung der zur Berufserlaubnis führenden Abschlussprüfung wird nicht gefordert.

 

In Portugal wurde ein solcher Revalidierungsprozess 2004 rechtlich verbindlich. Wichtiger Bestandteil ist der Nachweis regelmäßiger Fortbildung. Alle portugiesischen Apotheker müssen in Zukunft im Zeitraum von fünf Jahren 15 so genannte CPD (Crédito de Desenvolvimento Profissional, entspricht etwa 150 unserer Fortbildungspunkte) nachweisen, um ihre Berufserlaubnis zu erneuern (12). Auch in Neuseeland ist der Nachweis regelmäßiger Fortbildung Bestandteil der Lizenzverlängerung.

 

In Kanada muss die Berechtigung zur Berufsausübung ebenfalls regelmäßig verlängert werden. In vielen Provinzen ist die Fortbildung juristisch keine Pflicht, jedoch sind 15 Stunden Fortbildung jährlich ein etablierter Nachweis des Kompetenzerhalts (competency measurements). In Ontario werden 20 Prozent der Apotheker pro Jahr zu einem »practice review« gebeten, bei dem 15 klinische Patientenfälle bearbeitet werden (13).

 

In der Schweiz ist das Führen eines Fachapothekertitels an den Nachweis regelmäßiger Fortbildung im Rahmen eines Revalidierungsprozesses geknüpft. Im Gebiet Offizinpharmazie beispielsweise müssen Fachapotheker jährlich 200 Punkte Kontakt- und 300 Punkte Selbststudium nachweisen (entspricht etwa 32 und 48 unserer Fortbildungspunkte), um ihren Titel weiter führen zu dürfen (14).

 

Auch in den USA ist das Punktesammeln üblich. Hier sind die erforderlichen »credits« ebenfalls Voraussetzung für die regelmäßig anstehende Verlängerung der Berechtigung zur Berufsausübung. Allerdings scheut man hier den großen bürokratischen Aufwand, von sämtlichen Berufsangehörigen alle Teilnahmenachweise abzufordern. In vielen Bundesstaaten verlassen sich die zuständigen Behörden auf eine Stichprobe; zum Beispiel werden 1 bis 5 Prozent der Berufsangehörigen pro Jahr zur Einreichung aller Nachweise aufgefordert. Bislang hat sich dieses System bewährt, denn stets erbrachten die Kollegen die Nachweise vollständig.

 

In Großbritannien denkt man ebenfalls über eine »revalidation« nach (15). Als Vorstufe dazu geht man jedoch einen anderen Weg: das Continuing Professional Development, kurz CPD.

 

CPD als Paradigmenwechsel

 

Fortbildung soll Spaß machen und dient auch der persönlichen Weiterentwicklung des Einzelnen. Für die Gesellschaft hingegen ist es besonders wichtig, dass die Heilberufler das Gelernte auch in die Berufspraxis umsetzen. In der öffentlichen Apotheke gilt: Die Fortbildung muss »beim Patienten ankommen«.

 

Diese Einsicht hat in den letzten Jahren zu einer Weiterentwicklung der Fortbildung geführt: von einer Erweiterung des lebenslangen Lernens hin zu einer lebenslangen Kompetenzerweiterung (16). Während man bislang die Fortbildung als Aktualisierung und Auffrischung der während der Ausbildung erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten in Anpassung an die Entwicklung der pharmazeutischen Wissenschaften verstand, fasst man nun die Definition weiter. Es wird nicht nur erwartet, dass der Apotheker den Stand seines Wissens aktuell hält, sondern darüber hinaus seine berufliche Kompetenz kontinuierlich ausbaut.

 

Continuing Professional Development (CPD) wird definiert als «the process by which pharmacists continously enhance their knowledge, skills and personal qualities throughout their professional careers« (22).

 

Vor allem in den angelsächsischen Ländern hat CPD Einzug gehalten (17, 18). Auch die Fédération Internationale Pharmaceutique (FIP) sieht die fortwährende berufliche Entwicklung (CPD) für alle praktisch tätigen Apotheker von essenziellem Belang und empfiehlt den nationalen pharmazeutischen Verbänden eine entsprechende Umsetzung (19). Die Bundesapothekerkammer hat in Leitsätzen zur apothekerlichen Fortbildung entsprechende Empfehlungen rudimentär an die Landesapothekerkammern weitergegeben (20).

 

Für die Royal Pharmaceutical Society, die britische Dachorganisation der Apothekerinnen und Apotheker, ist CPD nicht nur eine kosmetische Definitionsänderung. Sie sieht in der lebenslangen Kompetenzerweiterung einen echten Paradigmenwechsel (21).

 

Pflicht ist nicht die Frage

 

Wichtigster Baustein des CPD ist, dass zunächst der einzelne Apotheker Lernziele und Lerninhalte für seine persönliche Berufssituation definiert. Danach entscheidet er selbst, wie er diese Ziele erreichen möchte. Nicht die Pflicht zur Fortbildung, sondern die Pflicht zur Erstellung eines Bildungsplans steht also im Mittelpunkt des Continuing Professional Development. Die eigentliche Fortbildung (Continuing Education, CE), wird so zu einem von mehreren Bausteinen des CPD (23). Umsetzen soll der einzelne Apotheker das Konzept anhand eines Vier-Stufen-Schemas:

Reflexion: meine persönlichen Bildungsziele identifizieren;
Plan: was tue ich wann zur Erreichung dieser Bildungsinhalte;
Aktion: der Erwerb der Kenntnisse und Fertigkeiten, hier ist Fortbildung eine mögliche Methode;
Evaluierung: was habe ich dazugelernt und wie kann ich es in die Praxis umsetzen.

 

Für Fortbildungen werden keine Punkte mehr vergeben, sondern jeder Teilnehmer dokumentiert im Rahmen seines persönlichen CPD, mit welchem Lernziel er eine Veranstaltung besucht hat und wie er die Inhalte in seine Berufspraxis umsetzen konnte (24). Da CPD als kontinuierliche Weiterentwicklung der persönlichen professionellen Fähigkeiten verstanden wird, stellt sich auch die Frage nach einer freiwilligen oder verpflichtenden Teilnahme nicht mehr: Sie ist vielmehr selbstverständlich. Seit 2005 ist der Nachweis zum CPD für alle aktiven Mitglieder der Royal Pharmaceutical Society of Great Britain verpflichtend.

 

Zur Unterstützung für die Aufstellung und Umsetzung der persönlichen Bildungspläne baute man zunächst in Pilotprojekten ein Netz regionaler Tutoren (facilitators) auf. Diese stehen in Großbritannien inzwischen landesweit zur Verfügung. Sie beraten die Apothekerinnen und Apotheker, wie sie ihre Kenntnisdefizite erkennen können, und geben Empfehlungen, welche Schulung eine effiziente Möglichkeit darstellt, das gewünschte Bildungsziel zu erreichen. Hiervon profitiert nicht nur der Apotheker, sondern das gesamte Apothekenteam. Die Dokumentation der CPD-Zyklen können die Kollegen über das Internet vornehmen. Es wird empfohlen, etwa eine Dokumentation pro Monat zu erstellen.

 

In den nächsten Jahren will die Royal Pharmaceutical Society nach und nach die CPD-Akten aller ihrer Mitglieder überprüfen. Allerdings ist der erforderliche hohe Personal- und Kostenaufwand derzeit Gegenstand heftiger Debatten in den berufspolitischen Gremien.

 

Hinsichtlich möglicher Konsequenzen bei Nichteinhaltung der CPD-Anforderungen, insbesondere der Streichung aus dem aktiven Register der Society und damit dem Verlust der Berechtigung zur Berufsausübung, setzt man auf die Einsicht der Berufsangehörigen: »People who ›do not‹ [do CPD] will be removed from the practising register while people who ›cannot‹ will be helped, possibly more than once« (25).

 

In Australien geht man noch einen Schritt weiter. Hier wurde neben CPD auch ein PI-Programm etabliert. PI steht für Practice Improvement. Diese Komponente der Qualitätssicherung will die Bewertung des Hinzugelernten nicht allein dem Einzelnen überlassen. Eine externe Bewertung soll helfen, die eigenen Handlungen mit anerkannten Qualitätsstandards abzugleichen. In Deutschland könnte beispielsweise eine breite Etablierung des Pseudo-Customer-Konzepts Ähnliches leisten. Die Teilnahme müsste dann für alle Apotheken verbindlich und regelmäßig erfolgen.

 

In eigener Verantwortung

 

Wie historische Beispiele zeigen, hat der Fortbildungsgedanke für die Apotheker Kontinuität und Tradition. Die Methoden zur Fortbildung waren stets vielfältig. Zeitschriften, Kongresse und Vorträge sind ebenso geeignet wie Arbeitsgruppen, Workshops und Gesprächskreise, um dort anhand konkreter Patientenbeispiele Arzneimitteltherapien zu diskutieren. Heute stehen mit Medien wie Videofilmen oder Internet moderne Hilfsmittel zur Verfügung. Allerdings geht die Effizienz nicht immer mit der Verbreitung einer Fortbildungsmethode einher; das heißt, dass die beliebteste Methode nicht zugleich den größten Lernerfolg verspricht.

 

Die Umsetzung des Gelernten in die Berufspraxis ist jedoch der wichtigste Schritt. Nur wer beruflich aktiv tätig ist, seine Kenntnisse im täglichen Umgang mit der Materie umsetzt und dadurch kontinuierlich Berufserfahrung hinzugewinnt, kann langfristig den aktuellen Anforderungen fachgerecht genügen.

 

Continuing Professional Development verfolgt diesen Ansatz und legt die Verantwortung für die berufliche Weiterentwicklung in die Hand des Einzelnen. Die Inhalte der weiteren pharmazeutischen oder darüber hinausgehenden Bildung sind ebenso auf die individuellen Bedürfnisse ausrichtbar wie zum Beispiel der Zeitraum, in dem ein bestimmtes Bildungsziel erreicht wird. Nicht die Pflicht zur Fortbildung, sondern die Pflicht zur Erstellung eines Bildungsplans ist Teil des Konzeptes von CPD. Damit wird Fortbildung neben Weiterbildung, Fernlehrgängen, Practice research und vielen anderen Methoden zu einem von mehreren Bausteinen der Kompetenzerweiterung. Während CPD in angelsächsischen Ländern zu einem breit anerkannten Bildungskonzept für die Pharmazie avancierte, blieb die Entwicklung in Deutschland hierzu bislang zurück.


CPD in der Praxis - zwei Beispiele 
Ein Offizinapotheker im Süden Londons versorgt in seiner Apotheke viele spanisch sprechende Patienten. Auf Grund von Fremdsprachdefiziten bemerkt er Mängel in der Patientenberatung. Er plant, fremdsprachige Beratungsbroschüren in seiner Apotheke einzuführen und setzt dies anhand eines Zeitplans um. Im Evaluierungsschritt dokumentiert er seine Aktionen und reflektiert, ob die verbesserte Patientenversorgung tatsächlich erreicht werden konnte oder ob weitere Schritte, zum Beispiel die Teilnahme an einem Sprachkurs, erforderlich sind. Damit hat er schon den ersten Schritt in einen neuen CPD-Zyklus getan.
Seine Kollegin in Manchester unterhält seit vielen Jahren eine kleine Apotheke. Seit kurzem gehören mehrere Krebspatienten, die eine Schmerztherapie benötigen, zu ihren Kunden. Um sie sachgerecht beraten zu können, möchte sie ihre Kenntnisse zur Arzneimittelversorgung mit Opioiden auffrischen. Gezielt sucht sie unter den angebotenen Fortbildungsveranstaltungen nach einem entsprechenden Vortrag. Nach dem Besuch bereitet sie den Inhalt nach. Allerdings bemerkt sie dabei, dass zwar pharmakologische Aspekte vermittelt wurden, diese jedoch für ihre Bedürfnisse nicht ausreichend Praxisbezug hatten. Zum Beispiel hat sie noch Fragen zur korrekten Handhabung der Betäubungsmittelrezepte (in GB: controlled drugs). Die Apothekerin überlegt, wie sie sich die fehlenden Informationen gezielt beschaffen kann und wählt keine Fortbildungsveranstaltung, sondern nutzt Fachliteratur und Internet. Nun setzt sie ihr aufgefrischtes Wissen in die Patientenberatung um und kann die Rezepte korrekt beliefern und abrechnen. Die Apothekerin dokumentiert das CPD in ihrer Online-Datei über das Internet. Einige Patienten haben sich bei ihr schon für die gute Beratung bedankt und über Besserungen in der Lebensqualität berichtet - dies bedeutet zusätzliche Motivation und berufliche Befriedigung. 

Quellen und Literatur

  1. Schmitz, R., Berufliche Fortbildung und gesellschaftliches Engagement als akademische Verpflichtung. Dtsch. Apoth. Ztg. 111 (1971) 809-813.
  2. Rapp, R., Das Fortbildungswesen. Süddeutsche Apotheker-Zeitung 71 (1931) 513-515.
  3. Schreiben vom 2. 11. 1818. Götz, W. (Bearb.), Der Briefwechsel von Johann Bartholomäus Trommsdorff (1770-1837). Acta Historica Leopoldina 18 (1) (1987) 111.
  4. Schreiben vom 5. 6. 1826; wie (3) S. 59-62.
  5. Kruse, U., Die Pharmazie im Rahmen der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte 1822-1938. Schriftenreihe zur Geschichte der Versammlungen Deutscher Naturforscher und Ärzte, Bd. 8, Stuttgart 2001.
  6. Drum, G., Geschichte der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft (1890-1986). Quellen und Studien zur Geschichte der Pharmazie, Bd. 60, Stuttgart 1990.
  7. Staiger, C., Friedrich, C., Die Akademie für pharmazeutische Fortbildung ­ Zur Institutionalisierung der Apothekerfortbildung im Dritten Reich. Pharmazie 52 (1997) 635-637.
  8. Schmierer, A., Gründung der Akademie für pharmazeutische Fortbildung. Dtsch. Apoth. Ztg. 51 (1936) 423-424.
  9. Hollstein, P., Zertifizierte Fortbildung. Mit den Punkten kommen die Leute. Pharm. Ztg. 150, Nr. 25 (2005) 2198-2202.
  10. Hynam, B., Measuring competence. Leserbrief. Pharm. J. 274 (2005) 645.
  11. Davis, D., et al., Impact of Formal Continuing Medical Education. Do Conferences, Workshops, Rounds, and Other Traditional Continuing Education Activities Change Physician Behavior or Health Care Outcomes. JAMA 282 (1999) 867-874.
  12. Ordem dos Farmacêuticos: Regulamento Interno de Qualificação. Aprovado pela Direcção Nacional em 29 de Janeiro de 2004.
  13. Alexander, A., Wake the sleeping beast ­ the challenge for continuing professional development. Pharm. J. 269 (2002) 171-173.
  14. Fortbildung FPH in Offizinpharmazie. Teil 2: Die wichtigsten Fragen. Schweiz. Apoth. Ztg. 142 (2004) 374-375.
  15. Hawsksworth, G., Why the profession of pharmacy must engage in a debate about revalidation. Pharm. J. 274 (2005) 761-762.
  16. Staiger, C., Von der Fortbildung zu CPD. Zeitenwende 1900-2100. Beilage der Pharm. Ztg. 145 (1) (2000) 10-11.
  17. Rouse, M. J., Continuing professional development in pharmacy. Am. J. Health-Syst. Pharm. 61 (2004) 2069-2076.
  18. Farban, F., A review of pharmacy continuing professional development. Pharm. J. 267 (2001) 613-615.
  19. Fédération internationale pharmaceutique, Erklärung zu Berufsstandards «Continuing professional development«. Nizza 2002. http://213.206.88.26/www2/education/index.php?page=education
  20. Leitsätze zur apothekerlichen Fortbildung ­ Empfehlungen der Bundesapothekerkammer 2004. www.abda-online.org/fileadmin/pdf/Fortbildung/Leitsaetze_zur_apothekerlichen_Fortbildung_BAKMV_040427.pdf
  21. Dewdney, R., Continuing education and continuing professional development: what‹s the difference? Pharm. J. 261 (1998) 585-586.
  22. Royal Pharmaceutical Society of Great Britain, Medicines, Ethics and Practice. A guide for Pharmacists. No. 16, London 1996, S. 145.
  23. Attewell, J., et al., Community pharmacists and continuing professional development ­ a qualitative study of perceptions and current involvement. Pharm. J. 274 (2005) 519-524.
  24. Wang, L.-N., What pharmacists are doing for their CPD. Pharm. J. 271 (2003) 262-265.
  25. Lumb, J., Prepare yourself for mandatory CPD. Pharm. J. 268 (2002) 723-725.

Die Autorin

Christiane Staiger studierte Pharmazie an der Johannes-Gutenberg-Universität, Mainz. Der Approbation 1990 folgten Tätigkeiten in der öffentlichen Apotheke und in der Weiterbildungsakademie der ABDA - Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. 1996 erlangte sie mit der Mitgliedschaft in der Royal Pharmaceutical Society die Berechtigung zur Berufsausübung in Großbritannien. Nach der Promotion in Pharmaziegeschichte an der Philipps-Universität Marburg ist sie heute für die Merck Selbstmedikation GmbH, Darmstadt, im Bereich Medizinische Wissenschaft tätig. Als Dozentin im praxisbegleitenden Unterricht, Mitglied des Weiterbildungsausschusses der Landesapothekerkammer Hessen und stellvertretende Vorsitzende der Fachgruppe Industriepharmazie der DPhG ist sie der Aus-, Fort- und Weiterbildung eng verbunden.

 

 

Anschrift der Verfasserin:

Dr. Christiane Staiger

Jean-Philipp-Anlage 24

63263 Neu-Isenburg

ch.staiger(at)gmx.de

 


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Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 48/2005

 

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