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Guter Rat sichert den Erfolg

TITEL

 

Phytopräparate

Guter Rat sichert den Erfolg

von Irene von Majewski, Marburg

Mit In-Kraft-Treten des Gesundheitsreformgesetzes übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten rezeptfreier Mittel – und somit fast aller Pflanzenpräparate – bis auf einige Ausnahmen nicht mehr. Die Beratung des Apothekers wird damit immer wichtiger, denn Kunden und Patienten werden primär in der Offizin nach einer pflanzlichen Therapie fragen. Pharmazeuten können hier ihre Fachkompetenz unter Beweis stellen.

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Produkte mit pflanzlichen Bestandteilen stehen beim Verbraucher hoch im Kurs. Vertrieben werden sie neben der Apotheke auch in Drogeriemärkten, im Versandhandel oder über das Internet, zum Teil sogar aus dem Ausland. Dabei ist es selbst für einen Fachmann oft sehr schwierig, sinnvolle Produkte von unsinnigen oder gar gesundheitlich bedenklichen zu unterscheiden, zumal die Übergänge zum Teil fließend sind.

Die Tatsache, dass ein Mittel eine Pharmazentralnummer trägt und im Artikelstamm der Lauertaxe zu finden ist, sagt noch nichts über Produktstatus und Verkehrsfähigkeit aus. Genauestens unter die Lupe nehmen sollte man ausländische Fertigprodukte, die oft in der Lauertaxe gelistet sind.

Viele, aber längst nicht alle Phytopräparate erfüllen den Rechtsstatus eines Arzneimittels. Sie können auch als Medizinprodukte, Nahrungsergänzungsmittel oder diätetische Lebensmittel vertrieben werden. Wie unterscheiden sich diese Präparate? Dieser Artikel soll Hinweise liefern, wie man pflanzliche Fertigprodukte voneinander abgrenzen und bewerten kann.

Anforderungen an Arzneimittel

Arzneimittel sind nach dem Arzneimittelgesetz (AMG) Stoffe und Zubereitungen aus Stoffen, die am oder im menschlichen Körper angewendet werden, um Krankheiten, Leiden, Körperschäden oder krankhafte Beschwerden zu heilen, zu lindern, zu verhüten oder zu erkennen. Phytopharmaka enthalten als arzneilich wirksame Bestandteile Pflanzen, Pflanzenteile (Drogen) oder deren Zubereitungen, beispielsweise einen Extrakt. Je nach physikalischer Beschaffenheit unterscheidet man bei dieser galenischen Form Flüssigextrakte von Ölmazeraten, Dick- oder Trockenextrakte sowie Tinkturen. Obwohl Extrakte eine komplexe biologische Mischung verschiedener Inhaltsstoffe darstellen, werden sie insgesamt als wirksamer Bestandteil betrachtet, unabhängig davon, ob die wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffe bekannt sind oder nicht. Produkte mit isolierten Naturstoffen wie Aescin, Cineol oder Digoxin zählen nicht zu den Phytopharmaka.

Homöopathische und anthroposophische Arzneimittel gründen sich auf eine eigene, nicht naturwissenschaftliche Anschauung. Im Gegensatz zu den Phytopharmaka steigt ihre Wirkungsintensität mit zunehmender Verdünnung. Sie werden ebenfalls nicht zu den Phytopharmaka gerechnet.

Anwendungsgebiet angegeben

Das AMG fordert, dass bei zugelassenen Arzneimitteln in der Packungsbeilage und in der Fachinformation ein Anwendungsgebiet angegeben werden muss. Phytopharmaka mit einer definierten Indikation, oft nicht unumstritten als rationale Phytopharmaka bezeichnet, erfüllen grundsätzlich die selben Anforderungen an die pharmazeutische Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit wie chemisch synthetische Arzneimittel. Als Nachweis zählen Ergebnisse analytischer, pharmakologischer, toxikologischer und klinischer Studien sowie anderes wissenschaftliches Erkenntnismaterial wie Monographien, sofern diese dem aktuellen Stand entsprechen (1, 2).

Traditionelle Phytopharmaka sind pflanzliche Alt-Arzneimittel, für die langjährige Erfahrungen vorliegen. Eine Überprüfung auf Wirksamkeit und Unbedenklichkeit durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) entfällt. Die zuständige Bundesoberbehörde hat eine Kommission damit beauftragt, eine Liste bewährter, traditioneller Anwendungsgebiete zu erarbeiten. Arzneimittel mit Indikationen, die sich auf diese Aufstellung beziehen, erfüllen automatisch die Anforderungen an Wirksamkeit und Unbedenklichkeit. Der pharmazeutische Hersteller versichert eidesstattlich, dass die Qualität den Anforderungen der Arzneimittelprüfrichtlinien (§ 26 AMG) entspricht. Die Indikationsgebiete erhalten den Zusatz: „Traditionell angewendet bei ...“.

Aus Sicherheitsgründen wurde die Dosierung dieser traditionellen Präparate jedoch deutlich auf etwa 10 bis 30 Prozent der Dosierungen reduziert, die nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen als wirksam gelten. Diese Regelung gilt für frei verkäufliche Arzneimittel genauso wie für apothekenpflichtige.

Abgabe von Arzneimitteln

Pflanzliche Arzneimittel dürfen nur in Apotheken abgegeben werden, es sei denn, sie sind kraft Rechtsverordnung oder Vorschrift für den Verkehr außerhalb von Apotheken freigegeben. Dazu zählen beispielsweise Arzneimittel, die „vom pharmazeutischen Unternehmer ausschließlich zu anderen Zwecken als zur Beseitigung oder Linderung von Krankheiten, Leiden, Körperschäden oder krankhaften Beschwerden“ bestimmt sind (AMG, § 44, Ausnahme von der Apothekenpflicht). Ausgenommen sind ferner mit ihren verkehrsüblichen deutschen Namen bezeichnete Pflanzen und Pflanzenteile, deren Mischungen als Fertigarzneimittel, deren Destillate sowie Presssäfte aus frischen Pflanzen und Pflanzenteilen, sofern diese ohne Lösungsmittel mit Ausnahme von Wasser hergestellt sind.

Gemäß der Verordnung über apothekenpflichtige und frei verkäufliche Arzneimittel dürfen einige Drogen demgegenüber grundsätzlich nur in Apotheken vertrieben werden, beispielsweise Anthrachinon-haltige Drogen, Blasentang oder Schöllkraut. Ferner sind vom Verkehr außerhalb der Apotheke ausgeschlossen: Drogen mit bestimmten pharmakologischen Wirkungen (zum Beispiel mit antibiotischen, blutgerinnungsverzögernden oder hormonartigen Effekten), verschiedene Darreichungsformen, zum Beispiel für die rektale oder intrauterine Anwendung, sowie einige Anwendungsgebiete, die im so genannten Krankheitskatalog aufgeführt sind, zum Beispiel Leiden, die im Bundes-Seuchengesetz aufgeführt sind oder Geschwulstkrankheiten.

Kennzeichnung

Bei Fertigarzneimitteln müssen folgende Angaben auf der äußeren Umhüllung vermerkt sein: die Zulassungsnummer mit der Abkürzung „Zul.-Nr.“, das Verfalldatum mit dem Hinweis „verwendbar bis“ und bei Arzneimitteln, die nur in Apotheken an Verbraucher abgegeben werden dürfen, der Hinweis „Apothekenpflichtig“ oder „Verschreibungspflichtig“ (Tabelle).

 

Tabelle: Kennzeichnung von Arznei- und Nichtarzneimitteln

Status des Produkts

Angaben auf der äußeren Umhüllung Gebrauchs- oder Fachinformation   Zusammen-
setzung, Gehalt Kennzeichnung2 Status3 Haltbarkeits-
datum Anwendungsgebiete Arzneimittel Zulassung nach § 21 AMG DEV1 Zul.-Nr. V, A verwendbar bis definierte Indikation Nachzulassung nach § 105 AMG DEV Zul.-Nr. V, A verwendbar bis definierte Indikation Nachzulassungsverfahren nach § 105 AMG (Altarzneimittel) DEV R.-Nr. oder keine Angabe, Hinweis auf nicht abgeschlossene Prüfung V, A verwendbar bis definierte Indikation oder häufig Aufzählung zahlreicher Anwendungsmöglichkeiten zur traditionellen Anwendung nach § 109 a AMG DEV Zul.-Nr. V, A verwendbar bis „Traditionell angewendet bei ...“ (Anwendungsbeschreibung) freiverkäuflich nach § 109 DEV R.-Nr. oder keine Angabe, Hinweis auf nicht abgeschlossene Prüfung entfällt (F) verwendbar bis „Traditionell angewendet bei...“ freiverkäuflich nach § 45 DEV Zul.-Nr. entfällt (F) verwendbar bis Definierte Indikation Verzicht auf Nachzulassung; verkehrsfähig bis 31. Dezember 2004 DEV R.-Nr. oder keine Angabe, Hinweis auf nicht abgeschlossene Prüfung V, A verwendbar bis Häufig Aufzählung zahlreicher Anwendungsmöglichkeiten Homöopathische Arzneimittel Potenz Zul.-Nr. V, A verwendbar bis „Die Anwendungsgebiete leiten sich von den homöopathischen Arzneimittelbildern ab. Dazu gehören ... “ Homöopathische Arzneimittel Potenz R.-Nr., Zulassung ist nicht vorgeschrieben V, A verwendbar bis keine Angabe von Anwendungsgebieten Anthroposophische Arzneimittel Potenz Zul.-Nr. V, A verwendbar bis „Anwendungsgebiete gemäß der anthroposophischen Menschen- und Naturerkenntnis. Dazu gehören ... “ Anthroposophische Arzneimittel Potenz R.-Nr., Zulassung ist nicht vorgeschrieben V, A verwendbar bis keine Angabe von Anwendungsgebieten Nichtarzneimittel Medizinprodukte DEV CE-Zeichen V, A verwendbar bis „Anwendungsgebiet“ fehlt. Stattdessen Umschreibung, zum Beispiel „Wann wird .... angewendet“ Medizinprodukte DEV CE-Zeichen entfällt (F) verwendbar bis „Anwendungsgebiet“ fehlt. Stattdessen Umschreibung, zum Beispiel „ist ein ... Präparat zur unterstützenden Behandlung ... “ Nahrungsergänzungsmittel Angabe der Zutaten absteigend nach ihrer Menge, exakte Mengenangabe nicht vorgeschrieben keine Angabe entfällt (F) mindestens haltbar bis „Anwendungsgebiet“ fehlt. Stattdessen Umschreibung, zum Beispiel „Zur Unterstützung ... “ Diätetische Lebensmittel Angabe der Zutaten absteigend nach ihrer Menge, exakte Mengenangabe nicht vorgeschrieben keine Angabe entfällt (F) mindestens haltbar bis „Anwendungsgebiet“ fehlt. Stattdessen Umschreibung, zum Beispiel „Zur diätetischen Behandlung von ... “

1) DEV: Droge-Extrakt-Verhältnis, anzugeben bei Extrakten; 2) Zul.-Nr.: Zulassungsnummer; R.-Nr.: Registriernummer; 3) V: verschreibungspflichtig; A: apothekenpflichtig; F: freiverkäuflich

 

Die Gebrauchs- und Fachinformationen trennen unter dem Punkt Zusammensetzung die „arzneilich wirksamen“ von den „sonstigen Bestandteilen“. Bei Extrakten ist zusätzlich das Droge-Extrakt-Verhältnis (DEV) enthalten. Eine genaue Dosierungsanleitung gibt an, wie viel, wie oft, wie, wann und wie lange das Arzneimittel angewendet werden soll.

Medizinprodukte mit CE-Zeichen

Laut Medizinproduktegesetz (MPG) zählen zu den Medizinprodukten beispielsweise Stoffe und Zubereitungen aus Stoffen, die „vom Hersteller zur Anwendung für Menschen mittels ihrer Funktionen“ unter anderem zu folgenden Zwecken bestimmt sind: der Erkennung, Verhütung, Überwachung, Behandlung oder Linderung von Krankheiten oder auch der Erkennung, Überwachung, Behandlung, Linderung oder Kompensierung von Verletzungen oder Behinderungen. Da die Zweckbestimmung häufig ähnlich ist, ist eine Abgrenzung zwischen Arzneimitteln und Medizinprodukten schwierig. Eine Differenzierung ist nur über die Wirkweise möglich: Medizinprodukte wirken auf rein physikalischem Weg.

Medizinprodukte sind an dem „CE-Zeichen“ zu erkennen, das auf der Handelspackung, der Gebrauchsanweisung und auch auf dem Produkt angebracht werden muss, wenn dieses nicht zu klein ist oder sonstige triftige Gründe dagegen sprechen. Je nach wirksamen Inhaltsstoffen können Medizinprodukte für den Verkehr außerhalb der Apotheke ausgeschlossen sein und sind dann entsprechend mit dem Hinweis „Apothekenpflichtig“ oder „Verschreibungspflichtig“ versehen.

NEM: Heilaussage unzulässig

Nahrungsergänzungsmittel (NEM) haben bislang keine rechtsverbindliche Definition. Sie sind im Allgemeinen den Lebensmitteln des allgemeinen Verzehrs zuzuordnen und unterliegen den Bestimmungen des Lebensmittel- und Bedarfsgegenständegesetzes (LMBG).

Nach einer EG-Richtlinie aus dem Jahr 2002 versteht man darunter Lebensmittel, die eine normale, unzureichende Ernährung ausgleichen, einen oder mehrere Nähr- oder sonstige Stoffe mit ernährungsspezifischer oder physiologischer Wirkung als Konzentrat enthalten und in einer lebensmitteluntypischen Form abgeteilt verabreicht werden können. Zu den Nährstoffen zählen unter anderem Ballaststoffe, Pflanzen und Kräuterextrakte. Im Gegensatz zu den Arzneimitteln mit ihrer kurativen Wirkung zielen Nahrungsergänzungsmittel ab auf Protektion und Prävention der Gesundheit.

Die Kennzeichnung der NEM muss unter anderem die Zutaten – mindestens nach der Menge sortiert (größte Menge zuerst) – und das Haltbarkeitsdatum enthalten. Im Unterschied zu Arzneimitteln, deren Aufbrauchfrist mit „verwendbar bis“ angegeben wird, wird diese Spanne hier analog zu den Lebensmitteln als „mindestens haltbar“ bezeichnet. Während Arzneimittel die Art der Anwendung und eine Gebrauchsanweisung enthalten müssen, wird bei Lebensmitteln eine Verzehrsempfehlung aufgeführt.

Als Zweckbestimmung sind krankheitsbezogene Aussagen wie Hinweise auf Eigenschaften zur Vorbeugung, Behandlung oder Heilung einer Erkrankung verboten. Werden solche Werbeaussagen in Anzeigen oder Flugblättern sowie durch die Aufmachung dennoch publiziert, entsteht für den Verbraucher der Anschein, dass es sich um ein Arzneimittel handelt. Die Aufsichtsbehörde würde das Produkt dann auch als Arzneimittel einstufen und behandeln, selbst wenn es den Zusatz „kein Arzneimittel“ trägt. Zur Zeit wird jedoch über die Zulassung von bestimmten, gesundheitsbezogenen Aussagen diskutiert. So genannte Health Claims sind Produktinformationen, die den Kunden über nachgewiesene, positive Aspekte der Ernährung für die Gesunderhaltung informieren.

Diätetische Lebensmittel

Diätetika sind nach der Diätverordnung (DiätVO) Lebensmittel, die den besonderen Ernährungserfordernissen bestimmter Personengruppen entsprechen und sich für den angegebenen Ernährungszweck eignen. Außerdem müssen sie sich deutlich von Lebensmitteln des allgemeinen Verzehrs unterscheiden, beispielsweise durch die Kennzeichnung „Diätetisches Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke“. Der Ernährungs- oder Genusszweck muss im Vordergrund stehen.

Es dürfen keine Hinweise auf therapeutische Wirkungen oder arzneiliche Wirkstoffe gemacht werden. Die Kennzeichnung der Produkte ist vergleichbar mit der für Nahrungsergänzungsmittel.

Monographien beschreiben Qualität

Auf nationaler wie auch internationaler Ebene bereiten Sachverständige in Kommissionen wissenschaftliches Erkenntnismaterial auf. Drogen und deren Zubereitungen werden vor allem auf Wirksamkeit und Unbedenklichkeit überprüft. Erfüllen sie die geforderten Kriterien, so erhalten sie eine positive Monographie. Bei der Zulassung eines entsprechenden Fertigpräparates kann sich der Hersteller auf die Angaben in der Monographie beziehen. Monographien verbessern die Transparenz im breiten Spektrum an Arzneipflanzen.

Volksheilkundlich verwendete Drogen haben meist eine lange Tradition, im Allgemeinen jedoch keinen wissenschaftlichen Nachweis. Künftige Untersuchungen werden zeigen, ob sie das Niveau der monographierten Drogen erreichen.

Arzneibücher und DAC
Die Monographien in den Arzneibüchern beschreiben neben den Bestandteilen und Eigenschaften einer Pflanze auch die Prüfungen auf Identität, Reinheit und Gehalt (Prüfvorschriften) sowie pharmakologische Eigenschaften. Pflanzliche Arzneimittel müssen diese qualitativen Anforderungen erfüllen. Die Mindeststandards werden von vielen Herstellern übertroffen, die teilweise sehr hohe Qualitätsansprüche an ihre Produkte stellen. Bindend sind nach dem AMG die aktuellen Monographien des Europäischen (Ph. Eur.), Deutschen (DAB) und Homöopathischen Arzneibuchs (HAB). Das DAB enthält nur Regeln, die im Europäischen Arzneibuch nicht enthalten sind, da die Ph. Eur. nationale Vorschriften ersetzt. Im Zulassungsverfahren gelten vorrangig die Vorschriften des Europäischen Arzneibuchs. Sind dort keine enthalten, kann das Arzneibuch eines Mitgliedsstaats herangezogen werden.

Der Deutsche Arzneimittel-Codex (DAC) ist ebenfalls eine Sammlung anerkannter pharmazeutischer Regeln im Sinne des AMG. Im Gegensatz zu den Arzneibüchern wird er jedoch nicht von staatlicher, sondern von privater Seite ausgearbeitet und bekannt gemacht.

Kommission E
Bei der Kommission E handelt es sich um ein deutsches Gremium des ehemaligen Bundesgesundheitsamts (BGA), das auf Grund des AMG von 1976 Anforderungen an Drogen und deren Zubereitungen ausgearbeitet hat, die im Bundesanzeiger veröffentlicht wurden. Überwog der Nutzen ein mögliches Risiko, wurde eine Positivmonographie erstellt. War die Wirksamkeit nicht ausreichend belegt oder erschien das Risiko verglichen zum Nutzen zu hoch, resultierte eine Negativmonographie. Die Kommission beschrieb unter anderem die Bestandteile, den Mindestgehalt an wirksamen Inhaltsstoffen, das Anwendungsgebiet und die Dosierung.

Bis 1994 wurden mehr als 300 Monographien erstellt, die seitdem nicht mehr aktualisiert wurden. Insofern entsprechen viele nicht mehr dem aktuellen Wissensstand. In fast allen Vorschriften wurden lediglich die Droge, jedoch keine Extrakte bewertet. Die Dosisempfehlungen gelten daher nicht für den Extrakt. Das ist ein großes Manko. Von Verbänden wird die Wiederaufnahme der Kommission E gefordert (3).

ESCOP
Die European Scientific Cooperative on Phytotherapy (ESCOP) wurde 1989 als europäische Dachorganisation nationaler, wissenschaftlicher Fachgesellschaften gegründet. Ein wichtiges Ziel ist es, europaweit einheitliche Kriterien für die Bewertung von Phytopharmaka zu schaffen. Ihre Hauptaufgabe besteht in der Erstellung von Monographie-Vorschlägen für Drogen und deren Zubereitungen. ESCOP-Monographien beinhalten Definition, Eigenschaften sowie Bestandteile der Droge.

WHO-Guidelines
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) entwickelt seit Ende der 80er-Jahre Leitlinien zur Beurteilung pflanzlicher Arzneimittel, die „Guidelines for the assessment of herbal remedies“. Die darin festgeschriebenen, grundlegenden Anforderungen an Wirksamkeit, Unbedenklichkeit und Qualität sowie ihre lang bewährte, traditionelle Anwendung in verschiedenen Teilen der Welt bilden die Basis für nationale Vorschriften. Die Internationale Konferenz der Arzneimittel-Zulassungsbehörden ICDRA hat die WHO-Monographien offiziell anerkannt.

Zulassung nötig für Arzneimittel

Mit Ausnahme der standardzugelassenen (§ 36 AMG) unterliegen Phytopharmaka wie alle Arzneimittel der Zulassungspflicht. Basiskriterien für Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit sind die Prüfvorschriften der Arzneibücher und der verschiedenen Monographien auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene, die aktuelle wissenschaftliche Literatur sowie daraus entwickelte Leitlinien. Abhängig von der Art ihrer Zulassung sind die Produkte unterschiedlich gekennzeichnet (Tabelle) (4).

Arzneimittel, die vor 1978 auf den Markt kamen, müssen sich einer Nachzulassung stellen. Ein Wirksamkeitsnachweis ist meist noch nicht bestätigt. Häufig findet sich bei den Angaben zum Anwendungsgebiet eine eher unspezifische Indikation.

Bis die behördliche Prüfung abgeschlossen ist, gelten die Präparate als „fiktiv zugelassen“. Sie besitzen noch keine Zulassungsnummer, sondern meist nur die alte Registriernummer oder gar keine Nummer (3). Die 10. AMG-Novelle schreibt seit August 2001 folgenden amtlichen Hinweistext in den Packungsbeilagen vor: „Dieses Arzneimittel ist nach den gesetzlichen Übergangsvorschriften im Verkehr. Die behördliche Prüfung auf pharmazeutische Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit ist noch nicht abgeschlossen.“

Verbraucher können durch diesen Wortlaut verunsichert sein, provoziert er doch den Verdacht, es handle sich hier um Arzneimittel mit fraglichem therapeutischen Nutzen oder mit mangelnder Qualität. Bei einem Großteil der Präparate ist die Wirksamkeit bereits über Jahrzehnte unter Beweis gestellt und deren Qualität unbestritten. Dies belegen schon erfolgte Neuzulassungen identischer generischer Produkte. Mit einer Nachzulassung der meisten dafür angemeldeten Präparate ist in der nächsten Zeit zu rechnen (5).

Laut AMG kann das Bundesgesundheitsministerium nach Anhörung von Sachverständigen durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrates bestimmte Arzneimittel, Arzneimittelgruppen oder Arzneimittel in bestimmten Abgabeformen von der Pflicht zur Zulassung freistellen. Sie erhalten eine Standardzulassung, wenn eine unmittelbare oder mittelbare Gefährdung der Gesundheit nicht zu befürchten ist, weil Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit erwiesen sind. Die Freistellung kann von einer bestimmten Herstellung, Zusammensetzung, Kennzeichnung, Packungsbeilage, Fachinformation oder Darreichungsform abhängig gemacht sowie auf bestimmte Anwendungsarten oder -bereiche beschränkt werden. Die Angabe weiterer Gegenanzeigen, Neben- und Wechselwirkungen durch den pharmazeutischen Unternehmer ist zulässig.

Wirksame Bestandteile

Das Inhaltsstoffmuster kann bei Arzneidrogen erheblich differieren. Je nach Standort oder Jahreszeit resultieren unter natürlichen Bedingungen sehr unterschiedliche Zusammensetzungen im Pflanzenmaterial. Um von Charge zu Charge und von Jahr zu Jahr eine gleich bleibende Qualität zu gewährleisten, verwenden viele Hersteller Drogenmaterial aus kontrolliertem Anbau. Zum Ausgleich von Schwankungen werden auch Drogen verschiedener Anbaugebiete und Jahrgänge gemischt. Bei der Angabe der Pflanzenbestandteile muss unbedingt klar deklariert sein, von welcher definierten Spezies diese stammen und welcher Pflanzenteil verwendet wurde.

Aus Frischpflanzen können Presssäfte oder Ölmazerate gewonnen werden. Überwiegend bilden jedoch getrocknete Drogen das Ausgangsmaterial, aus dem Tinkturen, Destillate oder Extrakte hergestellt werden. Die Art und Konzentration des Auszugsmittels bestimmen im Wesentlichen, welche Inhaltsstoffe in welcher Konzentration in den Extrakt übergehen. Das Droge-Extrakt-Verhältnis (DEV) beschreibt die Masse der eingesetzten Droge im Verhältnis zum gewonnenen, nativen Extrakt ohne weitere Hilfsstoffe. Im Allgemeinen wird es als Spanne angegeben. Bei einem DEV von 5 bis 7 : 1 wird beispielsweise aus fünf bis sieben Teilen Droge ein Teil Trockenextrakt gewonnen. 100 mg Extrakt entsprechen damit 500 bis 700 mg Droge (6).

Sind die wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffe des Extraktes bekannt, sollte darauf normiert werden. Andernfalls sollten für typische Leitsubstanzen definierte Standardbereiche eingehalten werden. Bei der Standardisierung werden darüber hinaus das Ausgangsmaterial, die Herstellung sowie die analytische Spezifikation von Ausgangsstoff und Extrakt mit einbezogen. Dadurch wird bei jeder Charge ein möglichst gleichbleibend hoher Wirkstoffgehalt sichergestellt. Werden bei der Extraktion unerwünschte Pflanzenbestandteile abgetrennt und/oder erwünschte konzentriert, erhält man Spezialextrakte, beispielsweise Hyperforin-arme Johanniskrautextrakte.

Die Qualität eines pflanzlichen Präparates auf Extraktbasis lässt sich nur beurteilen, wenn der Hersteller folgende Angaben macht (7, 8):

  • Stammpflanze,
  • Pflanzenteil beziehungsweise Droge,
  • Art und Menge des Extraktes,
  • Extraktionsmittel und dessen Konzentration,
  • DEV,
  • valides Herstellungsverfahren mit Inprozesskontrolle,
  • Dosierung, empfohlene Tagesdosis und
  • Indikation.Diese Deklaration muss wiederum mit den Kriterien der Drogenmonographie verglichen werden (Beispiel Baldrianwurzel-Präparat, siehe Kasten).

 

Bewertung eines Phytopharmakons Kommission-E-Monographie (in Auszügen):
Valerianae radix; Baldrianwurzel
Erscheinungsdatum: Bundesanzeiger, 15. Mai 1985, Heft 90; Berichtigung vom 13. März 1990
Bezeichnung des Arzneimittels: Valerianae radix, Baldrianwurzel
Anwendungsgebiete: Unruhezustände, nervös bedingte Einschlafstörungen
Dosierung: Soweit nicht anders verordnet
Innere Anwendung:
Infus: 2 bis 3 g Droge pro Tasse einmal bis mehrmals täglich.
Tinktur: ½ bis 1 Teelöffel voll (1 bis 3 ml) einmal bis mehrmals täglich.
Extrakte: entsprechend 2 bis 3 g Droge einmal bis mehrmals täglich.
Äußere Anwendung: 100 g Droge für ein Vollbad, Zubereitungen entsprechend.
Art der Anwendung
Innerlich: als Pflanzenpresssaft, Tinktur, Extrakte und andere galenische Zubereitungen.
Äußerlich: als Badezusatz.

Deklaration des Phytopharmakons

Indikation: nervös bedingte Einschlafstörungen1 Dragee enthält 440 mg Baldrianwurzel-Trockenextrakt, Auszugsmittel Ethanol 70 % (6 bis 7,4:1), empfohlene Tagesdosis 1 Dragee.
Berechnung der Tagesdosis: 440 x 6,7 (Mittel aus 6 bis 7,4) x 1 = 2948 mg Droge

Fazit

Droge, Indikation und empfohlene Tagesdosis des Fertigpräparates entsprechen der Monographie. Das Phytopharmakon erfüllt die Anforderungen der Kommission E.

 

Aut idem möglich?

Bei den auf dem Markt befindlichen, pflanzlichen Produkten mit gleicher Ausgangsdroge gibt es zum Teil bedeutende Qualitätsunterschiede. Selbst wenn die genannten Kriterien übereinstimmen, bleibt der Vergleich verschiedener Präparate problematisch.

Die Wirkung eines Extraktes beruht auf seinem komplex zusammengesetzten Vielstoffgemisch. Auch besteht nicht immer Einigkeit, welche Inhaltsstoffe nun als „wirksamkeitsbestimmend“ zu definieren sind. Extrakt ist also nicht gleich Extrakt. Letztlich erlaubt erst der klinische Nachweis der Bioäquivalenz den Austausch der Produkte. Die Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft hat 2002 eine Leitlinie zur „Guten Substitutionspraxis“ von Phytopharmaka vorgelegt (Abbildung).

 

Abbildung: Entscheidungsstrategie zur Prüfung der Austauschbarkeit von Phytopharmaka nach den Aut-idem-Regeln; vorgelegt von der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft, 2002; DEV: Droge-Extrakt-Verhältnis (Miniaturansicht; zum Vergrößern auf das Bild klicken!)

 

Risiken bedenken

Pflanzliche Arzneimittel sind nicht grundsätzlich nebenwirkungsfrei. Jedoch weisen sie nicht zuletzt wegen ihrer meist langjährigen Anwendung eine große Sicherheit hinsichtlich Neben- oder Wechselwirkungen auf. Ein Großteil der Drogen mit einem Risikopotenzial wurde im Zuge der Aufbereitungsmonographien der Kommission E erfasst und in Negativmonographien dokumentiert.

Allein der langjährige Gebrauch einer Heilpflanze oder daraus hergestellter Zubereitungen bietet jedoch keine absolute Sicherheit, wie das Beispiel der Aristolochiasäure- und Pyrrolizidinalkaloid-haltigen Arzneimittel zeigte. Vor allem für Drogen mit nicht tradierter Anwendung sind toxikologische Prüfungen gemäß den Arzneimittelprüfrichtlinien nach § 26 AMG zu fordern.

Wird die Anwendung einer Arzneipflanze als bedenklich eingeschätzt, gibt die Arzneimittelkommission (AMK) der Deutschen Apotheker Warnungen bekannt und veröffentlicht diese in der Fachpresse. So wurde beispielsweise über schwere Gesundheitsschäden durch Ephedra-Kraut berichtet. Gegebenenfalls wird die Zulassung widerrufen und ein Abgabeverbot verhängt, wie das für Immergrünkraut und Krappwurzel geschah.

 

Sektion Naturmedizin im DGK Das Deutsche Grüne Kreuz (DGK) e. V. wird künftig verstärkt im Bereich der Naturmedizin tätig sein (www.dgk.de). Dazu wurde die Sektion Naturmedizin gegründet, in der ein Expertengremium zu einem wissenschaftlichen Beirat zusammengeführt ist. Dieser spricht Empfehlungen aus, über die das DGK sowohl die Fachkreise wie Apotheker, Ärzte und Heilpraktiker als auch die breite Öffentlichkeit informiert.

Eine wertvolle Hilfe bei dem sonst zeitaufwendigen und im Apothekenalltag kaum durchführbaren Zusammentragen der Daten stellen elektronische Medien dar. Das Deutsche Grüne Kreuz wird demnächst speziell für die Apothekenpraxis eine Software zu Drogen und pflanzlichen Fertigpräparaten herausbringen, die Phyto-InfoThek (PIT).

 

Bewertung mit vielen Kriterien

Wie kann man in der Apothekenpraxis vorgehen? Um ein Produkt einstufen zu können, müssen oft mehrere Parameter ermittelt werden, die dann mosaiksteinartig kombiniert das Bild ergeben.

Bevor ein Präparat bestellt wird, kann der Pharmazeut an Hand der Lauerliste feststellen, wer der pharmazeutische Unternehmer ist und wo dieser seinen Sitz hat (Ausland?). Liegt bereits eine Packung vor, lässt sich das Produkt einfacher in eine Kategorie einordnen. Auf dem Umkarton sind der Status (verschreibungs- oder apothekenpflichtig), die Kennzeichnung (Zul. Nr., Reg. Nr. oder CE-Zeichen), Haltbarkeitsdatum (verwendbar bis oder mindestens haltbar bis) und Angaben zum wirksamen Bestandteil (Droge-Extrakt-Verhältnis) zu finden. Die Art der Anwendungsgebiete ist der Gebrauchs- oder Fachinformation zu entnehmen. Welche pflanzlichen Fertigarzneimittel standardzugelassen sind, kann in der entsprechenden Textsammlung nachgeschlagen werden.

Basis für die Bewertung einer Droge sind die Prüfvorschriften in den Arzneibüchern und die Monographien der ESCOP, WHO und E-Kommission. Aktuelle Informationen zu Risiken sind den Berichten der Arzneimittelkommission zu entnehmen.

 

Literatur

  1. Loew, D., Oelze, F., Phytopharmaka-Aufklärung tut not. Dtsch. Ärztebl. 96, Heft 8 (1999) A 474 - 476.
  2. Veit, M., Zentralinstitut Arzneimittelforschung, Vorlesung zur Pharmazeutischen Biologie, Uni Bonn. Phytopharmaka, Einführung in die Phytotherapie. www.za-sinzig.de/vl/Einleitung/Einleitung.PDF
  3. Dingermann, Th., Loew, D., Phytopharmakologie. Wiss. Verlagsges. Stuttgart 2003.
  4. Keller, K., Phytopharmaka - Quo vadis. Vortrag beim Pharmacon Meran, Mai 2001. www.bfarm.de/de/Arzneimittel/bes_therap/bekanntm/ABDAMeran.pdf
  5. Draxler, J. R., Packungsbeilage löst Irritationen aus. LAK konkret (Hessen) 6/2001.
  6. Gaedcke, F., Steinhoff, B., Blasius, H., Phytopharmaka. Wiss. Verlagsges. Stuttgart 2000.
  7. Van Rensen, I., et al., Die Beurteilung von Phytopharmaka in der Apothekenpraxis. Pharm. Ztg. 143, Nr. 8 (1998) 11 - 21.
  8. Zündorf, I., Dingermann, Th., Qualitätsbewertung - Bewertung der Qualität von Phytopharmaka. Dtsch. Apoth. Ztg. 137, Nr. 36 (1997) 61 - 72.
  9. Blume, H., et al., DPhG-Leitlinie Gute Substitutionspraxis (GSP). Pharm. Ztg. 147, Nr. 10 (2002) 161 - 168. Grafik zur Entscheidungsstrategie S. 166.

 

Die Autorin

Irene von Majewski studierte von 1975 bis 1978 an der Philipps-Universität in Marburg Pharmazie. Nach dem praktischen Jahr in einer öffentlichen Apotheke in Marburg schloss sie im November 1979 ihre Ausbildung mit der Approbation ab. Danach war sie in verschiedenen öffentlichen Apotheken tätig. Von 1982 bis 1999 leitete sie die Haspel-Apotheke in Marburg. Während dieser Zeit erwarb sie die Qualifikation als Fachapothekerin für Offizinpharmazie mit den Zusatzbezeichnungen Gesundheits- und Ernährungsberatung. Seit 2001 arbeitet sie beim Deutschen Grünen Kreuz e. V. in Marburg, unter anderem zu dem Schwerpunktthema Naturmedizin.

 

Anschrift der Verfasserin:
Irene von Majewski
Deutsches Grünes Kreuz e. V.
Im Kilian-Schuhmarkt 4
35037 Marburg
irene.von.majewski@kilian.de
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E-Mail: redaktion@govi.de


Beitrag erschienen in Ausgabe 04/2004

 

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