Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

Hoffnung trotz Rekordzahlen

MEDIZIN

 
Welt-Aids-Tag

Hoffnung trotz Rekordzahlen

von Patrick Hollstein, Berlin

 

In diesem Jahr erreicht die weltweite Aids-Epidemie ein neues Höchstniveau: Erstmals überschreitet die Zahl der HIV-Infizierten die 40-Millionen-Marke. Um die Verbreitung des Virus einzudämmen, setzen Forscher auf einfache Präventionsmittel wie Mikrobizide und Vorhautbeschneidung, die sich in aktuellen Studien als erfolgreich erwiesen haben.

ANZEIGE

 

40,3 Millionen Menschen sind nach Angaben des Berichts des Aids-Programms der Vereinten Nationen (UNAIDS) derzeit mit dem HI-Virus infiziert ­ mehr als je zuvor. 95 Prozent aller HIV-Infizierten leben in Entwicklungsländern. Für 2005 verzeichnet der Bericht 4,9 Millionen neue Infektionen sowie 3,1 Millionen Todesfälle infolge der Immunschwächekrankheit. Seit 1981 sind mehr als 25 Millionen Menschen weltweit der Seuche zum Opfer gefallen.

 

2,3 Millionen Kinder sind HIV-positiv. Weltweit zugenommen hat auch die Verbreitung des Virus unter der weiblichen Bevölkerung: 17,5 Millionen Frauen sind infiziert, eine Million mehr als 2003. Im südlichen Afrika, wo zwei Drittel aller Betroffenen weltweit leben, sind mit 57 Prozent sogar mehr Frauen als Männer betroffen. Ein Grund hierfür ist, dass die Rechte vor allem verheirateter Frauen in sexueller Hinsicht noch immer wenig beachtet werden. Im Süden des Kontinents hält sich Hilfsorganisationen zufolge außerdem der Jungfrauen-Mythos: Hier werden Kinder in dem Irrglauben vergewaltigt, sexueller Verkehr mit einer Jungfrau könne die Infektion heilen.

 

Anstieg auch in Deutschland

 

In Deutschland haben sich in der ersten Hälfte dieses Jahres 20 Prozent mehr Menschen infiziert als im Vorjahreszeitraum. Ursache ist Soziologen zufolge der zunehmende Trend zu ungeschütztem Sex: Nach 20 Jahren des Risikobewusstseins und der Vorbeugung werden ältere Homosexuelle präventionsmüde, Jüngeren fehlt angesichts der guten Behandlungsoptionen das Risikobewusstsein. Migranten sind mit den etablierten Präventionsprogrammen nur schwer zu erreichen und bilden mittlerweile die zweitgrößte Gruppe der HIV-Infizierten.

 

Auch in den osteuropäischen Staaten steigen die Infektionsraten: In der Ukraine leben nach offiziellen Angaben 82.000 HIV-Positive. Realistische Schätzungen gehen von einer halben Million Betroffener aus. In Russland wurden bislang 310.000 Infektionen registriert, den Angaben des nationalen Aids-Zentrums zufolge müssen aber mehr als eine Million Menschen mit dem Virus leben.

 

Doch es gibt auch Lichtblicke: Durch Aufklärungs- und Präventionsprogramme konnten die Infiziertenzahlen in Kenia, Uganda und Simbabwe leicht gesenkt werden. UNAIDS-Chef Peter Piot gab sich vorsichtig optimistisch und sprach von einer historischen Möglichkeit, die Epidemie weltweit aufzuhalten. Um die Verbreitung einzudämmen, müssten Aids-Programme schneller greifen. Laut UNAIDS werden bis 2008 insgesamt 46 Milliarden Euro für den Kampf gegen Aids benötigt. Viele asiatische Staaten wie Indien, Pakistan und Indonesien stünden am Rand einer ersten Epidemie, heißt es in dem Report.

 

Die Hoffnung auf einen effektiv schützenden HIV-Impfstoff wird sich Experten zufolge in den nächsten zehn Jahren nicht erfüllen. Derzeit werden gemäß einem Bericht des Aktionsbündnisses gegen Aids weltweit 35 Impfkonzepte klinisch getestet. Die Fortsetzung der einzigen Phase-III-Studie, die derzeit in Thailand mit 16.000 Freiwilligen läuft, gilt als umstritten. Deshalb hoffen die Hilfsorganisationen auf zeitnah und preiswert zur Verfügung stehende Präventions- und Behandlungsalternativen wie Mikrobizide.

 

Hoffnung auf Vaginalmikrobizide

 

Auf der Suche nach einfach anzuwendenden Präventionsmitteln setzen Forscher auch auf vaginal zu applizierende Mikrobizide, die ein Eindringen des Virus in den weiblichen Körper verhindern sollen. An Rhesus-Makaken konnten Wissenschaftler um Ronald Veazey vom Tulane National Primate Research Center jetzt zeigen, dass entsprechend applizierte Cremes das Infektionsrisiko um bis zu 78 Prozent senken können. Als Wirkstoffe setzten die Forscher drei experimentelle Fusionsinhibitoren ein: Während CMPD167 an den CCR5-Subrezeptor von T-Zellen bindet und damit die Verschmelzung mit dem viralen Oberflächenprotein gp120 verhindert, blockiert BMS-378806 das Protein gp120 selbst. Bei C52L handelt es sich um einen Abkömmling von Enfuvirtide. Das bakteriell exprimierte Peptid verhindert die gp41-vermittelte Fusion der Viren mit den Immunzellen. Zum Infizieren der Versuchstiere verwendeten die Forscher ein Immunschwäche-auslösendes Hybridvirus, das an CCR5-Rezeptoren bindet.

 

Die Inhibitoren konnten eine Übertragung des Virus bei 21 der 28 Affenweibchen verhindern, sofern diese 30 Minuten vor der Exposition aufgetragen wurden. In der Kontrollgruppe steckten sich alle Makaken mit dem Immunschwächevirus an, berichteten die Forscher in der Fachzeitschrift »Nature« (438, Seite 99 bis 102). Auch Kombinationen aus den verschiedenen Substanzen erwiesen sich als überaus effektiv: Während C52L in der maximal möglichen Dosierung allein keine ausreichende Hemmwirkung erzielte, wirkte das Peptid bei der gemeinsamen Verabreichung mit einem der niedermolekularen Inhibitoren deutlich synergistisch. CMPD167 und BMS-378806 hatten sogar Stunden nach der Applikation noch eine gewisse Schutzwirkung.

 

Selbst nach mehrfacher Anwendung stellten die Forscher keine lokalen Irritationen oder Entzündungen der Vaginalschleimhaut bei den Tieren fest. Zurzeit untersuchen die Wissenschaftler bis zu 50fach wirksamere Abkömmlinge der getesteten Substanzen in vitro. Weltweit befinden sich derzeit 15 Mikrobizidkandidaten in klinischen Untersuchungen, unter anderem Seifen, säurehemmende Mittel und Algenderivate.

 

Kontroverse um Beschneidung

 

Eine der am kontroversesten diskutierten Präventionsmaßnahmen ist die prophylaktische Vorhautbeschneidung. Bereits 1986 entwickelten Wissenschaftler die These, dass beschnittene Männer ein geringeres Risiko für eine Ansteckung mit HIV haben als unbeschnittene. Trotz großer wissenschaftlicher Anstrengung blieb über viele Jahre hinweg unklar, inwieweit die erkennbaren Prävalenzunterschiede tatsächlich auf die Beschneidung selbst oder auf andere Faktoren, wie verschiedene sexuelle Verhaltensmuster oder Begleiterkrankungen, zurückzuführen waren. Zu wenig statistisch valide waren die mehr als 50 epidemiologischen und laboranalytischen Studien, die bislang zum Thema erschienen.

 

Vor zwei Jahren konnten Wissenschaftler histologisch nachweisen, dass die Innenseite der männlichen Vorhaut nicht nur wenig schützendes Keratin enthält, sondern außerdem zahlreiche HIV-Zielzellen. CD4+-Zellen oder Langerhans-Zellen kommen hier sogar häufiger vor als in der Schleimhaut des äußeren Gebärmutterhalses, dem Haupteinfallstor für HI-Viren bei der Frau. Zudem vermuten Wissenschaftler, dass den HI-Viren bei beschnittenen Männern auf Grund der stärkeren Keratinisierung der Eichel und der schnelleren Austrocknung weniger Zeit für eine Infizierung bleibt. Schließlich erleidet der unbeschnittene Penis beim Geschlechtsverkehr häufiger Kleinstverletzungen und -traumatisierungen als der beschnittene.

Auch hygienische Aspekte könnten eine Rolle spielen: So persistieren nach Meinung einiger Wissenschaftler im Sekret zwischen Vorhaut und Eichel, dem so genannten Smegma, Viren und andere Krankheitserreger länger als an der Luft. Dementsprechend gelten auch die Risiken für andere sexuell übertragbare Krankheiten sowie für Genitalgeschwüre, ein wichtiger Risikofaktor für HIV-Infektionen, bei nicht beschnittenen Männern als deutlich erhöht. Anderseits soll die angesammelte Flüssigkeit Lysozym enthalten, ein Enzym, das auch HI-Viren angreift.

 

2004 wiesen Wissenschaftler um Steven J. Reynolds in einer in Indien durchgeführten Studie nach, dass beschnittene Männer ein bis zu siebenfach geringeres Risiko für eine HIV-Infektion haben als unbeschnittene Männer (The Lancet, Vol. 363, Seite 1039 bis 1040). Allerdings geriet die Studie ­ wie ihre Vorgänger ­ in die Kritik von Statistikern und Beschneidungsgegnern.

Drei randomisierte, kontrollierte Interventionsstudien in Kenia, Uganda und Südafrika sollen nun Klarheit über die tatsächliche Schutzwirkung bringen. Letztere wurde in diesem Jahr auf Grund der deutlichen Zwischenergebnisse vorzeitig abgebrochen und veröffentlicht: Bei beschnittenen Probanden traten HIV-Infektionen um 60 Prozent seltener auf als in der Kontrollgruppe, berichteten die Forscher in der Fachzeitschrift »PloS Medicine« (2, 2005, Seite 1 bis 11).

 

3300 unbeschnittene junge Männer aus den Hochrisikogebieten Johannesburgs hatten an der Untersuchung teilgenommen. Die Hälfte der Probanden war zu Studienbeginn auf eigenen Wunsch beschnitten worden. Nach 18 Monaten zählten die Wissenschaftler bei den freiwillig Beschnittenen 20 HIV-Neuinfektionen; in der Kontrollgruppe hatten sich 49 Männer mit dem Virus infiziert. Trotz der geringen Zahlen halten die Autoren die Beschneidung von Männern für genauso effektiv wie den Einsatz eines hoch effizienten Impfstoffs. Da sie Verhaltensunterschiede in ihren Auswertungen berücksichtigt haben, gehen die Wissenschaftler davon aus, den kausalen Zusammenhang zwischen Beschneidung und vermindertem Risiko für eine HIV-Infektion nachgewiesen zu haben. Vor endgültigen Schlüssen für Präventionsmodelle müssten jedoch weitere Studien zum Langzeitnutzen und zu eventuellen Risiken bei nicht medizingerechten Eingriffen durchgeführt werden.


Welt-Aids-Tag 
»Stop Aids. Keep the promise« lautet das Motto des diesjährigen Welt-Aids-Tags, der am 1. Dezember bereits zum 18. Mal stattfindet. Die Aktionen sollen Regierungen sowie Institutionen an die Versprechen erinnern, die sie zwar gegeben, aber bislang nicht umgesetzt haben. Der Welt-Aids-Tag wurde 1988 erstmals ausgerufen, am Anfang organisierte ihn die Weltgesundheitsorganisation und später UNAIDS. Der 1. Dezember ist ein Tag der Solidarität mit Betroffenen und ihren Angehörigen. Er soll daran erinnern, dass sich immer noch Menschen mit HIV anstecken, an Aids sterben, und dass der Kampf gegen die Immunschwächekrankheit unverzichtbar bleibt. 

weitere Themen im Ressort Medizin

Beitrag erschienen in Ausgabe 48/2005

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 

PHARMAZEUTISCHE ZEITUNG ONLINE IST EINE MARKE DER

 











DIREKT ZU