86 Zytostatika

 Bevacizumab, (Avastin® Injektion, Hoffmann-La Roche)

Seit Januar 2005 ist der monoklonale Antikörper Bevacizumab in Kombination mit einer intravenösen Chemotherapie zur Erstlinienbehandlung von Patienten mit fortgeschrittenem Dickdarm- und Enddarmkrebs zugelassen. Er kann in Kombination mit 5-Fluorouracil/Folinsäure (5-FU/FS) oder 5-FU/FS/Irinotecan verabreicht werden.
Mit Bevacizumab wird ein innovatives Wirkprinzip, die Antiangiogenese, in die Tumortherapie eingeführt. Der Antikörper richtet sich gezielt gegen den Wachstumsfaktor VEGF (vascular endothelial growth factor), der vom Tumor produziert wird und eine Schlüsselrolle bei der Angiogenese einnimmt. Bevacizumab bindet an den Wachstumsfaktor und verhindert so sein Andocken an den VEGF-Rezeptor auf Endothelzellen benachbarter Blutgefäße. Der Tumor wird nicht vaskularisiert und bereits entwickelte Gefäße bilden sich zurück. Tumorwachstum und Metastasierung werden so gehemmt.
Die Zulassung beruht auf zwei Studien. Mit einer randomisierten doppelblinden placebokontrollierten Phase-III-Studie (Hurwitz, H., et al., N Engl J Med 350 (2004) 2335 - 2342) wurde erstmals bewiesen, dass die Angiogenese-Hemmung eine wirksame Tumortherapie darstellt. In der Untersuchung erhielten 813 Patienten mit nicht vorbehandeltem metastasiertem kolorektalem Karzinom zusätzlich zur First-Line-Therapie mit 5-FU, Leukovorin (LV) und Irinotecan (IFL-Schema) entweder Bevacizumab (5 mg/kg Körpergewicht alle zwei Wochen) oder Placebo. Die wichtigsten Ergebnisse: Das Gesamtüberleben, der primäre Studienendpunkt, konnte unter der Verum-Therapie um 4,7 Monate von 15,6 auf 20,3 Monate signifikant verlängert werden. Das progressionsfreie Überleben verbesserte sich mit der Antikörper-Gabe hochsignifikant von 6,2 auf 10,6 Monate, was einer Steigerung von 71 Prozent entspricht. Das Gesamtansprechen lag bei 45 Prozent im Vergleich zu 35 Prozent im Kontrollarm.
Der Überlebensvorteil von fünf Monaten blieb auch erhalten für Patienten, die nach der Verum-Behandlung in der Zulassungsstudie eine Oxaliplatin-haltige Second-line-Therapie erhielten. Diese Patienten erreichten eine mediane Gesamtüberlebenszeit von 25,1 Monaten. Bislang betrug die durchschnittliche Überlebenszeit 12 Monate.
In der zweiten Zulassungsstudie wurde der Antikörper bei Patienten mit metastasiertem kolorektalem Karzinom untersucht, bei denen die First-Line-Therapie mit Irinotecan kontraindiziert war, (Kabbinavar, F. F., et al., Proc Am Soc Clin Oncol 23 (2004) 249 Abstract 3516). In dieser randomisierten placebokontrollierten Phase-II-Studie mit 209 Patienten wurde Bevacizumab mit 5-FU/LV (Roswell Park-Regime) kombiniert. Das progressionsfreie Überleben unter 5-FU/LV plus Bevacizumab war mit 9,2 Monaten im Vergleich zu 5,5 Monaten im 5-FU/LV-Arm signifikant länger. Patienten mit zusätzlicher Antikörper-Gabe lebten 16,6 Monate verglichen mit 12,9 Monaten im 5-FU/LV-Arm.
Bevacizumab zeichnet sich durch eine gute Verträglichkeit aus. Bis auf eine mit oralen Antihypertensiva gut beherrschbare arterielle Hypertonie unterschied sich das Nebenwirkungsprofil der Kombination mit dem monoklonalen Antikörper nicht signifikant von der Kontrollgruppe. Von Vorteil ist, dass es unter dem Antikörper weder zu Knochenmarksschädigungen kommt, noch Übelkeit, Erbrechen oder Haarausfall auftreten. Bei 1,5 Prozent der Patienten kam es in der 5-FU/LV/Irinotecan/Bevacizumab-Gruppe zu gastrointestinalen Perforationen.
Derzeit wird der Antikörper auch in der adjuvanten Situation und beim nicht kleinzelligen Lungenkrebs, Pankreas- und Nierenzellkarzinom untersucht. 
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