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Mundwinkelrhagaden: Wenn Lächeln schmerzt

MEDIZIN

 
Mundwinkelrhagaden

Wenn Lächeln schmerzt

Von Brigitte M. Gensthaler

 

In den Wintermonaten kommen häufig Menschen in die Apotheke, die über schmerzhafte Einrisse an den Lippen oder in den Mundwinkeln klagen. Diese können banale Ursachen haben oder Symptom einer systemischen Erkrankung sein. Danach richtet sich die Behandlung.

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Die Lippen sind eine Problemzone des Gesichts und werden häufig bei der Pflege vernachlässigt. Da sie keinen schützenden Fettfilm wie die Haut haben, trocknen sie leicht aus. Wer das Trockenheits- und Spannungsgefühl mit ständigem Lippenlecken lindern will, verschlimmert das Problem weiter: In der trockenen Lippenhaut bilden sich schmerzhafte kleine oder tiefere Einrisse, sogenannte Rhagaden.

 

Sind die Lippen insgesamt rau, gerötet und zeigen kleine Erosionen, Risse oder Schuppen, spricht man von einer Cheilitis simplex (synonym: Cheilitis vulgaris oder sicca). Die Lippenentzündung (»aufgesprungene Lippen«) wird durch Kälte und Nässe ebenso wie durch ständiges Lippenlecken oder -kauen gefördert. Gleiches gilt für Risse und schlecht heilende Entzündungen in den Mundwinkeln. Mundwinkelrhagaden oder Perlèche (Cheilitis angularis), im Volksmund auch Faulecken genannt, beginnen meist als aufgeweichte gerötete Haut, die dann einreißt.

 

Rhagaden sind bei Berührung und Kontakt mit Saurem sehr schmerzhaft und reißen beim Essen oder Lachen oft tiefer ein. Viele Patienten klagen über ein Spannungs- oder Fremdkörpergefühl in den Mundwinkeln.


Tabelle: Einige wichtige Auslöser von Mundwinkelrhagaden

Ursache Beispiele 
Infektionen Candida-Arten
Streptokokken, Staphylokokken
bei einseitiger Perlèche: Verdacht auf Syphilis 
mechanische Faktoren Speichelfluss bei fehlendem Mundschluss
Hypersalivation 
Stoffwechselstörungen Diabetes mellitus
Eisenmangel
Vitamin-B2-Mangel 

Bei älteren Menschen entstehen oft tiefe Falten zwischen Ober- und Unterlippe, in denen sich feuchte Kammern bilden. Schlecht sitzende Zahnprothesen begünstigen die Produktion von Speichel. Fließt dieser ungewollt aus dem Mund, weicht er die Haut in den Mundwinkeln auf. Mitunter können auch kleine Verletzungen beim Einsetzen der Zahnprothese zu Faulecken führen.

 

Auf spröden Lippen und in den feuchten Arealen siedeln sich zudem Herpes-simplex-Viren, Bakterien und Pilze an. Bei einer Candida-albicans-Infektion (Mundsoor), entstehen verkrustende Risse mit weißlichem Belag, gelbbräunliche Krusten lassen an eine bakterielle Infektion, meist mit Streptokokken oder Staphylokokken denken (Impetigo, »Grindflechte«). Häufig liegt auch eine Mischbesiedelung vor.

 

Eine Perlèche kann auch schwere systemische Erkrankungen anzeigen. So können eingerissene Mundwinkel auf eine Neurodermitis zurückgehen. Auch als Minimalvariante einer Psoriasis kommt die Mundwinkelentzündung vor. Diese Läsionen sind häufig bakteriell oder mykotisch infiziert. Begünstigt wird die Erkrankung durch Diabetes mellitus, eine vorangegangene Antibiotikabehandlung oder einen Mangel an Eisen oder Vitamin B2 (Riboflavin). Schließlich kann auch ein allergisches Kontaktekzem, eine Syphilis-Infektion oder ein Arzneimittelexanthem der Grund für die schmerzenden Mundwinkel sein.

 

Diese Differenzialdiagnostik kann nur der Arzt vornehmen. Daher sollte der Apotheker immer den Gang zum Haus- oder Hautarzt empfehlen, sobald Patienten über häufig wiederkehrende oder sehr hartnäckige Mundwinkelentzündungen berichten. In vielen Fällen ist aber eine Selbstbehandlung möglich.

 

Zuerst trockenlegen

 

Neben der Behandlung einer Grundkrankheit wie Diabetes ist das Trockenlegen der Mundwinkel die wichtigste Maßnahme: Sie sollten regelmäßig sorgfältig abgetupft werden, Reiben, Kratzen und Lippenlecken sind möglichst zu vermeiden. Oft hilft regelmäßiges Einfetten mit Zinkpaste, Vaseline oder Unguentum molle. Zur Pflege spröder Lippen gibt es speziell konzipierte Lippenschutzstifte und -cremes, die Dexpanthenol, Pflanzenextrakte, zum Beispiel aus Kamille, Hamamelis oder Melisse, oder andere pflegende Zusätze enthalten. Allerdings können diese Stoffe Allergien auslösen. Auch durch Betupfen mit verdünnter Salbeilösung lassen sich die wunden Stellen behandeln.

 

Ist ein Pilzbefall nachgewiesen, sind Nystatin-haltige Pasten indiziert. Bei bakteriellen Infektionen werden Lokal-Antibiotika, zum Beispiel Mupirocin oder Fusidinsäure, oder Antiseptika wie Clioquinol aufgetragen. Topika mit milden Glucocorticoiden, zum Beispiel Hydrocortisonacetat, lassen stark entzündete und schmerzende Mundwinkel schnell abheilen. Sie dürfen aber nur kurzzeitig angewendet werden und sind keine Dauerlösung. Bei Bedarf wird der Arzt ein Kombipräparat verordnen.

 

Wieder schmerzfrei lachen

 

Mundwinkel trocken halten, mögliche Grundkrankheiten behandeln und Lippen regelmäßig einfetten: Dies sind die Basismaßnahmen, damit die Einrisse beim Essen und Lachen nicht wiederkommen. Lippenpflegepräparate und -stifte halten die empfindliche Haut geschmeidig. Gründliche Mundhygiene und sorgfältige Reinigung der Zahnprothesen sorgen für eine gesunde Flora im und am Mund. Bei schlecht sitzenden Zahnprothesen kann nur der Zahnarzt Abhilfe schaffen.

 

Reizende und irritierende Stoffe, natürlich auch bekannte Allergene, sind strikt zu meiden. Schließlich kann ein leichter Vitamin-B2-Mangel durch die Ernährung, zum Beispiel reichlichen Verzehr von Milch, Eiern, Getreide und Leber, ausgeglichen werden. Schwere Defizite lassen sich ebenso wie ein manifester Eisenmangel nur durch Substitution beheben.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 07/2007

 

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